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Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie Gruppe IV. Holz-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie

Gruppe IV. Holz-Industrie 
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neuer moderner Formen an Stelle der abgebrauchten Rococoschnörkel, 
eine eigenartige praktisch und künstlerisch befriedigende Form zu finden. 
Ueber die Holzschnitzereien haben wir schon bei Erörterung 
der Stilfrage ausführlicher gesprochen, auch hier macht sich die Kon 
kurrenz des Fabrikbetriebes, aber in durchaus unliebsamer Weise durch 
Surrogate, geltend. Künstlerische Handarbeit lässt sich eben durch keine 
Maschinenarbeit ersetzen, und gerade der freie und markige Schnitt deutscher 
Holzbildhauerarbeiten, auf den wir bei der Charakterisirung der älteren 
Arbeiten besonders hingewiesen haben, am allerwenigsten. Diese freie und 
dem Holzcharakter entsprechende Behandlung, die grosse Wirkung, unter 
scheidet sich scharf von derjenigen der italienischen Renaissancearbeiten 
mit ihrer vornehmen Ruhe und Knappheit, die aus der Nachahmung der 
klassischen Marmorarbeiten sich herleitet. Neuerdings macht sich das 
Bestreben bemerklich, in maassvollem Flachornament eine lebendige Wirkung 
zu erzielen. Wir können dies nur für um so erfreulicher bezeichnen, 
je mehr dadurch der wüsten Schnitzerei der letzten Jahre, welche namentlich 
dem Berliner Rococomöbel der Durchschnittswaare einen nicht gerade 
günstigen Ruf verschafft hat, gesteuert wird. Sieht man es doch manchem 
Stück schon von weitem an, dass es vom Bildhauer herrührt und nicht 
als Möbel, sondern als Unterlage für die maasslosen Schnörkel entstanden ist. 
Die selbständige Hilfsarbeit der Drechsler und Leistenfabriken 
für die Tischlerei hat vor allem auf die Massenfabrikation, auf die Bazarwaare 
einen unheilvollen Einfluss erlangt, welchen wir nicht unerwähnt lassen 
dürfen, wenn wir dem Laien die sonst ganz unverständliche Erscheinung 
erklären wollen, dass an dieser Sorte von Möbeln die unglaublichsten Profile 
von Leisten und Säulen verwendet werden, ohne die allergeringste Rück 
sicht auf die tektonischen Funktionen des betreffenden Gliedes. Oft bekommt 
der Drechsler nur Höhe und Stärke der gewünschten Säule angegeben, 
und die Formgebung wird ihm überlassen, ohne dass er weiss, wie das 
Möbel selbst aussieht. Oder der Tischler kauft die Leisten nach dem 
Meter und verwendet sie überall da, wo ihm eine ähnliche Höhe oder 
Ausladung angebracht erscheint. Hierdurch wird ein gut Theil der Stil- 
losigkeit der ,Berliner Möbel“ verschuldet. Erst in letzterer Zeit macht 
sich auch bei der fabrikmässigen Herstellung von Leisten das Bestreben 
geltend, bessere Profile zu liefern. 
Die Goldleistenfabrikation, seit der Anwendung des unechten 
Blattgoldes in den 40 er Jahren selbständiger und ausschliesslicher Fabrik - 
betrieb durch angelernte Arbeiter und Maschinen, erlangte schon damals 
und noch mehr in den 80 er Jahren eine hohe Bedeutung durch den Export. 
Auch sie ist durch die Zollmaassregeln der romanischen Länder schwer 
geschädigt. Die 11 Grossbetriebe dieser Branche beschäftigen 1500 Arbeiter, 
die handwerksmässigen Mittelbetriebe 253 und die fabrikmässigen Mittel 
betriebe 546 Arbeiter. Sie leiden ausserdem alle wesentlich unter der 
Konkurrenz, welche ihnen von den in der Provinz bestehenden Betrieben 
infolge der geringeren Arbeitslöhne gemacht wird. In ihren Produkten 
machte sich bisher nur selten eine künstlerische Ausführung bemerkbar, 
die kritiklose Nachahmung englischer und amerikanischer Vorbilder war 
hier besonders zu Hause. 
Anders ist dies bei der Rahmenfabrikation, soweit dieselbe in 
das Gebiet der Bildhauerei hinübergreift. Hier sind grossartige künstlerische 
Leistungen zu verzeichnen, die sich mit vollem Recht den Weltmarkt 
erobert haben.
	        
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