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Periodical volume Nr. 52, 8. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Qfficielle Ausstellungs - Nachrichten. 
9 
Allgemeiner deutscher Kunstgewerhetag. 
[Abdruck untersagt.] 
Herr Architekt Karl Hoffacker hielt am Sonntag im 
Hörsaal des Chemiegebäudes gelegentlich der Sitzung des 
III. Allgemeinen Kunstgewerbetages einen hochinteressanten 
Vortrag über: Die Gestaltung der Berliner 
G ewerbe,-Aus>stfc llung„ die er an der Hand zahl 
reicher Pläne in lichtvoller, vollständig freier Rede erläu 
terte. Wenn er sich erlaube, heute über dieses Thema zu 
sprechen, meinte er, so glaube er, als einziger Mitarbeiter an 
dem Werke, dazu eine gewisse Berechtigung zu haben, 
während man andererseits wieder einwenden kann, dass man 
einen derartigen Vortrag vielleicht besser einer der Sache 
ferner stehenden, kritischen Persönlichkeit überliesse. Aber 
er wolle keine Kritik üben, sondern nur einfache Thatsachen 
registriren und darüber sprechen, wie die Gestaltung der 
Ausstellung sich vollzogen, und wie weit das Kunstgewerbe 
sich an derselben betheiligt habe. Der Redner erinnert da 
ran, dass sich angesichts der Weltausstellung in Chicago 
zuerst der Gedanke regte, endlich auch einmal in der deut 
schen Reichshauptstadt noch Vor Ende des Jahrhunderts 
eine solche zu veranstalten, wie der Plan aber an der ent 
schieden ablehnenden Haltung der Reichsregierung geschei 
tert sei. Vielleicht, meint Herr Hoifacker, hätte die Regie 
rung gut daran gethan, in ihrem Verhalten von dem Ge 
danken auszugehen, dass, wenn man alle anderen Völker 
zu einer Ausstellung einlade, man sehr vorsichtig und sicher 
sein müsse, dass man auch jeder Concurrenz begegnen könne. 
Auch eine deutsch-nationale Ausstellung begegne ähnlichen 
Schwierigkeiten, allein da man darin einstimmig war, dass 
angesichts des sich seit Jahren mit elementarer Kraft regen 
den Thatendranges etwas auf diesem Gebiete geschehen 
müsse, so einigte man sich endlich, freilich nachdem viel 
kostbare Zeit verloren gegangen war, auf eine speciell Ber 
liner Ausstellung, auf der nur hauptstädtische Erzeugnisse 
und solche ausgestellt weiden sollten, die zwar auswärts, 
aber für Berliner Firmen gearbeitet seien. Man habe lange 
die Frage erwogen, ob man innerhalb dieser Ausstellung den 
Erzeugnissen des Kunstgewerbes einen abgesonderten Raum 
für sich gewähren wolle, sei aber schliesslich davon abge 
kommen, wofür man den Leitern der Ausstellung im Inter 
esse der übrigen Aussteller nur Dank wissen könne. Wie 
bei allen Ausstellungen spielte auch hier die Terrainfrage 
eine, wichtige Rolle. Nur ungern will Redner den leidigen 
Streit: „Hie Witzleben — hie Treptow“ soweit streifen, als 
es in das Gebiet seines Vortrages unbedingt gehört. Lange 
wurde die Frage leidenschaftlich erörtert, ob man die Aus 
stellung nach dem vornehmeren Westen oder nach dem Osten, 
dem Sitz der werkthätigen Bevölkerung legen solle. Der 
Kampf entzweite diejenigen Kräfte, die sich dem Unternehmen 
zur Verfügung gestellt hatten, vollständig, und Viele zogen 
sich, als durch eine Art Volksabstimmung die Wahl Trep 
tows entschieden war, grollend zurück. Auch der Redner 
hatte, wie wir seinen Ausführungen entnehmen, ebenfalls 
Witzleben den Vorzug gegeben, aber er setzte, als die Ent 
scheidung gefallen war, im Interesse der Sache alles daran, 
zwischen den Gegensätzen eine Brücke zu schlagen und die 
jenigen Kräfte zu-gewinnen, die sich thatkräftig an der Aus 
führung betheiligen sollten. Es gelang ihm, in dem Col- 
legen Grisebach und Schmitz solche Mitarbeiter zu finden 
und allmählich auch wieder andere künstlerische Kräfte für 
das grosse Werk zu gewinnen. Ueber ein Jahr hatte die Lö 
sung der Platzfrage in Anspruch genommen und kaum 
1z Jahr blieben, um die gewerblichen Kreise wieder für die 
Ausstellung zu interessiren. Im November 1895 sollten die 
letzten Anmeldungen stattfinden, allein noch sechs Wochen 
vor Eröffnung der Ausstellung liefen deren ein, die ange 
nommen wurden. Dass dieser Umstand dem Bebauungs 
plan des Terrains und den leitenden Architekten wesentliche 
Schwierigkeiten bereitete, versteht sich von selbst und "V ieles 
Imusste ersonnen und ausgeführt werden, um dieselben zu 
überwinden. In Witzleben hätte man neben einem Wäld 
chen und kleinen See offenes Terrain gehabt. In Treptow 
hatte man allerdings einen herrlichen Park; allein gerade 
dieser erschwerte wesentlich die Dispositionen für ‘den Be 
bauungsplan und auch die Frage der Zufuhrstrassen berei 
tete den betreffenden Kräften grosse Schwierigkeiten. Von 
der Ausschreibung einer Concurrenz hatte man angesichts 
der Kürze 'der Zeit abgesehen und dem Redner und seinen 
Collagen Grisebach und Schmitz kurzer Hand die Ausfüh 
rung übertragen. Welchem Misstrauen und welchen Feind 
seligkeiten zu begegnen war, ist bekannt. Auch der Um 
stand, dass als erste begreifliche Bedingung für Ueberlassung* 
des Platzes festgestellt war, dass nicht ein Baum, nicht ein 
Strauch des Parkes entfernt werden durfte, erschwerte die 
architektonische und künstlerische -Gestaltung der Baulich 
keiten wesentlich und wenn man auch später hie und da eine 
Milderung diesesVerbotes erwirkte, blieben doch noch immei 
der Schwierigkeiten 'genug, die aber in treuer gemeinsame 
Arbeit schliesslich doch überwunden wurden. Einen neuen 
schweren Kampf rief die Maassregel hervor, dass man jeder 
Gruppe, zur Erzielung einer künstlerisch einheitlichen Ge 
staltung der Ausstellungsräume, einen Architekten beige 
sellte, der gewisse beschliessende Rechte hatte; allein wenn 
auch heute noch, manche Aussteller mit Widerwillen diese.. 
Zwanges gedenken, so ist man doch im Grossen und Ganzer 
darüber einig, dass diese Maassregel sich im Interesse der 
Schönheit unserer Ausstellung glänzend bewährte. Uebri- 
gens hat die deutsche Kunstgewerbe - Genossenschaft eine 
Denkschrift an die Regierung gerichtet, in welcher für die 
Mitwirkung künstlerisch geschulter Kräfte im Gewerbebetrieb 
entschieden plaidirt wird. Der Rednerschloss seinen interessan 
ten Vortrag, dessen Inhalt wir hier nur flüchtig skizziren 
konnten, mit dem Wunsche, dass dem Kunstgewerbe bald 
Gelegenheit gegVben werde, sich werkthätig an einer Ber 
liner Welt- oder doch deutsch-nationalen Ausstellung be 
theiligen und dann die, jetzt gemachten Erfahrungen ver 
werthen zu können. 
Nachdem dem Redner ein Mitglied und dem Vor 
sitzenden Herrn Director Lange den Dank der Versammlung 
für seine trefflichen Ausführungen ausgesprochen hatten, 
den Herr Hoffacker nur anzunehmen bereit war, wenn er 
auch auf seine wackeren Colleg- n und Kampfgenossen über 
tragen werde, wurde die Sitzung geschlossen. Wenn sich. 
Herr Hoffacker auch sichtlich bemühtet, sein Verdienst um 
unsere Ausstellung während seines Vortrages in den Hin 
tergrund zu drängen, so gewannen doch sicher alln An 
wesenden mit uns abermals die Ueberzeugung, dass er das 
Grösste für das schöne und allgemein bewunderte Werk ge 
than hat. 
Ausstellungsbriefe 
von Wilhelmine Buohholz. 
VI. 
[Abdruck untersagt. I 
Das erste Lichtfest. 
Sehr geehrter Herr Redacteur! 
Wie th-iie ich Ottilie ein? 
Dies war die Frage, die mich wie eine Fliege piesackte, 
von denen es nach meiner Selbstbeobachtung mehrere Sorten 
von Cai Allen giebt, nämlich solche, die sich auf Bilderrähme, 
weisse Theken und was sonst sauber ist, werfen und solche, 
die sich mehr auf menschliche Verfolgung legen, bis man die 
Bestie nach endlosem Vorbeig-lingen getroffen hat oder ir 
gend etwas Zerbrechliebes, das daneben in der Ziellinie Stand. 
Ottilie kennt Berlin aus den Zeitungen und was so drüber 
gesprochen wird. Sie weiss besser in den spanischen Pro 
vinzen Bescheid, als in der Reichshauptstadt nebst I mgebung, 
was man ihr auch nicht verdenken kann, da sie in Geographie 
mit einem Einser siegte und zwar besonders durch einen 
fehlerfreien Aufsatz über Madrid, dass sie für ihr Leben ger. 
einmal sehen möchte, um zu vergleichen, oh es wirklich st. 
ist, wie sie es beschrieben hat. 
Ich sagte: „Ottilie, zwischen uns und Madrid liegt zu 
viel Landkarte. Und wenn auch Sevilla und Granada sehr 
gepriesen werden, in diesem Sommer geht nichts über Trep-
	        
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