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Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie Gruppe IV. Holz-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Bau- und Ingenieurwesen, Holz-Industrie

Spezial-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 
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ganz von selbst die biblischen Darstellungen vornehmlich aus der 
Apostelgeschichte und der Heiligenlegende auch auf das Hausgeräth. 
Sehr richtig aber wurde von den alten Meistern in dem Aufbau des 
Möbels der grundsätzliche Unterschied zum Ausdruck gebracht 
zwischen der Bestimmung des Kirchengestühls und der des Gebrauchs 
möbels. Während das erstere in dem Rahmen der Monumentalarchitektur 
der Kirche sich einfügen und einen Theil derselben bilden sollte, dem 
gemäss eine freiere, auf dekorative monumentale Wirkung berechnete 
künstlerische Behandlung und die Anwendung architektonischer Formen in 
den durch die tektonische Eigenart des Holzes gezogenen Grenzen zuliess, 
ja bis zu einem gewissen Grade verlangte, wurde beim Gebrauchsmöbel 
die Form aus dem Gebrauchszweck heraus entwickelt und dann erst in 
bescheidener und maassvoller Weise verziert. Die Schaffung des erforder 
lichen Raumes für die darin zu bergenden oder auf der Oberfläche auf 
zustellenden Gegenstände war maassgebend für die Formenentwickelung und 
die Anordnung des Ganzen. War diese festgestellt, so kam ganz von selbst 
und ungezwungen die mehr oder weniger reiche Ausstattung hinzu. Aus 
der Konstruktion ergab sich dann die Verschiedenheit der norddeutschen und 
süddeutschen Möbel auch im Aeusseren. Zwischen das durch Riegel zu 
sammengehaltene Pfostengerüst wurden die Seitenwände und die Thiiren 
aus einfachen Brettern eingesetzt und dadurch die Grösse der Thür auf das 
geringe Maass der einzelnen Brettbreite beschränkt. Infolgedessen haben 
wir hier nur kleinere Gelasse als bei den süddeutschen Schränken, bei 
denen Wandfläche und Thür aus in Rahmenwerk eingefügten Füllungen 
hergestellt wurden. Der kräftigeren und energischeren Schatten 
wirkung des Pfostenaufbaues entsprach dann auch eine kräftige Relief 
behandlung der kleinen Flächen und starke Prolilirungen, während bei den 
süddeutschen Arbeiten die Gliederung des Aufbaues, der Brettkonstruktion 
entsprechend, nur durch den Kontrast zwischen Rahmen und Füllung und 
durch eine völlig als Flächenornament behandelte Flachschnitzerei erreicht 
ist, deren Silhouettenwirkung meist noch durch Färbung des Grundes oder 
Hinterlegung des durchbrochenen Schnitzwerkes mit farbigem Leder etc. 
erhöht wird, ln diesen Rahmen fügte sich auch ganz von selbst die schon 
in der gothischen Zeit von Italien her übernommene, eigentlichste und echt 
tischlermässige Flächendekoration, die Intarsia, ein. Foürnierungen, Auflagen 
und Einlagen aller Art entsprechen durchaus der Brettkonstruktion. 
Als dann mit dem Auftreten der Renaissance ein vollkommener Um 
schwung in der ganzen Formengebung sich vollzieht und der Wirkungskreis 
des Kunsthandwerks ein ganz anderer wird, bleibt doch gleichwohl das Kon 
struktionsprinzip das gleiche. Die süddeutschen Meister, welche infolge 
der lebhaften Handelsbeziehungen zwischen Italien und den Reichsstädten 
zunächst von dem neuen Geiste berührt und beeinflusst wurden, begeisterten 
und berauschten sich vollkommen an den neuen Formen. Das Studium 
der Antike, der klassischen Architekturformen wird von ihnen mit solchem 
Eifer betrieben, dass in kurzer Zeit eine ganze Reihe von Vorlagen werken 
der römischen Säulenordnungen und Gebälke erscheinen und der süd 
deutsche Schrank immer mehr eine vollständige Palastfa^ade erhält, welche 
sich vor das Brettgefüge, wie wir es aus der gothischen Zeit kennen, vor 
legt. Aber nicht genug damit, dass der Aufbau durch architektonische 
Formen, Säulenordnungen und der Steinarchitektur nachgebildete Gesimse 
gegliedert wird, auch die Flächen werden mit Architekturformen über 
zogen, auf die Füllungen setzen sich Arkadenstellungen, Verdachungen, 
ganze Architekturperspektiven auf. Ganz anders verfährt die norddeutsche
	        
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