Luft ist sehr trocken und zur Mumienbildung vortrefflich geeignet. Erstaunlich
aber ist die Sorgfalt, mit der man die inneren Thurmkcgel ausgemauert hat, das
blendend rothe Lacksteingemäuer ist noch heute, nach 500 Jahren, frisch und herrlich
wie am ersten Tag.
Die Stockwerke am Spandauer Thorthurm sind am Aeußeren nicht ohne
weiteres durch Fenster oder Gesimse erkenntlich gemacht. Bis dicht an den unteren
Erker hat man sich bis vor dem Durchbruch ins Erdgeschoß das fensterlose Verließ
vorzustellen. Eine Leiter führt zu dem Hauptumgang empor, der architektonisch
reichlich bedacht ist. Der mächtige Zinnenkranz verbürgte den Vertheidigern auf
dem Umgang beim Schießen die nöthige Deckung, die Armbrust oder die Donnerbüchse
wurde in den Ausschnitt gelegt und der Kopf lehnte sich an die danebenliegende
Zinne. Das Hauptgesims des Unterbaus ist ferner noch durch einen einfachen
aber stattlichen Arkadenfries mit rundgeschloffencn Bögen verziert. Der
Thurmaufsatz besitzt nach allen Seiten hin kleine Ausgucköffnungen und hat rings
um die kegelförmig zuspitzte Bekrönung gleichfalls einen kleinen Umgang aufzuweisen,
wo sich die Wächter bei Winterszeit warm laufen konnten und einen
freien Ausblick in die landschaftliche Schönheit des waldreichen Spreegaus
hatten.
Zwei kastenförmige, am unteren Theil rund ausgeschnittene Ausladungen
am Spandauer Thorthurm mögen manchem Beschauer als höchst räthfelhafte
Zierrathe erscheinen. Schaut man diese an mittelalterlichen Bauwerken noch mehrfach
in der Mark erhaltenen höchst soliden Vorrichtungen näher an, so entdeckt
man eine horizontal gelagerte runde Gcssnung, die der freien Luft ausgesetzt ist,
und zwar ist damit immer eine mehr oder weniger bequeme Sitzgelegenheit verbunden.
Da wird denn ohne weiteres klar, daß diese Erker des Leibes Uothdurft
in ebenso naiver wie zweckmäßiger weise dienten. Natürlich sind sie immer der
Stadt abgekehrt und oberhalb von Stellen hinausgebaut, wo nur ein geringer Verkehr
vorübcrführte; die auffällige Gestalt der Erker signalisirte den etwa Passirenden,
daß er hier sorgsam des Weges achte. Es lag der Denkungsart des Mittelalters
fern, derartige Einrichtungen an den Hinterfayaden zu cachiren. So hat der
moderne Architekt, um auch in Kleinigkeiten ein getreues Bild der Vergangenheit
zu liefern, nicht Unterlasten dürfen, einen solchen Bequcmlichkeits-Erker auch an
der Hinterseite des Heiligengeist-Hospiials zur Darstellung zu bringen. Hier kann
die Einrichtung ganz genau studirl werden. Am Thurm hat Hoffacker die Geffnungen
zumauern lassen, um zu zeigen, daß im 17. Jahrhundert in dieser Hinsicht
die Anschauungen schon civilistrter geworden sind.
Durch ein Spitzbogenportal, das zwischen das Thorhaus und das Hospital
eingeklemmt ist, gelangen wir nun zu einem sehr interessanten Theil der Befestigung,
zum Zwinger. Hier erblicken wir eine doppelte Stadtmauer, die mit allen Er-