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Full text: Die Preisbewerbung um das National-Denkmal für Kaiser Wilhelm I in Berlin / Hossfeld, Friedrich Oskar

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burger Thor in die Denkmalanlage hineinzuziehen. Einige hielten 
seine Erscheinung und bauliche Masse für diesen Zweck nicht be 
deutend genug und haben es deshalb mit verschiedener Zutliat ver 
sehen. So wölbt Nr. 122, „Sedan“, einen gewaltigen Triumphbogen 
über das Thor und errichtet vor seinen Widerlagspfeilern auf der 
Innenseite obeliskenartige Säulen mit vergoldeten Prauengestalten 
auf der Spitze. Das Reiterstandbild auf einem mit sitzenden weib 
lichen Eckfiguren ausgestatteten Sockel ist in die Achse des 
Thores, von diesem aus gerechnet etwa auf das erste Drittel 
des Platzes gestellt. Der Gedanke hat zwar in Laienkreisen 
viel Anklang gefunden, ist aber aus den früher erörterten Gründen 
zurückzuweisen. Vielleicht ist es auch weniger der Gedanke 
selbst, als vielmehr seine ein 
fach gr’ofse, die Hand eines 
reifen Meisters - bekundende 
künstlerische Durchführung, wel 
che auf das Publicum ihre be 
deutende Wirkung nicht verfehlt, 
ebenso wie sie auch die Aner 
kennung jedes Fachmannes ver 
dient. —• Nebenher sei erwähnt, 
dafs der Verfasser des Entwurfes 
„Sedan“ noch fünf andere, ledig 
lich auf Lageplänen erläuterte 
Platzvorschläge für sein Kaiser 
denkmal macht. So wird zunächst 
bei gleicher Umgestaltung des 
Brandenburger Thores auch der 
Platz vor diesem in Aussicht 
genommen und das hier aus einer 
Brunnenanlage emporsteigende 
Standbild in die Mitte des durch 
Hallen begrenzten Platzes ge 
stellt. Ferner ist an den Opern 
platz und an die Schlofsbrücke 
gedacht und bei letzterer eine 
Aufstellung nach dem Vorbilde 
des Denkmals vom grofsen Kur 
fürsten gewählt, eine Parallele, 
die nicht gutgeheifsen werden 
kann, auch wenn man von allen 
übrigen Gegengründen absieht. 
Schliefslich wurde auch noch 
die Schlofsfreiheit auf doppelte 
Weise, sowohl durch Heraus 
rücken der ganzen Uferlinie wie 
unter Anwendung eines Vor 
baues, bearbeitet, ohne dafs 
diese Lösungen besonders Eigen 
artiges böten. — 
Ebensowenig wie in dem 
Vorschläge „Sedan“ wird das 
Brandenburger Thor in der mit 
dem Erkennungszeichen „Br. T.“ 
versehenen Bearbeitung Nr. 125 
geschont. Die Massenwirkung 
des vollständig freigelegten Lang- 
hansschen Thores hat dem Ver 
fasser ebenfalls nicht genügt, 
er hat es darum durch angebaute Pylonen verstärkt, die in tempel 
artigen Aufsätzen endigen. Den Pylonen gegenüber sind den Eck 
bauten des Pariser Platzes Brunnenarchitekturen vorgelegt. Das 
Thor selbst hat seine Form behalten, ist jedoch — wozu uns gar 
kein Grund vorzuliegen scheint — in edlerem Baustotf erneuert ge 
dacht. Auf der Ostseite des so umgeschaffenen Thorbaues ist durch 
reihenweise Aufstellung von Obelisken, Bannermasten, Trophäen 
pfeilern und Standbildern ein dem gewöhnlichen Wagen verkehr ent 
zogener Bezirk gebildet, innerhalb dessen sich auf zu hohem, übereck 
von vier Reitern umgebenem Fufsgestell das Kaiserstandbild erhebt. 
Durch Anbringung von Tribünen rund um diesen Festplatz, die in 
den Plänen angedeutet sind, soll Gelegenheit zur Theilnahme einer 
grofsen Zuschauermenge bei festlichen Anlässen gegeben werden. 
Dieser Gedanke an die vorübergehende Benutzung, der dem Verfasser 
bei der Erfindung seines Denkmalplatzes vorgeschwebt hat, ist leider 
für dessen dauernde Ausgestaltung verhängnifsvoll geworden. Das 
Ganze macht den Eindruck einer Eintagsdecoration, aber nicht den 
einer monumentalen Anlage, wie sie hier als Lösung der grofsen 
Aufgabe gefordert werden mufs. — 
Ungleich bedeutender bei ähnlicher Benutzung des Platzes, 
von ernster, monumentaler Auffassung und ohne Zweifel der ge 
lungenste der hierhergehörigen Entwürfe ist Nr. 94, „Salve Senex 
Imperator!“, mit dem das Modell Nr. 58, „Welch eine Wendung 
durch Gottes Fügung!“, ein Ganzes bildet. Das Thor ist zwar 
hier auch, wenn man will, umgebaut, aber doch in ganz anderem 
Sinne. Sein eigentlicher Bestand ist nicht angetastet; durch Be 
seitigung der „Sommerhäuser“ und Umbau der seitlichen Hallen ist 
das Thor vielmehr zum bedeutsamen Mittelpunkte einer Bauanlage 
gemacht, mit der auf dem Pariser Platze die Bildung eines engeren, 
geweihten, vom störenden Wagenverkehr freigehaltenen Denkmal 
bezirkes erzielt ist. Ihre Gesamtansicht ist in Abb. 9, der Lageplan 
in Abb. 8 hier beigegeben, eine eingehendere Schilderung deshalb über 
flüssig. Die Hauptzuthat zu den im übrigen nahezu ganz in ihrer alten 
Gestalt belassenen Seitenhallen sind die grofsen, über den Thorgebäu 
den aufgerichteten pylonenartigen 
Tliürme, von deren Spitze mäch 
tige, atlantengetragene -Kugeln 
elektrisches Licht hernieder 
strahlen sollen. Das Bestreben, 
den architektonischen Denk 
malhintergrund recht zur Wir 
kung zu bringen, hat etwas 
zu grofse Abmessungen dieser 
Thürme herbeigeführt, die in 
der dargestellten Höhe auf das 
Thor drücken und ihm zu viel 
von seiner Bedeutung nehmen 
würden. Auf den Ostecken hat 
der Platz Brunnengruppen er 
halten, durch die der seitlich des 
Thores hereingeleitete Verkehr 
geschickt nach den Fahrstrafsen 
der Linden gelenkt wird. Vor 
dem Thore sind die den Platz be 
grenzenden Säulenhallen in den 
durch die vorhandenen Verkehrs 
wege gegebenen Achsen weit 
offen gehalten und schliefsen 
sich, wie die gesamte neue archi 
tektonische Zuthat, in pietät 
voller Beschränkung den strengen 
dorischen Formen des bestehen 
den Bauwerkes an. Ein eigen- 
thümliches Motiv sind die immer 
wiederkehrenden Sockel, mittels 
deren alle Säulen und Pfeiler, 
auch die der Seitenhallen des 
Thores, erhöht sind. Wir 
können ihre Noth wendigkeit 
nicht zugeben, das Thor und 
die Gesamtcomposition würden 
gewonnen haben, wenn diese 
Sockel fortgeblieben wären. 
Der bildhauerische Schmuck 
der Denkmalanlage ist mafsvoll 
beschränkt. Auf der Ostseite 
der Flügelbauten stehen inner 
halb umhegter Plätze die Reiter 
standbilder der beiden grofsen 
Rathgeber des Kaisers, in der 
Thorachse, etwas weiter vor 
gerückt, dieser selbst in schlichter, innerlicher Auffassung, die Hände 
zum Gebet gefaltet, heimkehrend gedacht von seinen grofsen Siegen, in 
denen er dankbar demüthig nur eine Fügung des Höchsten sah. So un 
übertrefflich dieses zu den besten Leistungen der Preisbewerbung 
zählende Kaiserbildnifs ist, so wenig muthet die Erfindung des Denkmals 
in seiner Gesamtheit an. Das niedrige, langgestreckte Fufsgestell mit 
den sonderbaren Wappenträgern zur Seite und den fahnenhaltenden 
Kriegern auf den Ecken, die vor und hinter ihm herschreitenden, 
vollständig von ihm abgelösten Idealgestalten, das Schirmdach, welches 
sich über dem Kaiser wölbt, alles dies, wie es hier gegeben ist, wirkt 
wie ein Traucrgeleit, ein Eindruck, den auch die herrlichen Einzel 
heiten — wir erinnern nur an die köstliche, Geige spielende Figur 
unmittelbar hinter dem Sockel — nicht vergessen machen können. — 
Noch eine dritte, den eben besprochenen architektonischen 
Lösungen verwandte Arbeit, Nr. 81, „Dem Kaiser“, sei ihrer brauch 
baren Gedanken wegen erwähnt, wenn sie auch als künstlerische 
Leistung viel zu wünschen übrig läfst. Die am Thore vorgenommenen 
Veränderungen sind gering und beschränken sich auf Verbesserung 
der seitlichen Hallen für den Verkehrszweck. Die Seitengebäude 
sind abgebrochen, der Platz vor dem Thore ist architektonisch ein 
gefriedigt. Mitten auf dem inneren Platze erhebt sich aus einer unter 
die Strafsenfläche vertieften Brunnenanlage das figurenreiche Denkmal. 
10 , D , , , ,50 100« 
Abb. 8. 
Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. 
Entwurf Nr. 94, „Salve Senex Imperator!“ 
Lageplan.
	        
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