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Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie Gruppe IV. Holz-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie

Gruppe IV. Holz-Industrie 71 
betrieb und sondert sich dadurch als selbständiger Fabrikationszweig von 
der Bautischlerei ab. 
Für die Kunsttischlerei war der Einfluss Schinkels von höchster Be 
deutung, und ihm verdankt sie wohl nicht zum wenigsten den Erfolg, 
welchen sie auf der ersten allgemeinen deutschen Gewerbe-Ausstellung im 
Jahre 18M errang. Aber neben der gesteigerten technischen und kunst 
gewerblichen Leistungsfähigkeit tritt schon hier, wie aus dem Bericht über 
die Ausstellung hervorgeht, die Schattenseite der Massenproduktion hervor. 
,Das Bestreben, die grosse Masse der Möbel für den bürgerlichen Haushalt 
zu sogenannten Spottpreisen herzustellen, zieht leider das technische Geschick 
bei einem Theile der Tischler dermassen herunter, dass von einem eigent 
lichen Fortschreiten in der Kunst nur bei einem kleineren Theile der 
selben, wo wahrer Kunstsinn und Mittel vorhanden sind, denselben der 
Konkurrenz gegenüber zu nähren, die Rede sein kann.“ 
Dieser Satz enthält die Charakteristik der ganzen Entwickelung bis auf 
den heutigen Tag. Durch die während der Freiheitskriege erlangte Ge 
werbefreiheit war der Zutritt zum Handwerk Jedem geöffnet. Die daraus 
hervorgehende minderwerthige Konkurrenz unbefähigter und unbemittelter 
Elemente einerseits und die gesteigerte Produktion andererseits, welche 
durch den zunehmenden Export wie durch den gesteigerten Inlandsbedarf 
veranlasst wird, verschieben die wirtschaftlichen Verhältnisse. Einzelne 
Betriebe wachsen sich zum Grossbetrieb aus, durch die Vereinigung einer 
grösseren Anzahl von Arbeitern verschiedener Berufszweige entsteht die 
Möbelmanufaktur. Der Kaufmann, das Kapital übernimmt die Verwertung 
und Verteilung der in grossen Mengen auf Vorrath, nicht mehr auf Be 
stellung erzeugten Arbeit. Es entstehen die Magazine, in denen selbst das 
einheimische Publikum, durch reiche Auswahl und elegante Aufstellung an 
gelockt, kauft. Dadurch werden die kleinen Meister von den Magazinen 
immer mehr abhängig, und diese benutzen ihre Macht zu immer weiterer 
Herabdrückung des Einkaufspreises. Um sich für solchen Absatz leistungs 
fähig zu erhalten, muss notgedrungen eine vollständige Spezialisirung 
des Handwerks erfolgen, da nur hierdurch eine bedeutende Verringerung 
der Produktionskosten zu erzielen ist. Nur durch sie wird der gewaltige 
Absatz einfachster Möbel in den mittleren und unteren Schichten der Be 
völkerung ermöglicht. Man verbuchte, den schädlichen Wirkungen dieser 
Geschäftsentwickelung entgegen zu arbeiten durch die Gewerbeordnung des 
Jahres 1845, welche den nicht handwerksmässig ausgebildeten Magazinisten 
die Herstellung von Handwerkswaaren verbot und den unter der Franzosen 
herrschaft aufgehobenen Befähigungsnachweis wieder einführte, und durch 
die Begünstigung der Innungsbestrebungen, aber die immer rapidere Ent 
wickelung des Exports verhinderte den Erfolg. Schon die Londoner Welt- 
Ausstellung von 1851 hatte der Berliner Tischlerei die Türkei und Aegypten 
als Absatzgebiet erschlossen, Holland und Belgien waren ebenfalls bedeutende 
Abnehmer, in dem Anfang der sechziger Jahre kam auch Russland und 
England hinzu, nach 1866 Amerika und der Orient. Die Produktion war 
eine immer intensivere geworden, von den fünfziger Jahren an nimmt 
die Anwendung der Maschine zur Holzbearbeitung (vor allem Fräserei) 
allmälig zu. Aber erst die Lohnbewegung der Gründerjahre bewirkt eine 
allgemeine Einführung der Maschinenarbeit an Stelle der theuer und un 
zuverlässig gewordenen Handarbeit. 
ln dieser fortlaufenden geschäftlichen Steigerung, welche das Anwachsen 
grosser Betriebe für Massenfabrikation förderte, wurden die Ergebnisse der 
Pariser Welt-Ausstellung von 1867, wo die Berliner Tischlerei mit ihrer
	        
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