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Am Spandauer Thor

Full text : Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian (Public Domain)

Luft  ist  sehr  trocken  und  zur  Mumienbildung  vortrefflich  geeignet.  Erstaunlich
aber  ist  die  Sorgfalt,  mit  der  man  die  inneren  Thurmkcgel  ausgemauert  hat,  das
blendend  rothe  Lacksteingemäuer  ist  noch  heute,  nach  500  Jahren,  frisch  und  herrlich
wie  am  ersten  Tag.
Die  Stockwerke  am  Spandauer  Thorthurm  sind  am  Aeußeren  nicht  ohne
weiteres  durch  Fenster  oder  Gesimse  erkenntlich  gemacht.  Bis  dicht  an  den  unteren
Erker  hat  man  sich  bis  vor  dem  Durchbruch  ins  Erdgeschoß  das  fensterlose  Verließ
vorzustellen.  Eine  Leiter  führt  zu  dem  Hauptumgang  empor,  der  architektonisch
reichlich  bedacht  ist.  Der  mächtige  Zinnenkranz  verbürgte  den  Vertheidigern  auf
dem  Umgang  beim  Schießen  die  nöthige  Deckung,  die  Armbrust  oder  die  Donnerbüchse ­
  wurde  in  den  Ausschnitt  gelegt  und  der  Kopf  lehnte  sich  an  die  danebenliegende ­
  Zinne.  Das  Hauptgesims  des  Unterbaus  ist  ferner  noch  durch  einen  einfachen ­
  aber  stattlichen  Arkadenfries  mit  rundgeschloffencn  Bögen  verziert.  Der
Thurmaufsatz  besitzt  nach  allen  Seiten  hin  kleine  Ausgucköffnungen  und  hat  rings
um  die  kegelförmig  zuspitzte  Bekrönung  gleichfalls  einen  kleinen  Umgang  aufzuweisen, ­
  wo  sich  die  Wächter  bei  Winterszeit  warm  laufen  konnten  und  einen
freien  Ausblick  in  die  landschaftliche  Schönheit  des  waldreichen  Spreegaus
hatten.
Zwei  kastenförmige,  am  unteren  Theil  rund  ausgeschnittene  Ausladungen
am  Spandauer  Thorthurm  mögen  manchem  Beschauer  als  höchst  räthfelhafte
Zierrathe  erscheinen.  Schaut  man  diese  an  mittelalterlichen  Bauwerken  noch  mehrfach ­
  in  der  Mark  erhaltenen  höchst  soliden  Vorrichtungen  näher  an,  so  entdeckt
man  eine  horizontal  gelagerte  runde  Gcssnung,  die  der  freien  Luft  ausgesetzt  ist,
und  zwar  ist  damit  immer  eine  mehr  oder  weniger  bequeme  Sitzgelegenheit  verbunden. ­
  Da  wird  denn  ohne  weiteres  klar,  daß  diese  Erker  des  Leibes  Uothdurft
in  ebenso  naiver  wie  zweckmäßiger  weise  dienten.  Natürlich  sind  sie  immer  der
Stadt  abgekehrt  und  oberhalb  von  Stellen  hinausgebaut,  wo  nur  ein  geringer  Verkehr
  vorübcrführte;  die  auffällige  Gestalt  der  Erker  signalisirte  den  etwa  Passirenden,
daß  er  hier  sorgsam  des  Weges  achte.  Es  lag  der  Denkungsart  des  Mittelalters
fern,  derartige  Einrichtungen  an  den  Hinterfayaden  zu  cachiren.  So  hat  der
moderne  Architekt,  um  auch  in  Kleinigkeiten  ein  getreues  Bild  der  Vergangenheit
zu  liefern,  nicht  Unterlasten  dürfen,  einen  solchen  Bequcmlichkeits-Erker  auch  an
der  Hinterseite  des  Heiligengeist-Hospiials  zur  Darstellung  zu  bringen.  Hier  kann
die  Einrichtung  ganz  genau  studirl  werden.  Am  Thurm  hat  Hoffacker  die  Geffnungen
  zumauern  lassen,  um  zu  zeigen,  daß  im  17.  Jahrhundert  in  dieser  Hinsicht
die  Anschauungen  schon  civilistrter  geworden  sind.
Durch  ein  Spitzbogenportal,  das  zwischen  das  Thorhaus  und  das  Hospital
eingeklemmt  ist,  gelangen  wir  nun  zu  einem  sehr  interessanten  Theil  der  Befestigung,
zum  Zwinger.  Hier  erblicken  wir  eine  doppelte  Stadtmauer,  die  mit  allen  Er-
            
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