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Textil- und Bekleidungs-Industrie Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Textil- und Bekleidungs-Industrie

Gruppe II. Bekleidungs-Industrie 
Die zur Ausstellung gelangten Waaren bieten ein treffliches Bild der 
Fabrikation, wie auch von der Handfertigkeit ihrer Arbeiterinnen. Auf dem 
Gebiete der Damenkragen-Näherei sind nahezu Kunstwerke geliefert worden. 
Damenwäsche-Konfektion. Der Wäscheschrank war von jeher 
der Stolz der deutschen Frau, die Zierde des Hausstandes. Die Jungfrau 
lernte frühzeitig die Nadel führen, das Spinnrad drehen. Die fleissigen 
Hände mühten sich, alle Zeit solide und kunstgerecht für den Bedarf des 
eigenen Herdes zu sorgen. Hierin mag die Ursache zu suchen sein, dass 
für Leibwäsche kein Raum für den Grossbetrieb in vergangenen Zeiten ge 
schaffen werden konnte. Als nebensächlicher Zweig des Leinenhandels be 
trachtet, wurde die Anfertigung von Hemden, Beinkleidern und anderer 
Negligees nur auf vorherige Bestellungen von den Detailgeschäften über 
nommen. Damen-Leibwäsche war als Handelsartikel bis zur Mitte unseres 
Jahrhunderts in den Registern des deutschen Kaufmanns nicht verzeichnet, 
bis nach Verlauf eines anderen Jahrzehnts die neue Zeit dem neuen Ge 
schlecht neue Bedürfnisse und Ansprüche einimpfte. Die Ruhe und Be 
häbigkeit der Hauswirthschaft wurden durch die wachsenden Schwierig 
keiten des Erwerbs beeinträchtigt. Die Werthschätzung der Leinwand ging 
der grossen Masse durch die billigeren Ersatzgewebe der Baumwollfaser 
verloren. Die Lebensbedürfnisse vergrösserten, die Erwerbsquellen ver 
steckten sich. Vor dem täglichen Brod musste der langgepflegte Luxus ge 
diegener, dauerhafter Leibwäsche die Segel streichen. Ein ökonomisches 
System wurde den Mittelklassen aufgezwungen, sie veranlassend, bis zum 
letzten Moment mit der Erneuerung derjenigen Tlieile der Bekleidung zu 
zögern, welche von aussen nicht erkennbar waren. Die Anfertigung blieb 
selbst in jener Zeit noch lange den Detailgeschäften überlassen, bis der ge 
steigerte Bedarf der Grossstädte zur Anfertigung in grossen Mengen an 
regte. Diese Versuche waren um so leichter zu unternehmen, als sie keine 
bedeutenden Kapitalsaufwendungen erforderten. Mit geringfügigen Mitteln 
waren die Stoffe zu schaffen. Berlin bot Näherinnen in Hülle und Fülle 
für die Fertigstellung. Die Anfänge der Berliner Damen- und Kinderwäsche- 
Konfektion dürfen in die Jahre zwischen 1865 und 1868 zurückverlegt 
werden. 
Gleich nachdem der durch den heimischen Bedarf angeregte Geschäfts 
zweig unter den Schutz kaufmännisch geschulter, bemittelter Persönlich 
keiten gelangte, suchte man Verbindungen über die Bannmeile der Stadt 
hinaus anzuknüpfen und dann weiter schnell vom Inland ins Ausland zu 
gelangen. Nach bereits wenigen Jahren hatte sich der neue Industrieweig 
zu einem unentbehrlichen Ringe der grossen merkantilischen Kette, welche 
die Welt umschliesst, emporgeschwungen. 
Die politischen Ereignisse wirkten in gleicher Weise, wie auf alle 
anderen Betriebe, auch auf diese ein. Wenn bisher nur die einfachen 
Stoffe, Dowlas, sogenanntes Halbleinen, Hollands, Shirting, gerauchte Stoffe, 
wie Biber, billige Plüsch-Piques, Lambskins, zum Theil englische Fabrikate, 
in einfachster Ausstattung mit englischen Twimmings (d. h. Besätze) zur 
Ausführung gelangten, so schärfte sich bei grösserem Wettbewerb der 
Geschmack, weil man bald im In- und Auslande auf die Konkurrenz Frank 
reichs, in Kinderwäsche speziell auf diejenige Londons stiess. Im Eisass 
hatte Deutschland auf dem Gebiete der Baumwoll-Industrie einen muster- 
giltigen inländischen Produzenten erworben. Süddeutschland legte Spinnereien 
und Webereien an. Barmen fertigte gewebte, Plauen gestickte Besätze. 
Berlin konnte sich in Bezug auf Materialien gänzlich vom Auslande frei 
machen. Die weissen Stoffe von heute scheinen im Vergleich mit den
	        
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