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Textil- und Bekleidungs-Industrie Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Textil- und Bekleidungs-Industrie

44 Spezial-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 
je schwerer wird der Kampf gegen unfreundliche Konjunkturen, um den 
Standpunkt des Umsatzes, Avenn auch nicht zu erhöhen, so doch festzuhalten. 
Jeder, auch der leiseste Druck, der auf Handel und Industrie lastet, 
macht sich an diesem Zweig der Berliner Werkthätigkeit, wie die Temperatur 
an dem Thermometer, bemerkbar und dies um so fühlbarer, je breiter sich 
die Einwirkungsfläche den Einflüssen darbietet. Viele fremde Länder, die 
vor Jahren als regelmässige bedeutende Abnehmer im Markt erschienen, 
entnehmen, durch Zölle beschränkt, nur ganz minimale Beträge. Andere, 
und zwar nicht allein solche durch Zoll geschützte Staaten, sondern auch 
das freihändlerische England, machten sich von unserem Import immer 
unabhängiger und fabriziren heute Artikel, die sie jahraus, jahrein von uns 
bezogen, zu Preisen, welche die Berliner Konkurrenz gänzlich ausschliessen. 
Mode und Witterung, wie sie den Handel fördern, können denselben 
ebenso urplötzlich in seiner besten Blüthe, mitten in einer hoffnungsreichen 
Saison zerstören. Ein kühler Sommer, ein warmer Winter zehren Millionen. 
Der Jahresumsatz der Berliner Damen- und Kinder-Konfektion wird 
auf rund 100 Millionen Mark geschätzt. Sie beschäftigt circa 5000 Meister 
und nahezu 50 000 Arbeiterinnen, die zusammen 25 Millionen Mark verdienen. 
Die Einwirkungen auf andere Industrien sind wohl in Betracht zu ziehen. 
Viele deutsche Städte, wie Aachen, Lennep, Hückeswagen, Neumünster, 
Spremberg, Crimmitzschau, Sommerfeld, Luckenwalde, Reichenbach i. V., 
Krefeld, Elberfeld, sind mit einem guten Theil ihrer Stoffproduktion auf die 
Berliner Konfektion angewiesen. Annaberg und Eibenstock liefern Passe- 
menterien und Behänge, Plauen giebt seine Spitzen. Aus der einen Wind 
rose wehen ihr Knöpfe, aus der anderen Perlen und Flitter zu. Dem 
Pelzhandel giebt sie reichen Verdienst, den Verkehr stützt sie durch ihre 
Frachten. 
In den verflossenen Jahren hat ein einziges Haus, obzwar das grösste, 
zu jeder Saison, also halbjährlich, circa 70 000 Mark Frachten allein für 
die Sendungen nach England gezahlt. 
Zum Schluss des Jahres existirten in Berlin: 
141 Damenmäntel-Engros-G eschäf te, 
30 Mädchenmäntel- „ „ 
162 Damenmäntel-Detail-Geschäfte. 
Die Damen-Kleider-Konfektion darf als Sprössling der Mäntel- 
Konfektion bezeichnet werden. Trotz mancher Schwierigkeiten ist es der 
Branche gelungen, sich, langsam fortschreitend, eine feste Position zu 
erobern. 
Als stärkstes Hinderniss stellte sich ihr das Vorhandensein eines Vor- 
urtheils zu Gunsten der französischen Mode, des Pariser „Chic“, von 
welchem die deutsche Damenwelt befangen war, entgegen. Einzelne Mode- 
und Seidenwaaren-Häuser waren darum schon in lang vergangenen Jahren 
gezwungen, persönliche Besuche in Paris abzustatten und mit ihren Waaren- 
einkäufen Kostümmodelle, nach denen die Kundschaft ihre deutschen 
Modistinnen instruiren konnte, mit nach Hause zu bringen. Nur mit dem 
Siegel eines französischen Ateliers fand die Mode Anerkennung. 
Die Mäntelkonfektion griff bald genug mit kühner Hand in den Gang 
dieser Geschäfte ein. Der rege Verkehr, der sie oft nach Paris führte, 
veranlasste einzelne Firmen, die Vermittlerrolle zu übernehmen, die Modelle 
vervielfältigen zu lassen und sie einer grösseren Anzahl Detailleure, deren 
Geschäfte die Ausgaben des Einkaufs und der Reise nicht gestatteten, zur 
Verfügung zu stellen.
	        
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