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Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie Gruppe IV. Holz-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie

74 Spezial-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 
automatisch durch Handlanger bediente Maschine. Deshalb wird unter 
allen Umständen für die Kundenarbeit, für das originelle Schaffen der 
Handwerker immer konkurrenzfähiger bleiben, weil er eben über das 
technisch gebildete Arbeitermaterial verfügt. Hieraus ergiebt sich auch 
für die Zukunft die Gewissheit, dass dem Handwerk der kunstgewerbliche 
Wirkungskreis zu eigen gehören wird, während alles, was zur Massen 
fabrikation geeignet ist, in immer ausgedehnterem Maasse durch den 
maschinellen Grossbetrieb hergestellt werden wird. Dadurch wird sich 
eine bedeutende Verschiebung unserer jetzigen Verhältnisse ergeben. Eine 
grosse Reihe von Handwerker-Existenzen, welche sich von der Fabrikation 
von Mittel- oder geringer Waare nicht zum kunstgewerblichen Betrieb auf-, 
zuschwingen vermögen, wird ihre Selbständigkeit verlieren und in der 
Arbeitermenge verschwinden, das übrig bleibende Handwerk aber eine 
weit grössere und intensivere technische und künstlerische Schulung 
erhalten. 
Auf den Kampf zwischen Kaufmann und Handwerker, zwischen Meister 
und Geselle, auf die ganze Lohn- und Erwerbsfrage näher einzugehen, 
müssen wir ufts hier versagen. Wir verweisen Diejenigen, welche sich 
für diese wichtigen Kapitel in der Charakteristik der Berliner Holz 
industrie interessiren, auf die bereits erwähnte Arbeit von Paul Voigt in 
den Schriften des Vereins für Sozialpolitik, welche darüber eingehendsten 
Aufschluss giebt. 
Sehen wir uns nun nach den übrigen Fabrikationszweigen der Gruppe 
Holzindustrie um, so müssen wir zunächst hervorheben, dass von den 
noch nicht erwähnten Techniken, der Drechslerei, Leistenfabrikation, 
wie bei den Tapezierern ein guter Theil der Arbeitskräfte in Hilfsbetrieben 
für die Tischlerei beschäftigt ist, sei es selbständig oder als Arbeitnehmer. 
Andererseits aber haben sich gerade wie bei der Möbelfabrikation auch bei 
den Grossbetrieben der übrigen Techniken kombinirte Betriebe entwickelt, 
welche verschiedene Betriebszweige in sich vereinigen, so dass eine gegen 
seitige Unterstützung und Verschmelzung in mannigfachster Form und weit 
gehendstem Maasse stattfindet. 
Direkt abhängig von der Möbeltischlerei ist die Fabrikation für Möbel- 
beschläge. Sie ist ein Kind unserer neueren kunstgewerblichen Be 
strebungen und zeigt, wie die meisten Berliner Industrien und die Möbel 
industrie selbst, ein doppeltes Gesicht. Auf der einen Seite der Massenartikel, 
dem leider fast immer auch die allerdürftigste künstlerische Durchbildung 
fehlt, der unglaublichste und sinnloseste Dutzendkram, auf der anderen 
Seite das künstlerisch durchgearbeitete und mit allem Raffinement moderner 
Technik hergestellte Prunkstück. Leider ist die Interesselosigkeit des 
Publikums und das mangelnde Verständniss das grösste Hinderniss für eine 
ausgiebige Verwendung der besten oder auch nur einer guten Mittehvaare. 
So kommt es, dass ein wirklich vorzügliches Beschläge in der Regel nur 
bei ganz besonders werthvollen Möbelstücken Verwendung findet, so dass 
ein gutes Beschläge direkt auf eine gute Tischlerarbeit schliessen lässt. 
Nur wenige Käufer machen sich klar, welch’ grossen Schaden ein schlechtes 
Schloss, ein unbequem funktionirender Beschlag im Laufe der Zeit dem 
Möbel selbst zufügt. 
Es wäre zu wünschen, dass auch hier die mehrfach eingeleiteten Ver 
suche zu einer Betheiligung erster Künstler an der Ausgestaltung dieses 
so unscheinbaren und doch so eminent wichtigen Bestandtheiles fortgesetzt 
würden. Vielleicht gelingt es dann unter Zugrundelegung der im Rococo- 
beschläge verkörperten tektonischen Grundsätze, aber unter Anwendung
	        
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