Path:
Periodical volume Nr. 50, 6. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Aussfellungs - Nachrichten. 
j.erstellung’sinetlioden das Gewerbe der Schuhmacher zu 
leiden. Es ist noch nicht lange her, dass das Schuhmacher 
handwerk wirklich einen „goldenen Boden” hatte, aber die 
Zeit ist vorbei und wenn ein einzelner Schuhmachernieister 
heute doch noch im Wettbewerbe mit Schuhfabriken er 
folgreich besteht, so ist er die Ausnahme, die die Hegel be 
stätigt. 
Die Ursachen des Niederganges dieses einst blühenden 
Handwerkes sind verschiedene. Die Fabrikanten behaupten, 
wohl mit Unrecht, dass im handwerksniässigen Betriebe 
hergestelltes Fusszeug an Eleganz der Form und Haltbarkeit 
nicht so vollendet sei, wie die in Fabriken angefertigte 
Waare. Es ist ja richtig, dass früher, derbere Stiefel ge 
tragen wurden als jetzt, und ausserhalb der grossen Städte 
hat sich die. Handarbeit auch am besten gegen Maschinen 
arbeit gehalten, aber wenn die Schuhmacher andererseits von 
der Ansicht ausgehen, dass die Verbilligung der Herstellung 
und der damit verbundene Preisrückgang in engem ur 
sächlichem Zusammenhang mit dem Niedergang ihres Hand 
werks steht, so leuchtet dieser Grund mehr ein. 
Es ist nicht unsere Sache, an dieser .Stelle socialpoliti 
sche Reflexionen niederzuschreiben. Wie wir den Nieder 
gang des Handwerks beklagen müssen, so können wir an 
dererseits einer Intelligenz mul einem Forschungsgeiste, der 
Maschinen ersann, die in vollendeter Weise die menschliche 
Handarbeit ersetzen, unsere Anerkennung nicht versagen. 
Bis vor etwa zwanzig Jahren kannte man in der Schuh 
macherei nur die Handarbeit. Dann tauchten die ersten 
Maschinen auf, die die Sohle an das Oberleder nähten, und 
zwar mit einer Naht, die gleichzeitig durch Sohle, Ober 
leder und Brandsohle hindurchging. Die Haltbarkeit eines 
so genähten Schuhes hing in hohem Grade von den Nägeln 
und Stiften ab, die beim Zwicken in den Schuh geschlagen 
wurden und in ihm stecken blieben. Dass vor dem Nähen 
der Leisten aus dem Stiefel genommen werden musste, blieb 
nicht ohne nachtheiligen Einfluss auf die Facon des Fuss 
zeuges. Später wurden andere, bessere Maschinen erfunden 
und jetzt giebt es eine grosse Anzahl von Fabriken, die 
Schuhzeug ausschliesslich mit Maschinen herstellen, die zur 
Anfertigung von Tausenden von Stiefeln nur einige wenige 
Mann bei der Bedienung der Maschinen benöthigen. Von 
diesen Betrieben ist einer der modernsten in der. Ausstellung 
in Thätigkeit zu sehen. 
Irrt hinteren Theile des Hauptgebäudes, neben der Ma 
schinenhalle befinden sich in übersichtlicher Weise geordnet 
die verschiedenen Maschinen, mit denen die bekannte Schuh 
fabrik von Dorndorf ihre Waaren anfertigt. Es sind das so 
genannte Gpodyear-Maschinen, das fertige Schuhwerk nennt 
sich Goodyear-Welt-Schuh. 
Die Maschinen sind im Wesentlichen: Die Zwickma 
schine, die Rahmeneinstechmaschine, die Sohlauflegema- 
schine, die Nähmaschine und die Glättmaschine. Die Fabri 
kationsweise erklärt sich zum Theil schon aus dem Namen der 
Maschine und ist in Kurzem die Folgende: Der ausgeschnit 
tene Schuh wird in der Zwickmaschine auf den Leisten ge 
bracht. Starke Eisenklammern zwängen die Spitze und den 
hinteren Theil des Schaftes über den Leisten und behende 
Eisenfinger thun dasselbe mit dem Ballen und dem Gelenk. 
Zwickstifte werden nur ganz leicht mit dem Stifter, einem 
ebenso einfachen wie originellen Apparat, der selbstthätig 
die gebrauchten Stifte ersetzt, eingeschlagen; Dann kommt 
der Schuh zur Rahmeneinstechmaschine, die schnell und 
sicher mit gebogener Ahle und starkem Pechdraht den Rand 
■in Obertheil und Brandsohle näht, ohne sie jemals zu durch 
stechen. Nachdem dann die Sohle mittels der Sohl-Auf- 
legemaschine an die Brandsohle fest herangedrückt ist, 
schneidet eine andere Maschine die 5 Sohle : der Form des“ 
Leistens entsprechend zurecht und ritzt zugleich längs der 
Kante eine flache Furche zur Aufnahme der Naht. Der 
Pechfaden läuft beständig durch heisse s Pech und wird 
mit diesem vollständig geträngt. Er wird dadurch dauer 
hafter als wenn er nur an kaltem Pech gerieben wird, und 
ist so auch eher im Stande, die Nähte wasserdicht zu halten. 
Für das Annähen der Sohle ist eine sehr sinnreiche und 
11 
ba 
äusserst complicirte Maschine, nach vielen vergeblichen Ver 
suchen und langen Experimenten erfunden. Sie näht die 
Sohle an den Rand, ohne dass ein Stich durch das Vorstechen 
für den folgenden gelockert wird. Die Stiche verlaufen 
ganz gleichmässig und werden mit einem immer gleich straf 
fen Faden fest angezogen. Die Sohle ist nunmehr durch, 
zwei Nähte am Obertheil befestigt, und nachdem die automa 
tische Glättmaschine noch die Sohle von Seite zü Seite, vorn 
und hinten derart bearbeitet hat, dass die Nahtfurche über 
all geschlossen ist, ist der Schuh fertig bis auf das Absatz 
bauen und Ausputzen. 
Dadurch, dasss der Schuh sorgfältig auf den Leisten ge 
bracht wurde und bis zur vollständigen Fertigstellung aut 
ihm blieb, nahm er dessen Form gut an. Es geht kein Stich 
durch die Brandsohle hindurch und ausser den zur Befesti 
gung des Absatzes erforderlichen Stiften ist anderweitig kein 
Nagel verwendet worden. Obertheil und Sohle sind mit zwei 
starken Nähten zusammengefügt, bei denen ein kräftiges, 
durch heisses Pech gezogenes Garn verwendet ist. Selbst 
verständlich arbeitet die Maschine bedeutend schneller, als 
die Hand, und so zeigt die Dorndorf’sehe Anlage in sinn 
fälliger Weise den gewaltigen Fortschritt, den die Schuh 
industrie seit Hans Sachs und seit späterer Zeit gemacht hat. 
Freilich sind die Ansprüche auch gewachsen, und mitleidig 
lächelt heute der grossstädtische Dandy über die unmodischen 
„Kindersärge” des biederen Provinzialen, 
Kar stensen. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt 
Ueber die Gefahren, welche die menschliche 
Gesundheit durch die Krankheiten der Thiere 
bedrohen, 
hielt am Donnerstag der Rector der Berliner Thierärztlichen 
Hochschule Geh. Regierungsrath Prof. Dr. Schütz einen 
durch Plan und allgemeinverständliche Ausdrucksweise aus 
gezeichneten Vortrag. Aus der grossen Zahl von Thierkrank 
heiten, welche geeignet sind, auch Leben und Gesundheit 
der Menschen zu gefährden, griff er vier der schwersten 
heraus; die Tuberkulose, die Rotzkrankheit, den Milzbrand 
und die Hundswuth. 
Die T über kn lose, eine im Thierreich nicht minder 
als unter den Menschen häufige Krankheit, hat ihren Namen 
dadurch, dass bei ihr sich gewisse hirsekornartige „Knötchen 
(Tubercula) in den Organen bilden, durch deren Wachsthum, 
Verbreitung und Zerfall das typische Krankheitsbild ent 
steht, Die eingehende Kenntniss dieser krankhaften Ver 
änderungen in unserem Körper verdanken wir dem Altmeister 
der Pathologie Rudolph Virchow; die Entdeckung des Tu 
berkelbacillus, desjenigen Kleinlebewesens, welches wir als 
Erreger der*’ Tuberkulose anzusehen haben, durch Robert 
Koch vervollständigte unser (Wissen [über diese Dinge. Der 
Tuberkelbacillus betreibt seine zertörende Arbeit ganz in der 
selben Weise beim Menschen wie bei den Thieren. I nter 
den letzteren befällt die Krankheit Besonders die Rinder und 
Schweine, seltener Pferde. Hühner werden dagegen sehr 
häufig von ihr ergriffen, vornehmlich' die italienischen; ein 
Hauptträger der Erkrankung ist auch eines unserer belieb 
testen Hausthiere, der Freund unserer Kleinen, der Papagei, 
Man sieht, an Gelegenheit für den Menschen, sich das Leiden 
von Thieren durch Uebertragung zuzuziehen, fehlt es nicht. 
Welches sind nun die Wege, auf denen dies geschehen kann ? 
Die Tuberkelbacillen und ihre Keime können sowohl 
durch Einathmung wie durch Aufnahme mit der Nahrung 
von kranken Menschen und Thieren auf gesunde Verschleppt 
werden und diese krank machen. Es giebt in Deutschland 
Bestände, in denen 90 pCt. der Rinder und mehr tuberkulös 
erkrankt sind, indem nach und nach die gesunden Thiere von 
den kranken angesteckt wurden. Es giebt ein Sprichwort 
in der Thierarzneikunde, das da lautet: „Die Rinder sterben 
nie.” Das heisst mit anderen Worten: sie werden vorher 
geschlachtet-. Wie schützen wir uns nun gegen die Auf 
nahme von Bacillen in unseren Körner? Das beste ist natür-
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.