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Full text: Berlin im Wandel / Müller, Christine

2030 um 1650 Berlin im Wandel Menschen verändern ihre Stadt IMPRESSUM Berlin im Wandel – Menschen verändern ihre Stadt Konzeption und Text: Christine Müller (www.cmuellerberlin.de) Die Gesprächsprotokolle verfasste die Autorin nach Interviews mit Dr. Mazda Adli, Raúl Aguayo-Krauthausen, Prof. Jutta Allmendinger, Nushin Atmaca, Prof. Ingo Juchler, Marco M. Müller und zwei Vertreterinnen der Stadtteilmütter. Im Text wird der Gender-Stern* verwendet, um alle Geschlechterformen zu benennen. Bei Aufzählungen und Komposita sowie bei den Gesprächsprotokollen wurde zuweilen aus Stilgründen darauf verzichtet. Mitarbeit: Elisabeth Dobbler, Malissa Landsberg Gestaltung: HEILMEYERUNDSERNAU GESTALTUNG, Berlin Projektleitung: Anja Witzel Druck: Prototyp © Berliner Landeszentrale für politische Bildung, 2018 www.berlin.de/politische-bildung Berliner Landeszentrale für politische Bildung Hardenbergstraße 22–24 · 10623 Berlin www.berlin.de/politische-bildung Öffnungszeiten: Mo, Mi, Do, Fr 10–18 Uhr Die Ausstellung »Berlin im Wandel« ist jederzeit auf dem Außengelände zugänglich. Inhalt INHALT Impressum 2 Vorwort 4 Bevölkerung Wenn in Berlin 100 Personen leben würden, dann wären... 6 Bevölkerungsentwicklung Wie ist die Stadt seit ihrer Gründung gewachsen? 10 »Geschichte wird von Menschen gemacht« Politikwissenschaftler Prof. Ingo Juchler 14 Wie erinnern wir uns? Straßenschilder als Hinweise auf unsere Erinnerungskultur 22 »Eine Umverteilung von Arbeit ist notwendig« Soziologin Prof. Jutta Allmendinger 26 Orte der Vielfalt Welche Orte und Menschen stehen für die Vielfalt der Geschlechter? 30 »Wir versuchen, die Potenziale aller Schüler*innen zu fördern« Schulleiter Robert Giese 34 »Integration ist nicht nur einseitig« Stadtteilmütter Christina B. und Ikbal A. 38 »Religion ist ein Motor für die Gesellschaft« Islamwissenschaftlerin Nushin Atmaca 42 »Wir konnten die Gentrifizierung natürlich nicht verhindern« Aktivist Marco M. Müller 46 »Beteiligt zu sein ist gut für die Gesundheit« Mediziner Dr. Mazda Adli 50 Mobilität Wie verändert sich das Verkehrsaufkommen in einer wachsenden Stadt? 54 »Die Ausgrenzung beginnt bereits im Kindergarten« Aktivist Raúl Aguayo-Krauthausen 58 Wie kann ich meine Stadt mitgestalten? Unterschiedliche Formen der politischen Beteiligung 62 Quellenangaben 66 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 3 Vorwort BERLIN IM WANDEL – MENSCHEN VERÄNDERN IHRE STADT Jede Berlinerin und jeder Berliner erlebt, dass sich das Leben in Berlin stetig verändert. Die Entwicklungsprozesse unserer Zeit schlagen sich im Großstadtalltag nieder. Arbeit, Wohnen, Gesundheit und Mobilität – fast nichts ist noch so, wie es die Generation unserer Großeltern erlebt hat. Die Nachbarschaft wird vielfältiger, öffentliche Verkehrsmittel voller, das Leben schneller – viele Herausforderungen erfordern Antworten. In den Medien lesen wir über unsere Stadt Dinge wie: »Über 50% Single-Haushalte in Berlin« oder »Immer mehr Viertklässler können nicht richtig lesen«. Gerne klagt man über alles, was vermeintlich schlechter wird. Rege Bauaktivitäten, aber auch der Abbau von Barrieren für Menschen mit Behinderung verändern das Stadtbild. Und dazwischen gibt es immer wieder staunende Aha-Effekte: »Ach, so lösen die das?« »So war das also früher!« »So etwas gibt es hier?« 4 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt In der Ausstellung »Berlin im Wandel – Menschen verändern ihre Stadt«, die diesem Buch zu Grunde liegt, hat die Berliner Landeszentrale für politische Bildung verschiedene Aspekte des Wandels in Berlin beleuchtet. Interessiert hat uns vor allem, wie der Wandel durch Menschen aus der Zivilgesellschaft beeinflusst wird. Ob willentlich oder unbeabsichtigt, ob ganz plötzlich, strategisch gesteuert oder in kaum merklichen Prozessen: Wer steckt hinter dem Wandel? Wann ist die Zeit reif für Impulse, um den Wandel bewusst zu gestalten? Wer sehnt den Wandel herbei, wer mischt sich ein, treibt ihn aktiv voran? Wer will hingegen den Wandel abmildern, bremsen oder ganz verhindern? Es ist spannend, bewusst wahrzunehmen, was sich in Berlin verändert und warum. Spannend ist auch, darüber nachzudenken, was man selbst gerne verändern würde. Und manchmal ist es gar nicht so schwer, sich einzumischen. Andere wollen es vielleicht auch. Es kann beflügeln, zum Wandel beizutragen! Dieses Buch möchte dazu einladen, es auszuprobieren. Vorwort Beim Erarbeiten von „Berlin im Wandel“ waren uns folgende Punkte wichtig: 1.  deren eröffnen sich neue Handlungsoptionen und die Einzelpersonen werden in der Gemeinschaft gestärkt (»empowert«). - 2. Verorte dich. Was kennzeichnet deine eigene Lebenslage in der Gesellschaft? Welches Anliegen ist dir wichtig? Welche Entwicklung wäre für dich persönlich gut? Bist du – im Verhältnis zu deiner Umgebung – eher privilegiert oder nicht? Welche Möglichkeiten stehen dir offen, welche sind dir verschlossen und warum? Um dies herauszufinden, braucht es Gelegenheit zur Reflexion, aber auch Überblickswissen über gesellschaftliche Realitäten. Beides kann politische Bildung bieten. 3. Suche Verbündete. Wem geht es so wie dir? Befasst du dich als einzige*r mit einem Thema, oder ist es Ausdruck einer Entwicklung, die auch andere betrifft? Mit wem könntest du dich zusammentun? Politische Bildung kann dazu beitragen, individuelle Anliegen und biografische Situationen in einen größeren sozialen und politischen Kontext einzuordnen. Gemeinsam mit an- 4. Lerne Wege zur Veränderung kennen. Welche Wege und Strategien gibt es, um Veränderungen voranzubringen? Wie kannst du selbst darin vorkommen? Was haben andere Menschen getan, um ihre Ideen zu »pushen«? Um Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, ist es wichtig, Zusammenhänge zu verstehen. Doch noch besser sind konkrete, persönliche Beispiele des Engagements. Deshalb haben wir für »Berlin im Wandel« mit unterschiedlichen Menschen über ihre Erfahrungen gesprochen. Sie alle sind – mit der politischen Bildung gesprochen – durch ihr Handeln vom »Objekt« zum »politischen Subjekt« geworden. 5. Lass dich nicht entmutigen. Die Beispiele in »Berlin im Wandel« zeigen: es macht einen Unterschied, ob du dich einmischst oder nicht. Kleine Schritte zu gehen ist besser, als keine Schritte zu gehen – schon allein, weil damit eine Veränderung bei dir selbst beginnt. Widerstände und Rückschläge gehören dazu. Nicht immer führt der direkte Weg zum Ziel. Es braucht in der Demokratie Kompromisse und einen langen Atem. Wer die Erfahrung macht, in der Gesellschaft wirksam zu sein, kann davon wahrlich beflügelt sein. Davon sollten wir uns mehr erzählen. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 5 Bevölkerung BEVÖLKERUNG In Berlin leben rund 3,7 Millionen Menschen – eine Zahl, die man sich schwer vorstellen kann. Wenn wir die Einwohnerzahl auf 100 Personen herunterrechnen, setzt sich die Bevölkerung folgendermaßen zusammen: 6 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Bevölkerung 7 8 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Bevölkerung Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 9 Bevölkerungsentwicklung BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG Eine Stadt wird von ihren Bewohner*innen geprägt. In Berlin waren das immer auch Menschen, die aus anderen Städten, Regionen und Ländern kamen. Wie ist die Stadt seit ihrer Gründung gewachsen? Von 12.000 Einwohner*innen sinkt Gründung Berlins aus den Siedlungen Cölln und Berlin, ca. 4.000 Einwohner*innen Der Memhardt-Plan, Bau- und Stadtplan für Berlin-Cölln, 1652 © Zentral- und Landesbibliothek Berlin / wikipedia gemeinfrei 10 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt die Zahl in Folge des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) auf 7.000. Preußische Könige und brandenburgische Kurfürsten versuchen Handwerker aus dem Ausland anzulocken. So soll das wirtschaftliche Wachstum wieder angekurbelt werden. Dafür werden den Einwandernden Steuererleichterungen und Vergünstigungen versprochen. Es siedeln sich vor allem Fries*innen und Holländer*innen an. Bevölkerungsentwicklung 1895 hat Berlin 1,7 Millionen Einwohner*innen, der Ausländeranteil liegt bei 1,6 Prozent. Der Großteil stammt aus Österreich-Ungarn (13.000 Menschen) und Russland (4.000 Menschen). Das »Groß-Berlin-Gesetz« führt zu einer Einheitsgemeinde Groß-Berlin. Damit verdoppelt sich die Einwohnerzahl auf 3,9 Millionen. Berlin ist damit die größte Industriestadt in Europa und die drittgrößte Stadt der Welt. Ihre Fläche vergrößert sich von 67 km² auf etwa 870 km². 3.500.000 Berlin wird Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs. Durch Zuwanderung von Menschen aus dem Umland und aus anderen Provinzen steigt die Einwohnerzahl auf 825.000. 3.000.000 2.500.000 Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg erlässt Religionsedikte. Glaubensflüchtlinge aus unterschiedlichen Teilen Europas wandern ein. Zu ihnen gehören 6.000 Protestanten aus Frankreich. Sie werden Hugenotten genannt und tragen viel zum wirtschaftlichen Wachstum von Berlin bei. Am Ende des Jahrhunderts macht ihr Bevölkerungsanteil 25 Prozent aus. Lutherisch-Reformierte Kirche in der Dorothéenstadt (erb. 1687), Neue Kirchstr. © Johann David Schleuen / Zentral- und Landesbibliothek Berlin / wikipedia gemeinfrei Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 11 Bevölkerungsentwicklung Teilung der Stadt in Ost- und West-Berlin Ost-Berlin wird zur Hauptstadt der DDR erklärt. Sie hat rund 1,2 Millionen Einwohner*innen. Bis zum Mauerbau 1961 ziehen rund 30.000 Menschen jährlich von Ost-Berlin nach Westen. 1961 leben noch 1,05 Millionen in Ost-Berlin. Nach dem Mauerbau steigt die Bevölkerungszahl bis 1989 auf 1,29 Millionen an. Der Ausländeranteil liegt 1989 bei 1,6 Prozent. 1933 leben160.000 Menschen jüdischen Glaubens in Berlin, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind es nur noch wenige hundert. Rund 90.000 von ihnen gelingt die Flucht vor den Nazis ins Ausland, der Großteil der anderen wird in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges steigt die Bevölkerungszahl auf 4,3 Millionen Menschen an. Bei Kriegsende leben noch rund 2,5 Millionen Menschen in der Stadt. Durch Luftangriffe werden rund 50.000 Berliner*innen getötet. 40 Prozent des Wohnungsbestandes und 35 Prozent der Industrieanlagen werden zerstört. Ab Mai 1945 kehren monatlich rund 100.000 Personen in die Stadt zurück. Am Jahresende 1945 leben wieder rund drei Millionen Menschen in den Trümmern von Berlin. 1930 12 Ab Mitte der 1960er Jahre werden in Westdeutschland vermehrt Menschen aus dem Ausland als Arbeitskräfte angeworben. In West-Berlin (rund 2 Millionen Einwohner*innen) liegt der Ausländeranteil 1989 bei 12 Prozent. Der Zuzug von Menschen aus Ost-Berlin und der DDR wird durch den Mauerbau größtenteils beendet. Das durch einen Luftangriff zerstörte Gebäude des Scherl-Verlages in der Jerusalemer Straße Ecke Zimmerstraße. © Bundesarchiv, Bild 183-J30142 / CCBY-SA 3.0 1940 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Grenzstreifen vor der Eberswalder und Oderberger Straße (Ost), 1973 © Karl-Ludwig Lange 1950 1960 1970 Infolge des Krieges im ehemaligen Jugoslawien erlebt Berlin Anfang der 1990er Jahre einen starken Bevölkerungszuwachs durch Menschen aus den Kriegsgebieten. Von der Mitte der 1990er Jahre bis zum Jahr 2000 geht die Bevölkerungszahl leicht zurück. Gründe hierfür sind die Geburtenrückgänge in Ostteil der Stadt und Abwanderungsbewegungen in das Berliner Umland. Insgesamt steigt die Einwohnerzahl von Ost- und Westberlin in der Zeit von 1950 bis 1989 nur leicht an. Die Einwohnerzahl in West-Berlin geht um 0,77 Prozent zurück, in Ost-Berlin steigt sie um 7,6 Prozent an. Der Anstieg im Osten liegt darin begründet, dass rund 90.000 Menschen aus der DDR nach Ost-Berlin ziehen. 1989 leben in Berlin insgesamt 3,4 Millionen Menschen. Fall der Berliner Mauer, 1989 © Unknown photographer, Reproduction by Lear 21 at English Wikipedia 1980 1990 Bevölkerungsentwicklung Im Jahr 2015 nimmt Berlin rund 80.000 geflüchtete Menschen auf. Sie stammen größtenteils aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Seit 2001 wächst Berlin wieder. Es kommt zu einem verstärkten Zuzug von Menschen aus anderen Bundesländern und weniger ziehen ins Umland. Im Jahr 2015 beträgt die Zahl der Berliner*innen mit deutschem Pass rund 2,9 Millionen Menschen. Sie ist damit etwa 7 Prozent niedriger als 1990. Damals waren es 3,1 Millionen Menschen mit deutschem Pass. Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der Berliner*innen mit ausländischem Pass von 315.600 auf 621.100 Personen zu. 4.500.000 EINWOHNERZAHL 3.500.000 3.000.000 2.500.000 Berlin hat Mitte 2017 rund 3,7 Millionen Einwohner*innen. Amtliche Prognosen gehen davon aus, dass die Bevölkerungszahl Berlins bis zum Jahr 2030 um weitere 181.000 Personen ansteigt. 2000 JAHR Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 13 Geschichte »GESCHICHTE WIRD VON MENSCHEN GEMACHT« Berlin war Schauplatz unterschiedlicher politischer Umbrüche, Revolten und Revolutionen. Der Politikwissenschaftler Ingo Juchler erzählt von Orten und Menschen in Berlin, die für unsere Demokratie bis heute wichtig sind. 14 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Geschichte Über Gedenksteine, Erinnerungstafeln oder Straßennamen wird eine Vergegenwärtigung von zeithistorischen Umständen und Zusammenhängen möglich. Ich denke, dass diese Orte für das sogenannte »kollektive Gedächtnis« sehr wichtig sind. Denn das kollektive Gedächtnis ist für die Zukunft einer Gesellschaft prägend. Je nachdem, wie es aufgebaut ist, wird auch konfiguriert, wie wir zukünftig denken. Also, welche Verknüpfungen bestehen in unserem kollektiven Gedächtnis? Was wird ausgeklammert? Was wird hervorgehoben? Die »Berliner Aufklärung« war eine wichtige Vorbedingung für das, was dann bei der Revolution von 1848 geschah. In der Brüderstraße steht das »Nicolaihaus«. Es ist nach Friedrich Nicolai benannt, der dort gelebt hat. Er war ein wichtiger Verleger für Literatur der Aufklärung und in seinem Haus gingen Immanuel Kant, Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn ein und aus. Sie brachten ihr aufklärerisches Gedankengut über die Zeitschrift »Berlinische Monatsschrift« in die Berliner Gesellschaft ein. Kant hat darin den wichtigen Aufsatz »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?« veröffentlicht. Geschichte wird von Menschen gemacht. Deshalb ist es eine gute Möglichkeit, sich in Zusammenhang mit einem Erinnerungsort die Biografien der Menschen anzuschauen. Was haben die Personen gedacht? Warum haben sie etwas gemacht? Warum war das an diesem Ort? Und über diese Verbindung von Biografie und Ort wird das Vergangene erlebbar. Man kann einen Perspektivenwechsel vornehmen und das kann zu einer neuen Reflexionsmöglichkeit im eigenen Denken führen. Deshalb ist es so wichtig, diese Orte zu besuchen. Nicolaiha Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 15 us Geschichte Gendarmenmarkt Die Märzrevolution von 1848 wurde dann in einem Areal des heutigen Tiergartens vorbereitet. Ungefähr dort, wo das »Haus der Kulturen der Welt« steht. Das Gebiet wurde »In den Zelten« genannt. Der Name stammt aus der Zeit von Friedrich dem Großen. Er erlaubte 1745 den ersten hugenottischen Refugés, also den Glaubensflüchtlingen aus Frankreich, hier einen Ausschank in Zelten vorzunehmen. 1848 wurde dieses Areal deshalb wichtig, weil es vor der damaligen Stadtgrenze lag. Dort galt das Versammlungsverbot nicht, und so fanden dort die ersten wichtigen Treffen in Vorbereitung auf diese Märzrevolution statt. Neben dem Bürgertum nahmen viele Studenten, aber auch Handwerker und Arbeiter daran teil. In einem Schreiben wandten sie sich an König Friedrich Wilhelm IV. und forderten Pressefreiheit, Redefreiheit, ein Versammlungsrecht und politische Gleichberechtigung ohne Rücksicht auf religiöses Bekenntnis und Besitz. Auch die Situation der Industriearbeiter wurde thematisiert. Tiergarte 16 n Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Am 18. März 1848 kam es dann im Zuge dieser Forderungen zu Barrikadenkämpfen in Berlin. Ausgelöst wurden sie durch verunglückte oder absichtliche Schüsse preußischer Truppen. Jedenfalls wurden Barrikaden im Bereich des Gendarmenmarkts und des Alexanderplatzes errichtet. Dort gibt es zahlreiche Gedenktafeln. Wichtige Orte in diesem Zusammenhang sind auch der »Platz des 18. März« am Brandenburg Tor, der »Friedhof der Märzgefallenen« in Friedrichshain und das heutige Maxim-Gorki-Theater (damals Singakademie). Dort kam die erste preußische Nationalversammlung zusammen, um eine Verfassung mit einer parlamentarischen Ordnung für Preu-ßen in Angriff zu nehmen. en. Letztlich wurde der Bewegung ng durch Truppen von Generral Wrangel martialisch Einhalt geeboten. Auch wenn die Forderu gen im Bürgertum sicher weiterr wirkten – ab Ende 1848 setzte eine Zeit der Restauration ein. Das monarchische Prinzip hatte sich durchgesetzt. Friedhof der März gefallene n Geschichte Für die Niederlage der sozialistischen Revolution stehen die beiden Denkmäler für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Beide wurden am 15. Januar 1919 in der Mannheimer Straße 27 verhaftet und in der Folge ermordet. Rosa Luxemburg wurde in den Landwehr-Kanal geworfen. Dort befindet sich heute unterhalb der Lichtensteinbrücke ein Denkmal für sie. Am Neuen See wiederum ist eines für Karl Liebknecht und für die Gescheiterten dieser Revolution zu sehen. Insgesamt muss man für 1918 festhalten, dass zum ersten Mal in Deutschland eine Republik entstanden ist. Von Anfang an wurde sie allerdings von Rechtsaußen – etwa durch Attentate – bekämpft und 1933 gewann dann Hitler mit seiner Koalition die Oberhand. Zwei Gedenkorte für die Novemberrevolution 1918 liegen sehr zentral und nah beieinander: das Reichstagsgebäude, in dem Philipp Scheidemann die Republik und das Berliner Schloss, vor dem Karl Liebknecht die Sozialistische Republik ausrief. Davon zeugt noch heute im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR das Schlossportal, das man zu DDR-Zeiten eingesetzt hatte, um an diese Proklamation der Sozialistischen Republik zu erinnern. Diese beiden Orte zeigen die zentralen Konfliktlinien der Novemberrevolution. Es gab bewaffnete Auseinandersetzungen, die auf der einen Seite von der Regierung Ebert und auf der anderen Seite von revolutionären Truppen wie der Volksmarinedivision geführt wurden. Lichtenste Schlossporta inbrücke l Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 17 Geschichte Die 1968er Bewegung wirkte sich sehr stark auf die Entwicklung der späteren Bundesrepublik aus – bis heute. Es gab zum einen die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Vätergeneration. Zum anderen eine Erschütterung des Parteiensystems, in deren Folge in den 1970er Jahren neue soziale Be-wegungen entstanden sind. Darin liegen auch die Wurzeln der Partei »Die Grünen«. Themen wie das Geschlechterverhältnis oder die Hinterfragung von Hierarchien an Universitäten kamen auf die Agenda. 18 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Geschichte Bereits im Februar 1966 fand die erste Anti-Vietnamkriegs-Demonstration vor dem Amerika Haus statt. Es wurde deshalb ausgewählt, weil die Amerikaner aus der Perspektive der protestierenden Studierenden in Vietnam einen Krieg führten, der nicht legitim war. Bei dieser ersten Demonstration wurden auch Eier gegen die Fassade des Amerika Hauses geworfen und die Fahne wurde auf Halbmast gesetzt. Die breite Berliner Bevölkerung war darüber empört. Ein weiterer wichtiger Ort ganz in der Nähe ist die Deutsche Oper. Dort wurde bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Der 2. Juni 1967 wurde zu einer Zäsur für die Studierendenbewegung. In der Folge fand eine bundesweite Mobilisie rung von Studierenden statt. Seit 1990 gibt es ein Denkmal für Benno Ohnesorg vor der Deut schen Oper. Auch Rudi Dutschke, der als Sprachrohr der Studierendenbewegung galt, wurde Opfer eines  Attentats. Die darauffolgenden Proteste und De monstrationen richteten sich insbesondere gegen die »Springer-Presse«, also die Zeitungen des Axel-Springer-Verlags. Aus der Perspektive der Studierenden hatte sie systematisch gegen die Studierendenbewegung und insbesondere gegen Dutschke gehetzt. Die Demonstrationen fanden in der Kochstraße statt, interessanterweise heißt sie heute Rudi-Dutschke-Straße. Dutschke überlebte, starb aber 1979 an den Spätfolgen des Attentats. An der Stelle des Attentats am Kurfürstendamm befindet sich heute eine i Bodentafel. Amerika Haus Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 19 Geschichte In Ost-Berlin gab es zu dieser Zeit auch Proteste, allerdings in geringerem Umfang. Wolf Biermann etwa bezog sich explizit auf das Attentat auf Dutschke. Er verfasste in seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 ein Lied mit dem Titel »Drei Kugeln auf Rudi Dutschke«. In West-Berlin wurde es auf Demonstrationen gespielt. Man kann die Wohnung Biermanns als eine Art Bindeglied zwischen Ost und West sehen. Dort gingen Oppositionelle aus West- und Ostdeutschland ein und aus. In dieser Wohnung schrieb Biermann auch das Lied »In Prag ist Pariser Kommune«. Das war sehr positiv gemeint und bezog sich auf den »Prager Frühling«. Alexander Dubček versuchte damals, einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« zu entwickeln. Dieser Versuch wurde von den Warschauer-Pakt-Staaten unter Führung der Sowjetunion, aber ohne DDR-Truppen, am 21. August 1968 mit Panzern blutig niedergewalzt. Als Reaktion darauf gab es Versuche in der DDR, dagegen Opposition zu beziehen. Hans Uszkoreit und Frank Havemann drückten ihren Protest mit dem Wort »Dubček!« aus, das sie an mehrere Hauswände schrieben. So auch an die Rückseite der Staatsbibliothek in der Dorotheenstraße. Das genügte, um sie verhaften zu lassen. Heute ist dort eine Informationstafel angebracht. Die Reformideen lebten in der DDR fort. Die Orte für Opposition waren in Ost-Berlin oftmals die Kirchen. So fanden etwa in der Gethsemanekirche ab dem 2. Oktober 1989 Mahnwachen für die Freilassung von politischen Gefangenen statt. Ein wichtiger Ort war auch der Alexanderplatz. Dort wurde die größte Demonstration durchgeführt, die es je zu DDR-Zeiten gab. Am 4. November 1989 kamen 500.000 Menschen dorthin. Zu ihnen gehörten Stefan Heym, Christa Wolf und Christoph Hein. n. Gedenktafel an 20 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt der Staatsbiblio thek Geschichte Das Brandenburger Tor ist ein wichtiger Erinnerungsort. Dort ist nicht nur die Volksmarine, sondern auch die SA am Tag der Machtübernahme der Nazis durchgezogen. Später stand es dann für die deutsche Teilung, nicht nur die der Stadt Berlin sondern des gesamten Landes. Die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung fanden auch dort statt. Heute ist es ein globales Symbol für das Ende des Ost-West-Konflikts geworden. Darüber können wir sehr glücklich sein. Brandenburger PROF. INGO JUCHLER Prof. Ingo Juchler ist Professor für Politische Bildung an der Universität Potsdam. Er beschäftigt sich intensiv mit der politischen Geschichte Berlins. Juchler wurde 1962 in Mannheim geboren, studierte Politikwissenschaft, Germanistik, Geschichte und Erziehungswissenschaft an den Universitäten Trier und Marburg. Es folgten Lehrtätigkeiten an der PH Weingarten sowie den Universitäten Augsburg und Göttingen. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Bundeszentrale für politische Bildung. 2017 erschien von ihm das Buch »1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte. Ein historischer Stadtführer«. Tor Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 21 Erinnerung WIE ERINNERN WIR UNS? Straßenschilder sind mehr als bloße Orientierungsschilder in einer Stadt. Sie legen fest, an wen wir erinnern. Wie spiegelt sich darin der Wandel der politischen Verhältnisse in Berlin? Und an wen möchten wir heute erinnern? 22 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Erinnerung Insgesamt gibt es in Berlin rund 9.200 Straßen mit unterschiedlichen Straßennamen. 450 davon tragen Frauennamen, 3.274 Männernamen. In den Jahren 2015 bis 2017 wurden insgesamt 12 Straßen umbenannt. Um eine Tradition zu brechen, in der größtenteils Männer in das sogenannte »kollektive Gedächtnis« eingingen, setzte sich Berlin folgendes Ziel: »Frauen sollen verstärkt Berücksichtigung finden. Dies gilt nicht, wenn ein gesamtstädtisches Interesse beziehungsweise Hauptstadtbelange an der Benennung nach einer männlichen Person bestehen«, so lauten die Ausführungsvorschriften zu § 5 des Berliner Straßengesetzes vom 17. Februar 2017. Beispiel für Straßenbenennungen nach Frauen – CORA-BERLINER-STRASSE Benennung 2005 (Mitte) Die Straße liegt am Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Cora Berliner (1890 bis 1942) war eine jüdische Wissenschaftlerin. Sie studierte Mathematik und Volkswirtschaft in Berlin und Heidelberg. Berliner arbeitete als Regierungsrätin und Leiterin im Reichswirtschaftsamt. Für die Wirtschaftsabteilung der deutschen Beispiel für Straßenbenennungen nach Frauen – MAY-AYIM-UFER Umbenennung 2010 (Kreuzberg) May Ayim war eine Wissenschaftlerin und Aktivistin der Schwarzen Bewegung in Deutschland. Sie war Gründungsmitglied der »Initiative Schwarze Menschen in Deutschland«. In ihrem wissenschaftlichen, politischen und literarischen Schaffen zeigte sie auf, wie Rassismus bis in die Gegenwart hineinwirkt. Von 1895–2010 wurde das Ufer »Gröbenufer« genannt. Namensgeber war hier Major Otto Friedrich von der Gröben (1657–1728). Er wurde als Kolonialpionier verehrt, der im heutigen Ghana ein Fort erbaute. Von dort aus wurden versklavte Menschen nach Europa und Amerika verschleppt. Botschaft in London war sie als Beraterin tätig. 1930 wurde sie Professorin für Wirtschaftswissenschaften am Berufspädagogischen Institut in Berlin. Unter den Nationalsozialisten wurde Berliner 1933 aus dem Staatsdienst entlassen. Sie arbeitete als Leiterin der Auswanderungsabteilung für die »Reichsvertretung der deutschen Juden«, eine Vereinigung fast aller jüdischen Organisationen in Deutschland. Sie selbst lehnte für sich eine Emigration aus Deutschland ab. 1942 wurde sie deportiert und vermutlich im Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk ermordet. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 23 Erinnerung Beispiel für Umbenennungen in der DDR – KARL-MARX-ALLEE Umbenennung 1961 (Mitte) Der Wiederaufbau der Straße nach dem Zweiten Weltkrieg galt als Ausdruck eines neuen Städtebaus in Ost-Berlin. Die früheren Namen waren Frankfurter Straße (etwa 1701 bis 1786), Große Frankfurter Straße (bis 1950) und Stalinallee (1950–1961). Nach der Wiedervereinigung wurde die Karl-Marx-Allee unter Denkmalschutz gestellt. Teilweise kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Senat und Bezirken in Sachen Umbenennung von Straßen. Anfang der 1990er Jahre setzte der Senat eine unabhängige Kommission ein, um im Streit um die Namensgebung im Bezirk Mitte weiterzukommen. Namen wie »RosaLuxemburg-Platz« und »Karl-Marx-Allee« blieben erhalten. Andere, wie »Marx-Engels-Platz« (heute »Schloßplatz«) oder »Clara-Zetkin-Straße« (heute »Dorotheenstraße«), wurden umbenannt. 24 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Beispiel für Umbenennungen im Nationalsozialismus und nach seinem Ende – THEODOR-HEUSS-PLATZ Umbenennung 1933, 1947 und 1963 (Charlottenburg) Von Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1933 hieß der Platz »Reichskanzlerplatz«. 1933 wurde er in Adolf-Hitler-Platz umbenannt. 1947 wurde der Platz in »Reichskanzlerplatz« zurückbenannt. Im Jahr 1963 wurde dann der kurz zuvor verstorbene Theodor Heuss Namensgeber. Theodor Heuss war von 1949 bis 1959 der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Bereits von 1930 bis 1933 war er als Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei im Reichstag vertreten. Seine Dozentur an der Hochschule für Politik in Berlin wurde ihm unter den Nationalsozialisten 1933 entzogen. Als Gründer der Freien Demokratischen Partei in der amerikanischen Besatzungszone war er ab 1946 deren Vorsitzender. Erinnerung Beispiel für aktuelle Debatte – LÜDERITZSTRASSE (Wedding) Auch heute gibt es noch Straßennamen, die umstritten sind. So fordert etwa die »Straßeninitiative« seit 2008 die Umbenennung mehrerer Straßen in Berlin. Es geht dabei um Straßennamen, die in Verbindung mit der deutschen Kolonialgeschichte stehen. Dazu gehören der brandenburgischpreußische Versklavungshandel (ab 1680), das kaiserlich-deutsche Kolonialreich (ab 1884) und der positive Rückbezug auf diese in der NS-Zeit. Ein Beispiel ist die Lüderitzstraße. Sie ist nach Adolf Lüderitz benannt. Er war ein Kaufmann aus Bremen und betrog die Nama, eine Bevölkerungsgruppe im heutigen Namibia, um einen großen Teil ihres Landes. Die Straße trägt ihren Namen seit 1902. Die Straßeninitiative fordert nun, dass der zeitliche Bezug zur Kolonialzeit aufrechterhalten werden soll. Aber anstatt an einen Kolonialherren zu erinnern, soll an Menschen erinnert werden, die in dieser Zeit Widerstand leisteten. Für die Umbenennung spricht, dass Deutschland im Jahr 2001 die Abschlusserklärung der Durbaner UN-Weltkonferenz gegen Rassismus ratifiziert hat. Darin wird Versklavung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit benannt. Trotzdem gibt es im Berliner Straßenbild noch positive Bezüge dazu. Weitere Argumente dafür: Straßenschilder sind mehr als bloße Orientierungsschilder in einer Stadt, sie legen fest, an wen wir erinnern. Gegner*innen argumentieren damit, dass der bürokratische Aufwand für Anwohner*innen zu hoch ist. Im so genannten »Afrikanischen Viertel« im Wedding sind rund 3.000 Anwohner*innen betroffen. Manche finden deshalb das Anbringen von erklärenden Gedenktafeln an die jeweiligen Straßenschilder sinnvoller. Zu den Gegner*innen gehört auch die Initiative »Pro Afrikanisches Viertel«. Sie sieht die aktuelle Debatte als »dogmatische Rechthaberei« und fordert mehr Bürger*innenbeteiligung in dieser Auseinandersetzung. Im Ergebnis der Diskussion stimmte die Bezirksverordnetenversammlung in Mitte am 20. April 2018 für folgende Straßennamen-Umbenennungen: Aus der Lüderitzstraße wird die Cornelius-Frederiks-Straße, aus dem Nachtigalplatz der Bell-Platz und die Petersallee wird geteilt und in Anna-Mungunda-Allee und Maji-Maji-Allee umbenannt. Cornelius Frederiks war ein Widerstandskämpfer der Nama in »Deutsch-Südwestafrika«, dem heutigen Namibia. Rudolf Douala Manga Bell war König der Douala im heutigen Kamerun. Zunächst kooperierte er mit den deutschen Kolonialherren, später wehrte er sich gegen die Landenteignungen und wurde daraufhin hingerichtet. Anna Mungunda gilt als erste Herero-Aktivistin, die die Unabhängigkeitsbewegung in Namibia unterstützte. »Maji-Maji« ist der namensgebende Schlachtruf für den größten Befreiungskampf in der deutschen Kolonialzeit, den Maji-Maji-Aufstand. Er fand von 1905 bis 1907 im damaligen Deutsch-Ostafrika (Tansania, Burundi, Ruanda sowie ein Teil Mosambiks) statt. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 25 Arbeit » EINE UMVERTEILUNG VON ARBEIT IST NOTWENDIG« Berlin hat sich zu einem Wissenschaftsstandort entwickelt, an dem viele neue Unternehmen gegründet werden. Auch die Digitalisierung spielt eine immer wichtigere Rolle. Die Wissenschaftlerin Jutta Allmendinger forscht dazu, wie wir eine neue Arbeitswelt gestalten können. 26 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Arbeit Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Berlin ei nen starken industriellen Kern. Firmen wie Borsig oder Siemens prägten ganze Stadtteile. Im Zweiten Weltkrieg wurde dann viel zerstört und im Zuge der deutschen Teilung verließen zahlreiche Unternehmen die Stadt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten schafften wir es nach der Wiedervereinigung, die großen Furchen, die die Teilung Deutschlands hervorgerufen hatte, zu überwinden. Ich denke da auch an Unterschiede bezüglich der Ausrichtung von Bildung, insbesondere von Hochschulbildung. Die unterschiedlichen Universitäten, neue außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sowie jahrhundertealte Einrichtungen wie die Staatsbibliothek fanden ein neues Miteinander. Dadurch wurden wir national – aber auch international – wieder konkurrenzfähig. Und an diesem Wissenschaftsstandort sind dann viele Start-ups entstanden. Ganz wichtig dafür war die Tatsache, dass es in Berlin jahrzehntelang relativ günstigen Wohnraum gab. Dieser ist für die Ansiedlung von Startups unabdingbar. Das war eine kongeniale Gemengelage. Die Politik brauchte etwas Zeit, bis sie das auch so wahrnahm. Dann aber hat sie diese Entwicklung unterstützt. Die Zahl der Neugründungen liegt in Berlin um etwa 60 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt. Darauf können wir richtig stolz sein. Wir müssen jetzt nur aufpassen, dass wir dieses positive Gründungsklima halten. Gestiegene Mietpreise und Gentrifizierung ung stellen eine reale Bedrohung dar. In Sachen Digitalisierung haben wir hier eine Erfolgsgeschichte hingelegt, die bundesweit nicht zu übertreffen ist. Ich denke dabei nicht nur an das neue „Einstein Center für Digital Futures“. Dor ortt liegt der Schwerpunkt auf universitärer Bildung ung und Technik. Neu ist ebenfalls das „Nationale Institut für Bildung und Gesellschaft“. Dort beschäftigt man sich mit den gesellschaftlichen Fragen rund um die Digitalisierung. Also, welche Bedingungen brauchen wir für die Digitalisierung und welche Art der Weiterentwicklung der Technik wollen wir oder wollen wir eben nicht? Des Weiteren haben wir schon seit einiger Zeit das »Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft«. Es wird von großen Playern wie Google oder auch Cisco finanziert. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 27 Arbeit Die Haltung der Deutschen der Digitalisierung gegenüber ist hochgradig ambivalent. Auf der einen Seite denkt die Mehrzahl, ihre Arbeit kann nicht durch eine Maschine ausgeführt werden. Auf der anderen Seite gibt es diffuse Ängste, weil man wahrnimmt, dass sich gerade etwas verändert. Meine neuesten Forschungsergebnisse zeigen diese Ambivalenz sehr deutlich. An dieser Stelle ist die Politik gefragt. Bislang ist es noch so, dass wir darauf warten, bis die Menschen arbeitslos werden und dann überlegen, was sie nun machen können. Stattdessen sollte man eine vorsorgende Weiter- oder Umschulungspolitik machen. Dafür müsste die Bundesagentur für Arbeit in eine Bundesagentur für Qualifizierung umgebaut werden. Wir müssten die Statistiken analysieren, welche Berufe aussterben und welche künftig gebraucht werden und daraus Strategien entwickeln. Auch wird es Tätigkeiten geben, die bislang noch ehrenamtlich ausgeführt werden, sich aber zu einer bezahlten Erwerbstätigkeit entwickeln werden. 28 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Arbeit Insgesamt ist eine Umverteilung von Arbeit not-wendig. Viele Frauen arbeiten in Teilzeit. Das hat zur Folge, dass sie etwa nach einer Scheidung oder im Alter von Armut bedroht sind. Viele ältere Männer wiederum bedauern heute, dass sie ihre Kinder kaum haben aufwachsen sehen. Den Frau-en aber zu empfehlen, sie sollten nun auch 45 Jah-re in Vollzeit arbeiten, ist schwer denkbar. Zumin-dest, wenn sie Kinder oder zu pflegende Angehörige haben. Da fällt nicht nur im individuellen Leben enorm viel weg, sondern ich als Soziolo-gin sage, dass das auf Kosten der gesamten Gesellschaft gehen würde. Wir sehen auch bei allen Befragungen, dass viele Leute in Deutschland ein „Sabbatical“ haben wollen und dafür auch bereit sind, vorher mehr zu arbeiten. Aber wir haben hier vollkommen überkommene Arbeitszeitstrukturen angesichts dessen, was die neuen Lebensentwürfe von Männern wie von Frauen und die neuen technologischen Möglichkeiten mit sich bringen. Ich fordere deshalb schon seit langem eine grundsätzliche Neuorganisierung der Arbeit in Verbindung mit einer 32-Stunden-Woche für alle. Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger Ph.D. Frau Prof. Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) in Berlin. Sie forscht u.a. zur Zukunft der Arbeit. Allmendinger wurde 1956 in Mannheim geboren, studierte Soziologie und Sozialpsychologie in Mannheim und Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Statistik an der University of Wisconsin in Madison/USA. An der Harvard University machte sie den Master in Sozialwissenschaften und promovierte dort zum Ph.D. 1993 habilitierte sie sich an der Freien Universität Berlin. Weitere Stationen: Professorin für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). 2017 erschien von ihr das Buch »Das Land, in dem wir leben wollen. Wie die Deutschen sich ihre Zukunft vorstellen«. Photo © Inga Haar Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 29 Vielfalt ORTE DER VIELFALT Die Emanzipationsbewegung von Homosexuellen hat ihre Wurzeln in Berlin. Welche Orte und Personen waren und sind für die Vielfalt der Geschlechter in Berlin wichtig? Eine Auswahl. Audre Lorde wikipedia / Foto Elsa Dorfmann 30 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt DIE ZWEI (Martin-Luther-Straße/ Motzstraße in Schöneberg) Audre Lorde (1934–1992) war Schriftstellerin, Aktivistin und Professorin für Literatur und Englisch. Sie gilt als eine der wichtigsten Theoretikerinnen der Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre. 1984 hatte sie eine Gastprofessur an der Freien Universität. Seitdem lebte sie jedes Jahr für mehrere Wochen oder Monate in Berlin. Lorde besuchte gerne mit Freundinnen die Tanzbar für Lesben »Die Zwei«. Ein bekanntes Zitat von ihr lautet: «Ich bin schwarz, lesbisch, Feministin, Kriegerin, Dichterin, Mutter«. Sie gab wichtige Impulse für die politische Organisation von afro-deutschen Frauen. Des Weiteren kritisierte sie einen Feminismus, der nur die Belange weißer heterosexueller Mittelstandsfrauen bedachte. Vielfalt Parade der Deutschen Studentenschaft vor dem Institut für Sexualwissenschaft, aufgenommen vor der Plünderung am 6. Mai 1933 wikipedia / public domain MONBIJOU DES WESTENS/ MALI UND IGEL (Ecke Luther-/Wormser Straße in Schöneberg) Amalie Rothaug (1890–1984) war eine Aktivistin der lesbischen Subkultur im Berlin der 1920er Jahre. Sie leitete zusammen mit Elsa Conrad das Tanzlokal »Monbijou des Westens/Mali und Igel«. Die Vereinigung hatte 600 Mitglieder und soll zu den exklusivsten Treffpunkten der lesbischen Szene gezählt haben. Im Jahr 1933 musste das Tanzlokal geschlossen werden. Rothaug emigrierte in die USA. INSTITUT FÜR SEXUALWISSENSCHAFT (lag zwischen dem heutigen Bundeskanzleramt und dem Haus der Kulturen der Welt) Dr. Magnus Hirschfeld (1868–1935), jüdischer Arzt und Sexualwissenschaftler, gründete 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) und initiierte damit die weltweit erste homosexuelle Emanzipationsbewegung. 1919 eröffnete er das Institut für Sexualwissenschaft. Hirschfeld richtete mehrere Petitionen an den Deutschen Reichstag. Es ging darin um die Aufhebung des Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches. In diesem Paragrafen wurden »beischlafähnliche Handlungen« zwischen Männern unter Strafe gestellt. Hirschfeld bewirkte bei der Berliner Kriminalpolizei, dass diese den Homosexuellen mehr Freiräume zugestand. So blühte in Berlin noch vor der Jahrhundertwende eine homosexuelle Subkultur auf. Hirschfelds Thesen können durchaus in Zusammenhang mit der heutigen Queer Theory gesehen werden. Das Institut und seine Bestände wurde 1933 im Zuge der Bücherverbrennung von den Nationalsozialisten vernichtet. Hirschfeld befand sich zu dieser Zeit bereits im Exil. Er starb 1935 in Nizza. Es dauerte noch Jahrzehnte, bis der Paragraf 175 reformiert wurde: In der DDR wurde er 1968 abgeschafft. In der BRD wurden 1969 einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Männern über 21 Jahre legal. Erst 1994 wurde im Zuge der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten der Paragraf aus dem deutschen Strafrecht gestrichen. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 31 GRÜNDERZEIT- MUSEUM BERLIN-MAHLSDORF (Hultschiner Damm 333 in Mahlsdorf) Vielfalt Gedenktafel für Hilde Radusch 32 Charlotte von Mahlsdorf (1928–2002) wurde als Lothar Berfelde geboren und gilt als berühmtester Transvestit Deutschlands. Sie eröffnete 1960 im Ost-Berliner Bezirk Mahlsdorf das Gründerzeitmuseum und war Gastgeberin für die Treffen der schwul-lesbischen Gruppe »Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin« Charlotte von (HIB). Die Gruppe hatte sich nach der Ausstrahlung des Films Mahlsdorf mit jungen »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, Besucher*innen des in der er lebt« von Rosa von Praunheim gegründet. Der Gründerzeitmuseums (1977) Film lief 1973 im westdeutschen Fernsehen, wurde aber wikipedia / Bundesarchiv / auch im Osten gesehen. Er war Anlass für Schwule und Foto Katja Rehfeld Lesben in Ost und West, sich zu organisieren. Die HIB hatte zum Ziel, einen »Ort der Gemeinschaft und Partnerschaftsgestaltung« zu bilden und sich gegenüber staatlichen Stellen für die Rechte von Homosexuellen einzusetzen. Die Staatssicherheit verbot die Treffen der HIB. 1991 überfielen NeoFEMINISTISCHES nazis ein Frühlingsfest bei von ARCHIV Mahlsdorf. Sie siedelte 1997 (Das FFBIZ eröffnete 1978 in der nach Schweden über Danckelmannstraße in Charlottenburg. Heutige und gründete dort ein Adresse: Eldenaer Straße 35 in Friedrichshain) JahrhundertwendeMuseum. Hilde Radusch (1903–1994) war Kinderhortnerin und arbeitete als Telefonistin. Als Kommunistin war sie im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv und konnte 1944 einer Verhaftung durch die Nationalsozialisten nur knapp entgehen. In den 1970er Jahren engagierte sie sich in der sogenannten »Neuen Feministischen Frauenund Lesbenbewegung« in West-Berlin. Sie gründete die Gruppe L74 mit, ein Zusammenschluss älterer, berufstätiger, lesbischer Frauen. Auch war sie Mitbegründerin des Feministischen Archivs FFBIZ, das bis heute besteht. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Vielfalt MARITIM-HOTEL (Friedrichstraße in Mitte) Klaus Wowereit Klaus Wowereit ist ein ehemaliger SPD-Politiker. Er wurde 1953 in West-Berlin geboren. Bei seiner Nominierung zum Spitzenkandidaten der SPD für die Bürgermeisterwahlen outete er sich zunächst in der Fraktionssitzung, dann in einer Wahlkampfrede beim Sonderparteitag am 10. Juni 2001 im Maritim-Hotel als schwul. Sein Satz: »Ich bin schwul – und das ist auch gut so!« ist mittlerweile zum geflügelten Wort geworden. Berlin hatte mit Wowereit von 2001 bis 2014 erstmals einen bekennend schwulen Regierenden Bürgermeister. Auch bundesweit galt Wowereit als einer der ersten Spitzenpolitiker, die sich offen als homosexuell bekannten. Wenige Tage, bevor Wowereit sein Amt niederlegte, eröffnete im Schwulen Museum eine Ausstellung zu Ehren des Bürgermeisters: »Und das war auch gut so – 13 Jahre Klaus Wowereit«. Foto: klaus-wowereit.de Filmplakat KINO INTERNATIONAL (Ost-Berlin 1989, Karl-Marx-Allee in Mitte) Heiner Carow (1929–1997) zählte zu den wichtigsten Regisseuren der DEFA. Seine Filme fanden großen Anklang, da sie die soziale Realität in der DDR abbildeten, anstatt sie zu beschönigen. Zu seinen bekanntesten Filmen gehört »Die Legende von Paul und Paula«. Nach über siebenjährigem Berufsverbot feierte sein Film »Coming Out« am 9. November 1989 im »Kino International« Premiere. Der Film galt als erster Schwulenfilm in der DDR. Es geht darin um die Geschichte eines Lehrers, der aus seiner gesicherten Existenz ausbricht und sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. Der Film sorgte für viel Furore. Die Premierenfeier fand anschließend im Szenelokal »Burgfrieden« in Prenzlauer Berg statt, ganz in der Nähe des eben geöffneten Grenzübergangs »Bornholmer Straße«. 1990 wurde der Film auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären für besondere künstlerische Leistung ausgezeichnet. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 33 Bildung » WIR VERSUCHEN, DIE POTENZIALE ALLER SCHÜLER*INNEN ZU FÖRDERN« In Berlin gibt es seit dem Schuljahr 2008/2009 Gemeinschaftsschulen. Die Schüler*innen besuchen von der 1. bis zur 10. Klasse gemeinsam die gleiche Schule, unabhängig von ihren Leistungen. Wie funktioniert das im Alltag? 34 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Bildung Mein Name ist Robert Giese, ich bin seit elf Jahren Schulleiter der Fritz-Karsen-Schule in Neukölln. Unser Namensgeber, Fritz Karsen, war ein Schulreformer zur Zeit der Weimarer Republik. Er wollte, dass alle Schülerinnen und Schüler, unabhängig vom Einkommen der Eltern, eine höhere Schule besuchen können. Deshalb engagierte er sich für eine Schulform, in der alle Schüler*innen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam unterrichtet werden. Ich denke, die Gemeinschaftsschule von heute ist ganz in seinem Sinne. Wir haben 2008/2009 als eine von elf Schulen am Modellprojekt zur Gründung von Gemeinschaftsschulen in Berlin teilgenommen. Mittlerweile gibt es berlinweit 24 Gemeinschaftsschulen mit 18.000 Schüler*innen. Das Besondere daran ist, dass sie vom Schulanfang bis zum Abitur oder dem jeweiligen Schulabschluss an einer Schule bleiben können. Der Unterricht kann dabei jahrgangsübergreifend stattfinden. Wir versuchen, die Potenziale aller Schüler*innen zu fördern. Sie sollen also nicht etwa aufgrund einer Hauptschulempfehlung nach der 6. Klasse für den Rest ihrer Schullaufbahn auf ein bestimmtes Niveau festgelegt werden, sondern sie sollen die Möglichkeit erhalten, sich weiterzuentwickeln. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 35 Bildung Frontalunterricht im eigentlichen Sinn gibt es an unserer Schule nicht. Natürlich muss es im Unterricht auch Phasen geben, in denen ich mit der ganzen Klasse arbeite. Ich spreche hier von »in struktiven Phasen«. Diese Phasen sollten aber nicht den gesamten Unterricht bestimmen. Unser Fokus liegt darauf, dass die Schüler*innen lernen, sich selbstständig Wissen anzueignen. Dafür ist Gruppenarbeit ganz wichtig. Auch aus sozialen Gründen ist es sinnvoll, dass die Kinder und Jugendlichen lernen, wie sie mit anderen interagieren, Stärken und Schwächen der Mitschüler*innen anerkennen und wie sie sich gegenseitig unterstützen können. Bei uns bilden die Schüler*innen von der ersten bis zur elften Klasse jeweils einen Klassenrat. So lernen sie zu argumentieren, abzuwägen und nach demokratischen Regeln ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich sehe das durchaus als eine Form der Demokratieerziehung. Auch Schüler*innen mit Migrationshintergrund kann dies dabei helfen, sich hier einzubringen und einzufinden. Allerdings glaube ich nicht, dass die Gemeinschaftsschule mit der Integration alleingelassen werden darf. Wenn der Anteil der Schüler*innen mit Migrationshintergrund bei rund 90 Prozent liegt, dann ist auch eine Gemeinschaftsschule weniger gut in der Lage, die Integration zu erleichtern. Wir haben als Schule den großen Vorteil, dass der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund knapp die Hälfte der Schüler*innen ausmacht. Das ist noch ein gutes Verhältnis. 36 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Zu uns kommen manchmal Kinder, die in der ersten Klasse bereits lesen können. Mit denen male ich keine Buchstabenübungen, sondern die sollen dann mit Texten umgehen. Andererseits haben wir auch Kinder, die langsamer lernen. Sie bekommen bei Bedarf ein Jahr mehr Zeit, ohne dass sie eine Klasse im Sinne von »Sitzenbleiben« wiederholen müssen. Für dieses Jahr wird im Gespräch mit allen Beteiligten beraten, welche Förderungen für dieses Kind angemessen und notwendig sind. Bildung Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass nicht nur die leistungsschwächeren, sondern auch die leistungsstärkeren Kinder von einem gemeinsamen Unterricht profitieren. Allerdings kann es sein, dass die positiven Effekte des gemeinsamen Lernens schwächer werden, wenn der Anteil derjenigen mit erhöhtem Förderbedarf zu hoch ist. Leider realisieren nicht alle Schulen Inklusion. Wenn alle Schüler*innen mit Förderbedarf über die ganze Stadt, über alle Klassen verteilt würden, wären das pro Klasse ein bis zwei. Wir haben an der Fritz-Karsen-Schule aktuell bis zur 10. Klasse etwa 1.000 Schüler*innen. Davon haben ungefähr 140 Jungen und Mädchen einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Teilweise müssen wir aber bei einer Individualförderung mit diesen Schüler*innen auf dem Flur sitzen. Also brauchen wir und andere ältere Schulen mehr Räume für Therapien und individuelle Förderung. Darüber hinaus muss der Neubau von Schulen realisiert werden. Insgesamt wünsche ich mir mehr Bildungsgerechtigkeit. Für mich sind Gemeinschaftsschulen mit ausreichender personeller und räumlicher Ausstattung der Weg dorthin. Gemeinschaftsschulen sind die Schulen der Vielfalt und das sollten die Schulen der Zukunft in einer demokratisch verfassten Gesellschaft auch sein. Robert Giese Robert Giese ist Leiter der Fritz-Karsen-Schule in Berlin-Neukölln. Er gründete das Netzwerk Gemeinschaftsschulen. Motivation dafür war, dass es seiner Meinung nach infolge der Sekundarstufenreform eine Abkehr der BiIdungspolitik von den Gemeinschaftsschulen gab. Das Netzwerk möchte die spezifischen Interessen der Gemeinschaftsschulen kollektiv vertreten. Für mich überwiegen die Vorteile unserer Schulform. Manchmal gibt es zwar die Kritik, dass nicht alle Schüler*innen dazu in der Lage seien, selbstständig zu arbeiten. Diese Schüler*innen benötigen mehr Zuwendung und unterstützende Maßnahmen. Man sollte aber grundsätzlich nicht annehmen, dass alle Schüler*innen den gleichen Wissensstand haben oder jederzeit gleichermaßen motiviert sind. Dies wird aber unhinterfragt in anderen Schulformen, etwa beim Frontalunterricht, vorausgesetzt. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 37 Integration »INTEGRATION IST NICHT NUR EINSEITIG« Die Idee der Stadtteilmütter stammt aus den Niederlanden. In Berlin war es der Bezirk Neukölln, der erstmals Stadtteilmütter ausbildete und das Konzept entsprechend anpasste. Hierfür werden Migrantinnen mit Kindern in einer sechsmonatigen Qualifizierung zu Themen wie Erziehung, Bildung, Gesundheit, Einwanderung, Sprache, Arbeit und Recht geschult. Die Stadtteilmütter sprechen die Muttersprache der Frauen, die sie dann besuchen und beraten. 38 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Der Projektträger ist hier das Diakonische Werk. Die Finanzierung läuft über das Bezirksamt und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sowie die Senatsverwaltung für Arbeit und Integration. Das Jobcenter bietet die Maßnahmenstellen für die Stadtteilmütter an. Seit September 2013 gibt es die Möglichkeit, Stadtteilmütter nicht nur in einer Qualifizierungsmaßnahme auszubilden, sondern sie danach auch über den ersten Arbeitsmarkt anzustellen. Integration Ich lebe seit sieben Jahren in Deutschland und bin seit vier Jahren Stadtteilmutter. Als Hauptaufgabe sehe ich es an, das Selbstbewusstsein der anderen Mütter zu stärken. Besonders interessiert sind immer alle an dem Thema »Rechte des Kindes«. Sie sind neugierig, wie das Jugendamt arbeitet. Sobald sie das Konzept kennen, ist die Angst davor vorbei. Ich selbst hatte am Anfang furchtbare Angst, als ich einen Kita-Gutschein beantragte. Ich fragte mich: »Was wird von mir verlangt?« »Wozu?« »Was muss ich alles nachweisen?« Wenn ich damals eine Stadtteilmutter gehabt hätte, wäre das viel leichter gewesen. Aber leider gab es keine. Ich heiße Christina B., bin 38 Jahre alt und komme aus Rumänien. Ich wollte eigentlich nicht nach Deutschland gehen. Wir hatten eine eigene Firma und es ging uns relativ gut. Aber ein Sohn von uns hat das Down-Syndrom und es gibt in unserem Land überhaupt keine Fördermöglichkeiten für ihn. Deshalb kamen wir hierher. Am Anfang fühlte ich mich in Deutschland komisch, fremd und unwillkommen, auch weil meine Nachbarin sehr unfreundlich zu mir war. Die Sprachbarriere war insgesamt das größte Problem. Dann habe ich einen Deutschkurs besucht und das deutsche System verstanden. Seitdem wurde vieles einfacher. Christina B. machte in Rumänien eine Ausbildung zur Goldschmiedin und gründete danach eine eigene Firma. Sie hat sieben Kinder und arbeitet heute als Stadtteilmutter. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 39 Integration Mein Name ist Ikbal A. und ich komme aus dem Irak. Ich spreche also auch arabisch. Ich bin 60 Jahre alt und habe vier Kinder. Seit 1997 lebe ich in Deutschland. Ich bin durch eine Familienzusammenführung mit meinem damaligen Mann hierher gekommen. Die Scheidung von meinem Mann hat meinem Aufenthaltsstatus geschadet. Ich blieb alleine mit vier Kindern zurück und bekam nur eine Duldung. Mit diesem Status konnte ich nicht arbeiten, nur einen Deutschkurs besuchen. 40 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Auf die Stadtteilmütter wurde ich über die Schule meines jüngsten Sohnes aufmerksam. Das Projekt war für mich eine gute Beschäftigung. Jetzt versuche ich, den Familien in verschiedenen Situationen zu helfen. Ich begleite die Frauen zu Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt, zur Kita-Anmeldung oder zu Elternabenden. Auch die zweisprachige Erziehung ist ein wichtiges Thema, das ich mit den Frauen bespreche. Ich arbeite im Moment meistens mit syrischen Familien. Aber auch mit Menschen aus Libyen, Ägypten, dem Libanon oder dem Irak. Religion spielt dabei keine Rolle. Wir haben früher im Irak ja auch mit ganz unterschiedlichen Religionen zusammengelebt. Religion war eine Nebensache für uns. Unterschiede gibt es eher, was den Aufenthaltsstatus angeht. Der Aufenthaltsstatus ist sehr wichtig, weil er die Basis dafür ist, hier zu sein. Wenn man tagtäglich unter Ängsten lebt, kann man nichts machen. Man hat Druck von allen Seiten. Integration Ich wünsche mir mehr Unterstützung für unser Projekt. In meinen Augen ist Integration nicht nur einseitig, dass wir uns integrieren. Auch die Deutschen müssen sich ein bisschen öffnen. Manche fragen sich, warum so viele Menschen nach Deutschland kommen. Das ist mir zu oberflächlich. Sie sollten sich auch fragen, wer in unserer Heimat Krieg macht und wer die Waffen dafür produziert. Ich glaube, dafür braucht es in den Medien mehr Aufklärung. Ikbal A. studierte in Bagdad Statistik und arbeitete fünfzehn Jahre als Bankangestellte. Sie hat vier Kinder und arbeitet heute als Stadtteilmutter. Neuköllner Stadtteilmütter Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 41 Religion »RELIGION IST MOTOR FÜR DIE GESELLSCHAFT« Gemeinhin wird von »dem« Islam gesprochen, obwohl es wie in allen Religionen viele unterschiedliche Glaubensströmungen gibt. Nushin Atmaca hat die Berliner Gemeinde des Liberal-Islamischen Bundes (LIB) mit aufgebaut. Sie macht sich für eine Neulektüre des Koran stark und möchte progressiven Musliminnen und Muslimen eine Stimme verleihen. 42 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Religion Ich bin seit April 2016 erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes (LIB). Das ist eine bundesweite Vereinigung, die 2010 gegründet wurde. Zuvor habe ich bereits die Gemeinde in Berlin mit aufgebaut. Wir wollen eine Stimme für liberale und progressive Muslim*innen in diesem Land sein, die auf gesellschaftspolitischer Ebene gehört wird. gestehen wir jeder einzelnen Person zu, dies für sich selbst zu entscheiden. Denn Liberalität bedeutet immer Pluralität, also die Anerkennung des Anderen. Ein weiterer Unterschied zu anderen muslimischen Verbänden ist unsere Haltung zu Homosexualität. Für uns ist Homosexualität genauso in Ordnung wie Heterosexualität. Und nicht nur die Tatsache, dass Menschen homosexuell sind, sondern auch, dass sie das in respektvollen Beziehungen auf Augenhöhe miteinander leben. Zudem können unserer Auffassung nach Frauen muslimischen Glaubens Männer anderer Glaubensrichtungen im Rahmen einer islamischen Eheschließung heiraten – der LIB ist einer der wenigen in Deutschland, der diese Paare traut. Wir unterscheiden uns in vielerlei Hinsicht von anderen islamischen Vereinigungen: Abgesehen davon, dass unsere Gemeinden keine eigenen Räume haben, sind unsere Treffen auch sonst keine klassischen Freitagspredigten. Wir treffen uns am Wochenende und unsere Zusammenkünfte sind basisdemokratisch organisiert. Das heißt, die Wahl der Themen, über die wir sprechen, erfolgt auf Wunsch der Mitglieder. Männer und Frauen beten bei uns gemeinsam und es gibt keine Kleidervorschriften. Das Tragen einer Kopfbedeckung sehen wir also nicht als religiöse Pflicht an. Gleichzeitig Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 43 Religion Im Vergleich zu anderen muslimischen Vereinigungen sind wir ein relativ kleiner Verein. Bundesweit haben wir rund 300 Mitglieder, wobei nicht alle Menschen, die zu unseren Gemeindetreffen kommen, gleichzeitig Mitglieder sind. Aufgrund unserer Größe und weil nicht alle mit unseren Ansichten einverstanden sind, wird manchmal versucht, zu vermitteln, wir seien gar keine »richtigen« Muslime. Sowohl Teile der muslimischen Seite als auch der nicht-muslimischen Mehrheit wollen unsere Legitimität in Frage stellen. Das ist dann natürlich frustrierend. Für eine innerislamische Debatte würde ich mir grundsätzlich wünschen, dass wir darüber ins Gespräch kommen, wie wir mit den Texten unserer Religion umgehen. Und uns die Frage stellen, woher eigentlich unsere  Auffassungen kommen und wie diese in unser heu tiges Leben passen. 44 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Berlin gilt ja als säkulare Stadt. Wenn man sich aber in religiösen oder interreligiösen Kreisen bewegt, merkt man schon, dass es viele engagierte Menschen gibt, die sich dafür stark machen, Vorurteile gegenüber religiösen Minderheiten abzubauen und Klischees entgegenzuwirken. Und wenn man Religion als etwas versteht, was menschenfreundlich ist und jemanden dazu ermutigen kann, sich in seinem Umfeld zu engagieren, dann ist Religion schon ein Motor, der gesellschaftspolitisch relevant ist. Die Moscheen sind oft voll und Menschen können dort Halt finden. Ihr Glaube kann identitätsstiftend wirken, gerade wenn sie sich fremd oder in der Minderheit fühlen. Aus meiner Sicht sollte in den Moscheen natürlich nicht diese Dualität zwischen »Wir, die Muslime« auf der einen und »Die Deutschen« auf der anderen Seite konstruiert werden. Das geht an der Realität vorbei. Gerade in Kiezen wie Moabit oder Neukölln ist man über diese Stufe im Alltag schon lange hinaus. Stattdessen ist es die Aufgabe der Moscheen, die Menschen dazu zu ermutigen, unterschiedliche Facetten ihrer Identität zu leben und gleichzeitig ihre Religion zu pflegen. Ich finde es aber schwierig, den Moscheen die große Aufgabe der Integration zuzuschieben, wenn wir über den Islam sprechen. Religion Von der Politik wünsche ich mir, dass sie nicht immer auf Populismus reagiert, indem sie ihm entgegenkommt, sondern dass sie auch den Mut hat, sich abzugrenzen und eine differenziertere Debatte einzufordern. Wobei man sagen muss, dass die deutsche Politik immer wieder besonnen reagiert. Angela Merkel etwa hat als Bundeskanzlerin nach dem Anschlag hier auf dem Berliner Weihnachtsmarkt betont, wie schrecklich diese Tat war, gleichzeitig aber davor gewarnt, alle Muslim*innen nun dafür verantwortlich zu machen. Das fand ich schon gut, dass sie diese Sensibilität hatte und feststellte, dass es Leute gibt, denen man leider offenbar dieses Signal senden muss, dass die Mehrheit der Muslim*innen Terrorismus ablehnt. Nushin Atmaca Nushin Atmaca ist Islamwissenschaftlerin und war von April 2016 bis April 2018 Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes e.V. Sie arbeitet am Museum für islamische Kunst. Atmaca wurde 1984 in Berlin geboren. Sie studierte Islamwissenschaft, Politikwissenschaft und Teilgebiete des Rechts an der Freien Universität Berlin. Während ihres Studiums war sie für längere Auslandsaufenthalte in Ägypten und Jordanien. Für das Leibniz Zentrum Moderner Orient in Berlin war sie während und nach ihrem Studium tätig. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 45 Gentrifizierung » WIR KONNTEN DIE GENTRIFIZIERUNG NATÜRLICH NICHT VERHINDERN« Kiezläden gelten als typische Berliner Einrichtung. Sie engagieren sich für ein menschenfreundliches Zusammenleben im Kiez, bieten kostenlose Mietrechtsberatungen an und in ihren Räumen können sich unterschiedliche Initiativen treffen. Der Aktivist Marco M. Müller erzählt von seinem jahrzehntelangen Engagement und davon, wie der Wandel eines Kiezes mitgestaltet werden kann. 46 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Gentrifizierung Ich heiße Marco Müller, bin 44 Jahre alt und wohne seit 1996 am Helmholtzplatz im Stadtteil Prenzlauer Berg. Seit 1998 bin ich im Kiezladen in der Dunckerstraße 14 engagiert. Er wurde 1992 angemietet und selbst saniert. Heute wird er vom nachgefolgten Verein »Zusammenhalt« getragen. Neben einer wöchentlichen Mietrechtsberatung gibt es hier Themenabende, eine Kleiderkammer, Foodsharer und Sportgruppen, die sich regelmäßig hier treffen. taz-Artikel vom 24.8.1991 zu Häuserbränden in der Dunckerstraße, die mutmaßlich gelegt wurden, um die Hausbesetzer*innen zu vertreiben – stattdessen kam es einer Solidarisierung zwischen Besetzer*innen und der Nachbarschaft Die Vorgeschichte des Kiezladens kenne ich nur aus Erzählungen. Demnach versuchten die Anwohner*innen bereits in der DDR, leerstehende Wohnungen in Prenzlauer Berg an Mieter*innen zu vermitteln. 1989 trafen sich hier in Prenzlauer Berg auch verschiedene Gruppen innerhalb des Neuen Forums. Eine davon nahm sich zum Ziel, örtliche Sozialeinrichtungen und darüber hinaus die überkommene Bausubstanz zu retten. Sie gründete dann 1990 ein Bürgerkomitee. Ich fand in unserem Archiv heraus, dass sich das Bürgerkomitee dafür einsetzte, dass das Gebiet um den Helmholtzplatz Sanierungsgebiet wird. Einladungsflyer für ein Straßenfest in der Dunckerstraße am 28.8.1991, das in Folge der Brände initiiert wurde Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 47 Demonstration 1995 vor dem Roten Rathaus gegen das „Mietenüberleitungsgesetz“ zur Anpassung des Ostmietensystems an das bundesdeutsche Vergleichsmietensystem, initiiert von der Initiative »Wir bleiben alle« aus Prenzlauer Berg mit 10.000en Teilnehmer*innen Schon zu DDR-Zeiten kam es in Prenzlauer Berg zu Wohnungs- und in der Endphase auch zu Hausbesetzungen. Nach 1989 kamen Hausbesetzer*innen aus dem Westen hinzu. Insgesamt war das wohl eine bunte Truppe, die beispielsweise hier im Komplex Dunckerstraße 14/15 lebte. Viele machten Kunst und Musik. Anfang der 1990er Jahre gab es hier in Prenzlauer Berg um die dreißig besetzte Häuser. Als dann 1991 die besetzten Häuser in der Mainzer Straße geräumt wurden, machten sich viele dafür stark, dass es hier nicht soweit kommt. Deshalb gab es den Runden Tisch »Instandbesetzung« und da schafften es die Besetzer*innen, Politik und Verwaltung tatsächlich, für alle dreißig Häuser mit der Wohnungsbaugesellschaft Verträge abzuschließen. taz-Artikel vom 19.3.1999 zur Einführung von bezirklichen Mietobergrenzen in Prenzlauer Berg für zu sanierende Wohnungen 48 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Wir konnten die Gentrifizierung im Kiez natürlich nicht verhindern. Gentrifizierung ist ja durch einen Austausch von statusniederen zu statushöheren Bevölkerungsgruppen definiert, etwa im Zuge der Modernisierung der Häuser eines ganzen Viertels. Wir bieten aber seit Jahrzehnten eine kostenfreie Mietrechtsberatung an. Darüber hinaus ist der Kiezladen immer wieder als Ort wichtig, an dem sich Initiativen treffen können. Auch die Leute von der »Bremer Höhe« gehörten damals in der Gründungsphase dieser Initiative mit dazu. Das ist heute eine Genossenschaft hier im Kiez. Sie nutzten das Vorkaufsrecht als Mieter*innen nach der Wiedervereinigung. Damals verkauften die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften im Osten große Teile ihrer Altbausubstanz, um gemäß dem Altschuldenhilfegesetz ihre Schulden aus DDR-Zeiten abzutragen. Die Mieter*innen der Bremer Höhe taten sich zusammen und überführten etwa 400 Wohnungen davon in Genossenschaftseigentum. Nach dem Ende der städtischen Förderung drohte dem Kiezladen das Aus – der Verein »Kiezladen Zusammenhalt« wurde 2015 gegründet, um den Erhalt der Initiative zu ermöglichen Gentrifizierung Ansonsten haben wir die Erfahrung gemacht, dass der Aufschrei der Mieter*innenschaft bei Modernisierungsankündigungen groß war. Viele wollten sich engagieren. Und es gab dann Mieter*innenversammlungen beispielsweise hier in unseren Räumen. Wir wollten sie unterstützen. Allerdings waren nach kurzer Zeit immer nur wenige übrig, die weiter kämpfen wollten. Für die konnte man dann vielleicht noch gute Verträge verhandeln, aber der Großteil war schon ausgezogen. Bis 2015 war ich Mitglied der Betroffenenvertretung (BV) für das Sanierungsgebiet Helmholtzplatz. Es gab hier auch Mitstreiter wie Andrej Holm und Matthias Bernt, die sich als treibende Kraft für die Einführung von bezirklichen Mietobergrenzen für die insgesamt fünf Sanierungsgebiete in Prenzlauer Berg engagierten. Wir hatten aber das Gefühl, dass von Verwaltung oder Politik eine richtige Mitentscheidung durch die BV nicht wirklich gewollt war. Das war demotivierend. Wandel, der nicht auf Kosten von Niedrigverdiener*innen geht, könnte folgendermaßen aussehen: Der Mieterverein etwa fordert, dass die Modernisierungskosten nicht mehr auf die Mieter*innen umgelegt werden dürfen. Oder dass die Miete alle drei Jahre nur noch um sechs statt um fünfzehn Prozent erhöht werden darf. Und dass die Schlupflöcher bei der Umwandlungsverbotsverordnung für Eigentumswohnungen geschlossen werden. Insgesamt habe ich aber schon den Eindruck, dass es mit dem Mieter*innenschutz vorangeht. Jedenfalls ist meine Wahrnehmung die, dass wieder so ein leichtes Lüftchen weht, das aus einer weniger neoliberalen Richtung kommt. Jedenfalls was Berlin und die Stadtpolitik angeht. Es gibt ja jetzt die Zweckentfremdungsverbotsverordnung für Ferienwohnungen und das Ende der Privatisierung von öffentlichem Wohnraum. Außerdem sollen bis 2030 wieder 200.000 neue Wohnungen gebaut werden und es gibt diesen neuen Trend zum Einsatz des Vorkaufsrechtes durch die Bezirke. alle Bilder © Kiezladen Zusammenhalt e.V. Marco M. Müller Ansicht des Kiezladens in der Dunckerstraße 14 vor der Sanierung in den 1990er Jahren Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 49 Gesundheit »BETEILIGT ZU SEIN, IST GUT FÜR DIE GESUNDHEIT« Was hat die Gesundheit der Berliner*innen mit städtebaulichen Fragen zu tun? Der Mediziner und Psychiater Dr. Mazda Adli plädiert für eine neue, ganzheitliche Perspektive. 50 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Gesundheit Berlin ist eine wachsende Stadt. Damit wachsen auch die Herausforderungen an die Stadtentwicklung unter gesundheitlichen Aspekten. Wenn wir darüber nachdenken, was uns an der Stadt stresst, dann werden die meisten Staus, Lärm, Kriminalität und Gewalt nennen. Das sind zwar Dinge, die können uns gewaltig die Laune verderben, aber sie machen uns nicht krank. Der Stress, der gesundheitsrelevant ist für die Psyche, ist sozialer Stress. Darunter versteht man Stress, der aus dem Zusammenleben von Menschen in dichten Gemeinschaften erwächst. Er ist geprägt von sozialer Dichte einerseits und sozialer Isolation andererseits. Wenn beides gleichzeitig besteht, und dann noch das Gefühl hinzukommt, einer unkontrollierbaren Umgebung ausgeliefert zu sein, dann kann sich das negativ auf die Psyche auswirken. Wir haben festgestellt, dass das Risiko für bestimmte psychische Stressfolgeerkrankungen in der Stadt erhöht ist. Dazu gehören Depressionen, Angsterkrankungen und Schizophrenie. Mit dem Anwachsen der Stadt wächst auch die Zahl derjenigen, die zur Arbeit pendeln müssen. Die Länge des Berufspendelweges wirkt sich unmittelbar auf das psychische Wohlbefinden aus, leider in negativer Weise. Je länger der Pendelweg, desto mehr psychische Beschwerden stellt man fest. Im Grunde sind für uns Stadtquartiere ideal, die keine reinen Wohnstraßen sind, sondern die Wohnen, Einkaufen und Arbeiten möglichst nah beieinander anbieten. Für die Vororte im wachsenden »Speckgürtel« um Berlin wiederum ist es wichtig, dass der öffentliche Personennahverkehr ausgebaut wird und die Notwendigkeit, mit dem Auto zu pendeln, abnimmt. Aus psychologischer Sicht ist die Zeit, die man mit anderen in öffentlichen Verkehrsmitteln verbringt, für uns eine bessere als alleine im Auto zu sein. Man weiß außerdem, dass diejenigen, die in den Vororten wohnen, letztlich das Gefühl haben, zur städtischen Gemeinschaft dazu zu gehören, wenn eine U-Bahnstation oder eine gut ut angefahrene Busstation in der Nähe ist. S-Bahns Stau am trecke a m Gesu ndbrun nen z Alexanderplat Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 51 Gesundheit Berlin ist aber auch eine wachsende Stadt, weil sie so viele attraktive Seiten hat. Dazu gehören die kulturelle Vielfalt, die sehr guten Bildungsund persönlichen Entscheidungsmöglichkeiten und die gute Gesundheitsinfrastruktur. Es ist entscheidend, dass wir für alle den Zugang zu den Vorteilen der Stadt offenhalten. Insgesamt ist Berlin eine Stadt, die unter verschiedensten Gesichtspunkten sehr modellhaft ist. Sie verfügt über viele öffentliche Plätze, die genutzt werden. Öffentlicher Raum wird dann genutzt, wenn er nicht total optimiert ist, sondern immer noch genug Entscheidungsfreiheit für die Bewohner*innen lässt, wie sie einen Raum gestalten möchten. Deswegen wäre mein Appell an die Politik, nicht alles optimieren zu wollen und Freiflächen zu erhalten. Das wird immer mehr zur politischen Aufgabe, weil öffentlicher Raum natürlich teurer wird. Spielplatz »A 52 n der Marie« Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Gut für die Gesundheit der Berliner*innen ist auch das viele Stadtgrün. Dazu gehören nicht nur die großen Parks wie der Tiergarten, sondern auch die kleinen „Taschenparks“, das kleine Stadtgrün. Eine Grünfläche in der Nähe kann davor schützen, depressiv zu werden. Es ist nachgewiesen, dass Kinder, die in erreichbarer Nähe eines Stadtgrüns leben, sich besser konzentrieren können und bessere Schulleistungen erbringen. Insgesamt bietet Berlin ein geradezu „mediterranes Leben“, in dem viel Zeit unter freiem Himmel stattfindet. Und das ist deswegen so wertvoll, weil es Zeit ist, in der man soziale Kontakte knüpft und in der man interagiert. Daraus erwachsen soziale Unterstützungs- Gesundheit strukturen. Das wirkt sozialer Isolation entgegen. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass neben dem öffentlichen Raum jede Kultureinrichtung einen „Public-Health“-Auftrag hat. Es wird viel und gerne über Subventionen, etwa für Theater, gestritten. Ich finde es wichtig, klar zu machen, dass kulturelle Einrichtungen für die Gesundheit der Bevölkerung eine wichtige Rolle spielen. Politik ist gut beraten, dafür zu sorgen, dass unsere urbane Kultur erhalten bleibt. Auch die Möglichkeit, sich an Entscheidungen über die Gestaltung der Stadt beteiligen zu können, ist gut für die Gesundheit der Bewohner*innen. PD Dr. med. Mazda Adli PD Dr. med. Mazda Adli ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. Er befasst sich mit Stressforschung und gründete gemeinsam mit der Alfred Herrhausen Gesellschaft ein interdisziplinäres Forum aus Neurowissenschaftler*innen, Architekt*innen und Stadtplaner*innen, um Einflussfaktoren des Stadtlebens auf Emotionen und Verhalten zu erforschen. Adli wurde 1969 als Sohn einer iranischen Diplomatenfamilie in Köln geboren. Er studierte Medizin in Bonn, Wien und Paris. Er promovierte an der Universitätsklinik für Neurologie in Wien. An der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité war Adli Oberarzt. 2017 erschien von ihm das Buch „Stress and the City – Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind“. Photo © Fliedner/Koroll Taschenpark im Pren zlauer Berg Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 53 Mobilität MOBILITÄT In einer wachsenden Stadt nimmt auch das Verkehrsaufkommen zu. Wie viel Zeit verbringen die Berliner*innen im Durchschnitt im Auto, in Bussen und Bahnen, auf dem Fahrrad oder zu Fuß? Wie haben sich diese Zahlen verändert? Und wie kann eine Verkehrspolitik gestaltet werden, die umweltfreundlicher und stressfreier ist? 54 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Mobilität Mit dem steigenden Bevölkerungswachstum Berlins nimmt auch der Verkehr in der Stadt zu. Viele Berliner*innen beklagen Staus und Luftverschmutzung. Die individuelle Wahrnehmung, dass der Autoverkehr immer stärker zunimmt, stimmt insofern, als dass der Bestand an Kraftfahrzeugen (Kfz) von 1.389.310 Kfz im Jahr 1997 auf 1.409.642 Kfz im Jahr 2017 gestiegen ist. Wenn man sich aber den Anteil des sogenannten „Motorisierten Individualverkehr“ (MIV) am Gesamtverkehrsaufkommen anschaut, so kann man feststellen, dass dieser zurückgegangen ist. Der Anteil der Menschen, die den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nutzen ist im genannten Zeitraum zwar gleich geblieben, da das Verkehrsaufkommen insgesamt aber gestiegen ist, heißt das, dass absolut gesehen immer mehr Menschen den ÖPNV nutzen. Der Anteil derjenigen, die zu Fuß gehen oder das Fahrrad nutzen, ist sogar gestiegen. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 55 Mobilität Mit unterschiedlichen Programmen reagiert der Senat auf Veränderungen im Bereich der Mobilität. Der »Stadtentwicklungsplan Verkehr« erschien zuletzt im Jahr 2011 und wird im Jahr 2018 neu aufgelegt. Darin legt der Senat etwa folgende Ziele fest, um die Lebensqualität zu fördern und Umweltbelastungen zu reduzieren: DURCHSCHNITTLICH LEGT EIN*E BERLINER*IN 3,5 WEGE PRO TAG ZURÜCK. WAS ZEIGT DER VERGLEICH MIT ANDEREN STÄDTEN? Entfernung pro Weg: • Berlin: 6 km • Frankfurt: 6,1 km • Leipzig: 5,4 km Dauer pro Weg: • Berlin: 23,3 Minuten • Frankfurt: 20 Minuten • Leipzig: 20 Minuten Zeit im Verkehr pro Person pro Tag: • Berlin: 81,1 Minuten • Frankfurt: 66,2 Minuten • Leipzig: 72,4 Minuten 56 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt • Förderung von „barrierefreien, sozial- und  bedürfnisgerechten sowie umweltverträglichen  Mobilitätsangeboten“ • Stärkung  des ÖPNV, Fuß- und Radverkehrs  (»Umweltverbund«) • Umgestaltung  von Straßenräumen, um Fuß-  und Radverkehr mehr Raum zu geben • Neuorganisation des Wirtschaftsverkehrs in  der Innenstadt unter Berücksichtigung der Interessen der Wirtschaft Ebenfalls aus dem Jahr 2011 stammt das Mobilitätsprogramm 2016. Darin wird festgelegt, den Rad- und Fußverkehr durch die »Umsetzung einer umfassenden Radverkehrsstrategie« zu stärken. Dazu gehört, das Radverkehrsnetz zu erweitern und die Bedingungen für Fußgänger*innen im Stadtverkehr zu verbessern. Das Straßenverkehrsnetz wiederum soll nur dort ausgebaut werden, wo »Erschließungsmängel« vorliegen oder die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Stadt gestärkt werden soll. Derzeit arbeitet der Senat an einem bundesweit ersten Mobilitätsgesetz. Mobilität Auch eine veränderte Arbeitssituation wirkt sich auf das Verkehrsaufkommen in Berlin aus. Bundesweit liegt der Anteil der pendelnden Beschäftigten im Jahr 2016 bei 59,4 Prozent. Er ist damit so hoch wie nie zuvor. Aus Berlin fahren etwa 174.000 Menschen zur Arbeit in ein anderes Bundesland. Das sind 14 Prozent aller versicherungspflichtig Beschäftigten in Berlin. Man nennt sie Auspendler*innen. Etwa 295.000 sind Einpendler*innen. Das heißt, dass fast jede*r vierte Beschäftigte von außerhalb kommt. Im bundesweiten Vergleich verzeichnet Berlin den größten Zuwachs an Einpendler*innen. Seit der Jahrtausendwende ist ihre Zahl um mehr als 50 Prozent gestiegen. Trotzdem liegt München bei der Zahl der Einpendler*innen an erster Stelle. In Berlin sind zwei Drittel der Einpendler*innen aus Brandenburg (etwa 200.000). Im Zeitraum von 1999 bis 2015 hat die Zahl der Arbeitskräfte aus Brandenburg um 63,3 Prozent zugenommen. Aus Berlin wiederum pendeln etwa 85.000 Berliner*innen nach Brandenburg zur Arbeit. Das heisst, dass etwa jeder zehnte Arbeitsplatz in Brandenburg durch eine*n Beschäftigte*n aus Berlin genutzt wird. Aus Bayern pendeln rund 11.000 Menschen nach Berlin, 14.000 Menschen wiederum pendeln von Berlin nach Ba ayyern. Die Politik reagiert auf den steigenden Pendler*innenstrom zwischen Brandenburg und Berlin, indem die beiden Länder in Verkehrsfragen stärker kooperieren. So unterzeichneten sie im Oktober 2017 eine Rahmenvereinbarung mit der Deutschen Bahn. Das Ziel ist der Ausbau und damit die Verbesserung des Schienenverkehrs zwischen beiden Ländern. Dazu gehört eine höhere Taktung, etwa für den RE1. Dieser verkehrt zwischen Brandenburg/Havel und Frankfurt/Oder im 30-Minuten-Takt. Künftig soll er in der Hauptverkehrszeit im 20-Minuten-Takt fahren. Untersucht werden acht sogenannte »Korridore«, auf denen bestehende Strecken ausgebaut, verlängert oder neue Strecken geschaffen werden sollen. Auch über verlängerte Bahnsteige wird nachgedacht, so könnten längere Züge eingesetzt werden. Mehr Doppelstockzüge könnten mehr Personen befördern und es sollen Züge entwickelt werden, die reine Fahrradabteile anbieten. In den Regionalexpresszügen und Regionalbahnen des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) werden aktuell rund 31,5 Millionen Zugkilometer pro Jahr im Regionalverkehr zurückgelegt. Im Jahr 2022 sollen es rund 34 Millionen sein. Im Koalitionsvertrag legte der Senat 14 Straßenbahnstrecken fest, die er ausbauen möchte. Mit vier Strecken hat bereits der vorige Senat begonnen. Sie sollen bis 2021 in Betrieb gehen. Im Vergleich zum Straßenbahnausbau ist der Ausbau des U-Bahnnetzes wesentlich teurer. Kritiker*innen fordern stattdessen eine engere Taktung, so dass die U-Bahnen auf dem Großteil der Strecken im Vier-Minuten-Takt fahren. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 57 Inklusion » DIE AUSGRENZUNG BEGINNT BEREITS IM KINDERGARTEN« Berlin gilt als vielfältige Stadt, die offen ist für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und deren Lebensentwürfe. Aber wie hält es Berlin mit der Inklusion von Menschen mit Behinderung? Der Aktivist Raúl Aguayo-Krauthausen schildert seine Perspektive. 58 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Inklusion Für Menschen, die im Rollstuhl unterwegs sind, braucht es immer eine besondere Vorausplanung, wenn sie sich mit jemandem im öffentlichen Raum verabreden. Da geht es zum einen um den Ort und um die Frage, ob dieser Ort für rollstuhlfahrende Menschen zugänglich ist. Zum anderen geht es um den Weg dorthin. Man muss also herausfinden, ob der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) auf dieser Strecke barrierefrei ist und ob die Aufzüge gerade außer Betrieb sind. Es gibt andere Städte, wie etwa München, die in Sachen Barrierefreiheit wesentlich weiter sind als Berlin. Ich finde, es ist ein Armutszeugnis, dass hier erst im Jahr 2022 der ÖPNV barrierefrei sein wird. Das ist dreißig Jahre zu spät. Nicht nur im Vergleich zu anderen Ländern, sondern auch für viele Menschen mit Behinderung. Es ist ja nicht so, dass behinderte Menschen erst seit neuestem auf der Welt sind, sondern schon immer. Gemeinsam mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg habe ich die Internetplattform brokenlifts.org gegründet. Dort können wir in Echtzeit anzeigen, welche Aufzüge des ÖPNV außer Betrieb sind und welche nicht. So können Menschen, die mit einem Rollstuhl oder einem Kinderwagen unterwegs sind, im Vorfeld herausfinden, ob auf dem Weg ein Aufzug defekt ist. Diese Information gab es vorher nicht. Ich sehe darin einen Erfolg, bei dem wir mit relativ wenig Aufwand den Nutzer*innen des ÖPNV eine große Hilfeleistung geben können. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 59 Inklusion Vergleichbar dazu ist das Onlineprojekt wheelmap.org. Wir haben diese Plattform gestartet, um Betroffenen die Möglichkeit zu geben, auf einer Karte bewerten zu können, wie rollstuhlgerecht bestimmte Orte sind. Es können Cafés, Restaurants oder Museen sein. Leider werden diese Informationen bislang noch nicht systematisch erfasst. Deshalb haben wir selbst die Initiative ergriffen und diese Plattform aufgebaut. Für die Betroffenen ist es natürlich eine große Hilfe, dass sie sich untereinander Tipps geben können. Gleichzeitig deckt das Projekt auf, wo es große Barrieren gibt. Wir zeigen also die Probleme auf, aber wir lösen sie nicht. Wenn hier der Gesetzgeber nicht einschreitet und festlegt, dass öffentliche Räume barrierefrei zugänglich sein müssen, dann wird sich am Zustand auch nichts ändern. Da haben wir noch viel zu tun. In London etwa können sich rollstuhlfahrende Menschen in Restaurants einklagen, wenn sie nicht reinkommen. Deutschland ist davon weit entfernt. 60 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Was ich nicht mehr hören kann, ist die Forderung, wir müssten erst einmal die »Barrieren in den Köpfen« abbauen. Wir können die Barrieren in den Köpfen erst abbauen, wenn wir einander überhaupt begegnen. Aber diese Möglichkeit haben wir nicht, wenn Begegnungsstätten nicht barrierefrei sind. Die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung beginnt bereits im Kindergarten. Wenn Erzieher*innen oder später Lehrer*innen die Möglichkeit haben zu sagen, dass sie kein Kind mit Down-Syndrom in ihrer Gruppe oder Klasse haben wollen, dann läuft etwas falsch in diesem Land. Wir dürfen nicht selektieren. Inklusion Von der Politik erwarte ich, dass wir nicht hinter bestehende Standards zurück fallen, sondern uns verbessern. Darüber hinaus fordere ich, dass jede Gesetzesinitiative und jede Förderung eines Projektes ganz klar an die Bedingungen der Inklusion geknüpft sein muss. Das heisst, wenn ein neues Theater finanziert werden soll, dann soll nicht nur der Zuschauerraum, sondern auch die Bühne barrierefrei zugänglich sein. Damit würden wir Schauspieler*innen mit Behinderung die Möglichkeit geben, ihre Kunst zu zeigen und nicht nur als Zuschauer*innen Kunst zu konsumieren. Insgesamt wünsche ich mir, dass wir die Möglichkeiten zur Teilhabe nicht als eine Art Almosen betrachten, sondern als Bereicherung für alle. Comics © Adina Hermann | Leidmedien.de Hintergrundfoto + R. Krauthausen © Andi Weiland | Sozialhelden e.V. Raúl Aguayo-Krauthausen Raúl Aguayo-Krauthausen ist Inklusions-Aktivist und Gründer der Sozialhelden e.V. Aguayo-Krauthausen wurde 1980 in Peru geboren. Er studierte in Berlin Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und Design Thinking. Zunächst arbeitete er in der Werbebranche und für unterschiedliche Medien wie Radio Fritz vom rbb und widmete sich dann zunehmend eigenen, kreativen und medienwirksamen Inklusionsprojekten. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 61 Mitbestimmung WIE KANN ICH MEINE STADT MITGESTALTEN? Wie können Sie den Wandel in Berlin mitgestalten? Wir zeigen unterschiedliche Möglichkeiten. PARTIZIPATION Mit Partizipation sind alle Formen der aktiven, freiwilligen Beteiligung in einer Gesellschaft gemeint. Je nach Anliegen und Geschmack gibt es vielfältige Möglichkeiten: ganz spontan oder sorgfältig geplant, allein oder in einer großen Gruppe, mit kurzfristiger Wirkung oder in langfristigen Prozessen. Was passt am besten zu Ihnen? 62 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Mitbestimmung Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 63 Mitbestimmung REPRÄSENTATIVE DEMOKRATIE Die repräsentative Demokratie bezieht sich auf alles, was mit Parteien und Parlamenten zu tun hat. In einem Parlament sitzen gewählte Vertreter*innen (»Repräsentant*innen«), die stellvertretend für die Wähler*innen tätig sind. 64 Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Mitbestimmung DIREKTE DEMOKRATIE Mit den Möglichkeiten der direkten Demokratie können Bürger*innen direkt Einfluss auf einen politischen Sachverhalt oder ein Gesetz nehmen. Diese Verfahren sind in der Verfassung geregelt. Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 65 Quellenangaben QUELLENANGABEN Bevölkerungszusammensetzung, S. 6–9 »Wie erinnern wir uns« S. 22–25 Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Statistisches Jahrbuch 2016 Berlin Postkolonial e.V. http://www.berlin-postkolonial.de/cms/index.php/orte/78-afrikanisches-viertel Anm.: Da im Jahrbuch 2016 keine Angaben zu islamischen und jüdischen Religionsgemeinschaften gemacht wurden, wurde hier das Statistische Jahrbuch 2015 als Quelle herangezogen. Bundeszentrale für politische Bildung https://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/zahlen-undfakten/42228/mitglieder-nach-bundeslaendern Eine Weltstadt Berlin/Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER) http://eineweltstadt.berlin/publikationen/stadtneulesen/einfuehrung Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie https://www.berlin.de/sen/bildung/lebenslanges-lernen/alphabetisierung-undgrundbildung/ Gedenkstätte deutscher Widerstand https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/biografien/personenverzeichnis/biografie/ view-bio/cora-berliner/ Bevölkerungsentwicklung, S. 10–13 Luisenstädtischer Bildungsverein e.V. http://www.luise-berlin.de/strassen/strassennamen_lexikon_stadtbezirke.html Amt für Statistik Berlin-Brandenburg https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/pms/2017/17-08-23.pdf Berlin Handbuch – Das Lexikon der Bundeshauptstadt, Hg.: Presse- u. Informationsamt des Landes Berlin, 1992 Die Geschichte Berlins – Verein für die Geschichte Berlins e.V., gegr. 1865 https://www.diegeschichteberlins.de/ Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1987 http://www.digitalis.uni-koeln.de/JWG/jwg_index.html Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten, Berlin http://www.berlin.de/fluechtlinge/ Luisenstädtischer Bildungsverein e.V. http://www.luise-berlin.de/stadtentwicklung/texte/4_12_grberges.htm Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/bevoelkerungsprognose/de/ ergebnisse/evaluation.shtml Wikipedia-Artikel »Einwohnerentwicklung Berlin« https://de.wikipedia.org/wiki/Einwohnerentwicklung_von_Berlin#cite_note-WS-11 Wikipedia-Artikel »Hugenotten in Berlin« https://de.wikipedia.org/wiki/Hugenotten_in_Berlin Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 3/2010 https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/publikationen/aufsaetze/ 2010/HZ_201003-01.pdf 66 Bezirksamt Mitte https://www.berlin.de/ba-mitte/ueber-den-bezirk/erinnerungskultur/ strassenbenennungen/ Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz https://www.berlin.de/senuvk/service/gesetzestexte/de/download/verkehr/ amtsblatt_av_gur5.pdf Wikipedia-Artikel »Liste der Straßen und Plätze in Berlin-Mitte« https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stra%C3%9Fen_und_Pl%C3%A4tze_in_ Berlin-Mitte#cite_ref-SpVorLDL_2-0 Orte der Vielfalt, S. 30–33 arte http://cinema.arte.tv/de/artikel/coming-out-von-heiner-carow Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf https://www.berlin.de/ba-marzahn-hellersdorf/ueber-den-bezirk/ historisches/artikel.291066.php Bundesstiftung Magnus Hirschfeld http://mh-stiftung.de Bundeszentrale für politische Bildung https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/homosexualitaet/38831/ eine-regenbogen-geschichte?p=all DEFA-Stiftung http://www.defa-stiftung.de/carow-heiner http://defa-stiftung.de/20-jahre-coming-out Der Tagesspiegel, Artikel vom 5.4.2015 http://www.tagesspiegel.de/meinung/causa-debatte/ein-zitat-und-seine-geschichteich-bin-schwul-und-das-ist-auch-gut-so/11568106.html Quellenangaben FFBIZ – Das feministische Archiv http://www.ffbiz.de/ueber-uns/geschichte/index.html Märkische Oderzeitung, Artikel »Pendler-Rekord in Deutschland« vom 31.07.2017 http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1593157 Fluter, Artikel »Schwule und Lesben in der DDR: Spätes Coming Out« https://archive.fo/2Qr1#selection-179.171-179.275 Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz: Institut für Frauen-Biographieforschung, fembio e.V. http://www.fembio.org Lesben- und Schwulenverband Deutschland in Deutschland, Landesverband BerlinBrandenburg e.V. https://berlin.lsvd.de/projekte/ein-denkmal-fuer-die-erste-homosexuelleemanzipationsbewegung Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft http://magnus-hirschfeld.de/ Senatsverwaltung für Arbeit, Integraton und Frauen »Persönlichkeiten in Berlin 1825–2006. Erinnerungen an Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen« https://www.berlin.de/sen/lads/_assets/schwerpunkte/lsbti/materialien/schriftenreihe/doku30_lsbti-persoenlichkeiten-in-berlin.pdf Webseite »Audre Lorde in Berlin – Eine Online Reise«, Hg. Prof. Dr. Dagmar Schultz http://audrelordeberlin.com Mobilität, S. 54–57 Amt für Statistik Berlin-Brandenburg: Lange Reihe »Verkehr« https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/statistiken/langereihen/dateien/ Strassenverkehr.xlsx Broschüre »Berliner Verkehr in Zahlen 2013« https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/politik_planung/zahlen_fakten/download/ Mobilitaet_dt_komplett.pdf Broschüre »Mobilität in der Stadt« 2013 https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/politik_planung/zahlen_fakten/download/ Mobilitaet_dt_komplett.pdf Erster Bericht zur Umsetzung des Stadtentwicklungsplanes Verkehr 2025 https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/politik_planung/step_verkehr/download/ StEP_Verkehr_Fortschrittsbericht.pdf Mobilität in Städten – SrV 2008 und SrV 2013 https://www.berlin.de/senuvk/ verkehr/politik_planung/zahlen_fakten/mobilitaet_2013/index.shtml Mobilitätsprogramm 2016, 2011 https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/politik_planung/step_verkehr/ handlungsprogramm/index.shtml Stadtentwicklungsplan Verkehr, 2011 (im Jahr 2018 soll ein neuer Stadtentwicklungsplan erscheinen) https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/politik_planung/step_verkehr/ botschaften/index.shtml Technische Universität Dresden, Fakultät Verkehrswissenschaften, Prof. Dr.-Ing. GerdAxel Ahrens, Forschungsprojekt ›Mobilität in Städten – SrV 2013‹ Mobilitätssteckbrief für Berlin https://tu-dresden.de/bu/verkehr/ivs/srv Statistisches Jahrbuch 2016 Berlin Bundesagentur für Arbeit, Pendleratlas (Datenstand Juni 2016) https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistische-Analysen/ Interaktive-Visualisierung/Pendleratlas/Pendleratlas-Nav.html Redaktionsschluss für die Ausstellungstexte war im November 2017. Folgende Angaben wurden in der Buchversion aktualisiert: Tafel »Wie erinnern wir uns« Der Tagesspiegel, Artikel »Regionalverkehr: Bahnverbindungen zwischen Berlin und Brandenburg sollen ausgebaut werden« vom 4.10.2017: http://www.tagesspiegel.de/berlin/regionalverkehr-in-berlin-und-brandenburgbahnverbindungen-fuer-pendler-sollen-ausgebaut-werden/20413258.html Der Tagesspiegel, Artikel »Größere Züge und mehr Verbindungen für Berlins Speckgürtel« vom 23.10.2017: http://www.tagesspiegel.de/berlin/neuer-nahverkehrsplan-brandenburg-groesserezuege-und-mehr-verbindungen-fuer-berlins-speckguertel/20493120.html https://leute.tagesspiegel.de/mitte/macher/2018/04/20/42285/bezirksverordnetenversammlung-stimmt-fuer-neue-strassennamen-im-afrikanischen-viertel/?utm_source=TS-Leute&utm_medium=link&utm_campaign=leute_newsletter https://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/spandau/berlin-mitte-neue-strassennamen-fuers-afrikanische-viertel-gefunden/21163352.html Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit Pendlerbericht Berlin-Brandenburg 2015 http://doku.iab.de/regional/bb/2017/regional_bb_0117.pdf Berlin im Wandel || Menschen verändern ihre Stadt 67 Mehr Informationen: www.berlin.de/politische-bildung
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