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Das Georgen-Thor

Full text: Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian

zwar dicht unter dem Dachfirst; an der entgegengesetzten Seite, die im Obergeschoß 
zwei ansehnliche Fenster aufzuweisen hat, ist an der Außenwand der Schornstein 
wie ein Erker emporgemauert, er wächst auf stufenförmigem Konsol aus dem 
ersten Geschoß heraus, was sich recht schnurrig ausnimmt. Aber die Insassen des 
Thorlhurms werden sich trotz der schönen Feuervorrichtung lediglich mit kalter 
Küche begnügen müssen. Denn einem Klapperstorch hat es gefallen, gerade 
auf der Schornsteinspitze sein Reisig-Rest anzulegen. Brütet also die Störchin, 
so verqualmt der Thorköchin wegen der Verstopfung des Abzugkanals die Kücbe, 
oder aber man würde den Frevel begehen, einen Storch bei lebendigem Ccibe zu 
braten, wie mir erzählt ist, gedenkt man Freund Langbein nicht auszuräuchern. 
Die an das Thor anstoßende Stadtmauer hat einen anmulhig gewundenen Lauf, 
nächst dem Thor ist sie völlig in Backstein aufgeführt, was auf eine spätere 
Erneuerung schließen läßt, weiterhin aber kommt der normale Feldsteinsockel zu 
seinem Recht. Derbe Strebepfeiler sind an den Biegungen der Mauer errichtet, 
eine erhöhte und auf Konsolen herausgekragte Brustwehr mit Zinnenkranz gewährt 
den Vertheidigern einen sicheren Schutz; auch eine halbkreisförmige Weiche, dann 
ein verdeckter, aufsteigender Wehrgang mit kleinen Scharten giebt dem Beschauer 
eine Vorstellung, wie das mittelalterliche Berlin eingehegt war. 
Beim Eintritt in das Thor fällt es sofort auf, daß die Durchfahrt nicht 
überwölbt, sondern flach eingedeckt ist. Das Mauerwerk besitzt hier eine Stärke 
von WS cm. Rechts und links sind im Thurmkörper zwei Gelasse angelegt, in 
welchen offenbar die Thorbeamten ihr Tagewerk zu verrichten hatten, bis die 
unter einem kleinen Schutzdach aufgehängte Glocke Feierabend und Thoresschluß 
einläutete. Gleich hinter dem äußeren Thorbogen wird in der Decke der Durch 
fahrt eine schniale Spalte bemerkbar, aus welcher eine unheimliche Reihe von 
Eifenspitzen herniederstarrt. Ein Druck des Thorwächters, und mit tosendem 
Rasseln saust ein Gitterwerk, das sogenannte Fallgatter, hernieder. Die Fall- 
gatter wurden in der Regel im Zusammenhang mit den Zugbrücken angelegt, 
wenn man glaubte, einem Kommenden Einlaß in das Thor gewähren zu sollen, 
so ließ man vorerst die Zugbrücke herab und hatte nun Muße, den Fremdling 
auf sein mehr oder minder Vertrauen erweckendes Aeußere hin durch das Gatter 
hindurch zu beaugenscheinigen. In Fällen plötzlicher Eingriffe auf das offene 
Thor hakte man immer zuerst das Fallgatter los und ging dann erst an das 
mühsame Werk des Aufziehens der Zugbrücke. 
Die der Stadt zugekehrte Thorfront macht ein etwas freundlicheres Gesicht 
als die Außenseite. Der Facade fehlt es nicht an einer gewissen künstlerischen 
Ausschmückung. Oberhalb des Thorbogens treten wieder die beiden geneigten 
Schilde auf. Ein zierlicher Dreipaß-Fries zieht sich unter der Oberkante des in 
die Front eingelassenen Mitteltheils hin. Im ersten Geschoß sind drei Stichbogen-
        
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