Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Ofstrirlle Ausstellnngs -Uachvichten.
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meist auch Ankauf der Rohstoffe, in wenigen Händen vereinigte,
die Hausindustrie. Es ist bekannt, wie diese Umwandlung durch
die Nothwendigkeit, für einen entfernten Markt zu arbeiten, auf
dem die kleinen Handwerker sich nicht zurecht finden konnten, ent
standen ist. ^ Es ist auch bekannt, wie viel Kämpfe es gekostet
und wie viel Elend es gebracht hat, die fiüher wohlsituirten
Handwerker zu Hausindustriellen herabzudrücken. Die klassischen
Beispiele der Weber im östlichen, der Messerschmiede im westlichen
Deutschland haben es zu trauriger Berühmtheit gebracht. In
Berlin finden wir die Hausindustrie in zwei großen Berliner
Exportgewerben in der allerweitesten Ausdehnung vor: im Schneider
gewerbe (Confection) und im Tischlergewerbe. In der Cvnfcction
ist ja erst in diesen Wochen durch die Lohnbewegung der Arbeiter
die Ausbildung der Hausindustrie znni förmlichen Schwitzsystem
' mit Zwischenmeistern, Lohndrückerei und allem Zubehör zur allge
meinen Kenntniß gelangt. Auch in der Tischlerei wird in weitestem
Umfange für Magazine und Großbetriebe hausindustriell gearbeitet,
und zwar mit durchgebildetster Arbeitstheilung. Der eine Meister
liefert nur Stühle, der zweite nur Buffets, der dritte nur Küchen-
möbel u. s. f. Vereinzelt wird auch in Fabrikationszweigen, die
sonst Domäne der Fabrik sind, der Wunsch der alten Handwerks
meister, sich einen Schein von Selbstständigkeit zu wahren, dazu
benutzt, um diese hausindustriell zu beschäftigen und zwar für
Preise, die tief unter den Löhnen der gelernten Fabrikarbeiter
stehe». Das kommt z. B. in der Blechindustrie vor.
Die jüngste und mächtigste der gewerblichen BetriebSsormen
in Berlin, die immer noch auf Kosten der anderen wächst und die
bei der kommenden Ausstellung am stattlichsten in die Erscheinung
treten wird, ist die Fabrik. Sie vereinigt alle Vortheile des
Großbetriebs, Menschenanhüufnng wie Maschinenanwendung und
Einführung aller technischen Fortschritte, und ferner die Vortheile
des Einkaufs und Verkaufs im Großen in sich. Ihre kräftige
Entwicklung hat sie in Berlin in den Jahren um die Mitte dieses
Jahrhunderts erfahren. In dieser Zeit liegen die Anfänge der
meisten Berliner Riesenbetriebe. Das war die Zeit, die aus ein
fachen, armen, aber fachkundigen und unternehmungsfrohen Hand
werkern und Arbeitern Großindustrielle und Millionaire gemacht
hat. Aus Schlossern und Schmieden wurden Chefs und Arbeiter
der weltberühmten großen Maschinenfabriken, aus Klenrpnern und
Gürtlern Industrielle der Belenchtungsindnstrie n. s. w. Die
Warnen Borsig, Schwartzkopff, I. Pintsch, Stobwasser und so
manche andere stehen denen der Begründer anderer Riesenbetriebe
hie und da in deutschen Landen ebenbürtig zur Seite. Solche
gewaltigen Erfolge sind jetzt selten geworden. Wir sind jetzt längst
aus der Zeit der Neugründungen in die des Ausbaues über
gegangen. Im Allgemeinen sind es jetzt nur die größten Betriebe,
die ihre Fabrikation durchweg aufrecht erhalten und weiter aus
gestalten. Die mittleren hatten in den letzten Jahren mit der
Absatznoth und mit wachsender Concurrenz der kleineren Fabrikanten
des Landes zu kämpfen. Vielfach haben sie Mühe, ihren Be
triebsumfang aufrecht zu erhalten, oft dient seine Vergrößerung
nur dazu, die Verringerung der Gewinnquote auszugleichen. Ebenso
haben die kleinen Betriebe zu kämpfen; und die allseitig gesteigerte
Concurrenz führt zu unaufhörlicher Verbesserung der Betriebe,
Erneuerung der Muster, Erfindung neuer Specialitäten. Gerade
diese Thatsache wird bei der Ausstellung scharf zum Ausdruck
kommen und wird sie für den Besucher unendlich interessant, für
die Aussteller zu einem Kampfplatz der Concurrenz machen, auf
dem Begabung, Unternehmungslust, Erfindungsgabe und Geschmack
auf offener Bahn miteinander ringen.
Die größten Betriebe sehen wir im Maschinenbau (1 mit
1800 Arbeitern), in der Weberei (1 mit 2400 Arbeitern in
Berlin, 2600 außerhalb), in der Färberei (2 mit je 1300 Ar
beitern), der Tabakfabrikation (1 mit 1561), Wäschefabrikation
i? 1.200 Arbeitern). In ganz Berlin haben wir beinahe
700 Arbeitgeber, die je über 50 Arbeiter beschäftigen, und bei
ihnen sind über 110 000 Arbeiter thätig. Diese Betriebe werden
mit ihren Arbeiten bei der Ausstellung in vorderster Reihe stehen.
Ihnen zumeist stehen die reichen Capitalien und die einheitlichen
bedeutenden Leistungen zur Verfügung, welche bei solcher Schau
ein Hanpterforderniß des Erfolges sind. Aber vergessen wir über
sie die übrigen Gewerbcformen nicht. Für das Berliner Leben
sind auch sie von mitgestaltender Bedeutung und von nicht zu
entbehrender Wichtigkeit. Namentlich das Handwerk kann sich
rühmen, daß es noch jetzt für den Großbetrieb die meisten und
besten Arbeitskräfte heranzieht, daß es den Fabriken die tüchtigen
gelernten Arbeiter gestellt hat, die diesen jetzt die Erfolge erringen
sollen. Die älteren und einfacheren Betricbsformen sind der
historische Boden, auf dem die neueren Formen erwachsen sind
und ohne den sie undenkbar werden. Darum wird, mehr als es
vielleicht äußerlich den Anschein hat, das ganze Berliner Gewerbe
an den Erfolgen der Ausstellung theilnehmen.
Dem Arbeits-Ausschuß der Berliner Gewerbe-Aus
stellung war seit einigen Tagen durch verschiedene Organe der
Tagespresse der Vorwurf gemacht worden, an den Lieferungen
für die Ausstellung betheiligt zu sein.
Darauf haben die drei Mitglieder des Arbeits-Ausschusses
folgende öffentliche Erklärungen abgegeben-
1. Commercienrath Kühnemann.-
„Zunächst bemerke ich, daß ich persönlich an gewinnbringen
den Unternehmungen, welche in irgend welchen: Zu
sammenhang mit der Ausstellung stehen, weder direct
noch indirect betheiligt bin. Betreffs Lieferungen für die
Ausstellung bemerke ich: Fast alle Arbeiten für die Berliner Ge
werbe-Ausstellung sind theils in öffentlicher, theils in beschränkter
Submission vergeben worden; bei beschränkter Submission erfolgte die
Aufforderung an Firmen, welche die Baucommission bestimmte, die Auf-
tragsertheilung erfolgte durch den geschäftsführenden Ausschuß auf An
trag der drei Architekten. Meine Firma hat sich grundsätzlich weder
an einer öffentlichen noch an einer beschränkten Submission be
theiligt. Die einzige direkte Lieferung meiner Firma für die
Ausstellung umfaßt ein Object von unbedeutender Höhe an Leih
gebühr — auf Wunsch und Antrag der betreffenden Commission
— für eine meiner Firnia patentirte Einrichtung, durch deren
Anwendung der Ausstellung wesentliche Vortheile und Ersparnisse
erwachsen. Aufträge von langjährigen Kunden meiner
Firma sind natürlich, ohne Rücksicht darauf, für welchen
Zweck sie bestimmt waren, zur Ausführung gelangt; ich
erkläre aber hiermit und bin bereit, den Beweis dafür
anzutreten, daß durch diese Arbeiten, wie auch durch die
vorerwähnte leihweise Lieferung meiner Firma ein ma
terieller Gewinn nicht erwachsen ist. Ich erkläre endlich,
daß ich niemals, weder direct noch indirect, tveder jetzt noch je in
meiner bald dreißigjährigen Thätigkeit im öffentlichen Leben diese
Stellung zum Vortheil meines Geschäfts benutzt habe. Nichts
liegt mir ferner als Selbstsucht; im Gegentheil: ich habe in mei
nem öffentlichen Leben stets nur das Gelingen des Werkes im Auge
gehabt uud oft über Gebühr Geschäft, Familie und Gesundheit
vernachlässigt. Ich weise also jenen ausgesprochenen Verdacht mit
Entrüstung im Bewußtsein meines guten Gewissens zurück."
2. Baumeister und Landtags-Abgeordneter Fetisch:
„Ich erkläre hiermit, daß ich weder an einer Lieferung
noch an einer gewinnbringenden Arbeit, welchen Namen
sie auch trage, noch endlich an einem nutzbringenden
Unternehmen, welches mit der Ausstellung im Zu
sammenhang steht, betheiligt bin oder betheiligt ge
wesen bin."
3. Geheimer Commercienrath Goldberger:
„Wie dies bei jeder ehrenamtlichen Thätigkeit selbstver
ständlich ist, bin ich bei dem Werke der Ausstellung weder
unmittelbar noch mittelbar, sei es an einer Lieferung
oder in sonst irgend einer Weise financiell betheiligt."
N—y. Am Dienstag Nachmittag 3 Uhr besuchte die Kai
serin Friedrich wiederum das Terrain der Berliner Gewerbe-
Ausstellung in Treptow. Die Kaiserin fuhr unerwartet in Be
gleitung des Prinzen uud der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen
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