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Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie Gruppe IV. Holz-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 (Public Domain) Issue 2 Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie (Public Domain)

Gruppe IV. Holz-Industrie 
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in Berlin die Möbelfabrikation als solche immer noch als handwerklicher 
Betrieb, ja sogar vielfach als Kleinbetrieb erhalten. Es ist bereits seit den 
60 er Jahren eine vollständige Spezialisirung der Arbeit durchgeführt, so dass 
jedes einzelne Stück der gewöhnlichen Wohnungseinrichtungen in besonderer 
Werkstatt gefertigt wird, ja dass selbst die einzelnen Unterarten von gleich 
artigen Möbeln nochmals gesondert sind. Als interessante, durch die 
Entwickelung Berlins zur Weltstadt hervorgerufene Spezialitäten sind 
vielleicht besonders zu erwähnen die zu der Fabrikation elektrotechnischer 
Apparate dienenden Betriebe, die Modelltischlereien, die Sargfabriken und 
die Spezialbetriebe für Laden- und Komtoreinrichtungen. Eine andere 
Spezialität, die Stuhlfabrikation, dagegen ist selbständiger Betriebszweig, 
so lange es eine Tischlerei giebt; schon im 14. und 15. Jahrhundert werden 
die Stuhlmacher in den Handwerkerverzeichnissen von Nürnberg und 
Frankfurt am Main besonders genannt. Eine solche Spezialisirung ist 
jedenfalls für die Leistungsfähigkeit des Einzelnen in quantitativer Hinsicht 
und somit für seinen Erwerb vortheilhaft, vielleicht auch in qualitativer 
Hinsicht, aber jedenfalls nicht in kunstgewerblicher, denn die Schablone 
muss die freie Entwickelung tödten, und dann fehlen dem kleinen Betrieb 
die Mittel und die Zeit für eine sorgsame Ausarbeitung der Modelle bis 
zur höchsten praktischen Vollendung, wie sie bei dem amerikanischen 
Grossbetriebe möglich und gebräuchlich ist. Daraus erklärt sich auch der 
enorme Absatz, welche die oft unserm Geschmack direkt zuwiderlaufenden, 
aber in Bezug auf praktische Konstruktion mustergiltigen englisch-ameri 
kanischen Möbel in den letzten Jahren in Deutschland gefunden haben. 
Trotz dieser äussersten Arbeitsvertheilung ist also die Maschinenarbeit 
in der Möbelbranche auf die allgemeine Zurüstung des Holzes beschränkt. 
Dem Kleinbetrieb, dem die Möglichkeit zu eigener Beschaffung und dauern 
der Beschäftigung der Maschinen fehlt, sind diese zugänglich durch die 
Holzbearbeitungsfabriken, welche, meist inmitten einer grossen Anzahl von 
Tischlereien belegen, für diese die maschinelle Zurüstung übernehmen. 
Für die Massenproduktion der niederen Bautischlerei haben die Maschinen 
eine viel umfassendere Bedeutung gewonnen. Hier wird der Sieg der 
Maschine über die bisherige Herstellungsweise zweifellos ein immer voll 
kommenerer. Es liegt klar auf der Hand, dass auf diesem Gebiete eine 
Konkurrenz zwischen der Einzelproduktion unserer bisherigen Bautischler 
werkstätten und dem Engrosbetrieb einer mit allen maschinellen Hilfs 
mitteln ausgerüsteten Fabrik bei gleich guter Beschaffenheit des zur Ver 
wendung gelangenden Materiales und Beachtung aller sonstigen Erfordernisse 
stets zu Ungunsten der ersteren ausfallen muss, sowohl in Bezug auf den 
Preis, als in Bezug auf die Präzision der Ausführung. 
Ausschliesslich auf den maschinellen Betrieb angewiesen sind die Hilfs- 
Industrien der Holzzubereitung und einige Untergruppen, deren Loslösung 
vom Vollhandwerk wir bereits gelegentlich erwähnt haben, wie Parket- 
fabrikation u. dergl., die Leistenfabrikation u. a. 
Wo aber keine Massenfabrikation angebracht ist oder der Bedarf 
nicht zur Vollbeschäftigung der Maschine hinreicht, wo besondere Maasse 
und reichere Ausführung Platz finden sollen, wie in der besseren Bau- 
und Kunstmöbeltischlerei, wo den speziellen Wünschen des einzelnen Be 
stellers Rechnung getragen werden soll, da versagt die Maschine sofort. 
Die Maschinenarbeit wird infolge der langsameren Produktion und schwie 
rigeren Bedienung ebenso theuer, wenn nicht theurer, als Handarbeit, und 
die individuelle, durch keine Maschine ersetzbare Arbeitskraft des hand 
werklich vorgebildeten Arbeiters behauptet sich mit Erfolg gegen die
	        
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