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Textil- und Bekleidungs-Industrie Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Textil- und Bekleidungs-Industrie

Gruppe II. Bekleidungs-Industrie 
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Aber auch nach anderer Richtung hat Berlin vielfach fruchtbaren Samen 
ausgestreut, aus dem neue Blüthen auf dem Gebiete allgemeiner deutscher 
Werkthätigkeit entsprossen sind. Die hiesige Industrie hat der reichs 
ländischen nicht nur reiche Anregung für viele neue Stoffe, welche sonst 
vom Auslande bezogen werden konnten, sondern auch reiche Arbeit, 
lohnende Beschäftigung gegeben. Der Aufschwung, welchen manche 
andere Bezirke in den letzten Jahrzehnten genommen, ist auf die Verkaufs- 
thätigkeit, auf das energische Bemühen Berlins, den Weltmarkt zu gewinnen, 
zurückzuführen. Man wartete nicht allein geduldig auf das Erscheinen 
fremder Käufer, sondern suchte sich gänzlich (remde Gebiete zu eigen zu 
machen. Von hier gingen alsbald Pioniere nach allen Weltgegenden aus, 
um neue Verbindungen zu suchen. Sie trugen gleichzeitig die Muster aller 
anderen deutschen Betriebe mit sich hinaus. Jeder fertige Gegenstand legte 
Zeugniss von der Geschicklichkeit und dem Geschmack der deutschen 
Weberei', von der Farbenpracht, mit der man die Stoffe auszustatten 
wusste, von der Vielseitigkeit der Arbeiter ab. Die Reisenden brachten die 
wichtigsten Informationen über den Geschmack und die Mode der ent 
ferntesten Völker heim. Es gelangten aus ihren Berichten Mittheilungen 
zur öffentlichen Kenntniss, welche werthvolle Handhaben zur Begründung 
neuer Unternehmungen boten. 
Die sogenannten Entdeckungstouren, mit welcher kaufmännischen Be 
zeichnung man die ersten Versuchsreisen belegt, erforderten Klugheit, Aus 
dauer und hohe pekuniäre Opfer von Seiten des Handels und der Fabrikation. 
Der Wettbewerb mit den altbewährten und den Markt völlig beherrschenden 
Industrien Frankreichs und Englands machten schwere Kämpfe nöthig, 
welche Berlin zum Theil für ganz Deutschland auszufechten hatte. Schritt 
für Schritt musste der Besitztitel auf den ausländischen Handel fremden 
Rivalen abgerungen werden. In das eigene Lager führte man die Ge 
schosse. Wenn heute unsere deutschen seidenen, wollenen, baumwollenen 
Fabrikate, wenn Besatzartikel und Stickereien im Auslande geschätzt und 
gewürdigt werden, so kommt es daher, dass sie zuerst in Gestalt von 
Herren- und Damen-Garderobe, von Schürzen, Blousen, Herren- und Damen 
wäsche, Kravatten, Schirmen, Korsets, Uniformen Musterdienste geleistet 
haben. 
Die Berliner Konfektion machle die Grundstoffe, aus denen sie ihre 
fertigen Waaren herstellte, den fremden Völkern schmackhaft. Die Haupt 
stadt darf daher mit Befriedigung auf diesen Theil ihrer Arbeit, die sie im 
Interesse des geeinigten Vaterlandes geleistet, zurückblicken. 
Die seit den letzten 25 Jahren von S00 000 auf 1 700 000 vermehrte 
Einwohnerzahl entlehnt in nicht geringem Maasse ihr tägliches Brot dem 
Erwerb, mit dem die Bekleidungsbranche sie versorgt. Die Arbeiterzahl, 
welche die gesammte Konfektion beschäftigt, ist nicht mit Sicherheit 
festzustellen. Man wird jedoch nicht fehlgehen, wenn man sie auf mindestens 
200 000 männliche und weibliche Personen abschätzt. Die Höhe des jähr 
lichen Lohnverdienstes ergiebt sich aus der Thatsache, dass in den auf 
Grund des Unfallversicherungs - Gesetzes vom 6. Juli 1884 versicherungs 
pflichtigen circa 800 Betrieben der Berliner Bekleidungs-Industrie jährlich 
durchschnittlich 25 000 Personen beiderlei Geschlechts beschäftigt sind, 
welche insgesammt einen Jahreslohn von circa 14 500 000 Mark verdienen. 
Alle Betriebe, welche weniger als 10 Fabrikarbeiter beschäftigen, sind von 
der Anmeldepflicht befreit. Ferner fallen die Heimarbeiter, welche die Arbeit 
in ihrer eigenen Wohnung verrichten, nicht unter das Gesetz. Die weitaus 
grösste Ziffer entzieht sich daher der Feststellung. Man nimmt jedoch
	        
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