Path:
Das Rathhaus

Full text: Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian

Das war ein peinliches Schlußkapitel zur Geschichte des Alt-Berliner Rath- 
hauses. Aber auch wenn man in die Jahrhunderte zurückgeht, findet man wenig 
Erfreuliches zu berichten. Berlin hat niemals ein Rathhaus besessen, aus welches 
die Bürgerschaft sich etwas Besonderes hätte einbilden können. Das sieht man 
ja auch auf der Ausstellung an dem zusammengewürfelten Komplex unschöner 
Baulichkeiten. Wie oft muß den Stadtvätern das Haus zu eng geworden sein! 
Da wurden denn die Schreibstuben hin- und hergeschoben, Fenster zugemauert, 
andere wieder nach Willkür herausgebrochen, Gebäudetheile angeflickt oder in 
Lücken eingeklemmt, da werden benachbarte Grundstücke angekauft, eines kleiner 
als das andere, die alte Wagebude bekommt ein Fachwerkgeschoß, damit man 
vom Hauptgebäude einen Gang zur Gerichtsschreiberei herstelle, dann wieder ver 
mauert man den Schöffenstuhl und so geht das fort und fort. Das alte Rath 
haus hat eine geradezu verzwickte Baugeschichte, die obenein noch durch die zahl 
reichen Stadtbrände, denen die Kirchen, die Bürgerhäuser und das Rathhaus zum- 
Dpfer gefallen, besonders komplizirt wird. Es ist aber kennzeichnend, daß der-5 
jenige Theil, welcher bis zuletzt allen Unbilden der Zeit getrotzt hat, die Gerichts-- 
laube, auch aus den Feuersbrünsten immer unberührt hervorgegangen ist, und zwar j 
dank ihrer bombenfesten Struktur. So haben wir denn in dem alten Schöffen- 
stuhl den ältesten Bestandtheil des Rathhauses zu verehren. So hartnäckig wie : 
die alten Berliner immer auf ihr Recht gepocht, ebenso trotzig hat sich auch das u 
Gerichtshaus gegen den Untergang gewehrt, die Reu-Berliner haben ihm ein j 
schweres Unrecht abzubitten, wozu sich in diesem Sommer die beste Gelegenheit j 
bietet. Betrachten wir nun das Rathhaus, so wie es jetzt dasteht, als eine ge- n 
gebene Thatsache, hernach wollen wir an der Hand der Laugeschichte das viel- 
verfchlungenc Chaos der Einzelformen zu entwirren versuchen. 
Auf den ersten Blick von der Spandauer Straße her sind an dem Rath- 
hause vier Haupttheile zu erkennen. Der Thurm, ein Einschiebsel, ein Vorbau 
und in der Rücklage das Hauptgebäude. Ebenso wie das neue ist auch das alte 
Rathhaus ein Ziegelrohbau. Doch weiter will ich den Vergleich nicht führen. 
Alt-Berlin besaß noch keine städtische Kunst-Kommission. Und doch nimmt es 
Wunder, daß auch nicht ein einziges Schmuckstück an dem alten Hause zu ent 
decken ist. Man mochte sich wohl sagen: Warum unser schönes Geld ver 
schwenden? Es brennt doch bald wieder. Wit der kahlen, verwitterten Giebel 
wand strebt der Haupttheil des Rathhauses hoch über die benachbarten Gebäude 
empor, von der Vorderfront tritt nur ein schmaler Streifen zu Tage, das kleine 
Spitzbogenfenster sagt uns, daß wir es hier mit einem sehr alten Bruchstück des 
Hauses zu thun haben. Der zweistöckige Vorbau ist kurz und von geringer 
Tiefe, er hat seinen besonderen Schornstein in der gemeinsamen Dachfläche erhalten 
und das gerade macht ihn als Anhängsel erkenntlich. An der Schmalfront lockt
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.