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Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie Gruppe IV. Holz-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 (Public Domain) Issue 2 Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie (Public Domain)

76 Spezial-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 
In der Drechslerei und Holzbildhauerei sind zusammen 1107 selbst 
ständige Meister, von denen 472 ohne Gehilfen arbeiten, und im Ganzen 
etwa 4000 Personen thätig. 
Die selbständige Drechslerei hat nur einen Theil ihrer Erzeugnisse 
in der Gruppe IV, Holzindustrie zur Ausstellung gebracht, ein ganz be 
deutender Theil, Galanteriewaaren, Horn und Elfenbeinarbeiten, Pfeifen etc., 
hat in Gruppe VII, Kurz- und Galanteriewaaren seinen Platz gefunden. Es 
ist demnach unerlässlich, beide Abtheilungen zu betrachten, wenn man ein 
vollständiges Bild des hochbedeutenden Gewerbes erlangen will. Ausserdem 
kommt ein grosser Theil der Drechslerarbeit, Modelldreherei etc., als un 
selbständige Hilfsarbeit, kaum zur Ausstellung. 
Die Drechslerei ist bekanntlich uralt. Schon die Aegypter und die 
Völker des klassischen Alterthums waren mit der Drechslerei vertraut. Die 
Technik ist im Grunde dieselbe geblieben. Auch im Orient finden wir sie 
zu hoher Entwickelung gelangt. Als im Zeitalter der Renaissance das Kunst 
handwerk zur höchten Blflthe gelangte, war es die Drechslerei, welche hof 
fähig wurde, da die Fürsten, welche nach der Sitte der Zeit ein Handwerk 
lernten, sie mit Vorliebe wählten. So besitzt das Dresdener historische 
Museum eine ganze Reihe von Arbeiten des Kurfürsten August von Sachsen 
ynd des Zaren Peters des Grossen. 
Das moderne Berliner Drechslergewerbe versendet seine Möbel nach 
allen Himmelsrichtungen. Nach Spanien, Italien, Russland, Schweden und 
Norwegen, Amerika, Südafrika, Australien, Holländ. Indien, überall hin 
werden die aus Erlen- oder Eichenholz, in imitirt Nussbaum, schwarz oder 
in Vergoldung hergestellten Möbel vertrieben. Die Luxusmöbel-Industrie 
ist kaum anderswo so vertreten, wie in Berlin. Ein weiterer Erwerbszweig 
ist die Baudrechslerei, die Herstellung von Treppentraillen, welche im Gross 
und Kleinbetrieb ausgeübt wird. Seit einer Reihe von Jahren beschäftigen 
sich auch einzelne Firmen mit der Lieferung ganzer Treppen incl. Griffe und 
Aufstellen. Von den 700—800 Meistern dieser Branche werden etwa 
2000 Gesellen beschäftigt, etwa 380 Meister gehören der Innung an. 
Das Korbmacherhandwerk nimmt nur eine bescheidene Stellung ein, 
es ist gewissermassen das Aschenbrödel unter den deutschen Gewerben. 
Der Grund hierfür liegt vor allem wohl darin, dass es keine Repräsentation 
durch grössere Betriebe findet, dass es zumeist als Hausindustrie betrieben 
wird und die Verwerthung und der Vertrieb seiner Produkte ausschliesslich 
durch Kaufleute erfolgt. Jedenfalls aber fehlt es nicht an Beweisen dafür, dass 
auch das bescheidene Korbmachergewerbe ganz anerkennenswerthe kunst 
gewerbliche Leistungen hervorzubringen vermag. Wir erinnern nur an die 
äusserst geschmackvollen Möbel in dem Kaiserzelt auf der Alster bei der 
Anwesenheit des Kaisers in Hamburg vor Eröffnung des Nordostseekanals. 
Die Zahl der selbständigen Berliner Korbmacher beträgt etwa 300, mit 
ebenso viel Gesellen. Ihre korporative Vertretung finden die Meister in der 
Innung und dem Verein selbständiger Korbmacher. Die Korbflechterei ist 
Handarbeit und wird heute noch in derselben Weise gehandhabt wie zu 
Zeiten Homers und der alten Aegypter. Zur Verwendung gelangten bis in 
die Mitte unseres Jahrhunderts nur Weidenruthen, erst die Einfuhr von 
spanischem Rohr und anderen Flechtmaterialien veranlasste einen Auf 
schwung, besonders in der Anfertigung von Luxus- und Zierkörbchen, 
welche ausser in Berlin vornehmlich in Lichtenfels und Koburg ihren Sitz 
hat. Die Haupterzeugnisse der Berliner Fabrikation, Möbel, Luxusgegenstände, 
Notenständer etc., werden überall hin exportirt. Ein neuerer Industriezweig 
ist die Fabrikation von Bambusmöbeln. Leider sind es auch hier die billigeren
	        
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