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Periodical volume Nr. 51, 7. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 13 
exemplar von Impeyan plnenasant begegnen wir in dieser auserlesenen 
Gesellschaft. Dass sich auch minderbevorzugte, wie der Zwerg- 
Kakadu, die Inseparables, der weisse Victoria-Vogel und die 
Seemöve neben dem zarten Geschlecht der Colibris breit machen, 
ist nun einmal nicht zu vermeiden in unserer demokratisch an 
gehauchten Zeit. 
Ganz und gar zum Proletariat gehört das Gefieder der Export- 
Objecte in der vortrefflich beschickten Ausstellung der Firma 
Gustav Joel & Meyer. Fast ausschliesslich an die Bedürfnisse der 
Confection und des Exportes sich wendend, sind diese Phantasie- 
Erzeugnisse an sich von hoher Achtbarkeit, trotz des minderwerthigen 
Materials, das hier einzig zur Verwendung kommen kann. Un- 
gemein interessant ist die Darstellung dessen, was aus diesem Feder 
kram mit Hilfe der technischen Fertigkeit des Fabrikanten alles zu 
gewinnen ist. Da sehen wir z. B. ein ganzes, grosses Cape, 
durchaus von Federn in der vorerwähnten Kleb-Technik hergestellt: 
ein breiterer Streifen von grau gefärbtem Flaum-Fell, ein schmalerer 
Streifen von schwarzen Hahnen-Hals-Federn geklebt, in regelmässiger 
Abwechslung den Fond rondirend. Ferner lange Boas, kurze 
Colliers in allen Formen etc. etc. Und das Alles aus Federn 
fabricirt, die fast ausnahmslos auf unseren dörflichen Hühner- und 
Enten-Höfen gewachsen sind — das billigste Material, zum Nutz 
gegenstand verbunden, aber von unverkennbarem Werth. 
Was übrigens die Berliner Federn-Industrie in ihren aller 
vornehmsten Erzeugnissen für die Damen - Confection leistet, das 
erhellen die wahrhaft königlichen Verbrämungen aus erstklassigem 
Strauss und Marabu, die in der Ausstellung von Herrmahn Gerson 
an einem Hof-Ballkleid und Sortie in weiss, an einem pompösen 
Abendmantel in Lehmfarbe zu sehen ist. Interessant wäre es, zu 
erfahren, welcher Firma die exceptionelle Arbeit in der Verbrämung 
zuzuschreiben ist. 
Als Specialist für Federfacher vornehmster Gattung ist auch 
noch F. Gräber mit grossen Ehren zu nennen, die dtfrch die 
prächtigen, allerdings nur an den Detail-Bedarf sich wendenden 
Ausstellungs-Objecte vollauf verdient werden. 
Oie Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt. 
Die Entwicklung der Landwirthschaft im gegen 
wärtigen Jahrhundert. 
Wohl auch die Erwartung einer Auseinandersetzung 
über die brennende agrarische Frage hatte am Freitag Abend 
eine stattliche Zahl von Zuhörern im Hörsaal des Chemiege- 
häudes versammelt. Herr Geheimer Hofrath Professor Dr, 
Kirchner aus Leipzig sprach über das Thema: „Die Ent 
wicklung der Landwirthschaft im gegenwärtigen Jahrhun 
dert." Es war ein sehr dankbares Thema, welches der \ er 
tragende in einstündiger Rede behandelte, wenngleich durch 
das sehr schnelle Sprechen viele Worte undeutlich klangen. 
Nachdem ein Jahrtausends lang in der Landwirthschaft 
dasselbe System geherrscht hatte, bereitete sich erst in un 
serm Jahrhundert ein Umschwung vor. Karl der Grosse, 
der auch in kolonisatorischer Hinsicht seinen Beinamen voll 
verdient, war derjenige, der das Dreifeldersystem einführte. 
Nach diesem System blieb je ^ des Bodens brach liegen, wäh 
rend mit Getreide angebaut wurde. Das Dreifeldersystem 
bestand bis zu Anfang unseres Jahrhunderts, dann erst er 
wuchs der Landwirthschaft in dem Hannoveraner A. T h a e r 
ein Reformator. Ein Bürger der Stadt Celle, hat diese das 
Andenken des hochverdienten Mannes durch ein Denkmal 
geehrt. Sein Gedanke, eine Fruchtfolge einzuführen, war 
für Deutschland gänzlich neu, obgleich man in England 
schon lange dieses Verfahren kannte, auf einem Felde in ver 
schiedenen Jahren einen ganz regelmässigen Wechsel der 
verschiedenen Früchte einzuführen. Wenn trotzdem nichts 
nach Deutschland drang, nicht einmal nach Hannover, das 
doch durch Personal-Union mit England verbunden war, so 
lag es an dem mangelhaftenVerkehr der Länder miteinander. 
Das Thaer’sche Princip ist noch heute das maassgebende 
für die rationelle Landwirthschaft, 
Das Gesammtgebiet der Naturwissenschaften lag bis zur 
Mitte dieses Jahrhunderts noch in den Windeln und erst als 
neue Forschungen und Entdeckungen auch dies Gebiet er 
schlossen, machte sich ihr Einfluss auf die productiven Fort 
schritte der Landwirthschaft bemerkbar. Justus von 
Liebig wurde mit seinem Werk: „Grundlagen zur Ver 
mehrung der Culturgewächse“ bahnbrechend. Es ist schwer 
zu sagen, welches der vielen Gebiete der Naturwissenschaft 
auf die Landwirthschaft den hervorragendsten Einfluss aus 
übt, die Chemie hatte die. leitende Stellung, hat sie aber in 
jüngster Zeit nicht mit Unrecht der Bakteriologie überlassen 
müssen. 
Wenn man von Bakterien redet, glaubt man immer, 
diese, kleinsten Lebewesen üben nur einen schädlichen Ein 
fluss auf organische Stoffe aus. Es ist aber nicht der Fall, 
denn die Verwandlung der Milch in Käse bedarf der Mitwir 
kung von Bakterien. Für die Landwirthschaft sind die Bak 
terien von hohem Nutzen, auf allen Gebieten ist dies zu be 
merken : sie führen den so nothwendigen Stickstoff zu, sie 
dienen in der Hefe der Bierbrauerei und vermitteln in den 
stärkemehlhaltigen Pflanzen die Bereitung des Spiritus. 
Es ist deshalb für den Landwirth dringend nothwendig, 
sich wissenschaftliche Bildung anzueignen. In dieser Hin 
sicht wirkte Professor Julius Kühn in Halle a. 8. als 
Bahnbrecher. Er stand in der allerersten Reihe derjenigen 
Männer, welche der Landwirthschaft als Wissenschaft Ein 
gang in die Hörsäle der Universitäten verschafften. Ver 
suchsstationen für die gesummte Landwirthschaft wurden 
eingerichtet, berechtigte landwirtschaftliche Mittelschulen 
eröffnet, Ackerbauschulen ins Leben gerufen und den Be 
dürfnissen kleinerer Betriebe durch landwirtschaftliche 
Winterschulen entsprochen. Auch die landwirtschaftliche 
Literatur ist im Zunehmen begriffen, zur Zeit bestehen in 
Deutschland ungefähr 200 Zeitschriften und eine Berliner 
Verlagsbuchhandlung war kürzlich in der Lage, das 2000 
Werk über Landwirthschaft zu verlegen. 
Auch die Vervollkommnung der Maschinentechnik ist 
nicht ohne Einfluss auf die Landwirthschaft geblieben, wenn 
auch in anderem Maasse, als auf dem Gebiete des Handels 
und der Industrie, da hier von der Maschine immer dieselbe 
Leistung gefordert wird, die Verlichtungen in der Land 
wirtschaft aber fast mit jedem Tage wechseln. Nur die 
Milch-Gentrifuge wird vielfach benutzt, denn sie besorgt 
das Entrahmen der Milch, welches früher 36—48 Stunden 
in Anspruch nahm, in wenigen Stunden. 
Eine bedeutende Weiterentwiekelung der Landwirth 
schaft wurde durch die Beschaffung vorzüglicher Dünge 
mittel gewährleistet: Chilesalpeter und Guano trugen zur 
Erhöhung der Ertragsfähigkeit des Bodens bei, in besonderem 
Maasse gilt dies aber von den Kalisalzen, welche in den Ge 
genden nördlich und nordöstlich vom Harz gefunden werden. 
Die Kalisalze sind ein so vorzügliches Düngemittel, dass die 
Vereinigten Staaten von Nordamerika dieselben in grösseren 
Mengen zu beziehen trachten. 
An der Hand eines äusserst reichhaltigen Materials 
führt der Redner die productiven Fortschritte auf dem Ge 
biete der Landwirthschaft vor. Man macht sich kaum einen 
Begriff, in wie grossem Umfange die Kartoffel angebaut 
wird, statistische Erhebungen haben nämlich eine Bebauung 
von 11 pCt. des gesummten Ackerlandes festgestellt. Durch 
Aussaat hat man über 100t) verschiedene Sorten gezüchtet, 
die sich durch Form, Farbe, Geschmack u. s. w. unterschei 
den. Ein Züchter in Zwickau hat 1600 verschiedene Sorten, 
erzielt, welche von ihm ungefähr zehn Jahre, lang beobachtet 
und dann in verschiedenen Qualitäten in den Handel ge 
bracht werden. Die Prüfung der Kartoffeln geschieht im 
Winter und hat der betreffende Züchter deshalb täglich, 
ca. 30 Sorten zu probiren. 
Auch die Entwickelung der Zuckerindustrie, hat mit den 
Jahren riesige Fortschritte gemacht. Im Jahre 1747 ent 
deckte Marggraf in der Runkelrübe 5—6 pCt. Zucker; 
damals aber liessen die technischen Verhältnisse eine Aus 
beutung noch nicht zu. Als im Anfang dieses Jahrhunderts 
in Schlesien die erste Zuckerfabrik errichtet wurde, konnte
	        
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