Path:
Periodical volume Nr. 53, 9. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officielle Ausstellunys- Nachrichten. 
‘den kleinen dreijährigen ausgestopften Elephanten neben der 
Löwengruppe im linken Flügel ebenso dankbar sein als Herrn 
jDirector Curt von Hagen für seine reizende Collection der 
farbenprächtigen australischen Vögel. Schmetterlinge und 
Käfer hätten vielleicht zahlreicher vertreten sein können, 
doch dieses Deficit weiss dann wieder in vollster Weise die 
Ausstellung des Kgl. botanischen Museums auszugleichen, 
welche in jeder Beziehung das grösste Interesse beanspruchen 
kann. In mehreren geschlossenen und offenen Schränken 
zerstreut zwischen den ethnographischen und zoologischen 
Sammlungen, zu denen auch noch einige Aquarellen an den 
Wänden zu rechnen sind, giebt diese Ausstellung stets gleich 
zeitig eine übersichtliche Darstellung der Nutzpflanzen des 
betr. Landes, und indem man, ein nicht genug anzuerken 
nender Gedanke, es vermieden hat, in dem einen Saal viel 
leicht ethnologische, in dem anderen nur botanische, in einem 
dritten nur zoologische Gegenstände auszustellen, vielmehr 
bei jedem Lande neben denWandkarten alle Disciplinen ver 
einigt, ist der Besucher vollständig in die Lage versetzt, 
bei aufmerksamer Betrachtung sich bei jeder einzelnen Co- 
lonie ein vollständiges Bild über deren Entwickelung, Cul 
turzustand und Nutzwerth zu machen. Dr. Konr at. 
Als es in Berlin noch keine Wäscheconfection gab. 
(Abdruck untersagt.] 
Es geht eigentlich jetzt alles recht fix in 'der Welt, wo 
man hinsieht, in allen Verrichtungen des täglichen Lebens 
eine unglaubliche Beschleunigung gegenüber der Zeit, wo 
der Grossvater die Grossmutter nahm. Von der Postkutsche 
zum Courierzug, von der Stafette zum Telegraphen ist die 
Fabrikmarke des .neunzehnten Jahrhunderts. — Nur die 
Gerichte machen eine rühmliche Ausnahme in dieser all 
gemeinen Steeple Chase und allen Ernstes hat Jemand die 
Theorie aufgestellt, dass nur deshalb die Leute so wenig 
Zeit hätten, trotz der „Beschleunigung aller wirthschaftlichen 
und gewerblichen Processe” weil, was an dieser Seite an 
Zeit gespart wujrde von den „Civil- und Strafprocessen” 
reichlich absorbirt werde. 
Auch beim Besuch der Gewerbe-Ausstellung drängt 
sich diese alltägliche Beobachtung vom Zeitalter des 
Dampfes immer wieder auf. — Wenn jetzt ein junges Paar 
sich verlobt hat, so setzt sich eines schönen Vormittags 
Schwiegermutter mit Tochter und Schwiegersohn in einen 
„ Weiss lackirten”, man fährt bei der „Societät der Berliner 
Tischlermeister” ' vor oder bei Glüschmann oder Pfaff, 
Prächtel, Paschky etc., an 'einem anderen Morgen wird 
Gerson, Heese u. s. w. ein Besuch abgestattet und dann noch 
ein Vormittag E. E. Metzner, Jordan, Goschenhofer und 
Itoesicke oder Wolfenstein gewidmet und man kann das 
junge Paar getrost aufbieten lassen, bis die'Frist verstrichen 
ist, ist alles beisammen, was zu einem behaglichen Nest 
gehört. 
Wie ganz anders vor 100, ja noch vor 80, ja 50 und 
40 Jahren. 
Den Tischler hat man stets gebraucht, den Tapezirer 
setzten nur die aller Vornehmsten in Nahrung; und die 
Wäschegeschäfte? I das wäre ja unerhört gewesen und von 
Basen und Muhmen in Ewigkeit verurtheilt worden, hätte 
man die Wäsche, fertig kaufen wollen. Aber selbst wenn 
man es gewollt hätte, ‘es wäre nicht gegangen. Es gab ,ja 
Anfang des Jahrhunderts gar keine Handlungen mit fer 
tiger Wäsche. Ein oder zwei Modemagazine hatte Berlin 
vielleicht aufzuweisen, die '.Herren- und Damenhemden der 
feinsten Art, Taschentücher, Jaquets und Damennegliges 
führten, aber hier kauften nur die vornehmen Fremden, 
die ('avaliere des Hofes und einige junge Bürgersöhne, die 
Gigerln jener Zeit. 
Die. Berliner Hausfrau und die angehende Schwieger 
mutter hohen wie niederen Standes machten es anders. Da 
machte man sich auf, von erfahrenen Tanten und lernbe 
gierigen Nichten begleitet, und ging zum Leinwand- 
h ä u d 1 e r. \ orher war schon berathen, dass es bei diesem 
die schönsten Tischgedecke, bei jenem das feinste Linnen 
zur Leibwäsche und beim 'dritten den besten Bettzwillichi 
und das derbste Wirthschaftsleinen gäbe. Es war nicht 
schwer damals, die Quellen alle zu kennen, hatte Berlin im 
Jahre 1811 doch erst 14 Leinwandhandlungen und sie lagen 
fast alle am und um den Spittelmarkt. Hoch aufgestapelt 
lagen die Linnenballen in dem langen dämmerigen Laden, 
den als solchen nur die direct nach der Strasse führende 
Thür, die 3 oder 4 Ballen bunten Bettzwillichs hinter dem 
niedrigen Fenster und der lange durch vieljährigen Brauch 
blank geschliffene Ladentisch kennzeichneten. — Es ist noch 
früh morgens, und der Herr des Ladens steht vor der Thür, 
er hat mit den Nachbarn übers Wetter gesprochen und das 
die neuen Laternen aus weissem Glase doch viel besser 
leuchteten als die alten, die aus grünem Flaschenglas ge 
wesen waren und dass sie auf der Charlottenburger Chaussee 
wieder einen Mann vor 'der .(Invalide n- Erleuchtungscom- 
pagnie umgefahren hätten, als er im Dunkeln auf der Leiter 
stand, um die an einer über die 'Chaussee gespannten Kette 
hängende Laterne anzuzünden — und was dergleichen wich 
tige Neuigkeiten mehr waren. — Da sieht er unseren Damen 
schwarm kommen, er weiss, was das zu so früher Stunde be 
deutet und schnell verschwindet er, um Frau und Tochter 
zu avisiren, dass sie die Morgentoilette beschleunigen und : 
ihm bei dem Handel zur Seite stehen. Und nun geht es los. 
Leinen wird vorgelegt, begutachtet, verworfen, wieder vor 
genommen, die Tanten geben ihre Erfahrungen zum besten 
und die Nichten wollen auch mitreden. Stunden vergehen, 
die Geduld des Ladeninhabers wird auf eine harte Probe ge 
stellt, aber er bleibt immer liebenswürdig und, wo man sich 
garnicht einigen kann, weiss er durch die geschickt hin 
geworfene Bemerkung, das die Frau Kriegsräthin so und 
so dies genommen und der Frau Geheimen Finanzräthin 
so und so jenes ganz besonders gefallen hätte, eine Ent 
scheidung herbeizuführen. 
Endlich ist der Handel abgeschlossen, die Gesellschaft 
tritt den Heimweg an und nach einigen Tagen wird ein 
zweiter und dann vielleicht noch ein dritter Feldzug ähn 
licher Art unternommen. 
Und nun gehts zu Hause an die Arbeit, da wird Bett 
zeug abgemessen, zugeschnitten und genäht, Taschentücher, 
Tischtücher und Servietten u. s. w. Aber der wichtigste Akt 
bleibt das Züschheiden der Leibwäsche. Es bedeutet gleich 
sam einen Weiheakt für die künftige Hausfrau. Alte und 
bewährte Schnittmuster werden hervorgesucht, wie sie von 
der Grossmutter Zeit her sich fortgeerbt haben oder von einer 
besonders wirthschaftlichen Tante überkommen sind. Aus 
altem, grobem, grauem Papier sind sie zumeist^ oft versehen 
mit krausen Zeichen über das Eintheilen, die Kunst, mög 
lichst wenig Leinen abfallen zu lassen, noch öfter männich- 
fach geflickt, denn wenn Bisse sich zeigten, so besserte man' 
die aus mit Eiweiss oder Mehlkleister. Sich etwa, wenn die 
alten Muster zu baufällig wurden, neue nach ihnen zu schnei 
den, das fiel Niemandem ein, „das heutige Papier hätte ja 
doch nicht gehalten”. Jetzt schnitt die Braut nach diesen 
bewährten Mustern sich ihre eigenen für den neuen Haus 
halt. Und nun ging’s an’s Nähen. Das war die Haupt 
arbeit, denn einen reichen Linnenschatz der scheidenden, 
Tochter mitzugeben, das war, wenn er auch nicht mehr selbst 
gesponnen zu sein brauchte, damals wie heute der Stolz jeder 
Mutter. Da sassen sie denn, Mutter und Schwestern, Ver 
wandte und Gefreundte in Ynonatelanger, emsiger Arbeit 
zwischen Wolken weisser Leinwand, Ballen Stoff und Haufen 
von Schnitzeln und Abfällen. — Und wenn die Arbeitskräfte' 
zu Hause fehlten, dann gab man die Näharbeit in die Näh 
schule. — Ja, Nähschule! -— Welche alte Berlinerin ent 
sänne sich ihrer nicht mehr. Die Stätte, wo sie fröhlich und 
lustig gewesen ist unter Altersgenossinnen, die Stätte, in der 
sie alle Freuden und Leiden ihrer schönsten Lebensjahre als 
wichtige Ereignisse mit ihren Gefährtinnen besprach, die 
Stätte, aus der ihre Jugendfreundschaften erblühten, aus der 
schon die Mädchenfreundschaften ihrer Mutter erwachsen 
waren. 
Die Nähschule besuchte das Berliner Bürgerkind unge 
fähr vom 14. bis zum 18. Lebensjahre, Sie lernte dort nä-
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.