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Volume Nr. 10, 4. April 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Ofstrirlle Ausstellnngs -Uachvichten. 
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meist auch Ankauf der Rohstoffe, in wenigen Händen vereinigte, 
die Hausindustrie. Es ist bekannt, wie diese Umwandlung durch 
die Nothwendigkeit, für einen entfernten Markt zu arbeiten, auf 
dem die kleinen Handwerker sich nicht zurecht finden konnten, ent 
standen ist. ^ Es ist auch bekannt, wie viel Kämpfe es gekostet 
und wie viel Elend es gebracht hat, die fiüher wohlsituirten 
Handwerker zu Hausindustriellen herabzudrücken. Die klassischen 
Beispiele der Weber im östlichen, der Messerschmiede im westlichen 
Deutschland haben es zu trauriger Berühmtheit gebracht. In 
Berlin finden wir die Hausindustrie in zwei großen Berliner 
Exportgewerben in der allerweitesten Ausdehnung vor: im Schneider 
gewerbe (Confection) und im Tischlergewerbe. In der Cvnfcction 
ist ja erst in diesen Wochen durch die Lohnbewegung der Arbeiter 
die Ausbildung der Hausindustrie znni förmlichen Schwitzsystem 
' mit Zwischenmeistern, Lohndrückerei und allem Zubehör zur allge 
meinen Kenntniß gelangt. Auch in der Tischlerei wird in weitestem 
Umfange für Magazine und Großbetriebe hausindustriell gearbeitet, 
und zwar mit durchgebildetster Arbeitstheilung. Der eine Meister 
liefert nur Stühle, der zweite nur Buffets, der dritte nur Küchen- 
möbel u. s. f. Vereinzelt wird auch in Fabrikationszweigen, die 
sonst Domäne der Fabrik sind, der Wunsch der alten Handwerks 
meister, sich einen Schein von Selbstständigkeit zu wahren, dazu 
benutzt, um diese hausindustriell zu beschäftigen und zwar für 
Preise, die tief unter den Löhnen der gelernten Fabrikarbeiter 
stehe». Das kommt z. B. in der Blechindustrie vor. 
Die jüngste und mächtigste der gewerblichen BetriebSsormen 
in Berlin, die immer noch auf Kosten der anderen wächst und die 
bei der kommenden Ausstellung am stattlichsten in die Erscheinung 
treten wird, ist die Fabrik. Sie vereinigt alle Vortheile des 
Großbetriebs, Menschenanhüufnng wie Maschinenanwendung und 
Einführung aller technischen Fortschritte, und ferner die Vortheile 
des Einkaufs und Verkaufs im Großen in sich. Ihre kräftige 
Entwicklung hat sie in Berlin in den Jahren um die Mitte dieses 
Jahrhunderts erfahren. In dieser Zeit liegen die Anfänge der 
meisten Berliner Riesenbetriebe. Das war die Zeit, die aus ein 
fachen, armen, aber fachkundigen und unternehmungsfrohen Hand 
werkern und Arbeitern Großindustrielle und Millionaire gemacht 
hat. Aus Schlossern und Schmieden wurden Chefs und Arbeiter 
der weltberühmten großen Maschinenfabriken, aus Klenrpnern und 
Gürtlern Industrielle der Belenchtungsindnstrie n. s. w. Die 
Warnen Borsig, Schwartzkopff, I. Pintsch, Stobwasser und so 
manche andere stehen denen der Begründer anderer Riesenbetriebe 
hie und da in deutschen Landen ebenbürtig zur Seite. Solche 
gewaltigen Erfolge sind jetzt selten geworden. Wir sind jetzt längst 
aus der Zeit der Neugründungen in die des Ausbaues über 
gegangen. Im Allgemeinen sind es jetzt nur die größten Betriebe, 
die ihre Fabrikation durchweg aufrecht erhalten und weiter aus 
gestalten. Die mittleren hatten in den letzten Jahren mit der 
Absatznoth und mit wachsender Concurrenz der kleineren Fabrikanten 
des Landes zu kämpfen. Vielfach haben sie Mühe, ihren Be 
triebsumfang aufrecht zu erhalten, oft dient seine Vergrößerung 
nur dazu, die Verringerung der Gewinnquote auszugleichen. Ebenso 
haben die kleinen Betriebe zu kämpfen; und die allseitig gesteigerte 
Concurrenz führt zu unaufhörlicher Verbesserung der Betriebe, 
Erneuerung der Muster, Erfindung neuer Specialitäten. Gerade 
diese Thatsache wird bei der Ausstellung scharf zum Ausdruck 
kommen und wird sie für den Besucher unendlich interessant, für 
die Aussteller zu einem Kampfplatz der Concurrenz machen, auf 
dem Begabung, Unternehmungslust, Erfindungsgabe und Geschmack 
auf offener Bahn miteinander ringen. 
Die größten Betriebe sehen wir im Maschinenbau (1 mit 
1800 Arbeitern), in der Weberei (1 mit 2400 Arbeitern in 
Berlin, 2600 außerhalb), in der Färberei (2 mit je 1300 Ar 
beitern), der Tabakfabrikation (1 mit 1561), Wäschefabrikation 
i? 1.200 Arbeitern). In ganz Berlin haben wir beinahe 
700 Arbeitgeber, die je über 50 Arbeiter beschäftigen, und bei 
ihnen sind über 110 000 Arbeiter thätig. Diese Betriebe werden 
mit ihren Arbeiten bei der Ausstellung in vorderster Reihe stehen. 
Ihnen zumeist stehen die reichen Capitalien und die einheitlichen 
bedeutenden Leistungen zur Verfügung, welche bei solcher Schau 
ein Hanpterforderniß des Erfolges sind. Aber vergessen wir über 
sie die übrigen Gewerbcformen nicht. Für das Berliner Leben 
sind auch sie von mitgestaltender Bedeutung und von nicht zu 
entbehrender Wichtigkeit. Namentlich das Handwerk kann sich 
rühmen, daß es noch jetzt für den Großbetrieb die meisten und 
besten Arbeitskräfte heranzieht, daß es den Fabriken die tüchtigen 
gelernten Arbeiter gestellt hat, die diesen jetzt die Erfolge erringen 
sollen. Die älteren und einfacheren Betricbsformen sind der 
historische Boden, auf dem die neueren Formen erwachsen sind 
und ohne den sie undenkbar werden. Darum wird, mehr als es 
vielleicht äußerlich den Anschein hat, das ganze Berliner Gewerbe 
an den Erfolgen der Ausstellung theilnehmen. 
Dem Arbeits-Ausschuß der Berliner Gewerbe-Aus 
stellung war seit einigen Tagen durch verschiedene Organe der 
Tagespresse der Vorwurf gemacht worden, an den Lieferungen 
für die Ausstellung betheiligt zu sein. 
Darauf haben die drei Mitglieder des Arbeits-Ausschusses 
folgende öffentliche Erklärungen abgegeben- 
1. Commercienrath Kühnemann.- 
„Zunächst bemerke ich, daß ich persönlich an gewinnbringen 
den Unternehmungen, welche in irgend welchen: Zu 
sammenhang mit der Ausstellung stehen, weder direct 
noch indirect betheiligt bin. Betreffs Lieferungen für die 
Ausstellung bemerke ich: Fast alle Arbeiten für die Berliner Ge 
werbe-Ausstellung sind theils in öffentlicher, theils in beschränkter 
Submission vergeben worden; bei beschränkter Submission erfolgte die 
Aufforderung an Firmen, welche die Baucommission bestimmte, die Auf- 
tragsertheilung erfolgte durch den geschäftsführenden Ausschuß auf An 
trag der drei Architekten. Meine Firma hat sich grundsätzlich weder 
an einer öffentlichen noch an einer beschränkten Submission be 
theiligt. Die einzige direkte Lieferung meiner Firma für die 
Ausstellung umfaßt ein Object von unbedeutender Höhe an Leih 
gebühr — auf Wunsch und Antrag der betreffenden Commission 
— für eine meiner Firnia patentirte Einrichtung, durch deren 
Anwendung der Ausstellung wesentliche Vortheile und Ersparnisse 
erwachsen. Aufträge von langjährigen Kunden meiner 
Firma sind natürlich, ohne Rücksicht darauf, für welchen 
Zweck sie bestimmt waren, zur Ausführung gelangt; ich 
erkläre aber hiermit und bin bereit, den Beweis dafür 
anzutreten, daß durch diese Arbeiten, wie auch durch die 
vorerwähnte leihweise Lieferung meiner Firma ein ma 
terieller Gewinn nicht erwachsen ist. Ich erkläre endlich, 
daß ich niemals, weder direct noch indirect, tveder jetzt noch je in 
meiner bald dreißigjährigen Thätigkeit im öffentlichen Leben diese 
Stellung zum Vortheil meines Geschäfts benutzt habe. Nichts 
liegt mir ferner als Selbstsucht; im Gegentheil: ich habe in mei 
nem öffentlichen Leben stets nur das Gelingen des Werkes im Auge 
gehabt uud oft über Gebühr Geschäft, Familie und Gesundheit 
vernachlässigt. Ich weise also jenen ausgesprochenen Verdacht mit 
Entrüstung im Bewußtsein meines guten Gewissens zurück." 
2. Baumeister und Landtags-Abgeordneter Fetisch: 
„Ich erkläre hiermit, daß ich weder an einer Lieferung 
noch an einer gewinnbringenden Arbeit, welchen Namen 
sie auch trage, noch endlich an einem nutzbringenden 
Unternehmen, welches mit der Ausstellung im Zu 
sammenhang steht, betheiligt bin oder betheiligt ge 
wesen bin." 
3. Geheimer Commercienrath Goldberger: 
„Wie dies bei jeder ehrenamtlichen Thätigkeit selbstver 
ständlich ist, bin ich bei dem Werke der Ausstellung weder 
unmittelbar noch mittelbar, sei es an einer Lieferung 
oder in sonst irgend einer Weise financiell betheiligt." 
N—y. Am Dienstag Nachmittag 3 Uhr besuchte die Kai 
serin Friedrich wiederum das Terrain der Berliner Gewerbe- 
Ausstellung in Treptow. Die Kaiserin fuhr unerwartet in Be 
gleitung des Prinzen uud der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen
	        
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