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Volume Nr. 5, 29. Februar 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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WfftcieUc Ausstellung»-Uachrlchteu. 
Dame findet es interessant, in der Cantine Wiener Würstchen mit 
-Lauerkohl oder eine Tasse Kaffee zu genießen, und läßt sich dabei 
gern eine ihrem Leidenkleide nicht ganz ungefährliche und unter- 
andern Umständen ihr ivohl recht unbequeme Nachbarschaft gefallen. 
Die Cantinc ist eine ganz treffende Illustration des Sprich- 
N'vrts: „Womit man umgeht, das hängt Einem an", das wäre 
hier znnieist Gipsmehl, Kalk. Mörtel, Erde, Farben. 
Das Cantineupersoual muß tüchtig dran, denn hier giebt es 
immer Arbeit, Eins streicht Brödchen oder ZtnlleN, Eins belegt, 
räumt auf, kehrt aus, wäscht aus, schält Kartoffeln, mahlt Kaffee, 
thut dies und das: am Abend begrüßt man mit Freuden die 
Stunde, welche Ruhe in der Cantine verkündet. 
All-KerUn. 
Von Alfred H v l z b v ck. 
Wie ein herrliches Stück Mittelalter, das in festen Schlaf 
versunken war, nach Jahrhunderten zu neuem Leben erwacht und 
verwundert auf die fremden Menschen blickt, die staunend und 
preisend zu ihm aufschauen, so lag Alt-Antwerpen da. Man 
hätte ent Dichter, Künstler, Historiker und Archäologe zugleich 
sein müssen, um die Vollkommenheit dieser in ihrer Art einzigen 
Schöpfung würdigen, um die Stimmung schildern zu können, die 
Alt Antwerpen erzeugte, von der Alles gepackt und fortgerissen 
wurde ans der lärmenden Gegenwart in die malerische Ber 
gaugenhcit, aus dem Zeitalter der höchsten Entwickelung der 
Technik in das Jahrhundert der herrlichsten Blüthe der Kunst. 
Das noch in der Entwickelung befindliche Alt-Berlin hat 
sich Alt Antwerpen, diese vollendetste und künstlerischste aller bis 
herigen Stüdtenachbildnugen, zum Vorbild gcnominen, und das, 
>vas bis jetzt geschaffen ist, läßt de» Schluß zu, daß Alt-Berlin 
Alt-Ant>verpen erreichen ivird, in mancher Hinsicht, z. B. in der 
räumlichen Ausdehnung und in der günstigen natürlichen An 
lage, noch übertreffen wird. Alt Antwerpen hatte de» Vorzug, 
daß es mit den dankbarsten architektonischen Motiven von vorn 
herein rechnen konnte: die Schöpfer von Alt-Berlin hingegen 
hatten die schwierige Ausgabe zu lösen, das an architektonisch 
fesselnden Stätten nicht überreiche Berlin des Großen Kurfürsten 
zu einem architektonisch schönen Gesammtbilde zu gestalten. Man 
hat das Historische, das Berlin bot, in erster Reihe 
berücksichtigt, aber auch die außerhalb Berlins liegende» 
Stätten, welche Reste ans allen Zeiten bilden und für den 
Geist und den Geschmack jener Epoche zeugen, nicht außer Acht 
gelassen und hierdurch die Zusammensetzung eines Städtebildes 
erreicht, das in seinen Einzelheiten ein historisches Relief, in 
seinem Ganzen architektonische Harmonie ausweist. 
Alt-Berlin hat vor Alt-Antwerpen eines voraus: seine 
charakteristische Lage. Es liegt am Karpfenteich, und diese Lage 
erhöht den Eindruck des Wirklichen, läßt die uenerstandene alte 
Stadt als das Berlin an der Spree erscheinen. 
Durch ei» altes Stadtthor führte der Weg über eine Zug 
brücke nach Alt-Antwerpen. In der Mitte der Straße „La 
Rue de la Chapellc", die man zuerst erblickte, erhob sich die 
Kirche, deren unterer Theil, getreu der historischen Tradition, von 
Bcrkanfslüdcu umgeben war. Kleine Straßen, deren Häuser in 
gothischem Stil gehalten waren, liefen auf einen freien Platz aus. 
Hier hatten die vornehmen Antwerpener des 16. Jahrhunderts 
ihre Häuser und Paläste errichtet; die reichen Faoaden, die gold- 
vcrzierten Giebel zeigten, daß hier Wohlstand, Macht und Kunst 
sinn herrschten. Der Palast des Markgrafen stieg stolz empor, 
er diente in Alt-Antwerpen als Empfangshaus dem Gouverneur 
von Antwerpen. 
Auch der Weg nach Alt-Berlin führt durch ein Thor: durch 
das Spandauer Thor. Die Zugbrücke wird überschritten, die 
Vergangenheit breitet sich aus, dahingeschwundene Jahrhunderte 
sind erstände»: Die Stadtmauer durchzieht die Stadt, in der 
sich 120 Bauteil erheben, während in ?0 Geschäftsläden ein Stuck 
ehemaligen Gewerbes und Handels sich entfalten soll. Der Spree 
thtirm am Mühlendamm grüßt aus iveiter Ferne- Der in 
rothen Ziegeln ausgeführte, nahezu vollendete Bau ist voit einer 
wunderbaren Echtheit und zugleich das Stück Alt-Berlins, das sofort 
in die Augen füllt. Mau sieht der Bürger bescheidene Gebäude, 
schreitet durch das SPaltdaNör Thor UNd däs Georgenthor UUd 
betrachtet still das kleine, heute noch stehende Heiligegeistkirchleiu, 
in dessen Innern eine Trachtensamntlnng lintergebracht Ivird. In 
Alt-Antwerpen war links vom markgrästichen Palast aus offeriern 
Platze das Theater errichtet, zu dessen Bühne eine breite Estrade 
empörführte, den Hintergrund der Scene bildete eine dreitheilige 
Decoratiou, eine Art Triumphbogen, nach Art der beim Einzug 
Philipps kl. in Antwerpen errichteten. Zwischen dem markgräs 
lichcn Palast und dem Theater stand ein moderner, fester Bau, 
der jedoch so verkleidet und zugestutzt wurde, daß er durchaus in 
den Rahmen von Alt-Antwerpen hineinpaßte. Auf dieser Seite 
befand sich auch der Eingang zum „Aengenachmen Hof", eineni 
beliebten großen Garten-und Restaurationslokal der Alt-Antwerpcner, 
in dem die Einrichtungen den vor Jahrhunderten üblichen nach 
gebildet waren, Gcrstenbier aus kleinen irdenen Krügen verschluckt 
und die charakteristische lange Pfeife an Stelle der Cigarre ge 
raucht wurden. In der linken Häuserreihe des großen Platzes 
fiel ein würdiger, an Faeade und Giebel reichverzierter Bau auf, 
es war das alte Schöppenhans, das die Stadtverordneten Ant 
werpens gemiethet und nach dem Stil der damaligen Zeit ein 
richten ließen. Viele reiche Antwerpener Familien folgten dem 
Beispiele des Gouverneurs und der Stadtverordneten. Sie hatten 
i» Alt-Antwerpen Häuser und Zimmer gemiethet, in denen an be 
stimmten Tagen die vornehmen Damen ihren Empfang abhielten. 
Gegenüber vom Theater stand das „Hotel de Bille", das Rath- 
hans. Zn dem unteren Hanptsaal, dem Sitzungssaal, in dem die 
modernen Antwerpener bei Bier und Wein ihrer Altvvrdcren ge 
dachten, führte eine doppelte Rampe. An das Rathhaus grenzte 
das kleine halbdnnkle, gemüthliche Marionettentheater, in dem die 
sogenannte Bühne der im 16. Jahrhundert üblichen nachgebildet 
war und der Zuschauer aus den Soffiten die Hände erblickte, 
die alle Puppen tanzen lassen. Auch Alt-Berlin wird seinen 
großen Platz und sein Schöppenhaus haben. Der Molkenntarkt 
mit dem alten Rathhans von 1642 und der historischen, erst jüngst 
verschwundenen Gcrichtslaube mit ihren offenen Spitzbogen 
wird als ein nicht allzu altes Wahrzeichen Berliner Gemeindc- 
nnd Volksleben in Alt-Berlin charakterisiren. Die Idee der Ant 
werpener Stadtväter verdient Nachahmung: auch für 
unsere Stadtverordneten muß es etwas Anheimelndes 
haben, auf dem weiten Ansstellungsgcbiete eine Stätte 
z» wissen, an der sic zu Hanse sind. Und ebenso, wie 
die Lenker unserer Stadt in dem stilvoll ausgestatteten 
Saal des alten Rathhanses in gemüthlich charakteristischer 
Weise ein Stück modernen Berlins rcpräsentiren dürften, 
könnten es unsere vornehmen Familien den Antwerpener» 
gleichkhnn und durch kleine Empfänge und Feste, die 
sie für ihre Freunde in geschmackvoll ausgestatteten 
Salons der fcstconstrnirten Häuser von Alt-Berlin ver 
anstalten, ein Stück modernen Berliner Gesellschafts 
lebens vcranschänlichen. Es würde nicht nur der Aus 
stellung und Alt-Berlin einen eigenen Reiz verleihen, 
wenn die Vertreter unserer Stadt und unserer Ge 
sellschaft im veralteten Rahmen ein modernes, frisches 
Bild schaffen würden, es würde auch dem ganzen Unter 
nehmen zu Gute kommen und ein anmuthendes, för 
dernd es Relief verleihen, wenn unsere vornehmen Kreise 
zeigen wollten, daß sie sich in der Ausstellung wie zu 
.Hanse fühlen möchten. 
In All-Antwerpen gelangte man vom „Hotel de Bille" 
durch eine enge Bcrkaufsstraße in die „Rne de la Bvnrse", i» 
der sich die alte Börse erhob, ein in gothischem Stil gehaltener 
Monnmetttalbau, der durch seine wundervolle Architektur ganz be 
sonders auffiel. Bor dem Platz, der sich vor diesem an Ant 
werpens höchste Blüthezeit gemahnenden Hause ausbreitete, ging 
es lustig zu, trieb fahrendes Volk sein munteres Wesen. Aus
	        
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