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Volume Nr. 6, 7. März 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

GfftrteUe AussteUungs -Nachrichten. 
S 
geordnetenhaus, das Reichspostgebäude, die vielen neuen Brücken, 
die glanzenden Kaufhäuser, die wirklich herrschaftlichen Paläste, 
wird darin hervorgehoben, daß eine große architektonische Revolution 
in Berlin vor sich gegangen sei, daß Berlin sich so zu sagen 
„häute" zu Ehren der heißgeliebten Ausstellung. — Allen den 
jenigen, die 'Berlin seit Jahren nicht besucht haben, wird Berlin 
wie eine Offenbarung vor Augen treten, als die jüngste und 
lebenskräftigste aller Weltstädte. 
In der Turiner Patria (3. Februar) wird anläßlich der Ent 
deckung Röntgen's daran erinnert, wie viel gerade Berlin für die 
Wissenschaft geleistet hat, und der wissenschaftliche Theil derAus- 
stellung stark beleuchtet. Verdienstvolle Gelehrte, deren Namen ganz 
Europa kennt, sollen die Besucher, anläßlich ihrer Vortrüge in der 
Ausstellung, auch persönlich kennen lernen. 
Das bekannte Blatt The Roman Times zollt der Berliner 
Stadtgemeinde ein wohlverdientes Lob. Es schreibt am 17. Januar: 
„Die Stadt Berlin selbst, deren Vertreter Alles, was in ihrer 
Macht steht, gethan haben, um den Erfolg der Ausstellung zu 
sichern, trifft ihre Vorbereitungen zum würdigen Empfang der Gäste, 
die aus allen Theilen der Welt erwartet werden. Alle, die kommen, 
sind eines herzlichen Willkommens sicher und werden, das glauben 
wir unbedingt, stets eine angenehme Erinnerung der gastfreien 
Hauptstadt des Deutschen Reichs bewahren." 
Selbst Sportblätter beschäftigen sich mit der Berliner Gewerbe- 
Ausstellung. Tie Mailänder Biciclctta ist zweifellos das ver 
breitetste Radfahrerblatt ganz Italiens. In Italien ist dieser Sport 
unvergleichlich mehr verbreitet als in Norddcutschland. Zweimal 
wöchentlich wird die Bicicletta als Beiblatt dreizehn größeren 
Zeitungen Italiens beigelegt. Zu ihren Mitarbeitern zählen einige 
der angesehensten Schriftsteller Italiens, die diesem Sport huldigen, 
z. B. der Dramatiker Praga und die noch bekannteren Dichter 
Giacosa und Stccchetti, die auch in Deutschland außerordentlich ge 
schützt werden. 
In -einem Dithyrambus zu Ehren der Freigebung der Straßen 
Berlins für den Radfahrersport lesen wir: 
„In einer Ausstellung, die noch dazu den Namen einer Ge 
werbe-Ausstellung führt, müssen die Fahrräder mit Allem, was 
darum und daran hängt, heutzutage eine hervorragende Rolle spielen. 
Ter Radfahrerbund soll die Absicht haben, die Bundes- 
und Spvrtsgcnvsscn einzuladen, so zahlreich wie möglich bei der 
Ausstellung zu erscheinen. Nicht nur würden Rennen und Wett 
fahrten mit stattlichen Prämien und Sonderausstellungen vor 
bereitet, sondern man würde auch Sorge tragen für außergc- 
wöhnlich wohlfeiles Unterkommen und den Allheilbrüdern aus der 
Fremde in sämmtlichen deutsche» Gasthöfen dieselben Vortheile 
zukommen lassen, die tausend und abertausend Mitglieder des 
Bundes genießen. 
Und wenn nicht überall in Deutschland diese neuen Pilger 
vom Stahlroß einen Ueberfluß von Schrittmachern und Ehren- 
escorten finden sollten, so müssen die Deutschen nicht mehr jene 
unübertroffenen Riesenbummler sein, die sie von Taeitus' Zeiten 
her gewesen sind; sie müssen nicht mehr jede Gelegenheit bei den 
Haaren oder vielmehr bei der Glatze herbeiziehen, um einen kleinen 
Abstecher von Hause zu machen, zahllose Krüge Bieres zu leeren, 
eines Bieres, das allein eine Reise zu machen verlohnt, und von 
dem cs in jeder Stadt eine andere Sorte giebt, eine immer besser 
als die andere. 
Für sieben Francs täglich besorgt Stangen — unser Chiari — 
Wohnung, Essen und Trinken, Theater und alle im Zusammen 
hange stehenden zulässigen Vergnügungen. Diejenigen, welche sparen 
wollen, können sich gleich Pythagoras, nur von Vegetabilien in dem 
zu diesem Zweck eigens auf der Ausstellung aufgeführten Hotel 
ernähren." 
Schließlich soll nach der Turiner Gazzetta del Popvlv — 
kein Witzblatt, sondern eine der angesehensten conservativen Zeitungen 
ganz Italiens — sie gehört dem bekannten Politiker und Dialekt- 
dichter Bottero — sogar Re Umberto zur Ausstellung nach Berlin 
pilgern. 
Se non e vero, e ben trovato, um so mehr als einer oder der 
andere seiner Angehörigen diese Pilgerfahrt wirklich antreten dürfte. 
E. Gagliardi. 
Die Crimirml-Polizei und die Ausstellung. 
Es ist bekannt, daß jede größere, öffentliche Veranstaltung, 
insbesondere aber jede Ausstellung eine außerordentliche Anziehungs 
kraft auf allerlei Gauner, vor Allem auf Hochstapler und 
Taschendiebe ausübt. Wo viele Besucher aus aller Herren 
Ländern zusammenströmen, wo regelmäßig Volksansammlungen statt 
finden, wo Schaustellungen und Vergnügungen die Aufmerksamkeit 
des Besuchers in Anspruch nehmen und ihn verhindern, ständig 
auf sein Eigenthum, auf seine Brieftasche und Börse zu achten, 
da halten die Taschendiebe ihre beste Ernte. 
Aus England und Amerika erscheinen bei solchen Gelegen 
heiten die Koryphäen der Taschendiebe, die Budapcstcr Specialisten, 
die wegen ihrer „Tüchtigkeit" einen Weltruf besitzen, finden sich 
ein, und selbst der Pariser Taschendieb nimmt die Gelegenheit wahr, 
um am deutschen Erbfeind seine Revanche zu nehmen. 
Natürlich trifft man zum Empfange solch' unliebsamer Gäste 
die nöthigen Vorbereitungen. 
Auf der Ausstellung von Chicago waren außer den Staats- 
Polizisten noch Hunderte von Privat-Tetectives vorhanden, die von 
der Ausstellungsleitung angestellt waren, um auf Taschendiebe zu 
fahnden, und die außer ihrem reichlichen Gehalt eine „Fang-Prämie" 
von 10 Dollars für jeden ertappten Taschendieb erhielten. 
Als im Jahre 1887 in Budapest eine Landes - Ausstellung 
stattfand, fürchtete man die Geschicklichkeit der einheimischen Taschen 
diebe ganz besonders. Der damalige Oberstadthauptmann (Polizei 
präsident) von Budapest, Török, aber wußte Rath. Er ließ die 
der Polizei wohlbekannten „Senioren" der Budapester Taschen 
diebe zu sich kommen und theilte ihnen mit, daß er in dem Augen 
blicke, in welchem in der Landes-Ausstellung der erste Taschendieb 
stahl verübt iverdc, sämmtliche Taschendiebe nebst Anhang ein 
sperren lassen und erst nach Schluß der Ausstellung wieder frei- 
geben ivürdc. Diese Drohung wirkte. Sämmtliche Budapester 
Taschendiebe verließen die Stadt und gingen auf Kunstreisen. In 
der Landesausstellung kam nicht ein einziger Taschendiebstahl vor. 
Einzelne Budapester Taschendieb-Matadoren verunglückten auf 
der Kunstreise, sie gingen „verschütt", d. h. sic wurden erwischt. 
Auch in Berlin wurden damals einige von ihnen gefangen gesetzt. 
Wahrscheinlich wird auch in diesem Jahre bei der Millinniums- 
Ausstellung die Budapester Polizei das bewährte Schreckmittel 
gegen die einheimischen Taschendiebe anwenden, und diese werden 
mit Specialisten aus England und Amerika auch auf unserer 
Berliner Ausstellung Gastrollen zu geben versuchen. 
Diese fremden Gäste dürfen eines warmen Empfanges durch 
unsere Criminalpvlizei sicher sein, welche alle Vorbereitungen zur 
würdigen Begrüßung dieser Koryphäen getroffen hat. 
Die Berliner Taschendiebe sind wenig zu fürchten. Die 
Berliner Criminalpolizci hat seit Jahren unter ihnen so aufgeräumt, 
daß fast alle Capacitäten dieser gaunerischen Specialität hinter 
Schloß und Riegel sitzen. Einzelne bedeutende Berliner Taschen 
diebe haben in Folge des energischen Eingreifens der Criminal 
polizci sogar das „Geschäft" ganz aufgegeben. Die noch vor 
handenen „activen" Taschendiebe werden in der Ausstellungszeit 
scharf überwacht werden. 
Ans den Hauptstädten, ans denen taschendiebischer Besuch 
zu erwarten steht, hat sich die Berliner Criminalpvlizei die Photo 
graphien aller bekannten Taschendiebe kommen lassen, um diese 
Bilder hier zu vervielfältigen und an die aufsichtführenden Beamten 
zu vertheilen. Durch die letzten Etatsbewillignngcu des preußischen 
Abgeordnetenhauses ist die Berliner Criminalpvlizei in der Lage, 
soeben eine größere Anzahl von Criminalbcamtcn neu 
einzustellen. Diese werden augenblicklich insbesondere auf 
Taschendiebe „eingearbeitet" und werden neben den älteren 
Criminalbeamten dauernd in der Ausstellung stationirt werden, 
um dort den Taschendieben aufzupassen. 
Die fremden Gauner, welche hier stehlen wollen, mögen also 
nur kommen! Es ist zu ihrem Empfange Alles bereit! 
A. Oskar Klaußmann.
	        
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