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Periodical volume Nr. 57, 13. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

iö Officielle Aussteliungs-Nachrichten. 
und 200 weibliche Arbeiter, für die bestens gesorgt wird, dazu 
47 Chemiker, 85 Bureaubeamte, zahlreiches technisches Personal 
und Maschinen mit 690 Pferdekräften. 
Man sieht, dass solche gewaltigen Unternehmungen in der 
Ausstellung selbst einen verschwindend kleinen Raum einnehmen, 
die mit einem Artikel, selbst von grösserem Umfange, sich nicht 
erledigen lassen. Beta. 
Berliner Placate. 
[Abdruck untersagt.] 
Es hat sich hei Gelegenheit der Eeclame für die Berliner 
Gew erbe-Ausstellung recht deutlich gezeigt, welchen Nutzen 
ein gutes Placat haben kann; es hat sich gezeigt, dass ein 
iPlacat ebenso wie ein unternehmender Staatsmann, eine 
glänzende Modedame oder eine Wagner’sche Oper Gegen 
stand der heftigsten Meinungsstreitigkeiten sein kann, — 
eine actuelle Sache, ein Evenement. Dann aber hat das omi 
nöse Hammerplacat wieder darauf hingewiesen, dass diese 
Species der-graphischen Künste, die Placatierkunst, in Berlin 
einen Haupfsitz hat ; und was auf der Gewerbe-Ausstellung 
selbst an derartigen Arbeiten in den Gruppen VIII „Graphi 
sche und decorative, Künste“ und XVI „Papier-Industrie“ 
zu sehen ist, lässt keinen Zweifel mehr darüber zu: Hier ist 
ein eminent wichtiges Arbeitsfeld, in dem Berlin bereits 
jetzt Grosses leistet und zu einer führenden Weltstellung 
sich aufzuschwingen nur günstiger Gelegenheit und eines 
planbewussten Vorgehens bedarf. 
Die ersten Anregungen zu einer umfassenderen Verwen 
dung von farbiger — sagen wir gemalter — Eeclame ist von 
Amerika ausgegangen; kolossales Format, grelle Farben, 
komische Wirkung sind die ersten Anforderungen, die in 
•Amerika an ein Placat gesteht werden; nur durch solche. 
^Eigenschaften kann es von den hastenden „praktischen“ 
'Menschen bemerkt werden. — Der schnell begreifende Fran 
zose nahm die Neuerung sofort auf, drückte ihr aber den 
Stempel des Pariser Chics auf. Die Farben sind lebhaft, 
aber nicht grell, graziöse Frauengestalten in pikanten Stel 
lungen, in einer flotten Manier ausgeführt, wie, sie etwa die 
Karikaturenzeichner des Journal amüsant oder der Vie 
iParisienne pflegen, sind die beliebtesten Darstellungsmotive. 
Berlin hat in technischer Beziehung viel von Amerika, 
in der Malkunst viel von Frankreich gelernt. Was unsere 
bildende Kunst in den Byzantinismus hineintreibt und alle 
•Individualität zur ephemeren Erscheinung herabdrückt, ge 
rade das hat einzelne Industriezweige in Berlin gross ge 
macht. Freilich der feine Künstler wird sich immer von 
einer Arbeit zurückziehen, welche alle zarteren Nuancen ver 
wischt ; aber andererseits, wenn man die Prägnanz der Aus 
führung chromolithographischer Placate in einem Muster- 
Album betrachtet (bei der Firma Littauer u. Boysen im 
'Mittelgang der Haupthalle liegt ein solches zur Ansicht aus), 
der wird zugeben: Für eine derartige Vervielfältigung zu 
arbeiten, ist eine Freude, selbst wenn dem schaffenden Talent 
dabei Beschränkungen aller Art aufgelegt werden. 
Thatsächlich zeigen die ausgestellten Objecte fast durch- 
gehends dieses Streben nach künstlerisch werthvoller Aus 
gestaltung. Nicht immer zum Vortheil der Branche. Wo 
zu alle Arten und Abarten malerischer Stilarten und Ma 
nieren durch die Druckerpresse in die grosse Oeffentlichkeit 
schleppen? Was beispielsweise die Königliche Akademie 
der Künste an Placaten verwendet hat, — sie sind von dem 
Königlichen Hofinstitut Otto Troitzsch ausgestellt worden, 
— ist völlig in der veralteten, aUegorisirenden Manier, 
schablonenhaft, langweilig: Griechische Weiber, nackte 
Amoretten, Wappen und Embleme '— Dem gegenüber bringt 
wieder die MalervsreMigung „Apelles“ stimmungsvolle 
(Wiesen-Scenen in krankhafter Farbengebung — man denke 
sich Exter’s „Paradies“ als Placat! Allerdings sind der ge 
nannten Vereinigung auch werthvolle Anregungen zu ver 
danken. — 
Jawohl, künstlerisch werthvoll soll der Entwurf sein, aber 
fcr soll auch dem. Zweck des Placats und dein speciellen An 
lass Eechnung tragen. Und dann soll der Maler im Ent 
würfe berücksichtigen, was in der Vervielfältigung sich 
wiedergeben lässt; denn für jede Farbe, jede Nuance, sowie 
für die Schatten und Contouren sind eigene Platten nöthig, 
und zu viele Platten machen nicht nur grosse Mühe, sondern 
sie verderben das Bild. — 
Einen sehr geschickten Betrieb zeigt die Ausstellung der 
Star Printing Office (Alexander Honig). Diese Firma 
stellt Placate aus allen Welttheilen aus, die. alle aus ihrer 
Officin hervorgegangen sind. Fast alle grossen Etablisse 
ments, Theater, Varietes, Circusse, der Wintergarten, Benz, 
Carree, das Central-, Dresdener- und Linden-Theater etc. sind 
hier vertreten. Neben Tielscher’s drolliger Tantenver 
kleidung ragt die elektrische Thurmbahn des Vergnügungs 
parkes ; auch das Placat der Wasserhahn und die Col 
lectiv-As siche des Vergnügungsparkes hat diese Firma aus 
geführt. Wir sehen die berühmte Vanoni auf den Brettern 
des Londoner Empire-Theaters in der Leicester Square, da 
neben Pariser Stars, den „Salambo“ aus dem Panopticum, 
die Pantomimen des Cirkus Eenz; Kiralfy’s „Orient” wird 
von einem altdeutschen Bitter repräsentirt (!), daneben fährt 
ein hageres Männchen eine Wagenladung von Mampe’s „Halb 
und Halb“, ein Gigerl wird mit „Crinol“ gewaschen — kurz 
alle geistigen und leiblichen Genüsse von sin de siede wan 
dern durch die Buntdruckpressen der Star printing office von 
Berlin. 
Will man sehen, was an technischer Feinheit in Be- 
productionen geleistet werden kann, so kann die Ausstellung 
des Königlichen Institutes Troitzsch, die Vereinigung der 
Kunstfreunde für amtliche Publicationen der Königlichen 
Nationalgalerie, dann die Firma Büxenstein (speciell für den 
neueren Dreifarbendruck), das Verlagshaus '.Richard Bong, 
für kleinere Arbeiten König u. Ebhardt als mustergiltig an 
geführt werden. All diese Berliner Firmen arbeiten für die 
ganze Welt, das lässt sich in keinem Falle leichter beweisen, 
als in den offenherzigen, sprechenden Beclame-Artikeln. — 
Liebig’s Fleischextract, Steinway’s Claviere werden auf 
Berliner Placaten von König u. Ebhardt weltbekannt; für 
Mouson u. Cie., die Frankfurter Parfum - Fabrik, hat 
Troitzsch ganz reizende. Placate ausgeführt, eine Pierrette 
auf einem duftigen Blumentischchen sitzend; auch das weit 
bekannte Placat des „Berliner Lokal-Anzeiger“ ist in dieser 
Koje zu sehen: Ein Anstreicher auf dem Gerüst malt die 
bekannte blaue. Eeclame an eine Mauer. 
Parfümerie-, Bier- und Schnaps-, Cigarren- und Ci- 
garetten-Fabriken sind die eifrigsten Auftraggeber für Pla- 
catfirmen. Hier lacht ein beglücktes Vollmondgesicht über 
der schäumenden Weissen, dort bittet ein langer Magerer 
einen kleinen Dicken um Feuer. Oft ist die Erfindung recht 
armselig; so sieht man bei Heymann u. Schmidt herzlich ge 
schmacklose und mehr als nöthig unanständige Barrison- 
gruppen zur Anpreisung von allerhand Artikeln; eine Dame 
rutscht rauchend über ein Treppengeländer herab; ein 
Liebespaar blickt über den Mauerrand einem Raucher zu, 
ein Baby telephonirt um Chocolade. — In Bezug auf Ent 
würfe zeigt die Malervereinigung „Apelles” erfreuliche Viel 
seitigkeit. Aus ihr ist das hübsche Placat der Marine- 
Schauspiele hervorgegangen.— Auch Aberle zeichnet sich 
durch passende Erfindung aus; wie niedlich sind die viel 
verbreiteten Placate von Bergers Germania-Caeao (eine 
servirende Zofe) und Zuntz’ gebranntem Java-Kaffee! Da 
gegen ist die Affiche der Brauerei Königstadt mit ihrem ganz 
unrichtig gemalten, an Eugen von Blaas’ Ninetta-Bilder er 
innernden böhmischen Mädchen verfehlt. — 
Für verfehlt müssen wir auch das bunte Bild der Spe 
cial-Ausstellung Kaird erklären, wenn auch der Effect kein 
ungünstiger ist; aber der farbenreiche Orient mit seinen, 
röthlich-gelben, hellen Häuschen, seinen weissen Beduinen, 
dem dunkelblauen Himmel, auf gelbem Sand lastend, ist 
hier in eine röthlich-gelbe Sauce aufgelöst, auf der ein paar 
dunkele Häusertrümmer, wimmelnde Menschen und Thiere 
herumschwimmen; hier wäre weniger — mehr gewesen. Der 
Neger der Kolonial-Ausstellung von Walther Beck wirkt 
in seiner Einfachheit viel vornehmer. Auch der Tiroler mit
	        
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