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Textil- und Bekleidungs-Industrie Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Textil- und Bekleidungs-Industrie

46 Spezial-Katalog der Berliner Ge werbe-Ausstellung 1896 
Die Blouse behagt der Arbeiterfrau wie der Fürstin; sie gerirt sich auf der 
Promenade ebenso ungenirt wie im Ballsaal. 
Einige Jahre nach ihrer Einführung beschränkte sich die Nachfrage 
auf die Sommerzeit, während die Kauflust im Herbst und Winter sich ver 
minderte. Gegenwärtig hat ein völliger Ausgleich stattgefunden. Seitdem 
die Mode verschiedenfarbige Stoffe für Kleiderröcke und deren Taillen ge 
stattet, ist die Blouse vollständig salonfähig geworden und darf in der 
elegantesten Gesellschaft, in den formellsten Kreisen erscheinen. Dank der 
mässigen Preise aller Seidengewebe hat sich die seidene Blouse so weite 
Kreise erobert. Das seidene Kleid nimmt nicht mehr die Ausnahmestellung 
ein, nur der Toilette der reichen Leute zu dienen. 
Die von der eigentlichen Blousenfabrikation abgezweigte und von den 
Kragen- und Manschetten-Fabriken übernommene Herstellung der Wasch- 
blousen mit gestärkten Kragen und Manschetten, sowie der weichen, 
längeren, als Oberkleider getragenen Damen-Oberhemden nimmt in 
gleichem Maasse zu. Sie beginnen sich in Deutschland einzubürgern, 
England und Amerika aber entnehmen darin von Berlin ungezählte Mengen 
und belegen vollständig die ganze Produktion mehrerer der grössten Fabriken. 
Alle hierfür benöthigte Handstickerei wird in Berlin selbst ausgefübrt. 
Diese Artikel werden stets eine Spezialität unserer Stadt bleiben müssen, 
weil sie nur infolge der grossartigen, maschinellen Wascheinrichtungen so 
durchaus vollkommen sich herstellen lassen. Es giebt Fabriken in Berlin, 
welche bis zu 400 solcher Blousen täglich innerhalb der Hauptmonate zum 
Versand bringen. 
Die Gesammtproduktion aller verschiedenen Blousen reicht in die 
Millionen hinein. Sie gewähren Tausenden von Arbeiterinnen lohnende 
Beschäftigung und zehren an den Erzeugnissen einer unendlich grossen 
Zahl von Webstühlen und Druckpressen. 
Viele bedeutende Firmen beschäftigen sich mit der Anfertigung von 
Jupons. Dieser Artikel hat in den letzten Jahren, weil die Mode eine sehr 
luxuriöse Ausstattung befürwortet, an Werth gewonnen. Von den einfachen 
Mohairs über die Mittelstufen der Popelins, Moirös, halbseidenen Atlas 
stoffe hinaus, erreichen sie sehr bald reinseidene changeant Taffetas, 
elegante Chinegewebe bis zu den kostbarsten Brocats, an deren Ver 
wendung zu Jupons vor wenigen Jahren in Deutschland Niemand zu 
denken wagte. Nicht weniger reich als die Stoffe, werden die Besätze 
gewählt. Spitzen und Rüschen sind gegenwärtig bevorzugt, rauschende 
Volands zieren die Rockstösse. Es wird oftmals schwer fallen, den Jupon 
infolge seiner kostbaren Ausstattung vom Kleiderrock zu unterscheiden. 
Für den Sommer bestimmt, wird die Ausstellung einen in neuester Zeit 
beliebten feinfarbigen ßatistgenre mit buttergelben, breiten Spitzenvolants 
umsäumt, enthalten und daneben die ebenso modernen, weissen, gestickten 
Jupons, deren starke Nachfrage zu stets vermehrter Anfertigung auffordert. 
Es erübrigt jetzt noch eines anderen bedeutenden Artikels der Berliner 
Konfektion, welcher in diese Abtheilung hineingehört, Erwähnung zu thun. 
Schürzen sind eigentlich nicht der Mode unterworfen, aber man darf 
dennoch sagen, dass sie plötzlich modern geworden sind. Es lässt sich 
weder durch Zahlen, noch durch Worte ein richtiges Bild von dem kolossalen 
Umfang der Berliner Schürzenkonfektion geben, obgleich unsere Stadt auf 
diesem Gebiet nicht einzig dasteht. Den Aufschwung dieser Industrie, da 
er fast nur den Bedarf des Inlandes und einiger weniger benachbarter 
Länder zur Grundlage hat, darf man daher in der allgemeinen Verbesserung 
der volkswirtschaftlichen Verhältnisse des Vaterlandes suchen. Die grossen
	        
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