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Buch-Gewerbe, Graphische und Decorative Kunst, Papier-Industrie Gruppe VIII. Graphische und dekorative Kunst und Buchgewerbe

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Buch-Gewerbe, Graphische und Decorative Kunst, Papier-Industrie

Gruppe VIII. Graphische etc. Künste und Buchgewerbe 
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zurück. Von 1544 bis 1574 war Berlin ohne Druckerei, bis Leonhard 
Thurneysser*) der schwarzen Kunst an der Spree eine Werkstatt einrichtete. 
Doch noch einmal trat ein Stillstand ein, von 1593—1599. In diesem 
Jahre berief Kurfürst Friedrich Joachim den Drucker Christoff Runge aus 
Damm in der Neumark nach Berlin. Und von nun an, also erst seit dem 
Anfänge des siebzehnten Jahrhunderts, hatte das Buchgewerbe in Berlin 
festen Boden gefasst. Die „Lettern“ mussten, trotzdem Thurneysser auch 
hierin schon mit zeitweisem Erfolge zu Gunsten der Berliner Herstellung 
Versuche angestellt hatte, bis zum Jahre 1743 von auswärts bezogen werden. 
Erst von da an, also fast 150 Jahre nach der festen Begründung des 
Berliner Buchdruckerei-Betriebes konnte Berlin die von ihm gebrauchten 
Schriften auch in eigenen Giessereien herstellen. Wie wunderbar berührt 
gegenüber der Kläglichkeit dieser Verhältnisse die Thatsache, dass Berlin 
es war, in dessen Räumen die Buchhändler und Buchdrucker Decker und 
dessen Schwager Spener im Jahre 1823 die ersten Schnellpressen auf 
deutschem Boden unter einem Opfer von über 30 000 Thalern in Betrieb 
setzten, nachdem die Buchhändler- und Buchdruckerkönige des übrigen 
Deutschlands, unter ihnen Cotta, das Wagniss gescheut hatten. Und unter 
dem Zeichen eines solchen frischen und erfolgsicheren Vorgehens, das ihm 
zum Siege verholfen hat, steht auch heute noch das Berliner Buchgewerbe. 
Es versteht sich von selbst, dass ihm hierbei alle mittelalterlichen Erinne 
rungen feindlich gegenüberstehen. 
Der erste gewerbsmässige Buchhändler und Buchverleger erhielt am 
18. Oktober 1594 vom Kurfürsten Johann Georg das Privileg, „etliche 
Bücher aufliegen und drucken lassen zu dürften“. Es war Hans Werner. 
Das zweite Geschäft wurde vom Kurfürsten Johann Siegismund am 
10. Mai 1614 privilegirt. Seine Inhaber waren die dem Buchbinder 
gewerbe entstammenden Gebrüder Kalle. Die Handlung ist aus Berlin die 
einzige, welche die Stürme des dreissigjährigen Krieges überdauerte und 
noch heute unter der Firma Haude & Spener als Verlagshaus blüht. Die 
erfreulichen Ansätze, welche das hiesige Buchgewerbe unter der Regierung 
des grossen Kurfürsten sowie des ersten preussischen Königs machte — es 
sei nur an Leibniz und die Begründung der Akademie der Wissenschaften 
erinnert — gingen unter der Herrschaft des Soldatenkönigs Friedrich 
Wilhelm I. nahezu verloren. Das Jahr 1740 brachte mit der Thronbesteigung 
Friedrichs des Grossen, aus dessen Munde das geflügelte Wort stammt, dass 
„Gazetten nicht geniret werden dürfen, wenn sie interessant sein sollen“, 
dem litterarischen Leben Berlins und damit auch dem Buchgewerbe die 
Wiedergeburt. Und nunmehr ging es in gewaltigem Aufschwünge vorwärts. 
Die Regierung Friedrich Wilhelm II. schuf mit ihren gesetzgeberischen 
Bestimmungen des preussischen Landrechts sowie den grundlegenden Nach 
drucks-Verboten dem Buchgewerbe eine sichere Grundlage, auf dem viele 
Jahrzehnte hindurch in erfolgreichster Weise weitergebaut werden konnte. 
Die Krönung auf den Bau, der nunmehr seit seiner Wiedergeburt erst auf 
150 Jahre zurückblickt, setzten die Jahre 1866 und 1870 mit ihrem grossen 
patriotischen Aufschwung, und eng zusammenhängend hiermit ist die That 
sache, dass in den letztvergangenen Jahren eine bedeutende Anzahl Berliner 
hervorragender Verlagsfirmen ihr viertelhundertjähriges Jubelfest feierten. 
Die Eigenart des Berliner Verlages bestimmt sich nach dem heutigen 
Grundsatz der Arbeitstheilung. Fast jede Wissenschaft und jeder Beruf ist 
durch Verlagsfirmen vertreten, welche sich fast ausschliesslich dem Dienste 
*) Unter dem Schutz des Kurfürsten Johann Georg.
	        
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