Path:
Periodical volume Nr. 58, 14. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officiellc Ausstellungs - Nachrichten. n 
Er klein, von mangelhafter Figur, unzweifelhaft Pantoffelheld. 
»Sapristi, ist das aber ein schneidiges Promenaden-Costüm, 
was Moritz?« 
»Welches?« fragt Moritz sichtlich beklommen und in schlecht 
verhehlter gereizter Stimmung. Das blau-weisspunktige Foulardkleid 
mit dem Spitzen-Jabot?« 
»Himmel, über Deinen Geschmack, Moritz. Vierzig Mark der 
ganze Scherz. Das kann allenfalls Braumüiler’s Mieze anziehen; 
aber doch nicht ich! Nein, das hier meine ich, aus schwarzem 
Moire perle mit dem durchschossenen Muschelmuster in Gold. Diese 
Fason, diese Ausführung, berauschend geradezu. Und hier die orange 
Taffetblouse mit den alten echten Spitzen und den Brillant-Agraffen. 
Siehst Du, Moritz, wenn Du — — ich habe für den Sommer 
wirklich — —« 
»Kaum was anzuziehen« — ergänzte Moritz — »natürlich! 
Na, es ist schon, um rein toll zu werden mit Euch Weibern und 
Eueren Fahnen« — —- — 
»Fahnen? Moritz, ich bitte Dich, diese Entweihung! Das ist 
ja der reine Barbarismus, bei solchen künstlerischen Gebilden von 
Fahnen zu sprechen. Aber siehst Du, ich sagt’ es ja gleich — 
das Abonnement ist das wenigste. Aber die Toiletten, wenn man 
alle Woche ein halb Dutzendmal hier herausgeht und -— — —« 
»Hör’ auf, Lori, um Gotteswillen, und wenn Du mir einen 
Gefallen thun willst, so lass uns jetzt zu Bauer gehen, ja?« 
»Und das Costüm?« lispelt sie, ihm süsse Auge machend. 
»Bestell’s Dir in Gottesnamen! — 
Ein blondgelocktes Püppchen, die Mama hinter sich her 
zerrend, mit hochrothen Wangen und gleich einem Mühlrad plappern 
dem Mündchen: 
»Sieh nur Mamachen das Grüne mit den Spitzen ist doch süss. 
Margot’s Mama hat es auch schon bei Gerson bestellt — und Du musst 
mir’s zu meinem Geburtstag schenken. Ja Mamachen ? Bitte! Bitte! — 
Und nun, Tildchen, nach dieser Abschweifung in’s Extreme 
wieder zurück in’s Interne, und zum Schluss noch die Beschreibung 
einer besonders schönen Dinertoilette, die von einer altbewährten 
ersten Berliner Firma ausgestellt ist, die sich stets den Hauch 
einer gewissen Exklusivität zu wahren gewusst und in Berück 
sichtigung ihres streng vornehmen, distinguirten Publikums auf alles 
Prunkvolle, Ueberladene und Extravagante absichtlich verzichtet hat. 
Besagte Dinertoilette, vor welcher mein Frauenherz in Bewun 
derung schlägt und die dem Kleider-Architekten — ich behaupte 
es giebt solche, ebenso wie Bau-Architekten — alle Ehre macht, 
ist also aus dem sich jetzt besonderer Bevorzugung erfreuenden 
cliine — maisgelb changeant Taffet-Fond mit halb eingewirkten, 
und halb aufgedruckten weiss und gelben und matt lila und 
rothen Blüthen. Die Farbenwirkung ist überaus reizvoll. Der 
Schirmrock, ein wenig die Erde berührend, ist bis zu den 
Seiten glatt, nach hinten in fünf tiefen Tollen ausfallend, 
die Taille von gleichem Stoff. Der runde Ausschnitt mit 
aus Gaze-chiffons zierlich aneinander gereihten Touffs garnirt, um 
welche herum sich ein Zacken-Revers von blasslila Spiegelsammet 
lögt, welches mit Handstickerei von feinsten, echten Goldfäden be 
grenzt wird. Die Taille schliesst rechts, also Herrenschluss, und 
wird mit einer altgold brillantenbesetzten Agraffe gehalten. Vorn 
und hinten tiefe Schnebben, der Acrmel ganz aus kleinen Gaze 
chiffons Puffen, über welchen oben an der Schulter noch ein kurzer 
Puff von Seidenstoff' arrangirt ist. 
Alles in Allem ein Kabinetstück vornehmer Eleganz. Dazu 
ein weisses Sortie, Sammetbrockat mit Silber und echtem Marabu 
mit Straussspitzen boaartig besetzt, um den Hals ein dicker Nelken 
kranz. — — — — — — — — — — — — — — — 
So, das war also »der erste Streich« . .. »Stoff« giebt’s 
noch eine unheimliche Menge. Schon allein der Jupon, der heut 
eine dominirende Stellung einnimmt, sowie auch die Capes, Sorties 
de hals und Corsokragen verdienen ein ganz besonderes Kapitel. 
Aber auch auf andereren, die Frauen interessirenden Gebieten ist 
Hervorragendes geleistet, und da ich ein aufrichtiges Bedauern 
empfinde, mit Dir, liebe Tilde, die Schönheiten unserer Ausstellung 
nicht bewundern zu können, so halte ich es fast für meine Pflicht, 
Dich wenigstens einigermaassen schadlos und auf dem Laufenden 
zu erhalten. — Eine allerherzlichste Umarmung von Deiner 
Agnes Stellbaum. 
Die historische Entwickelung der Flammen- 
beleuchtung. 
(Abdruck untersagt.] 
Ebenso wie Kanalisation und Wasserleitung bat sielt 
die gerade für Grossstädte hochwichtige Technik der Gas 
anlagen eine hervorragende < Stellung im menschlichen Leben 
erworben. Mögen auch andere Elemente zur Lichterzeu- 
gung in Betracht kommen, vorläufig behauptet noch die Gas 
laterne die Oberhand in den gewaltigen Strassenzügen der 
Reichshauptstadt. Deshalb finden wir auch in dem Gebäude 
für Gas- und Wasseranlagen, unmittelbar neben der Eiseh 
kosthalle erbaut, auf einem rechts vom Eingang stehenden 
Tische die historische Entw ickelung der Flammenbeleuchtung 
durch eine Sammlung der erforderlichen Gegenstände dar 
gestellt. 
Den Anfang macht eine Collection alter zinnener Oel 
lampen aus der Zeit unserer Vorfahren, welche wohl auch 
älteren Berlinern aus dem Hausrath der Grosseltern noch in 
Erinnerung sind. Wie sonderbar zeigt sich der aus dem 
tellerförmigen Untersatz sich hervorhebende, ungeschmückte 
Stiel, auf welchem der Oelbehälter, eine naöh vorn geöffnete 
Kanne, sich befindet, welche oben eine zweite Halsöffnung hat, 
in der ein Talglicht befestigt werden kann. In die schnabel 
förmige Oeffnung wird ein Wollfadendoclit eingelassen, dei 
das Oel der Flamme zuführt. Znm Vergleich sehen wir daneben 
eine antike griechische Oellampe, deren unterer Theil eine 
flache Schüssel bildet. Darüber steht eine 'römische Lampe 
zum Füllen mit Olivenöl. Auf dem reich mit Blattranken 
verzierten Untersatz steht ein kunstvoll gearbeiteter Reiber. 
An dem hoch in die Luft gestreckten Schnabel hängt eine 
Waage, deren beide Schalen die Lampenbecken vorstellen. 
In ihren schönen Formen, aus blankem Messing gearbeitet, 
bildet diese Lampe einen prunkvollen Hegensatz zu den 
einfachen Einrichtungen der Berliner. Eine (andere Prunk 
lampe sieht man in einem italienischen Exemplar. An 
einem hübschen Ständer hängt an Kettchen die Pfanne, aus 
welcher vier Röhrchen zur Aufnahme des Dochtes seitlich 
herausragen. Daneben stehen Büchsen (für Wachsstöcke, 
sowie ein Ständer zu demselben Zwecke, auf dem sich eine 
scheerenartige Vorrichtung zum Festhalten des Wachsstockes, 
befindet. Ausserdem sehen wir noch die früher viel ge 
brauchten Lichtputzscheeren. 
Hinter diesen Objecten stehen die bereits mit Milchglas- 
glocken versehenen Oellampen für W ohn- und Studirzimmer. 
Daran Schliessen sich die Oellampen mit Seiten-Oelbehälter, 
in verschiedenen Formen. Schiebelampen, bei denen sich* 
Oelbehälter und Brenner auf einem Ständer verstellen lassen, 
führen zur Petroleum-Beleuchtung über, an die sich dann 
das Gaslicht anschliesst. Hier finden wir auch eine ältere 
Methode des Gasglühlichts. Auf einem mit feinen Brenn 
öffnungen versehenen Thonrohruntersatz befindet sich der 
Glühkörper. Es ist dies ein Drahtkegel, dessen Zwischen 
räume durch eine asbestartige Masse ausgefüllt sind, welche, 
heim Einströmen des Gases zur (Weissgluth erhitzt werden 
kann. Dieser Clamond’sche Glühkörper ist also dem Princip 
nach ein directerVorgänger des gegenwärtigen Gasglühlichts. 
Parallel pu diesen Apparaten findet sich eine Samm 
lung verschiedenartiger ein-, zwei- und dreireihiger Rund- 
brenner. Auf der anderen Seite des Tisches sehen wir zwei 
Kästen mit den gebräuchlich gewesenen und noch verwende 
ten Brennern bis zu den Siemens’sehen Präcisionsbrennern. 
Zwischen den Kästen liegen Glühkörper aus Platingewebe, 
und ein ähnlicher von Clamond, wie er schon vorher erwähnt 
ist; Auch Brenner für Wasserstoffgas fehlen nicht. Sie 
weisen eine ganz eigenartige Construction auf. Da Wasser 
stoff beim freien Ausströmen keine leuchtende Flamme er 
zeugt, so werden über den freien Dehnungen des Brenners 
reihenweise oder im Kreise geordnete dünne Thonstäbchen 
angeordnet, welche mittels ihrer Porosität Luft in die 
Flamme einführen und dieser die höhere Leuchtkraft ver 
leihen. Bei der Wärmewirkung, welche diese Knallgas 
flamme erzeugt^ kommen die (Stäbchen zur Weissgluth und 
verbreiten infolge dessen ein intensives weisses Licht.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.