Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

2
(Offtcidlc AnssteUnnys Uachrichte».
Thätigkeitsgebiet des Hausfleißes sehr eingeengt. Wenn wir daran
denken, was alles noch im Hanse hergestellt wurde, als der Groß
vater die Großmutter nahm, und wenn wir sehen, was in kleinen,
abgelegenen Dörfern noch heut int Hause gemacht wird, während
der Berliner Haushalt es kauft, so sehen wir die große Einengung
dieser Productionsform in dem modernen Berlin. Aber auch heut
noch wird in Berlin eine gange Menge von gewerblicher Thätig
keit im Hause ausgeübt, namentlich auf dem Gebiete der Frauen
arbeit. ‘ Die Bereitung der Speisen wird fast überall im Haus
halt besorgt. Auch die Näharbeit, namentlich für Wäsche und
Frauenkleidung, besorgen viele tausend fleißige Hände noch in der
Familie. Wenn wir einen der beliebten Zukunftsromane in die
Hand nehmen, in dem überall der Großbetrieb eingeführt ist, in
dein das Kochen, die Feuerung, das Licht, die Reinigung und iver
weiß wie viel andere häusliche Arbeiten von einer Centralstelle
aus durch Berufsarbeiter dem Haushalt besorgt werden, dann
merken wir erst, wie weit wir noch von der gänzlichen Beseitigung
dieser primitivsten Gewerbeform entfernt sind. In Berlin sind ja
die 11 000 männlichen und 80 000 weiblichen Dienstboten eine
künstliche Erweiterung der Familie und großentheils angenomnien,
um diese Art häuslicher Thätigkeit auch unter modernen Verhält
nissen aufrechterhalten und bisweilen sogar erweitern zu können.
Wenn die Statistiker beinahe die Hälfte der Berliner Bevölkerung
<49 von 100> zu den Abhängigen rechnen und diese den Sclbst-
thätigen gegenüberstellen, so schließen sie von den letzteren ungalanter
weise Hunderttausendc von Frauen und Mädchen aus, die in der
Gewerbeform des Hansfleißes arbeiten.
Nächstdem ist das „Lohnwerk" die ursprünglichste Form
des Gewerbes, das ist die Form, in der die Haushalte bestimmte
Arbeiten zwar schon von besonderen Gewerbetreibenden besorgen
lassen, aber diesen das Material stellen. Entweder geschieht das
so, daß die Gewerbetreibenden in das Haus der Arbeitgeber kommen,
dort beköstigt werden und, oft mit Hilfe der Familienangehörigen,
ihre Arbeit fertig machen. Oder aber das Material wird den
(Gewerbetreibenden ins Hans gegeben und von ihnen dort verarbeitet.
Die letztere Form pflegt jetzt oft mit dem Handwerk verbunden
zu sein und mit ihm vertvechselt zu werden. Sie hat aber doch
ivirthschastlich bedeutende Unterschiede und geht dem Handwerk zeit
lich vorauf.
Die Gewohnheit, daß der Arbeiter ins Haus kommt und das
ihm gelieferte Material verarbeitet, ist in Berlin ziemlich abgekommen.
Auf dem Lande, namentlich im Gebirgsland, geht noch heut der
Schneider, der Schuster, der Glaser re. „ aus die Stör", von Hof zu Hof
und arbeitet in dieser Weise. I» Berlin wird wiederum noch manche
Frauenarbeit ans diese Art gemacht. Die Wäscherin kommt vielfach ins
Haus, sie wäscht die dort aufgesammelte Wäsche aus, wird während der
Arbeitszeit beköstigt, von der Hausfrau oder den Dienstboten in
ihrer Arbeit nntersüitzt. Die Näherin, die in gleicher Weise zur
Anfertigung der Frauenkleider ins Haus kam, ist erst in aller
letzter Zeit stark in Abnahme gekommen. Jetzt wird sie wohl
mehr zur großen Flickerei als zur Neuarbeit geholt. Ebenso die
Putzmacherin. Häufiger ist noch die Wäschenäherin und die
Plätterin im Haushalt anzutreffen. Männer arbeiten im Ganzen
nicht mehr in dieser Weise. Doch hat sich zum großen Kummer
der Handwerker bei den schlechten Erwerbsverhältnissen der letzten
Jahre theilweise eine Rückbildung geltend gemacht. Hausbesitzer
beauftragen in letzter Zeit bisweilen nicht mehr die Handwerks
meister mit ihren kleineren Reparatur- rc. Arbeiten, sondern kaufen
die Materialien selbst und lassen die Arbeiten durch unmittelbar
angenommene Gehilfen ausführen. Auch sonst spielen namentlich
bei Erneuerungsarbeiten die Aufträge an Arbeiter für Sonntags-
nnd Feierabendstunden, wobei dann die Zuthaten geliefert werden,
iinmerhin eine gewisse Rolle.
Die zweite Art des Lohnwerks ist die, bei welcher den
Gewerbetreibenden das Material mit dem Bearbeitungsauftrag ins
Haus gebracht wird, das sogenannte Heimwerk. In dieser Weise
hat, wie bekannt, bis vor nicht zu langer Zeit der größte Theil
des Schneidergewerbes gearbeitet. Gegenwärtig führen in Berlin
die Herrenschneider die Kleiderstoffe nicht selber, häufiger wird noch
bei den Schneiderarbeiten für Frauen in der alten Weise ver
fahren. Im Gegensatz zu den Schneidern ist bei den Schnh-
»tachern das Heimwerk in der Zunahme begriffen. Denn die
Nenarbeit wird diesen durch die Magazine immer mehr abge
nommen. Die Flickarbeit aber geschieht hier wie überall selbst
verständlich in der Form des Lohnwerks.
Das Lohnwerk ist im Lauf der Geschichte größtentheils durch
eine andere Gewerbeform verdrängt worden. Die Gewerbetreibenden
stellen jetzt in der großen Mehrzahl der Fälle ihre Arbeiten und
Waaren mit eigenem Material her und berechnen den Kunden in
einem Preise die Bezahlung ihrer Materialien und ihrer Arbeit.
Diese Betriebsform trifft sowohl für das Handwerk wie für die
einzelnen Formen der Großindustrie zu; deshalb werden diese
Formen unter dem Namen „Preiswert" seitens der Gelehrten
zusammengefaßt und dem Lohnwerk gegenübergestellt.
Das Handwerk war früher im Berliner Gewerbsleben durch
aus vorherrschend, und auf den ersten Berliner Gewerbe-Aus
stellungen wird es wohl noch überwiegend vertreten gewesen sein.
Seine Kennzeichen sind ein kleinerer Gejchäftsnmfang, das Vor
wiegen der Bestellarbeit vor der Arbeit auf Vorrath für den
große» Markt, das Arbeiten für den lokalen Bedarf, die über
kommene Berufsausbildung: Lehrlinge und Gesellen, die der Regel
nach später wieder Meister werden. Jetzt ist das Handwerk für
die öffentliche Betrachtung durch die iinponirenden Formen der Groß
Industrie und ihrer Produkte schon bedenklich in den Hintergrund
geschoben worden. I» der Ausstellung wird es kaum mehr eine
sehr hervorragende Rolle spielen. Eine feste Position hat das
Berliner Handwerk auch gegenwärtig noch in den zahlreich be
setzten Nahrungsmittelgewerben. Bäckerei und Schlächterei werden
überwiegend handwerksmäßig, selten im Großbetrieb betrieben. Dem
nächst bieten auch die sämmtlichen Baugewerbe, namentlich durch
ihre kleinen Aufträge, einer breiten Schicht von Handwerkern Raum.
Am meisten gefährdet ist der handwerksmäßige Kleinbetrieb in der
gesammten Eisenverarbeitung, besonders im Maschinenbau, in denen
schon die allermeisten Waaren von Großbetrieben hergestellt werden,
llebrigens ist in Berlin die Grenze zwischen Handwerk und Groß
betrieb sehr fließend. Der letztere ist überwiegend aus dem Hand
werk herausgewachseu, und dieser Proceß dauert, allerdings in
sehr verlangsamtem Maßstabe, immer noch fort, in manchen Ge
werben mehr, in manchen weniger. Hieraus erklärt es sich wohl
auch, daß ein straffer Zusammenschluß des Berliner Handwerks
wirthschaftspolitisch nicht erfolgt ist. In den ca. 70 Berliner
Innungen sind von den 147000 selbstständigen Gewerbetreibenden
der Stadt 1890 nur -12600 Jnnungsmeister oder noch nicht
9 Procent von allen gezählt worden. Und von den Innungen
haben sich nur etwa zwei Drittel der Handwerkerbewegung ange
schlossen, während die übrigen die Bewegung zum Großbetrieb,
wenn nicht für wüuschenswerth, so doch für unvermeidlich ansehen.
Die Ausbildung der Großbetriebe hat durch die technischen
Fortschritte, die Maschinen, den gewaltigsten, aber keineswegs de»
ersten Anstoß erhalten. Schon vor der Verwendung der Dampf
kraft hat die Arbeitsersparniß, die in der räumlichen Vereinigung der an
einer Waare arbeitenden Handwerke und Menschen und in der Arbeits
zerlegung unter diese liegt, zu großen Betrieben geführt. Diese Be
triebe, in denen nicht die Maschinenverwendung, sondern die Ver
einigung mehrerer Branchen und die Arbeitszergliederung die Vortheile
des Großbetriebs bedingen, nennt man Manufacturen. Ihre
Förderung in Berlin ist einmal der Einwanderung der gewerblich
hoch ausgebildeten französischen Emigranten unter den letzten
Kurfürsten und dann der directen Unterstützung dieser Einrichtung
durch die ersten Könige zu verdanken. Der preußische Staat hat
sich selbst an der Errichtung von Manufacturen betheiligt, und
die noch heut in Charlottenburg bestehende Berliner Porzellan-
Manufactnr ist uns ein Zeugniß ans jener Zeit. Auch in unserem
Jahrhundert noch sind in Berlin viele Großbetriebe durch die
Vorzüge der Manufactnr, namentlich durch die Vereinigung mehrerer
Gewerbe in einem Betrieb, früher und mehr als durch Maschinen
verwendung emporgekommen. Man braucht nur an die weltbe
rühmte Berliner Lampenindustrie oder an die Wagenfabrikation
zu erinnern. Ebenso stellen sich in manchen Zweigen des Bau
gewerbes die Großbetriebe als Manufacturen dar, z. B. in der
Malerei, wo die großen Betriebe für jede Art der Thätigkeit be
sonders geschickte Special-Arbeiter ausgebildet haben.
Ist die Manufactnr durch Zusammenschluß der gewerblichen
Thätigkeit ans dem Handwerk entstanden, so entstand a»8 diesem
andererseits, indem man die handwerksmäßige Arbeitsweise beibehielt,
aber die kaufmännische Ncbcnthätigkeit, Verkauf der Waaren und
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