Path:
Periodical volume Nr. 58, 14. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 
Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Grellen wir jetzt wieder zum Anfang zurück. Hier fällt 
uns ein Kienspahnlialter in’s Auge, welcher in früheren Zei 
ten zur dürftigen Erleuchtung der Flure und .Zimmer dien 
te. An die Vergangenheit, besonders an das Edict Fried 
richs des Grossen wegen der Strassenbeleuchtung erinnert 
eine alte Strassenlaterne mit Kienspahnbrand. Wie eigenartig 
wirkt dieses rostzerfressehe Gestell, welches nur eine 
schwache Aehnliehkeit mit den heutigen; eleganten Formen 
erkennen lässt. .Unter dem eisernen Hach zum Schutz gegen 
Hegen hängt ein eiserner. Korb, welcher zur Aufnahme der 
Kienspähne dient. Einen weiteren | Fortschritt zeigt schon 
die daneben hängende Laterne mit Uelfüllung. Glaswände 
halten die Luft fern von dem verhältnissmässig plumpen 
Oelbeli älter,unter welchem sich die Dochtöffnungen zeigen. 
Welches trübe Licht mögen diese Vorrichtungen verbreitet 
haben im Verhältnis» zu den nun folgenden Regenerativ 
brennern. Mit der Einführung des Gaslichts zeigt sich ein 
bedeutender Umschwung auf dem Gebiete des Beleuchtungs 
wesens. Der Laternenkörper nahm eine bestimmtere, dlie 
jezt noch gebräuchliche Form an. Sein Inneres war frei 
und bot miti seinen verhältnissmässig kleinen Brennern einen 
bei weitem freundlicheren Eindruck. Die Brenner vervoll 
kommneten sich mehr und mehr; dem ersten Brenner mit 
dem durch feine Dehnungen durchbrochenen Kopfe folgte 
der plumpe Schmetterlingsbrenner und der Schnittbrenner. 
Rund- und Zwillingsbrenner fehlen nicht und vervollkomm 
nen sich schliesslich 'zu dem Brenner der gebräuchlichen 
verschiedenartigen Gasglühlichtsysteme, welche sämmtlich 
auf ein- und demselben Princip beruhen und nur in der Her 
stellung des Glühstrumpfes einen kaum merklichen Unter 
schied aufweisen: 
Die hintere Tischseite wird von den grösseren Regenera- 
tiv-Brerinern eingenommen, sie finden ihren Abschluss in 
einem Kolossalmodell, (welches höchstens zur Beleuchtung 
grosser Säle in Betracht kommt. Aus den Oeffnungen eines 
Rundbrenners tritt das Leuchtgas aus und entfaltet sich 
zur Flamme. An einem porösen Thoncylinder geht das 
Leuchtgas empor, vermischt sich mit atmosphärischer Luft 
und erhält dadurch erhöhte Leuchtkraft. Der Thoncylinder 
bildet gleichzeitig den einzigen Abzug für die verbrannten 
Gase. Durch die entstehende Zugluft wird nun die 
Flamme an ihrem oberen Ende in den Cylinder hineingezo 
gen, wodurch ein blendender Lichtkranz erzielt wird. Die 
heissen verbrannten Gase ziehen 'durch die unten befind 
liche Trommel und erwärmen das zur Beleuchtung dienende 
Gas, um sodann durchjein gebogenes Abzugsrohr an der Seite 
emporzugehen. Infolge dieses Processes wird eine gründ 
liche Ausnutzung des Gases erreicht, jedoch ist die Wärme 
entwicklung eine so enorme, dass die Lampen nur zur Er 
leuchtung grösserer, gut mit Ventilation versehener Räume» 
mit Erfolg verwendet .werden können. Auch sie mussten 
dem wehfg hitzenden neueren Gasglühlicht den Vorrang 
überlassen. 
Aus den ausgestellten Gegenständen sieht man, dass sich 
die Entwickelung der Gasbeleuchtung erst auf die letzten 
Jahrzehnte concentrirt. Immer neue Verbesserungen tau 
chen auf und beweisen, dass das Gas sich nicht so leicht der 
immer weiter vorschreitenden elektrischen Beleuchtung 
unterwerfen wird. Spectator. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Schulgesundheitspflege. 
Ein recht dankbares Thema war es, welches Prof. Dr. 
A. Baginsky sich zu seinem Vortrage, gewählt hatte, es ist 
nur zu bedauern, dass so wenig Lehrer und Lehrerinnen sich 
eingefunden hatten. Gerade für diese war der Vortrag in 
erster Linie bestimmt, denn sie beobachten das Kind in der 
Schule, sie können die hygienischen Felder, welche bei An 
lage neuer Schulen, bei Beschaffung der Subsellien gemacht 
werden oder die sieb im Unterricht einstellen, leicht beur 
theilen, und sie können durch geeignete Schritte zur Beseiti- 
£ l }! l S JXebelstände viel beitrage^. 
Auf den ersten Blick mag es scheinen, als ob Wohlfahrt 
und Erziehung nicht im geringsten Zusammenhang mit dem 
Gewerbe stehen. Wenn man aber die verschiedenen Ge- 
räthe und Apparate, welche die Volkswohlfahrt fördern und 
die Erziehung zu einer gedeihlichen gestalten sollen, etwas 
genauer betrachtet, so findet man, dass auf diesem Gebiete 
wahrlich nicht die -geringste Betheiligung der Industrie 
liegen kann. Die Hygiene hat sich zu einer weit ver 
breiteten und beachtenswerten Wissenschaft herangebildet, 
welche zu ihrer Anwendung vielfacher Hilfskräfte bedarf. 
Sie ist keine junge Wissenschaft, sondern ihre Entwicklung 
führt uns ein Stück Culturgeschichte vor. Die Epidemieen 
haben dazu beigetragen, die Gesetze der Moral zu Eisen und 
die Culturfortschritte zu zerstören, deshalb verdient die Hy 
giene außergewöhnliche Werthschätzun g. 
Das Thema „Schulgesundheitspflege” liegt halb auf ärzt 
lichen, halb auf pädagogischem Gebiet. Es ist nicht leicht, 
eine genaue Trennung vorzunehmen, deshalb ist es noth 
wendig, die Erziehung längst verflossener Zeiten in ihrer 
Einwirkung auf die Menschheit in grossen Zügen zu be 
rühren. 
Bei den Griechen war die Kindererziehung Sache des 
Staates, ihm kam es vor allen Dingen darauf an, ein kräf 
tiges, gegen die Misere des Lehens gewappnetes Geschlecht, 
zu erziehen. Ein grosser Unterschied in der Erziehung be 
stand zwischen den beiden griechischen Hauptstaaten Sparta 
und Athen: jenes zog die körperliche Erziehung in den \ or- 
dergrund, dieses dagegen gab der geistigen Durchbildung 
den Vorzug. In späteren Zeiten, aber noch nicht unter dem 
Einfluss des römischen Reiches ging man zur Gleichmässig 
keit in der Entwicklung der geistigen und körperlichen Fähig 
keiten über. Den Römern erschien als Hauptziel der Er 
ziehung die kriegerische, also körperliche Ausbildung. Im 
Laufe der Zeit jedoch eigneten sie sich die Erziehungsweise 
der Griechen an und als die Philosophie mehr und mehr Ein 
gang gefunden hatte, trat die geistige, Erziehung bedeutend 
in den Vordergrund. 
Mit dem Verfall des römischen Reiches und dem Ein 
tritt des Christenthums nahm die Erziehung eine ganz andere, 
Richtung- an. So finden wir bei den Germanen unter dem 
Einflüsse des Christenthums, nicht bei jenen wilden Horden, 
wie die Römer sie kennen lernten, die geistige Entwicklung 
in den Vordergrund gedrängt. Das Ritterthum zog die 
körperliche Ausbildung mehr vor und auch das Bürgerthum 
neigte mit dem zunehmenden Selbstbewusstsein und der ver 
größerten Macht der Städte und Zünfte dieser Bevorzugung 
zu. Jene Bewegung aber, welche von Italien ausging und 
die man als Humanismus bezeichnet, lenkte die Aufmerk 
samkeit wieder auf das geistige Wohl hin. A r i o s t, P e - 
t.rarca, Tasso u. A. waren die Vertreter des italienischen 
Humanismus, und sie finden in E r a s m n s v. Rotter- 
dämm, v Hutten u. s. w. berufene deutsche Vertreter. 
Auch der Einfluss Luther’»-, Melanchthon"» uud 
Bugenhagen’s auf die deutsche Erziehung machte sich 
allgemein geltend. Nach Luther’» Tod folgte eine schwere 
Zeit für die Erziehung und erst durch John Locke, C o - 
menius, Basedow, Rousseau, und vor allem Pe 
stalozzi wurde der Pädagogik die ihr gebührende Stellung 
eingeräumt. Schon B aco von Verulam hatte den Grund 
satz der Alten: „Mens sana in corpore sano” (nur in einem 
gesunden Körper ein gesunder Geist! als obersten Leitsatz 
für die Erziehung hingestellt, aber erst zu Ende des vorigen 
und Anfang dieses Jahrhunderts räumte man ihm den Rang 
ein, der ihm gebührt. Die eigentliche körperliche Erziehung 
trat jedoch noch immer in den Hintergrund, und trotzdem 
Männer wie Jahn und Eiselen die Nothwendigkeit eines 
geregelten Tanrnunterrichts auch für die Jugend betonten, 
blieb es Dr. Lorinser vorbehalten, im Jahre 1836 durch 
sein Werk „Zum Schutze der Gesundheit in Schulen” einen 
erheblichen Fortschritt in dieser wichtigen Frage zu erzielen. 
Es konnte nicht geleugnet werden, dass mit der zunehmenden 
Entwickelung ides Unterrichts der Körper mehr und mehr 
verkümmerte, deshalb sahen sich die Regierungen genöthigt, 
Revisionen anzuordnen, welche auf genügende Berücksichtig
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.