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Zur Geschichte der Berliner Festungswerke

Full text: Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian

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Prenzlauer, Ncu-Brandcnburger an ihren Thoren zu stehen harten, hätten sie sich 
auch leisten können. Aber sie wollten nicht. Die allsächstschetzalsstörrigkeit, ein gewisser 
verbissener Trotz kommt zwei Jahrhunderte lang gerade in der Behandlung der 
Festungswerke zum Ausdruck Als der zweite Hohenzoller die Stadt ihrer ^frei- 
heilen beraubte, durchschnitt er zugleich den Lebensnerv der Entwicklung. Ts ist 
auffallend, wie nun plötzlich das Interesse für die Stadtumwallung erlahmte. Aus 
freiem Antriebe legte die Bürgerschaft nun nicht weiter Hand an die Aufbesserung 
oder gar Verschönerung der Befestigungsanlagen, galt es doch nicht mehr, werth 
volle Sonderrechte zu vertheidigen, gegen wen es auch fei. Tine merkwürdige 
Indolenz griss allmälig in diesem Punkte Platz. Die ohnehin schon salopp gebauten 
Mauern gcricthen, weil Niemand willig nachbesserte, allmälig in eine traurige 
Verfassung, so daß die Stadt stellenweise geradezu schutzlos dalag. Alle Tdlkte 
der Kurjürsten scheiterten an dem passiven Widerstande oder, berlinisch gesagt, an 
der „Dickfelligkeit" der Bürger. So ging das ein Jahrhundert lang, auch die 
Noth des Dreißigjährigen Krieges vermochte nichts weiter auszurichten, als daß 
ein paar Schanzen aufgeworfen wurden. 
Da eines Tages geschah doch Etwas. Als im Jahre 1634 die Kaiserlichen 
unter Oberst Winß sengend und plündernd bis vor die Thore Berlins gedrungen 
waren, rassle sich der Magistrat zu einer nennenswerthen Befestigungsarbcit auf. 
Aber das hatte wieder einen besonderen Grund. Im 16. Jahrhundert hatte der 
Magistrat unter Ausnützung der Wasserkraft des Stadtgrabens eine Reihe 
industrieller Ttablissemcnts vor dem Spandaucr Thor angelegt, und zwar einen 
Kupferhammer, Färbekessel, eine Gelmühle, eine Schmerhütte, ferner eine Kalk 
scheune mit Ziegelei, eine Walk- und Schneidemühle. Mit großem Eifer ging man 
nach dem Abzug der Kaiserlichen an den Bastionenbau niederländischer Art. In 
jener Zeit wird öfters ein Ingenieur h^dde hörenkcn genannt, möglich, daß dieser 
die Arbeiten geleitet hat. Bald waren denn auch zwei kunstgerechte Bollwerke 
mit Bastionen und einer dem Stadtgraben parallel laufenden Eourtine fertig ge 
stellt und sofort wurden die zur Vertheidigung erforderlichen Geschütze aufgefahren, 
plötzlich aber stellle der Rath, der die Kosten zu tragen hatte, die Arbeit ein und 
verfiel wieder in die hergebrachte Lethargie. Da stellte sich heraus, daß der Be- 
fcstlgungseifer der Stadtväter gerade so weit reichte, als eigene Interessen zu wahren 
gewesen. Die städtischen Werke hatte man vortrcsslich eingeschanzt, für das Uebrige 
mochte der liebe Gott oder der Kurfürst sorgen. 
Der Kurfürst hat nun allerdings dafür gesorgt, 26 Jahre später, aber in 
einer Weise, die den Stadtvätern und Bürgern über die Maßen hart ankam. 
Im Jahre 1668 begann der Große Kurfürst das gewaltige Werk der Befestigung 
Berlins nach neuerem holländischen System. Der Nebenarm der Spree in Cölln 
wurde regulirt, die Sümpfe entwässert und auf diesem Terrain entstand der neue
        
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