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Textil- und Bekleidungs-Industrie Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Textil- und Bekleidungs-Industrie

38 Spezial-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 189(5 
zurückwarfen, kam Berlin in hohem Maasse zu statten. Der Friedensschluss 
hatte einen neuen und allgemeinen Aufschwung der Geschäftsthätigkeit zur 
Folge. Es erwachte ein Unternehmungsgeist, der sich auf allen Gebieten 
gewinnversprechenden Erwerbs zu bethätigen suchte. Allen Industriezweigen 
wurden grössere Kapitalien zur Verfügung gestellt. Wenn nun auch manche 
grossartigen Ideen, welche dieser anregenden Periode entsprungen, nicht 
voll zur Ausführung gelangten, so bleibt doch genug bestehen, um erkennen 
zu können, dass die Berliner Industrie ihren Impuls dem Segensjahre 1871 
zu danken hat. 
Das Ausland, das Berlin nur als die Stätle, welche die kunstliebenden 
Hohenzollernfürsten zu ihrer Residenz erwählt, gekannt, wusste wenig von 
den Erzeugnissen seiner Industrie. Paris und London genossen das Monopol, 
die kauflustigen Fremden anzuziehen. Französische Mode war für alle 
Welt in solch hohem Grade massgebend, dass selbst das Inland deren 
Diktat als Gesetz aufnahm und die Waaren nicht nach ihrem Werth, 
sondern nach ihrem Ursprung beurtheilte und abschätzte. 
Nach den Ereignissen des Jahres 1871 änderte sich die Sachlage wie 
mit einem Schlage! Durch die uns zugeführten Milliarden der Kriegsent 
schädigung wurden Handel und Gewerbe in fruchtbare Bahnen geleitet. 
Es waren besonders diejenigen Abtheilungen der Berliner Industrie, 
die unter Gruppe II vereinigt den Besuchern der Ausstellung das Bild ihrer 
bisherigen Entwickelung darbieten, welche sich wohl mit zuerst der grossen 
Bedeutung ihrer neuen Stellung bewusst wurden. 
Einen indirekten, vortheilhaften Einfluss hatte der Krieg auf die in Berlin 
hergestellten Modeartikel der Textilbranche dadurch ausgeübt, dass Frank 
reich seine Produktion bereits 1870 einstellen musste. Diese Stockungen 
brachten den Berliner Fabriken viele Bestellungen vom Auslande ein und 
eröffneten neue Verbindungen, die früher trotz vielfacher Mühe nicht an 
geknüpft werden konnten. Paris blieb für mehrere Saisons unzugänglich. 
Die Käufer, welche dort früher ihre Neuheiten gesucht hatten, sahen sich 
veranlasst, das ihnen für Modesachen weniger bekannte Berlin aufzusuchen. 
Brasilien, Nordamerika, Südamerika, Kanada traten als Käufer auf und 
blieben dem deutschen Markte treu, selbst nachdem wieder geordnete Ver 
hältnisse in Frankreich Platz gegriffen. Diese Folgen des Krieges traten 
erst in späteren Jahren deutlich zu Tage. 
Berlin hat sich auf eine heimische Ausstellung beschränken müssen, 
aber dennoch findet der Gedanke der Reichseinheit in der Gruppe II da 
durch seinen vollinhaltlichen Ausdruck, dass in Wirklichkeit die Erzeugnisse 
des ganzen grossen Vaterlandes in den verschiedensten Gestaltungen zur 
Darstellung gebracht werden. Die Berliner Fabrikation giebt sich als Um 
bildnerin der Materialien, welche die Webstühle Alldeutschlands hervor 
bringen: weisse und bedruckte Stoffe aus den Reichslanden und Süd 
deutschland; Wollstoffe, Spitzen, Besätze aus Sachsen; Seidenwaaren vom 
Rhein, — alles ist durch die Handfertigkeit der Berliner Arbeitskräfte in ein 
fache und elegante Formen gegossen, die der geistigen Thätigkeit der Be 
triebsleiter ihren Ursprung verdanken. 
In diesem Sinne darf sich die Berliner Gewerbe-Ausstellung, soweit 
dieselbe in Gruppe II die sogenannte Konfektion umfasst, als ein Bild des 
Fortschritts der gesammten inländischen Textilindustrie hinstellen. Man 
wird aus ihrer Besichtigung den Eindruck gewinnen, dass der hiesige 
Fabrikant mit Vorliebe bemüht ist, deutschen Stoffen vor jeglichen fremden 
Materialien, wenn nur irgend möglich, bei der Herstellung seiner Fabrikate 
den Vorzug zu geben.
	        
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