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Textil- und Bekleidungs-Industrie Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Textil- und Bekleidungs-Industrie

48 Spezial-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 
In naheliegenden Distrikten hat man weibliche Hilfskräfte angelernt und 
Filialwerkstätten eingerichtet, ebenso im sächsischen Erzgebirge, wo die 
Besatzindustrie von jeher zu Hause war. 
Perlmutter- und Steinnussknöpfe, Perlen- und Flitterarbeiten gehören 
gegenwärtig zu den gesuchtesten Besätzen. 
Obwohl Berlin selbst sein bedeutendster Konsument ist, so dehnt sich 
der Absatz nach England, den Vereinigten Staaten, Russland und allen euro 
päischen Ländern aus. Es muss jedoch bei der ungeheuren Summe, die in 
Frage kommt, in Betracht gezogen werden, dass ein grosser Theil derselben 
als Handelswerth, aber nicht als Ertrag der Berliner Industrie zu buchen ist. 
2. Hüte, Mützen, Handschuhe, Kürschnerwaaren. 
Die handwerksmässige Herstellung derjenigen Waaren, welche einen 
grösseren Absatz nach dem In- oder Auslande versprechen, geht in Berlin 
sehr schnell in Grossbetrieb über. Die durch den Engroshandel bereits 
bestehenden Verbindungen erleichtern die Anknüpfung und verwischen 
damit viele Schwierigkeiten, die sich dem Neuling sonst entgegen gestellt 
hätten. 
Für kleine Woll- und Wollhaar-Rundhüte war Deutschland bis 
in die siebziger Jahre hinein der Kunde fremdländischer Fabrikanten. Es 
bezog die feineren Genres aus Frankreich, die nächstfolgenden aus Belgien 
und Oesterreich, den übrigbleibenden grossen Theil aller billigen Qualitäten 
aus England. 
Der Huthandel hatte dadurch, dass die Mütze verdrängt worden war, 
eine bedeutende Ausdehnung angenommen. Nachdem sich viele Industrien 
in Berlin aufgethan, schloss sich bald die Fabrikation von Rundhüten an 
und hat sich seit 1868, in welchem Jahre das erste Etablissement eröffnet 
wurde, stetig weiter entfaltet. Die hiesigen Betriebe haben es vom Anfang 
an für vortheilhaft befunden, den besseren Mittelgenre der Wollqualitäten 
in den Bereich ihrer Thätigkeit zu ziehen. Sie bemühten sich unablässig, 
diese Spezialität zu vervollkommnen. Das Berliner Fabrikat geniesst darum 
einen guten Ruf. Der Export nach überseeischen Ländern ist beschränkt, 
weil Südamerika, China, Japan etc. nur billige Erzeugnisse kaufen. Der 
Versand nach Frankreich, Oesterreich, Norwegen, Dänemark, Holland, 
Belgien, der Schweiz gelangte bald auf eine zufriedenstellende Höhe. An 
dem Betrag des Berliner Absatzes nach diesen Ländern partizipiren auch 
andere deutsche Fabriken, deren Waaren als Handelsgut durch die Hände 
hiesiger Grossisten gehen. 
Die Produktion der Berliner Wollhut-Fabriken beträgt ungefähr sechs 
Millionen Mark, darf aber als im Steigen begriffen bezeichnet werden. Die 
qualitative Ueberlegenheit deutscher Hüte über diejenigen Englands wird 
ohne Zaudern anerkannt. Hübsche, dem internationalen Geschmack ent 
sprechende Formen, feine Ausstattungen, reine Farben gewinnen dem 
Wollfilz fortgesetzt neues Terrain, wo sonst der Haarfilzhut dominirte. 
Seit einigen Jahren hat der Damenfilzhut, der sogenannte Reisehut, 
diesen Fabriken erhebliche Aufträge zugeführt. Es scheint jedoch, als ob 
die Anfangs gehegten Erwartungen sich nicht voll erfüllen sollen. Damen 
hüte sind durchaus von der Mode abhängig und lassen sich von der Nütz 
lichkeitsfrage nicht beeinflussen. 
Es befinden sich hier 10 grosse, mit Dampfbetrieb eingerichtete Hut 
fabriken, in denen ungefähr 3000 Arbeiter und Arbeiterinnen lohnende 
Beschäftigung finden.
	        
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