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Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie Gruppe IV. Holz-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie

66 Spezial-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 
der grossen Monumental-Architektur Ludwigs XIV. keine übernommenen 
Architekturformen am Möbel finden: Die rein tektonischen Ausdrucksformen 
werden wieder bei der Gestaltung und den Gliederungen der Stützen, 
Sockel u. s. w. angewendet. Die Funktion, die Dienstleistung jedes einzelnen 
Gliedes wird tektonisch richtig ausgedrückt durch Einziehung und An 
schwellung, durch naturalistische und auf die Konstruktion hinweisende 
Motive, nicht durch erborgte Säulen und Pilaster. Dies, ist das Prinzip, 
welches sich an allen guten Rococomöbeln verfolgen lässt. Selbst bei den 
in energischster, wildbewegter Formengebung schwelgenden dekorativen 
Arbeiten werden die Funktionen der einzelnen Glieder durch Voluten, Laub 
werk und Figuren ausgedrückt, oft freilich in übertriebener Wirkung und 
überwuchert von Muschelwerk. 
Dieses ausserordentlich feine tektonische Empfinden finden wir auch 
in der Verwendung der Bronzebeschläge am Rococomöbel bethätigt. Das 
Gebrauchsmöbel jener Zeit (wie Schreibtische, Kommoden) mit seinen an 
genehm geschweiften, glatten und abgerundeten Formen, seinen kostbaren 
Fournierungen und Einlagen bildet im Gegensatz zu dem nur für Dekorations 
zwecke bestimmten und daher reich und willkürlich geschnittenen Ziermöbel 
(Pfeilertische etc.) einen geschlossenen Körper, ohne zerbrechliche Zuthat 
und wird an allen Kanten, welche dem Bestossen ausgesetzt sind mit einem 
Panzer von Bronzebeschlägen geschützt, welcher es sogar ermöglicht, dass 
die an sich dünnen Beine noch geschweiftes Querprofil bekommen. So 
tritt der Beschlag als zweckmässiger Schutz, nicht als willkürliche Ver 
zierung auf. 
Auch das Verhältniss zwischen Rahmen und Füllung hat sich mit dem 
Auftreten der neuen Richtung total verändert. An die Stelle der kleinen 
Füllungen in dem breiten Rahmenwerke der Renaissance sind jetzt sehr 
grosse und breite Füllungen getreten. Die Wände werden von oben bis 
unten mit Holz verkleidet und durch aufsteigende Lisenen in senkrechter 
Richtung getheilt. Folgerichtig wiederum ist nicht die ganze Fläche mit Ver 
zierungen bedeckt, sondern nur an bestimmten, besonders zu betonenden 
Punkten werden einzelne Ornamente aufgesetzt; die übrige Füllung bleibt 
leer, um die Umrahmung mit ihrem Beiwerk besser zur Geltung zu bringen. 
Trotz aller Willkür in der Formengebung des Rococo ist dasselbe in 
Frankreich doch immer maassvoll und dezent geblieben, weil es in kon 
sequenter Entwickelung aus dem strengen Louis XIV.-Stil langsam sich 
entwickelt hat. In Deutschland ist die Entwickelung eine gerade entgegen 
gesetzte. Hier schliesst sich das Rococo unmittelbar an das zu höchster 
Kraftentwickelung gesteigerte Barock an. Natürlich kann da, bei dem 
Fehlen der vorausgehenden Schulung und Zügelung, auch keine gleiche 
Mässigung und Ruhe in den Formen erwartet werden. Und gerade diese 
derberen, üppigen Formen des deutschen Rococo sind bei den modernen 
deutschen Arbeiten übernommen, und dadurch ist die Entstehung eines 
harmonischen Ganzen verhindert worden. Das deutsche Rococo geht, ob 
wohl es ebenso wie das französische den Unterschied zwischen Gebrauchs 
und Dekorationsmöbel wohl beachtet, in der Stärke des Vortrags, in der 
Kühnheit der Darstellung, wie in der Anwendung und Durchbildung des 
zu den krausesten Formen führenden Muschelmotivs viel weiter. 
Auf die technisch wie künstlerisch hohe Entwickelung der Tischlerei 
unter der Herrschaft des Rococo folgt rasch der Verfall. Das französische 
Louis XVI. mit seiner knappen Eleganz der oft dürftigen Formen konnte 
sich in Deutschland, wo der kräftigere Accent von jeher bevorzugt wurde, 
nicht heimisch machen. Die Stürme der französischen Revolution und die
	        
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