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Volume Nr. 21, 8. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

(OfftcUUe AnsstcUungs-Uachrichtcrr. 
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einer italienischen Volkssängergescllschaft bestand dieses fahrende 
Volk; aber da war nichts von dem geleckten, neapolitanische» oder 
veneüanischen Costüm zu merken, das war die unverfälschte, zer 
lumpte Tracht der herumziehenden Banden des 16. Jahrhunderts, 
lind charakteristisch wie die Tracht waren Spiel und Gesang dieser 
Vvlkssängcr. 
Das war der unendliche Reiz, der unwiderstehliche Zauber 
dieses Alt-Antwerpens, daß alle Bilder, alle Personen in diesen 
wundervollen architektonischen Rahmen hineinpaßten. Der Maler- 
Franz van Kuyck und mit ihm der Architekt Eugene Geefs, die 
Schöpfer von Alt-Antwerpen, waren, als sie ihrem Werke sich Hin 
gaben, durchdrungen von dem Großen Geist, der im 16. Jahrhundert 
die Kunst ihres Vaterlandes beseelte. Dieser Geist sprach nicht 
nur aus der reinen Architektur, der höchsten Stilvollkommenheit 
der Straßen, Plätze und Häuser, er spiegelte sich auch wieder in 
de» Trachten, in dem Wesen und Treiben der Menschen. Kunst 
und Natur vereinten und ergänzten sich hier in einer ungeahnten 
Weise. Tie Häuser hatten de» Stil, die Wirthschaften die Aus 
stattung und die Menschen das Costüm eines vergangenen Jahr 
hunderts, das hier nicht nur in seinen äußerlichen Formen, son 
dern auch in seinem Handel und Gewerbe, in seiner Kunst nub 
seinen Sitten zu neuem Leben erweckt worden war. Goldschmiede 
und Kunstschlosser hämmerten in ihren Werkstätten, Wäscherinnen 
und Spitzcnklöplerinne» standen emsig bei der Arbeit, die Kauf 
leute des Mittelalters hielten ihre Waaren, Nachbildungen mittel 
alterlicher Industrie, feil: die Schankwirthe hantirten hinter ihren 
kleinen Schanktischen und reichten den Gerstensaft hervor, den schmucke 
Kellnerinnen in irdene» Gefäßen crcdcnzten. Auf der Bühne des 
Theaters saßen die Sänger und Spieler mit ihren großen Trommeln 
und Trompeten und ließen niederländische Volksweisen ertönen. 
Die Komödianten schritten über die Terrasse empor zur Bühne, in 
ihrem Spiel feierte die niederländische dramatische Voltspoesie 
und Schauspielknnst ein Anferstehungsfcst. All die Tausende und 
Tausende, die da kamen, um zu sehen und zu hören, sie ivnrden 
von diesem Geist gefangen geuonimen, sie gaben sich ihm willig hin. 
Während draußen im Park und Palast an allen Ecken und 
Enden die französische Sprache ertönte, fühlte sich in Alt-Aut 
iverpen der Belgier ganz als Vlamändcr, Hier sprach er nur 
seine Volkssprache, vlämisch: hier sang er mit wahrer Begeisterung 
seine Volkslieder, hier vertiefte er sich mit lauter und stiller Freude 
in die eigentlichen Sitten und Gebräuche seines Landes. Die 
vlämische Bewegung, die auf Neubclcbung der Eigenart und 
Sprache des Vlamünders hinzielt, hatte in Alt - Antwerpen den 
stärksten Bundesgenossen gefunden. 
Das, was Alt-Antwerpen seine große Eigenart verlieh, ivird 
auch Alt-Berlin auszeichnen. Der Geist des Alten wird treu 
festgehalten werden und das Neue beleben, Kunst, Gewerbe, 
Handel, Sitten und Wesen unserer Altvordereu werden in Alt 
Berlin ihr Auferstehungsfest feiern. Ein Zug des Historisch- 
Wahren wird das Ganze durchziehen, der von Philistern und 
Banausen so sehr geschmähte, weil unverstandene Realismus 
ivird hier bei der Belebung des Alten seine ganze Kraft offen 
bare». Das Spandauer Thor z, B. ist mit gegossenen rothen 
Gipsplatten umkleidet, die in Naturtreue das in früheren Zeiten 
übliche Backsteinwerk darstellen, ja, man ging in dem Bestreben, 
wahr und echt zu sein, sogar so weit, daß man nicht nur in 
Berlin, sondern in der ganzen Mark Brandenburg Alles, was 
an alte» Dachziegeln, Eisenbeschlügen, Schlössern und Thüren 
aufzutreiben war, angekauft und bei den Banken von Alt-Berlin 
verwendet hat. Handel und Wandel werden blühen; in den nach 
damaliger Sitte mit Rüstungen und Möbeln ausgeschmückten 
Geschäften wird man in altbcrtinerische Trachten gekleidete Ver 
käufer und Verkäuferinnen finden, die Producte alter und ver 
alteter Industrie feilbieten. Selbstredend wird auch in den 
Restaurationen auf den Geschmack des alten Berliners Rücksicht 
genommen, und außer Pilsener, Münchener und Berliner Steikc- 
bieren auch die Weiße und das Potsdamer Stangenbier aus- 
gcschänkt werden. Die Einrichtung wird überall dcit Charakter 
Alt-Hollands tragen, mit dem die Mark Brandenburg zur Zeit 
des Großen Kurfürsten, der bekanntlich eine holländische Prin 
zessin geheirathct hatte, die regsten Verbindungen unterhielt. 
Delft, die jetzt hoch in Mode stehende Rivalin der Meißener 
Porzellan-Manufactur, wird bei der Ausschmückung und Ein 
richtung eine Hauptrolle spielen. Wie in Alt Antwerpen, wird 
auch in Alt Berlin der Volkshumor, vie Vvlkspocsic der alten 
Zeiten sich wiederspiegeln, werden theatralische Ausführungen, 
prächtige Umzüge und schlichte Lieder Geist, Kunst und Ge 
schmack der Vergangenheit charakterisircn. Aus dem Marktplatz 
werden Seiltänzer, Gismnastiker und Hansivürstc die auch 
heute noch nicht außer Enrs gesetzte Unterhaltungsart srüherer 
Generationen illustrircn: große Aufzüge, u. A. ein wen 
discher Brautzug, der Huldigungszug der Zünfte für den 
Großen Kurfürsten, sowie der Empfang einer exotischen 
Gesandschaft, die dem Rath von Berlin Geschenke überbringt, 
werden vor Augen führen, welche Gebräuche, welchen Glanz die 
alten Spreebewvhner bei Festen entwickelt haben. Die Gesandt 
schaft, die aus Süd-Westafrika kommt, um in Alt-Berlin ihren 
Einzug zu halten, rcpräscntirt ei» Stückchen heute wieder activ 
gewordener Politik des Großen Kurfürsten, der bereits coloniale» 
Bestrebungen huldigte. Für die Echtheit des Auszuges der Süd 
Westasrikancr werden Kamcele, Giraffe» und andere asrikanischc 
Bewohner sorgen. In einem Schauspiel werden Alt-Berlin 
und das Theater Alt Berlin rivalisiren, das Theater wird aus 
der Bühne, die alte Stadt int Freien ein Ringelstechen ver 
anstalten, wie solches unter Johann Georg im Jahre 1591 im 
Beisein und unter Mitwirkung vieler Fürsten, Edlen und Ritter 
in prunkvoller Weise veranstaltet wurde. Außer einheimischem 
und ausländischem, zahmem und wildem Gcthier iverdcn in diesen 
Zügen 500 Statisten mitwirken, fernerhin 80 Sänger, ÜO Mann 
Drchcstcr und zwei Bläserchörc von je 20 Man», die auf alten 
Instrumenten blasen werden. 
Bei der vorjährigen Ausstellung von „Venedig in Wien", in 
der Kunst und Natur sich in seltener Harmonie vereinten, hatte man 
den glücklichen Einfall, den Marknsplatz durch ein Diorama zu er 
sehen: auch in Alt-Berlin wird dieser malerische Effect den natür 
lichc» und historischen Charakter zu ergänzen versuchen, wird ein 
Diorama einen weiten Rundblick ans das alte Schloß und die 
Kapuzinerkirchc eröffne». 
So werden die verschiedenen Factoren sich vereinen, Archi 
tektur und Malerei, Handel und Wandel, Arbeit und Lust, 
historischer und moderner Geist, um vergangene Jahrhunderte, 
um dahingeschwundene Zeiten mtb Stätten, um vergessene Sitte» 
-und Bräuche neu zu beleben, lind wie Alt-Antwerpen den Volks- 
geist erhob und belebte, wird Alt-Berlin den gemüthlichen und 
gemüthvollen Zug des Berliner Volkslebens befestigen und be 
stärken. Wenn Abends die Häuser im Lichterglanz erstrahlen, 
die Faxadcn und Giebel in der Vielseitigkeit ihrer Formen scharf 
hervortreten werden, wenn in den Gürten, auf den Plätzen, in 
den Wirthschaften und auf dein Wasser stimmungsvolle Volks- 
weisen ertönen werden, dann wird dieses Stück Alt - Berlin - 
lebendig werden, dann wirv das Alte in das Nene hineinragen, 
sich mit ihm vereinen, auferstehe» lassen den unverfälschten, ge 
funden Volksgcist, offenbaren das harmlos lustige Wesen, das 
vergnüglich fröhliche Treiben des Volkes von Neu-Berli». 
Die i n ternationale I u bi läu m s - Kunstausstellung 
Berlin 1896 wird vom Auslande stark beschickt werden, trotzdem, 
ivic wir erfahren, die Franzosen sich ziemlich rcscrvirt verhalten. 
Die Vereinigungen des Champ de Mars und der Champs Elysees, die 
im Vorjahre als Corporation die Berliner Kunstausstellung be 
schickten, haben cs nämlich abgelehnt, auf der internationalen 
Jubiläums - Kunstausstellung ofsiciell zu erscheinen; sie stellten 
jedoch den französischen Künstlern anheim, einzeln die Berliner- 
Ausstellung zu beschicken. Die Ablehnung erfolgte mit der höflichen 
Motivirnng, daß die diesjährigen Pariser Ausstellungen die ge 
nannten Bereinigungen zu sehr in Anspruch nehmen. Im klebrigen 
hat z. B. von der skandinavischen Halbinsel der deutsche Delegirtc 
hierher telegraphirt, daß Norwegen sowohl als auch Schweden 
sich betheiligen werden. Auch aus Spanien liegen bereits die An 
meldungen der Sectionen Madrid, Barcelona, Sevilla, sodann auch 
die der spanischen Colonie in Rom vor; ebenso ist über die Theil 
nähme der portugiesischen Künstler eine Nachricht aus Lissabon 
eingetroffen. Der Präsident der Münchener Künstlergenossenschaft, 
Maler Hugo Bürgel, weilte dieser Tage persönlich in Berlin und 
stellte eine reiche Vertretung der Genossenschaft in Aussicht. Ueber
	        
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