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Full text: Die Preisbewerbung um das National-Denkmal für Kaiser Wilhelm I in Berlin / Hossfeld, Friedrich Oskar

von eingestellter ionischer Architektur umrahmt, zwei gewaltige, 
sitzende allegorische Gestalten. Das Kämpfergesims des Thores wird 
an den Fronten der Nebentheile zum Hauptgesimse und trägt hier je 
eine Inschriftenattika mit seitlichen Waffenstücken und über dieser, 
in etwas zu grofsen Abmessungen, je ein von Geharnischten ge 
haltenes Wappen. Das Giebelfeld der Mitte ist mit Wappen- und 
Waffenschmuck gefüllt und durch eine erzene, stark bewegte Figuren 
gruppe sinnbildlichen Inhalts gekrönt. Der auf gepröpftem Pfeilerwerk 
ruhenden und von einer Kaiserkrone überragten Kuppelhaube fehlt 
es etwas an Masse, überhaupt würde diese ganze Architekturmitte 
vor einer Uebertragung in die Wirklichkeit noch einer endgültigen 
Durchbildung und Abwägung 
der Verhältnisse ihrer Einzel 
theile bedürfen. Desto voll 
endeter sind die anschliefsen- 
den Säulenhallen. Ihre Wände 
sind hinter derber ionischer Ord 
nung geschlossen und unten mit 
Gemälden, oben mit grofsen Re- 
lieftafeln geschmückt. Schlichte 
Pfeilermassen bilden die seit 
lichen Abschlüsse, an der Stirn 
durch meisterhaft erfundenes 
Figurenwerk belebt, welches, 
wie der ganze bauliche Hinter 
grund, laut und herrlich von 
den Grofsthaten des Kaisers 
redet. 
Unter den mit zweiten Prei 
sen bedachten Entwürfen steht 
der Buchstabenfolge nach voran 
„Vivos voco“ des Bildhauers 
Adolf Hildebrand in Flo 
renz. Zwischen dem Branden 
burger Thor und der Kreuzung 
ist auf sehr schlichte Weise 
mittels etwa 2 Meter hoher 
Mauern ein forumartiger Platz 
gebildet, das Denkmal aber 
nicht — wie bei den meisten 
Entwürfen für diese Stelle — 
mitten auf dem Platze in der 
Strafsenachse, sondern nördlich 
neben der Charlottenburger 
Chaussee errichtet. Der Kaiser 
ist als Gründer des Reiches und 
nicht als Person aufgefafst. 
Dergestalt glaubte ihn der 
Künstler in demselben Gefühle, 
dem wir schon bei Rettig und 
Pfann begegneten, nicht ins 
Freie stellen zu sollen. Er wies 
vielmehr ebenfalls der Archi 
tektur die Hauptaufgabe zu und 
schuf sein Denkmal als voll 
kommen selbständiges, ge 
schlossenes Bauwerk, in dessen 
Innerem das mit seiner Um 
gebung vor Wind und Wetter 
geschützte Kaiserbild thront. 
Durch die Gesamtanordnung 
soll dem Beschauer ermöglicht werden, trotz der unmittelbaren Nähe 
des vorüberfluthenden Verkehrs aus der Alltäglichkeit herauszutreten 
und sich der Feierlichkeit des Eindruckes unbeirrt zu überlassen. Mufs 
dieser Gedankengang als zutreffend anerkannt werden, so lassen sich er 
hebliche Bedenken gegen die Art seiner künstlerischen Verkörperung 
nicht von der Hand weisen. Vor allem erscheint das Wesen der 
Aufgabe nicht getroffen. Die Schöpfung Hildebrands ist ein ernstes 
Mausoleum, aber kein nationales Kaiserdenkmal für die Reichs 
hauptstadt. In seiner Gesamtwirkung stellt sich das Bauwerk dar 
als ein niedriger, von einem Umgänge rings umzogener, nach diesem 
hin geöffneter Kuppelbau über quadratischem Grundrifs. Dieser 
Grundrifsform entsprechend ist der Umgang vierseitig. Auf den 
Ecken ist er zu Flachkuppeln ausgebildet, an den Seiten nach 
aufsen geschlossen, hinten mit zwei Reihen Säulen, vorn mit doppelter 
Karyatidenstellung geöffnet. In eigentümlicher Anordnung stehen 
die Gebälkträgerinnen dem Beschauer nicht zugekehrt, sondern im 
Profil, zu je drei Paaren gegeneinander gewendet, den Haupteingang 
zwischen sich. Im Inneren des einfach behandelten, von oben er 
leuchteten Kuppelraumes, dessen Decke in schlichte Felder geteilt 
ist, sitzt in einer Nische, feierlich und allein, im Krönungsgewande 
der Kaiser. Jede Darstellung irgend einer anderen Persönlichkeit in 
der unmittelbaren Umgebung ist vermieden, dafür im bildnerischen 
und malerischen Schmucke des Inneren und Aeufseren einer sinnbild 
lichen Sprache breiter Raum gegeben. Durch sie soll das Wesen des 
Nationaldenkmals zum Ausdruck gebracht werden. Dafs dies gelungen, 
erscheint zweifelhaft. Die Sinnbildersprache ist zu weit getrieben 
und nicht gemeinverständlich. Welcher Mann aus dem Volke z. B., 
ja selbst welcher Gebildete wird aus den erwähnten Karyatidenpaaren 
herauslesen, dafs sie „Die Vereinigung aller Deutschen in der Ver 
ehrung und Liebe zu ihrem Kaiser“ bedeuten sollen? Hier liegt 
eine irrthümliche Kunstauffassung zu Grunde. Die Kunst soll, und 
zwar ganz besonders bei einer 
Aufgabe, wie die vorliegende, 
volksthümlich, leicht fafslich, un 
mittelbar wirkend sein. Sie mufs 
der gelehrten Erläuterungen ent- 
rathen können. Etwa angewandte 
Sinnbilder müssen ohne weiteres 
jedermann verständlich sein, das 
Gedankliche darf das sinnlich 
Wahrnehmbare nicht über 
wiegen, letzteres -— und das ist 
die Hauptsache — mufs in die 
richtige Stimmung versetzen, 
mufs packen, es mufs vor allen 
Dingen schön sein. Dem Hil- 
debrandschen Entwürfe aber 
können bei all’ seiner Gedanken 
tiefe diese Eigenschaften nur mit 
Einschränkung zugesprochen 
werden. Das Architektonische 
an der Arbeit, seine Verhält 
nisse, seine Massen hat der 
Bildhauer nicht zu bewältigen 
vermocht. Das Bildhauerische 
tritt im Modelle, so grofs dies 
gewählt ist, zurück, verräth je 
doch das bedeutende Können 
seines in der klassischen und 
insbesondere fiorentinischen 
Kunstweise aufsergewöhnlich 
geschulten Erfinders. — 
Der Entwurf „Friede“ des 
Bildhauers Karl Hilgers in 
Charlottenburg gehört zu der 
grofsen Zahl derer, welche das 
Denkmal unmittelbar vor dem 
Brandenburger Thore, das 
Kaiserbild diesem zugewandt, 
planen (Abb. 5). Bei Hilgers er 
hebt sich das Reiterdenkmal im 
Mittelpunkte einer halbkreis 
förmigen Architekturschranke. In 
der Achse der Charlottenburger 
Chaussee ist diese triumph 
bogenartig mit drei Durch 
fahrten geöffnet, im übrigen ge 
schlossen. Die Härte, die in 
einer solchen geschlossenen 
Anordnung liegt, ist hier ge 
mildert durch einen Säulen 
gang, welcher der halbrunden Wand aufsen vorgelegt ist. Nach 
innen sind die Viertelkreise mit je zwei Mosaikbildern geschmückt, 
zwischen denen etwas höher geführte und durch eine Säulenstellung 
hervorgehobene Mitteltheile den mit Inschriftentafeln bedeckten Hinter 
grund für die Standbilder Bismarcks und Moltkes abgeben. Zu Seiten 
der Mosaikbilder sind in Nischen weitere acht Statuen, vor den vor 
deren, giebelgeschmückten Kopf bauten Reiterstandbilder der beiden 
prinzlichen Heerführer aufgestellt gedacht. Zwei andere Reiter stehen 
vor dem mittleren Triumphthore. Dieser bauliche Rahmen ist im 
freien Anschlüsse an die Architekturformen des Brandenburger 
Thores fein abgewogen und sehr gut gegliedert, wenn er auch nicht 
die mächtige Geschlossenheit des Schmitzschen Entwurfes erreicht. 
Durch das an sich vollkommen berechtigte Hineinziehen der er 
wähnten Standbilder in die Hintergrundarchitektur wurde die ein 
heitliche Beziehung der letzteren auf das Hauptdenkmal zerstört 
oder zum mindesten abgeschwächt. 
Der Hauptwerth des Hilgersschen Entwurfes liegt in dem Kaiser 
bilde selbst. Dieses ist von aufserordentlicher Schönheit. Der Kaiser 
ist in der frei behandelten, durch den Hermelinmantel bereicherten 
Uniform seiner schlesischen Kürassiere dargestellt. Einen Lorbeer- 
Abt). 4. 
Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. 
Entwurf von Bruno Schmitz in Berlin. (Ein erster Preis.) 
Lageplan.
	        
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