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Periodical volume Nr. 58, 14. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

M OfficieHe Ausstellungs - Nachrichten. 
Mancher Kunstverständige, der wenig mit Berliner Ver 
hältnissen vertraut ist, wird vielleicht bedauern, dass immer 
und immer wieder den Fussstapfen der Alten gefolgt wurde, 
das unser Kunstgewerbe sich nicht wie andere Künste dem 
Streben und Drängen nach neuen Formen anschloss. Dem 
ist entgegenzuhalten, dass der Kaiser selbst, den Stil be 
stimmte und sich hierbei von der Bauart der Schlösser und 
Zimmer, welche die betreffenden Sachen beherbergen sollen, 
leiten lassen musste. Neue Formen findet man genug in 
Gruppe VII, in den Bronzearbeiten, bei den Kunstschmie- 
dereien u. s. w. und der Kaiser selbst sucht das Emporkeimen 
eines neuen Stils zu fördern. Das zeigt sich auch in der 
Zeichnung zu der grossen Silberbowle, die in der Ausstellung 
des Hof Juweliers I. H. Werner das Auge des Kenners ent 
zückt. Im fiebrigen wird die Ausstellung der Kaiserlichen 
Schlösser demnächst auch eine Erweiterung erfahren. In 
den beiden Ecken gegenüber dem Baldachin wird je eine 
kostbare Ziinmerdecoration zur Aufstellung gelangen, von 
denen die eine 15 000 die andere 24 000 Mark kostet. In 
der Mitte vor dem Baldachin soll der I. Hauptgewinn der 
Ausstellungslotterie seine, Aufstellung finden. 
Wenn nun auch die ausgestellten Arbeiten — wie wir 
gesehen haben — in historischem Stil gehalten sind, so sind 
sie doch sämmtlich mustergültig, so dass die ganze Gruppe, 
welche von Herrn Dr. Seidel mit vielem Geschick und künst 
lerischem Feingefühl zusammengestellt wurde, vollauf die 
günstige Beurtheilung verdient; die ihr allgemein zutheil 
würd. E. Neisser. 
Harmlosigkeiten aus dem „Staats“-Ieben der Damen. 
[Abdruck untersagt ] 
'Weisst Du, Tilde, manchmal bist Du in Deiner Harm 
losigkeit und Naivetät einfach verblüffend. Ein Gesammtbild von 
der Costümabtheilung in der Ausstellung —- welchen Eindruck 
Sie auf den Laien, vom grossen Gesichtspunkt aus betrachtet, macht, 
und dann nebenher — wenn auch nicht streng sachlich — noch 
so ein bischen was Specialisirtes und Detaillirtes«. »Generalia 
also und Specialia« wie Dein Gatte, der Herr Amtsrichter, sagen 
würde -—, das wäre so ungefähr, was Du von mir wünschest, und 
dafür, schreibst Du, sei mir Dein nie schlummernder Dank gewiss.« 
>Dein nie schlummernder Dank«, — für »Deutsch-Grone« 
übrigens •— pardon für das harte Wort —- sehr geschmackvoll 
ausgedrückt, — ich wüsste nicht, Tilde, was mir lieber wäre — 
xber es ist denn doch, was ich zu bedenken bitte, ein himmelhoher 
Unterschied zwischen einer ganz alltäglichen Journalistin, als welche 
Du mich kennst, und einer Modeschriftstellerin von heut. Und nie 
habe ich meine Ohnmacht auf diesem Gebiet so intensiv empfunden, 
ils in dein »geweihten Bezirk« der Modeabtlieilung — oder, um 
mich ganz sachlich auszudrücken, — in Gruppe II der Aus 
stellung. 
Derartig verwirrt und benommen war ich hei meinem ersten 
Besuch von den tausenderlei Farbentönen, Schattirungen und 
Nuancen -— »eine Symphonie« — wie man sich neuerdings aus 
zudrücken beliebt, dass das himmlische Blau und das zarte Lenz 
grün draussen mit dem Blick über den See zum weissen Hause 
hin meinen »seh«-kranken Augen sich als eine wirkliche Wohlthat 
erwies. 
Nichtsdestoweniger habe ich mich doch und zwar an 
der Hand eines mir wohl affectionirten, bewährten Fach 
mannes mit Todesverachtung in den Mode - Abtlieil gestürzt, 
und zwecks gewissenhafter Berichterstattung Studien gemacht, mit 
deren Hilfe ich es nun versuchen will, Dir in begrenzten Umrissen 
ein möglichst anschauliches Bild von den ausgestellten Toiletten- 
Wundern zu geben. 
Ueber den Totaleindruck der Abtheilung für Modo lässt sich, 
glaube ich, nach meinem Empfinden wenigstens, kaum streiten. 
Er ist einheitlich und daher von allergünstigster Wirkung und 
bildet gewissermaussen das Milieu der Gesammt-Ausstellung. 
In geschmackvollen Rahmen — lauter gleichartige, aus Dunkel* 
Nussbaum mit Goldverzierung und Spiegelscheiben angefertigte 
Vitrinen — eine staunenswertbe Fülle, von Meisterwerken der 
Schneider- und Schneiderinnen-Kunst und aller übrigen in den 
Collectivbegriff Mode fallender Artikel. 
Vom Sonnenschirme, Hut, Cape und Fächer, dem Ober- und 
üntergewand an, letztere eine raffinirte Combination von Seide, 
Spitzen und Blumen! — ein besonderes Merkmal der überreizten 
Mode — bis zum Strumpf und Stiefel, der wiederum halb Leder 
halb Stoff, wie es die Mode bestimmt, mit dem Kleide harmoniren 
muss — Alles vollgültige Beweise einerseits dafür, dass die deutsche 
Confeetion, wenn sie auch vielleicht nach der Seite der Erfindung 
und der Individualisirung hin die französische nicht ganz erreicht, 
sich doch auf grosser Höhe befindet, und andererseits für den 
Bienenfleiss, mit dem tausend Hände sieh regten und mühten, um 
diesen Theil der Ausstellung würdig und der grossen Sache ent 
sprechend zu gestalten. 
Nach dem bekannten Wort: »Wer Vieles bringt, wird Manchem 
etwas bringen«, kann die echte Prinzessin ebenso, wie die Theater- 
prinzessin, die Salondame, wie die gut bürgerliche Frau aus dem 
Mittelstand, deren »Verhältnisse« es nicht gestatten, sich in all 
zugrosse Toilettenunkosteii zu stürzen, etwas finden, das ihrem per 
sönlichen Geschmack und Bedürfniss entspricht, und habe ich erst 
jüngst vor einer Vitrine ein Gespräch belauscht, das die eben an 
geführte Thatsache trefflich illustrirt: 
»Sieh’ mal, Lieschen, dies entzückende Mohaircostüm, das 
kann unsereins doch wirklich sehr gut tragen. Nicht übertrieben 
theuer, und dabei wie kleidsam und •— Mohair musst Du nämlich 
wissen, Tilde, ist für diese Saison „de rigueur“.« 
Doch ehe ich mich weiter in das unerschöpfliche Reich der 
Modewunder verliere, muss ich mir eine kleine Abschweifung ge 
statten, eine Kunstpause, gewissermaassen zur Erholung, um neue 
»Eindrücke zu sammeln«, wozu das Publikum in Gruppe II ganz 
besonders reichen Anlass giebt. 
In der Mehrzahl ist natürlich das weibliche Geschlecht ver 
treten; in allen Altersstufen, allen Klassen und Ständen und in 
allen Zungen redend. 
Vielfach sieht man Fachleute, die mit Kennerblicken prüfen 
und mustern und sich in abfälligen Urtheilen gefallen. 
»Eine Monstrosität, dieser kornblumenblaue mit Flittern 
übersäete Sammet-Abendmantel. Kaum für eine Demi-mondaire 
möglich.« 
»Wie stillos diese Geseilschaftstoilette aus schwarz-weissem 
Taflet mit giftgrünen Sammet-Revers! — Eine über das Maass 
alles Erlaubten gehende, strafwürdige Zusammenstellung.« 
»Rein Verrückt!« höre ich da mit einmal dicht hinter mir. 
Entsetzt wende ich den Kopf, um zu constatiren, ob die 
»zarte Andeutung« etwa meiner Person oder irgend welcher Sache 
an meinem Anzug gilt, als einer der hinter mir stehenden Herren 
auf einen im Nebenschrank ausgestellten »Corso-Kragen« deutet — 
ganz aus lila abschattirten Levkoyen, in einer wirren Zusammen 
setzung von weissem Atlas, schwarzen Spitzen und Jetflittern. 
Da sehe ich Provinzler deren Mienen und unverhohlenes 
Staunen und entzückende Naivetät bekunden: 
»Nee nee, is so wat möglich? Mutter ick bitt’ Dir blos, wat 
würden de Lüde hi uns woll seggen, wenn sich so Eene mit’n 
roden Frack un n’e wide Weste dliäte seh’n lassen? Ick glöw, 
de Jungens dhäten ihr verhauen, un de Hunde würden ja woll 
schei? nich Mutter?« 
»Nu kiek mal, Vadder, die nff’s Rad, mit de witte Kledasche, 
un de langen Hantscheu un de körten Pumphosen, dat is ja nu 
woll dat Feinste?« 
Eine Braut am Arme des Bräutigams, in Andacht versunken 
vor einer Brauttoilette aus milch weissem satin duchesse. Das Devant 
aus weisser Gaze, Chiffon mit Handapplication von echten points, 
der runde Ausschnitt, sowie der Rocksaum mit grossen weissen 
Tuffs aus gaze Chiffon und Myrtensträusscheu besetzt. 
»Ganz weihevoll wird Einem dabei za Muth nicht wahr 
Charles? Das ist doch ein Traum, ein — hist Du übrigens mehr 
für faille oder satin duchesse?« 
»Ganz wie Du denkst, Schatz. Dein Geschmack ist so « 
Ein anderes Paar. 
Sie eine blonde imposante Schönheit mit modern gewelltem, 
röthlich schimmerndem Haar. Nicht mehr ganz jung, aber pikant, 
upi? selbstbewusst im Anzug und Bewegungen.
	        
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