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Periodical volume Nr. 50, 6. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

io Officielfe Aussteflungs-Nachrichten. 
in den Dienst der weitesten Kreise stellt. Die Berliner Tapezierer 
Laben zum Gelingen der Ausstellung viel beigetragen. So ist es auch 
berechtigt, dass die Eindrücke der Ausstellung, wie zu erwarten 
steht, ihren Arbeitsmarkt in der Stadt und im Lande erheblich 
erweitern. 
Berliner Blumen-Industrie auf der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
"Wenn die Natur in einer bizarren Laune alle ihren lieb 
lichen Blumenkinder in allen ihren vieltausendfachenFormen- 
und Farben-Reizen vernichten würde und nichts Blumi 
ges mehr übrig bliebe auf Erden, als was der feinspürende 
Nachgestaltungstrieb des Menschen in der Blumen-Fabri 
kation festgehalten hat — die Naturgeschichte wenigstens 
brauchte nicht zu verzweifeln. Die Flora aller bekannten 
Erdentheile, von unserem scheinlosen Tausendschön bis zu 
den mächtigen Palmen-Riesen der Tropenzone, von dem still 
sinnigen deutschen Waldveilchen bis zu der mondschein 
trunkenen Prachtblüthe der vielbesungenen Lotos-Blume —- 
alles Pflanzenleben stände für diese wie in einem offenen 
Buche, in den Registern unserer Fabrikanten geordnet. Und 
zwar in Nachbildungen, deren vollkommene Naturtreue in 
der Liniengebung, der Farben-Malerei und dem täuschenden 
Schmelz der Blüthen, wie in der Eigenthümlichkeit der Blatt 
nerven und der Zusammenstellung der einzelnen Blüthen- 
und Laub-Blätter nicht mehr zu überbieten ist. 
Noch vor etwa einem Viertel]ahrhundert waren die Fran 
zosen in dieser Kunst-Industrie die alleinigen Meister, deren 
Herrschaft völlig anerkannt wurde. Ungefähr von da ab 
datirt ein Umschwung in diesen industriellen und den sie 
begleitenden merkantilen Verhältnissen, ein Umschwung, der 
erst ganz schwach einsetzte, sich vorerst ziemlich unmerk 
lich fortbewegte, allmählich immer grössere Kreise schlug und 
schliesslich der staunenden Geschäftswelt die Thatsache vor 
'Augen stellte, dass die französische Blumen-Industrie nicht 
blos erreicht, sondern auf einem Theilgebiete geschlagen sei. 
Und dies gerade auf einem Gebiete, auf dem sie selbst sich 
einst für völlig unangreifbar gehalten hat: in der Her 
stellung künstlichen Laubes! Einst! Damals, als die 
französischen Industriellen spöttisch sagen konnten: „Das 
Beste unserer Erzeugnisse geht nach Russland; das Minder 
gute wird uns daheim — um Paris willen! — geglaubt; 
von dem Schlechtesten aber ist Deutschland immer noch ent 
zückt“. Heut concurrirt dieses angeblich so anspruchslose 
Deutschland in seiner Blumen- und Blatt-Fabrikation mit 
der Natur selbst und erkennt nur diese noch über sich, den 
productiven Intellect aber nur neben sich an. Seit wir Deut 
schen verlernt haben, Paris zu bestaunen, ist für unsere' 
eigene Schätzung unser Leistungsvermögen in eine richtige 
Beleuchtung gerückt worden. Wir wissen heut, welchen 
Blatz wir einnehmen und rasten nicht, indem wir ihn be 
haupten, — davon legt unsere Ausstellung ein beredtes Zeug- 
niss ab. 
Dass lediglich Berlin für den eleganteren Theil 
dieser Industrie als deutscher Hauptplatz in Frage kommt, 
sei nur erwähnt, weil als allgemein bekannt vorauszusetzen 
ist, dass für mittlere, und billige Blumen - Genres 
Deutschland noch andere, namhafte Centren besitzt. Ebenso 
für die Blatt-Fabrikation. Aber auch, dass Berlin in diesen 
sekundären (Stapel- und Export-) Genres mustergültiges 
leistet, ersieht man aus unserer Ausstellung, deren Schwer 
punkt allerdings die elegante Blumen-Fabrikation bildet. 
Innerhalb dieser ist die Orchideen-Ausstellung der Firma 
E. Timme Nchflg. schlichthin als eine Perle der Ge 
sa mmt-Aus Stellung zu bezeichnen. Alle heimi 
schen und exotischen Orchideen-Arten — zur 20. Klasse des 
Linne sehen Systems, den Gynandria gehörend — von der 
Zwergblüthe der Vanda’Boxalli bis zum grössten Kuckueks- 
blüthler, der Cypripedium tesselatum porphyrium, sieht man 
in dieser Collection mit unübertrefflicher Naturtreue nach 
geahmt. Die Idee an sich: eine ganze, der Nachahmung 
die grössten Schwierigkeiten bietende Blüthler-Familie über 
sichtlich darzustellen, verdient das höchste Lob. Monate 
hindurch wurde an der Herstellung dieser Blumen mit unend 
lichem Fleiss und künstlerischem Spürsinn von dem Aus 
steller gearbeitet, nach lebenden Modellen, die theils unserem 
botanischen Garten, theils der Kunst-Gärtnerei von Schmidt- 
Erfurt entnommen waren! Ferner hat diese Firma einige 
andere Blumen, vornehmlich ihre Specialitäten: remon- 
tirte Rosen, Levkoyen etc. auch einige Putzfeder-Touffs in 
erstklassigen Exemplaren ausgestellt. 
Jede weitere. Blumen-Collection für sich, zeigt unsere 
gesteigerte Leistungsfähigkeit auf allen einschlägigen Ge 
bieten. Da ist zunächst die Firma F. Louis mit einer J or 
diniere in Becherform, deren köstliche Füllung wie ein Früh 
lingsbeet von Hyacinthen, Veilchen Krokos und Narcissen, 
von Reseda, Gräsern und Rispen aller Art anmuthet. Dann die 
Firma Max Schmoll mit entzückend naturschönem Flieder, 
mit Rosen, JXelken u. Reseda. Ferner Franz Brümmer mit ge 
schmackvoll arrangirten Decorationsblumen und Blattpflanzen 
aller Arten und Verbindungen; er hat vornehmlich die ja 
panische Riesenaster (Chrysanthemum) zu pompöser Wirkung 
gebracht. Ebenso Hermann Kiesel mit sehr prächtigen 
Putz- und Ball-Blumen-Arrangements neben Deeorations- 
pfiänzen. Oder dort die Ausstellungen von B. Hochstädter 
und Rudolf Piesbergen, sehen diese Marechal-Niel Und La. 
France-Rosen, diese Alpenveilchen, Hyacinthen, Flieder, Re 
seda etc. nicht aus, wie eben vom Beet gepflückt ? J on allen 
Erzeugnissen naturgemäss nur Proben, der Quantität nach ; 
diese Proben in der Qualität aber von jener Art, die unbe 
dingten Respect einflösst. 
Dass Berlin einen namhaften Export in Blumen und 
Blumentheilen, ferner in Decorationsblumen und Blattpflan 
zen aller heimischen und exotischen Gattungen, seit Jahren 
schon hat und ständig wachsen sieht, kommt auf der Aus 
stellung allerdings nur andeutungsweise zum Ausdruck. 
Allen voran ist hier die eigenartig decorirte Bambus-Halle 
der Firma Hachenburg u. Comp, zu nennen, die mit Ein 
sicht und Geschick eine Uebersicht ihrer Fabrications-Spe- 
cialität: Decorations-Pflanzen, Palmen, Blumen und Blätter, 
dem Beschauer ermöglicht. Daneben bringt die Firma 
Meinhard Borchardt unter Anderem auch einen Kinder 
wagen nebst Decke von lauter Export-Blumen zusammenge 
stellt — eine originelle Idee, überdies in sehr unmuthi 
gem Pavillon-Rahmen, ebenfalls mit Decorationsblumen ge 
schmückt. Auch der formschönen Ausstellung der Firma 
Constant Blairon ist mit Ehren zu gedenken. 
Eine, eigene Blumenart aber, die sich bescheideutlich ab 
seits hält, trotzdem sie es gar nicht nöthig hat, sei noch be 
sonders erwähnt: es sind die Perl- und Filigran-Blumen der 
Frau P. Lawatzeck. Es sind zarte, di theile Kleinwerke in 
den fein hingehauchten Tinten und der discreten Formen- 
zeichnung der japanischen Blumenmalerei, hergestellt aus 
bunten venetianischen Glasperlen minimalsten Umfanges 
oder aus feinstem, bunt abgetöntem Spiraldraht Nürnberger 
Ursprungs, — beide Arten Decorationsblumen von intimem 
Reiz und einer Kunstfertigkeit der Ausführung, deren Er 
gebnisse entzücken dürfen, auch wenn man sie mit den Augen 
der Laien, sieht. 
Eine andere Blumen-Specialität: imprägnirte, durch 
Wettereinflüsse nicht zerstörbare Grabblumen — eine Erfin 
dung eines '.Berliner Fabrikanten, sind auf der Ausstellung 
gar nicht vertreten, sollten aber, im Interesse eines einheit 
lichen Gesammtbildes der Berliner Blumen-Industrie, eigent 
lich nicht fehlen. So mögen sie denn wenigstens, als über 
haupt vorhanden, im Ausstellungsbericht ihren wohlver 
dienten Platz finden. Frida Goldstein. 
Moderne Schuhfabrikation in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Immer mehr und unaufhaltsam wird das kleine Hand 
werk , soweit es sich mit der Anfertigung von Massenartikeln 
befasst, vom fabrikmässigen Betrieb zurückgedrängt. Das 
sehen wir bei der Weberei, der Wollwirkerei, der Schneiderei 
und bei noch vielen anderen Handwerken. Ganz besonders 
aber hat unter der übermächtigen Concurrenz maschineller
	        
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