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Volume Nr. 56, 12. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
9 
Der deutsche Kriegsschiffbau auf der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt] 
„Der Kurfürst und was fürstlich, heisst, 
Haben heute zu Mittag gespeist 
Bei Raule in Rosenfelde —“ 
So sang man vor einem Viertel - Jahrtausend in den 
Strassen Alt-Berlins. — 
Wer ist Raule und wo liegt Rosenfelde? 
Rosenfelde ist das heutige Friedrichsfelde, und Raule 
war sein Besitzer, bis ihm nach dem Muster des Columbus 
glücklich ein Process angehängt wurde, der zwar nach drei 
jähriger Dauer mit Freisprechung endete, ihn aber sein Ver 
mögen kostete. — Benjamin Raule war es, der den branden- 
burgischen rothen Adler auf die See brachte, den Adler, aus 
dem sich über dem schwarzen Preussenvogel der deutsche 
Reichsaar entwickelt hat, unter dessen schützenden Schwin 
gen sich unser Welthandel sicher bewegt, weil hinter ihm 
drohend die Mündungen der Geschütze stehen, die, wenn sie 
sprechen, Recht haben, so lange sie sprechen. 
Raule ist als der erste Marineminister anzusehen, der 
mit unermüdlichem Eifer bestrebt war, die brandenburgische 
Flotte auf achtunggebietende Höhe zu bringen, und die erste 
Flottenliste, von ihm selbst angefertigt und vom 16.Juni 1681 
datirt, zeigt, dass unter dem rothen Adler bereits 26 Schilfe 
mit 554 Kanonen vorhanden sind, ausserdem aber noch „eine 
neue Fregatte von 118 Fuss mit 40 Kanonen, welche im April 
fertig sein sollte.“ — Dies ist die spätere Fregatte „Kur 
prinz“, das erste grosse von Brandenburg-Preussen gebaute 
Kriegsschiff, aufgelegt zu Pillau. — 
Die Königsberger und Colberger Kaufleute verhielten 
sich in Betreff der Wünsche Raule’s, Kriegsschiffe zu bauen, 
spröde und ablehnend, eine Eigenschaft, welche sich im All 
gemeinen auch später zeigte; und zwar bis in die neueste 
Zeit ist es eigenthümlich, dass der Binnenlandbewohner des 
Deutschen Reiches weit mehr für die Flotte schwärmt und 
Geld für Kriegschiffbauten leichter bergicht, als die Bewoh 
ner der Küsten und der Handelsstädte. 
Die Flotte des Grossen Kurfürsten bestand theils aus 
gekauften holländischen Schiffen, theils aus gekaperten, wie 
„Markgraf von Brandenburg“ von 60 Kanonen, der als 
Spanier „Carolus V.“ geheissen, am 18. September 1680 von 
Cornelius Clas van Bewern vor Ostende erobert wurde. — 
Die heutige Deutsche Flotte ist zum grossen Theil im In 
lande aus deutschem Material erbaut und seit 1874 ist kein 
grosses Schiff, seit 1876 kein kleines, seit 1884 kein Torpedo 
boot vom Auslande gekauft. 
Wohl ist es nur ein kleiner Theil unserer Flotte, welcher 
in Modellen sich auf der Ausstellung befindet; auch steht 
die Sammlung an drei verschiedenen Orten, im Hauptge 
bäude, in dem Gebäude für Unterricht und, Volkswohlfahrt 
und in der Sportabtheilung, aber trotzdem lassen sich die 
Fortschritte, welche Deutschland im Schiffbau während 
zweier Jahrzehnte etwa gemacht hat, recht gut verfolgen und 
zwar im Hauptgebäude allein. — , 
Nahe der Kuppel stehen rechts vom Eingänge die Mo- 
jdelle von Schlachtschiffen und den in manchen Kreisen so 
sehr beliebten und meist leicht bewilligten sog. Küstenver 
th eidigern und Kanonenbooten. TTm den gewaltigen Ab 
stand eines Schlachtschiffes vor vierzig Jahren und heute zu 
zeigen, befindet sich dort auch das Modell einer alten hölzer 
nen Schraubenfregatte, wie sie Preussen noch weit in die 
70er Jahre hinein in den Klassen „Arcona“ und „Elisabeth“ 
besass, und deren letzter Repräsentant, die „Freya“, noch 
heute in den Listen geführt wird. Wenn man diese Fregat 
ten mit einer Schraube, mächtiger Takelage und ihren 28 
gleichen Geschützen von ca. 12 cm. Kaliber mit dem neuesten 
Schlachtschiff „Wörth“, das ebenfalls daselbst steht, ver 
gleicht, erhält auch der Laie einen Begriff davon, wie sehr 
einerseits sich die Verhältnisse des Seekriegwesens verschoben 
haben, und dass andererseits die Flotte des heutigen Deut 
schen Reiches nicht mehr wie 1848 und 1864 vor den Schiffen 
eines kleinen Staates den Schutz der Häfen aufzusuchen 
braucht. 
Mit Ausnahme dieser unbenamseten alten Fregatte sind 
nur gepanzerte Schiffe auf der rechten Seite aufgestellt, und 
einzelne von ihnen müssen heute schon, trotzdem sie noch 
keine 20 Jahre alt sind, als längst nicht mehr auf der Höhe 
der Zeit stehend angesehen werden, wenngleich sie, am rich 
tigen Orte verwendet, noch lange Jahre hindurch gute 
Dienste leisten können. Da ist das Panzer-Kanonenboot 
„Basilisk“ mit seinem 30,5-cm-Geschütz, einst das mächtig 
ste Marinegeschütz der Flotte, von 6,7 Meter Länge, 36000 kg 
Rohrgewicht, das heute längst übertreffen wird, so z. B. von 
den sechs Hauptgeschützen der „Wörth“, die zwar nur 
28 cm. Kaliber haben, aber bei 44 000 kg. Gewicht 11,2 Meter 
läng sind und 86 cm Schmiedeeisen gegen 53 der anderen an 
der Mündung durchschlagen können. Das Baumaterial des 
„Basilisk“, der noch zehn Schwestern hat, ist noch Eisen, und 
auch sein Panzer besteht aus Schmiedeeisen. Die Schnellig 
keit ist trotz zweier Schrauben nur gering, acht höchstens 
neun Meilen (ä 1852 Meter) in der Stunde, und weder die 
Seetüchtigkeit noch der Gefechtswerth dieser Kanonenboote 
sind hoch anzuschlagen. Solche Boote baut seit einer Reihe 
von Jahren keine Marine mehr. „Basilisk“ ist gerade 20 
Jahre alt und das älteste Boot seiner Klasse. 
Statt der 11 Panzer-Kanonenboote zur Küstenvertheidi- 
gung will man jetzt 10 Küstenvertheidiger Typus „Siegfried“ 
haben, und in der That sind acht davon fertig. Als Re 
präsentant liegt „Frithjof“ auf der Ausstellung, den man 
also bequem mit dem Boot vergleichen kann. — Da sieht man 
sofort den Fortschritt. Statt des ziemlich plumpen Eisen 
rumpfes mit niedrigem Bord elegante Linien und hoher Frei 
bord. Während das kurze 30,5-cm-Rohr frei steht, die Ge 
schützbedienung also dem feindlichen Feuer der Schnellfeuer- 
Geschütze gänzlich ausgesetzt ist, sehen bei „Frithjof“ die 
drei langen 24-cm-Geschütze, die zudem doppelt so schnell 
feuern, aus Stahlplatten drohend heraus, und alle Lebewesen 
an Bord stehen hinter Stahlschutz, wie denn auch Bauma 
terial und Panzerung bei dieser Klasse Stahl, zum Theil 
Nickelstahl ist. Die beiden Schraubenpropeller geben bis 
zu 16 Meilen Fahrt. — Noch zwei Repräsentanten der Panzer 
sind Kanonenboot „Brummer“ mit einem Geschütz, zwar 16 
Meilen Geschwindigkeit, aber sehr schwachem Panzerschutz, 
1884 abgelaufen, und das erste in Deutschland aus Stahl her 
gestellte und mit Stahl gepanzerte Schlachtschiff „Oldenburg“- 
von sehr geringer Schnelligkeit und auch nur für ein 
Schlachtschiff von kleinen Dimensionen. — In dieser Gruppe 
also sind nur „Wörth“ und „Frithjof“, weil die neuesten, 
werthvollen, starken, schnellen Schiffe, die anderen gehören 
schon mehr oder minder zum alten Eisen. —- 
An den beiden Torpedobooten auf derselben Seite kann 
man ebenfalls, abgesehen von den immer mehr wachsenden 
Abmessungen, den Fortschritt erkennen. Die neuesten, 
welche bis 26 Meilen laufen, haben ihre Torpedo-Lancirrohre 
auf Deck und führen Schnellfeuergeschütze, bei den älteren 
dagegen sind diese Rohre unbeweglich und unter Deck, auch 
führen sie Revolverkanonen. — 
Die Abtheilung links von der Kuppelhalle weist ganz 
andere Schiffstypen auf, Kreuzer und Avisos nämlich, und 
die ersteren sind in den beiden neuesten „Gefion“ und „Kai 
serin Augusta“, die Avisos namentlich in „Hulu“ und 
„Hohenzollern“ sehr schön vertreten. — Hier befindet sich 
auch noch ein gekauftes Schiff, der Aviso „Zieten“ von den 
James Jron Works 1876 erworben. Man vergleiche ihn und 
den „Pfeil“ von 1882 mit „Helm“ von 1895, und wird den 
Unterschied erkennen. Von den Kreuzern ist „Irene“ von 
1887 der älteste. Auch Bind hier die Abweichungen der 
Construction in die Augen springend. In „Kormoran“ ist 
das Modell einer der acht kleinen Kreuzer vorhanden, welche 
den ständigen Dienst in denColonieen und überseeischen Län 
dern zu versehen haben. Es sind für diesen Zweck sehr 
brauchbare Schiffe, die sich auch überall vortrefflich bewährt 
haben. — Mit alleiniger Ausnahme von „Zieten“ ist also das 
gesummte im Modell im Kuppelsaal befindliche Schiffsmate 
rial auf deutschen Werften und auch aus deutschem Material 
gebaut. Dem Grossen Kurfürsten konnte Dänemark drohen, 
falls er sich einfallen liesse, Orlogsehiffe bauen zu wollen,
	        
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