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Georgen-Straße

Full text: Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian

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niß, das er nicht im ersten Anlauf glänzend nahm» aber vor der Unreinlichkeit 
in den Berliner Straßen hat er nach einem länger als 40 Jahre währenden 
Kriege die Massen strecken müssen. Hier handelte es sich um eine absolut unaus 
rottbare Eigenschaft des alten Berlin. Nach heutigen Begriffen müssen sich die 
Straßen in der Vorzeit in einem geradezu fürchterlichen Zustand befunden haben, 
von einem ordnungsgemäßenStraßenpflastcr konnte bis ins 17.Jahrhundert keine Rede 
fein. Gewiß waren einige der Hauptstraßen gepflastert. Aber wie! Brauchte 
einmal ein Bürger zum Sockelbau seines Hauses einige Feldsteine, so entnahm er 
sie ohne langes Besinnen dem Straßenpflaster. Die Lücke wurde dann wohl 
durch Hauskehricht gefüllt. Regnete es, so weichte der Unrath auf und der 
Passant gerieth bis über die Knöchel in den „Modder". Das Fegen der Rinn 
steine wurde nur dann besorgt, wenn es bei eingetretenen Obstruktionen unum 
gänglich nöthig wurde. Geld für die Straßenpflasterung in den Stadthaushalt 
einzusetzen, widerstrebte dem Rath. Er half sich hin und wieder auf eigenthümliche 
Weife. Einmal hatte ein Bürger eine gotteslästerliche Aeußerung gethan, er 
mußte flugs die gebührende Strafe zahlen. Und von diesem Gelde wurde der 
Neue Markt gepflastert. Im Jahre 1671, als der Schmutz in den Straßen wieder 
enorme Dimensionen angenommen hatte, verordnete der Große Kurfürst, daß jeder 
Bauer, der mit einem leeren Wagen die Stadt verließ, eine Fuhre Koth mit vor 
dre Thore hinausbefördern mußte. Die Thorwachen ließen Niemand pafsiren, der 
nicht seinen Wagen bis zum Ueberlaufen vollgepackt hatte. Dann kam es auch 
vor, daß Bauern, die ohne Fracht zur Stadt kamen, einen Haufen Feldsteine 
abliefern mußten. Im Hohen Steinweg soll sich ein Abladeplatz für derartig ge 
wonnenes Pflastermaterial befunden haben. In früheren Zeiten war der Büttel 
damit beauftragt, die Straßen zu säubern. Er erhob jährlich von jedem Hause 
einen Pfennig und von jeder Bude die Hälfte, d. h. einen Scherf. Im Uebrigen 
aber wird er seine anderen sehr ausgedehnten Amtsgeschäfte vorgeschützt haben, 
wenn der Straßenkoth Jahre lang blieb, wo er war. - Ja, es war sogar nöthig, 
daß eine besondere gesetzliche Bestimmung an den Kuhhirten wegen Wegräumung 
des auf der Straße verendeten Viehs erlassen werden mußte. „Duk fhal dy 
Kuherde dat Haz fiepen von den straten." Der Große Kurfürst hielt feine 
Berlinische Brunnen- und Gassenordnung vom 14. August 1660 in einer sehr 
scharfen Tonart. So heißt es darin: „Wer Bäume und Weinstöcke auf der 
Straße beschädigt, dem soll, Andern zum Abscheu, die Hand abgehauen werden." 
Sechszehn Jahre später erscheint endlich eine Straßenreinigungs-Eompagnie, die 
Gasscnmeistern unterstellt war. Die Leute fuhren mit Millkarren in den Straßen 
umher und klingelten vor jedem Haufe, das war ein Zeichen dafür, daß die 
Bewohner mit ihrem Kehricht erscheinen sollten, ferner mußte Jeder vor seiner Thür 
gefegt haben. War das nicht geschehen, so fegte der Gassenmeister, aber dann
        
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