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Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie Gruppe IV. Holz-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie

Gruppe IV. Holz-Industrie 
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Bazarartikel, welche gegenüber den soliden und deshalb theueren Arbeiten 
in den Vordergrund treten. 
Das Tapezierergewerbe endlich scheidet sich schon seit der Mitte 
des vorigen Jahrhunderts in drei Gruppen, Tapezieren, Polstern und De- 
koriren. Wie anfänglich die Tischlerei, ist es noch heute ein grossstädtischer 
Betrieb. Nach der Gewerbezählung von 1849 war ein Drittel der gesammten 
Tapezierer Preussens in Berlin ansässig. Im Jahre 1784 betrug die Zahl 
der Tapezierermeister 28, im Jahre 1894 aber 1286, wovon etw'a 650 der 
Innung angehören. Das Tapezierergewerbe ist durchaus Qualitätsbetrieb, 
die ungelernten Arbeiter fehlen vollständig. Auch die Maschinenarbeit 
beschränkt sich auf die Vorbearbeitung von gewissen Polstermaterialien und 
die Nähmaschine. Die Scheidung zwischen Gross- und Kleinbetrieb vollzieht 
sich hier in der Weise, dass ersteres fast das ganze Polstergeschäft und 
einen Theil der Dekoration für sich gewonnen hat, während dem Klein 
betrieb das Tapezieren, die Reparatur und Kundenarbeit und vor allem die 
Gelegenheitsdekoration, welche ja in der Grossstadt eine nicht unbedeutende 
Rolle spielt, verbleibt. Eine weitere Spezialität Berlins bildet die Schau 
fensterdekoration. Der eigentliche Verdienst des Tapezierers besteht nicht 
in dem Arbeitsverdienst, sondern in der Materiallieferung, weshalb die 
kleinen Meister ohne Kapital, denen der Massenverkauf nicht möglich ist, 
nur eine kümmerliche Existenz führen. 
Im Tapezierergewerbe ist die Magazinarbeit besonders ausgeprägt. 
Zwischen dieser, welche, selbst ohne direkt unsolid zu sein, doch immer 
mehr auf das elegante äussere Aussehen Werth legt, und der unverwüstlichen 
Handwerkerarbeit, die durch ihr anspruchsloses Aeussere den modernen 
Ansprüchen weniger gerecht wird, besteht ein schroffer Gegensatz. Das 
Publikum, welches ja leider im Allgemeinen in handwerklichen Qualitäts 
fragen sehr unbewandert ist, steht auch hier völlig urtheilslos dem grössten 
Schwindel gegenüber, den es unter der üblichen Reklame zu Spottpreisen 
in Bazaren aufgeschwatzt erhält. 
In der Drapirung ist in letzter Zeit ein erfreulicher Umschwung zu 
freierer und leichterer Behandlung zu bemerken. Die schlichten 
Arrangements der Engländer, welche schon vom hygienischen Standpunkte 
empfehlenswerth erscheinen, haben über die faltenreichen, als Staub- und 
Bazillensammler dienenden französischen Arrangements den Sieg davon 
getragen. Nicht zum wenigsten ist der Aufschwung in künstlerischer und 
technischer Hinsicht, welcher unleugbar in den letzten 10 Jahren zu ver 
zeichnen ist, ein Verdienst der Fachschule, welche seit einer Reihe von 
Jahren unter der Leitung des Tapezierermeisters E. Mauer recht gute 
Resultate erzielt hat. Das Hauptverdienst um die Ausbildung eines tüchtigen 
Arbeiterstammes durch eine zweckmässige Lehrlingserziehung erwirbt sich 
auch hier wieder, wie in anderen Betrieben der Gruppe IV, die Innung. Bei 
einigen der hier in Betracht kommenden Gewerbe ist die Leitung der Fach 
schule von der Innung auf den Magistrat übergegangen, so die der 
1876 gegründeten Tischlerfachschule und der erst seit vorigem Herbst be 
stehenden Drechslerfachschule. Deshalb ist es zu empfehlen, die Leistungen 
dieser Anstalten, soweit sie nicht in Gruppe IV selbst zur Ansicht gebracht 
sind, wie durch die Kollektiv-Ausstellung der Drechsler- und Böttcherschule, 
an der betreffenden Stelle unter der Schulausstellung der Stadt Berlin auf 
zusuchen. Der gewerbliche Unterricht ist ein Hauptfaktor für eine gedeih 
liche Entwickelung des Handwerks und der Industrie in der Zukunft und 
verdient daher auch bei einer Betrachtung der Gewerbe und ihrer Leistungen 
eine eingehende Beachtung.
	        
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