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Textil- und Bekleidungs-Industrie Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Textil- und Bekleidungs-Industrie

40 Spezial-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 
an, dass bei der Mäntel-Konfektion 50 000, bei der Knaben- und Herren- 
Konfektion 25 000 in Arbeit stehen. Rechnet man nun die bei der Herren- 
Wäschefabrikation, der Damenwäsche-, Weisswaaren-, Blousen-, Schürzen-, 
lupons-, Kravatten-Konfektion, bei der Herstellung von Blumen, Putzfedern. 
Korsets, Stroh- und Filzhüten für Herren und Damen, Handschuhen und 
Schuhwaaren, Tapisserie- und Posamentierwaaren Beschäftigten hinzu, so 
dürfte die Zahl aller dieser mit 200 000 nicht zu hoch gegriffen sein. Nach 
der vorhergehenden Aufstellung würde sich eine Lohnauszahlung von 
116 000 000 Mark jährlich ergeben, die wohl auf 100 000 000 Mark herab 
gesetzt werden muss, da viele Tausende von Näherinnen nicht den hohen 
Durchschnittsverdienst fest eingestellter, geschickter Fabrikarbeiter erreichen. 
Der geschäftliche Charakter, der alle Bevölkerungsklassen der Stadt 
durchzieht, ist nicht im Stande, den Grossstadtgeist zu lähmen. Berlin war 
stets bestrebt, neben seinen materiellen Interessen sich die Eigenschaften 
einer bevorzugten Residenz- und Weltstadt zu wahren und sie mit denen 
einer rührigen Handels- und Fabrikstadt zu vereinigen. Die grossartigen 
Bauten, in denen seine Magazine untergebracht sind, gereichen den Pro 
menaden und Geschäftsstrassen zur Zierde. Das Hauptviertel der Damen- 
mäntel-Konfektion hat sich, seit es zu dieser Würde erhoben worden, un 
ausgesetzt verjüngt und erneuert. Kaum ein einziges Gebäude des Haus 
voigteiplatzes erinnert an jene Zeiten, in welchen die Feier des ersten Sedan 
tages begangen werden durfte. Die dort entstandenen Paläste, nach innen 
geräumig, bequem und frei von allem überflüssigen Tand, sind auch nach 
aussen nachahmungswürdige Muster eleganter, stilvoller Geschäftshäuser. 
Sie werden noch nach Jahrhunderten den Epigonen Kunde vom strebsamen 
Geist der Väter bringen. Gerade hier, wo die Konfektion seit einem halben 
Jahrhundert gewirkt, lässt sich die durch ihre Geschäftigkeit erreichte 
Steigerung des Bodenwerthes am leichtesten berechnen. Die Baustelle eines 
Grundstückes, welche sich vor 40 Jahren mit 40 000 Thalern hat erwerben 
lassen, repräsentirt heute die Summe von 1V 2 Millionen Mark. In allen 
anderen Theilen der Stadt sind pompöse Kaufhäuser entstanden, in welchen 
Zweige der Bekleidungsindustrie ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. 
Namentlich hat man die Spandauerstrasse in dieser Beziehung bevorzugt. 
Das jüngste Werk der Baukunst in der Rosenstrasse und Ecke der Kaiser 
Wilhelmstrasse darf seines Gleichen in Deutschland suchen. Die Front hat 
eine Länge von 200 Meter. Das Gebäude besteht aus Parterre und 4 Etagen 
mit 53 breiten erkerartig angelegten Fenstern. 24 Fahrstühle, und zwar 
8 für Personen und 16 für Lasten, mit elektrischem Betrieb versehen, sind 
vorhanden. Nicht minder bemerkenswerth ist der Gruppenbau Spindlers- 
hof, welcher, durch die Seydel- Grün- und Wallstrasse eingeschlossen, 
mehrere Dutzend grosser Betriebe aufgenommen hat. Ein anderes Sammel 
grundstück, auf welchem die Maschinen rasseln und die Schornsteine Rauch 
ausspeien, ist im Osten der Stadt der Andreashof. Derselbe birgt Färbereien, 
Wäsche-, Schuhw r aaren- und andere Fabriken, welche für ihren Betrieb 
stärkerer Kräfte als Menschenhände bedürfen. 
Die Vielseitigkeit der Produktion legt ein günstiges Zeugniss für die 
Geschicklichkeit der Arbeiter Berlins ab. Ohne dieselbe wäre es nicht 
erreichbar gewesen, so schnell nach allen Richtungen ausgerüstet und 
gewappnet den Weltmarkt zu betreten und siegreich den Wettkampf mit 
jenen Völkern aufzunehmen, welche im hundertjährigen Besitz des Terrains 
sich mit aller Macht gegen die Eindringlinge wehrten. 
Die statistischen Nachweise liefern präzise Auskunft über die gesammte 
Ausfuhr der deutschen, aber nicht über den Versand der Berliner Konfektion.
	        
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