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Spandauer Straße

Full text: Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian

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Renaissance-Voluten geschweift. Das Haus besitzt einen besonderen Anbau aus 
cvklopischem Machwerk und an der Giebelseite ist in den eigenthümlichen Häuser 
winkel ein halbrundes Treppenhaus hineingcbaut, eine schmale Wendeltreppe führt 
zu dem Obergeschoß empor. Aber wie klein und eng bedünk'en uns die Zimnier, 
mit der emporgestreckten Hand berührt man bequem die Decke, und das will ein 
Patrizierhaus sein! Allerdings. Das war Alt-Berliner Brauch. Hätte der 
Architekt es anders gemacht, man müßte ihn eines schweren Fehlers zeihen. So 
eng beschränkt der geistige Horizont der Alt-Berliner, so klein ihre Stadt und so 
engherzig ihre Kirchthurmpolitik, so winzig und niedrig waren auch die Stuben 
in ihren Wohnhäusern. 
An der westlichen Seite der Spandauer Straße nimmt gleich das erste 
Haus (Rr. 59a) unsere Aufmerksamkeit ganz hervorragend in Anspruch, hier 
haben wir es mit einem geradezu idealen Fachwerkbau zu thun. Cs haben 
sicherlich gut situirte Leute darin gewohnt. Die Zimmermannsarbeit ist prima 
(Qualität, die Zeit hat die Balken dunkel gebeizt. Das Obergeschoß ist malerisch 
vorgeschoben, ebenso das Dach, schräge Stützbalken beleben die Front. Das Dach 
am Giebel ragt weit in die Heiligegeist-Gasse vor, in einem kühnen Spitzbogen 
schwingt sich das Balkenwerk zum First empor. Auf eine besondere gewerbliche 
Thätigkeit ist das Haus Rr. 58 eingerichtet. Der Keller ist bis in das Unter 
geschoß hineingeführt, ein kastenförmiger Ausbau an der Straße niit zwei Klappen 
findet sich öfters, wo ein Weinhändler seine Schätze aufgestapelt hat. An 
der linken Seite springt ein Giebeltheil weit vor und ruht auf kunstvoll behauenen 
Holzfäulen. Daneben begegnen wir dem ersten Barockhause, das als solches auf 
den ersten Blick durch das Mansardendach gekennzeichnet wird. Im Mittelalter 
und im 16. Jahrhundert kannte man noch keine gebrochenen Dachflächen. Ferner 
ist dieser Stilart eine nüchterne Umrahmung der Fenster zu eigen und durchweg 
verputzte man die Fronten, die dadurch ein kaltes und langweiliges Gepräge 
erhielten. Jenseits der Bolings-Gasse steht ebenfalls ein Barockhaus, offenbar der 
Sitz jener Familie, von welcher die Gasse den Rainen erhalten hat. Das Haus 
besteht aus zwei Flügeln, an der Gasse ist eine auf Steinpfeilern ruhende Laube 
angelegt und die Schiebefenster lassen darauf schließen, daß die Bewohner einen 
rührigen Handel betrieben haben. Das Haus Rr. 35, das im Charakter der 
Frührenaissance gehalten ist, hat augenscheinlich einem Gastwirth gehört. Die 
Trinkstube ist für Alt-Berliner Verhältnisse sehr geräumig. Und es läßt sich 
denken, daß der Wirth sich eines lebhaften Zuspruchs zu erfreuen gehabt hat, 
gegenüber lag das Rathhaus und forderte zum politisiren heraus, sobald der 
hochweise Rath sich wieder einmal mit einem geharnischten Mandat der Bürger 
schaft bemerkbar gemacht hatte.
        
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