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Periodical volume Nr. 49, 5. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

14 OfficieHe Aussteflungs- Nachrichten. 
Begeistert stimmte die Menge ein und aus vielen tausend 
Stimmen klang der Ruf jauchzend gen Himmel. Nachdem dann 
Herr Director Wyngaert noch den Gewerkschaften ein Hoch aus 
gebracht hatte, folgte ihm Herr Fritz Wollschläger, der greise 
Obermeister der Friseurinnung, mit einem Hoch auf die Veranstalter 
der Ausstellung. 
Damit war der officielle Theil des Festes abgeschlossen und 
in dem prächtig illumjnirten Riesengarten trat die Fidelitas in ihre 
unveräusserlichen Rechte. 
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Die Stufenbahn. Einige Zahlen vom Verkehr auf der 
Stufenbahn dürften allgemein interessiren. Die Stufenbahn hat 
1500 Sitze und kann in der Stunde durchschnittlich 30 000 Personen 
befördern. Am Sonntag nach Pfingsten wurde das eigenartige Be 
förderungsmittel von 59 200 Personen benutzt, was bei 20 Pfg. 
Entree pro Person einer Einnahme von 11 840 Mk. entspricht. 
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Eine sonderbare Brücke, die ein mächtiges Thor trugt, 
wölbt sich zwischen dem Theater Alt-Berlin und dem Hauptrestaurant 
aber den Kanal. Der Bogen ist im Verhältniss zu dem anscheinend ' 
massivem Thorbau sehr flach und dünn. Augenblicklich ist man 
dabei, auf das Thor noch einen kolossalen Greif, der ein Schild mit 
verschiedenen Handwerksymbolen hält, aufzusetzen. Dadurch wird 
das Missyerhältuiss zwischen Brücke und Belastung noch auffälliger; 
es soll aber die Festigkeit der Brücke, die aus Gement hergestellt 
ist, recht deutlich vor Augen geführt werden. 
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Von der Sanitätswache. Vom 3. Juni Mitags 12 Uhr i 
bis 4. Juni Mittags 12 Uhr wurde die Hilfe der Sanitätswache 
26 Mal in Anspruch genommen. In 14 Fällen handelte es sich 
um Verletzungen. Fünf Personen suchten innerer Erkrankungen 
wegen die Wache auf. Einer von den Letzteren, ein Kreisaussehuss- 
Secretair aus Appenrade, litt an einer ausgesprochenen, mit hohem 
Fieber verbundenen Lungenentzündung. Er gab an, auf der Reise 
nach Berlin erkrankt zu sein. Er begab sich auf Anrathen der 
Sanitätswache mittels Droschke nach dem Krankenhause Bethanien. 
In der Ausstellung. 
Am Illuminationsabend der Berliner Gewerbe- 
Ausstellung, der morgen (Sonnabend), 6. Juni, stattfindet, 
wird auch das Programm beider officiellen Kapellen ein hoch inter 
essantes werden. Die Karlsruher Kapelle unter Boettge, die stets 
sine grosse Zahl von Bewunderern um sich versammelt, hat die 
Hauptnummern ihres Repertoire auf das Programm gesetzt, ebenso 
wird das ständige Orchester der Ausstellung (Philharmonisches Bias- 
Orchester) brilliren. Herr Näh a n Franko,’der bekannte amerika 
nische Kapellmeister, ist nochmals aufgefordert worden, die Direction 
-dieses vortrefflichen Orchesters zu übernehmen und hat sich bereit 
erklärt, das ganze Concert zu dirigiren; er wird die beliebtesten 
amerikanischen Märsche und Potpourris zu Gehör bringen. Eine 
besondere Ueberraschung aber steht dem Berliner Publikum bevor. 
Der seiner Zeit hier so ausserordentlich beliebte Piston-Virtuose 
Theodor Hoch, einer der ersten Vertreter seines Instrumentes, 
wird nach zwölfjähriger Abwesenheit zum ersten Mal wieder vor 
dem Berliner Publikum concertiren. Hoch hat seinen ständigen 
Aufenthalt in New-York genommen, wo er häufig Gelegenheit hatte, 
unter Nahan Franko’s Direction seine Kunst auszuüben. 
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Ein zwangloses Ausstellungsfest zu Ehren des 
Arbeitsausschusses veranstaltete der Centralausschuss hiesiger 
Kaufleute sowie der gewerblichen und industriellen Vereine am 
Mittwoch Abend nach mehrmaligem Aufschub in den Räumen des 
Rathskellers von »Alt-Berlin«. Als Vertreter des Arbeitsausschusses 
war Herr Commercienrath Kühnemann bei dem von Herrn Dr. 
Heinrich Frankel geleiteten Feste erschienen. Aus der Reihe der 
Festordner seien in erster Linie Herr Dr. Hasse, Commercienrath 
Lissauer, Herr C. Keilpflug, Baumann und Blankenfelde genannt. Be 
sonders interessante Momente enthielt die Rede des Herrn Commercien 
rath Goldberger, welcher betonte, dass trotz der Schwierigkeiten, denen 
die Ausstellungsleitung selbst bei der Gemeinde Treptow begegnete sei, 
trotz der Steuern die auf jeder Musikkapelle, auf jeder Verwerthung 
von Baum- und Wassermaterial lasten, die Gewerbe-Ausstellung 1896 
doch bereits im Monat Mai bei ungünstiger Witterung florirt habe, 
und dass bei halbwegs schönem Wetter der Garantiefonds nicht 
angegriffen zu werden brauche. — Auch in Liedern, welche ad 
hoc gedichtet waren, wurde die Ausstellung gefeiert und zwar, 
wie die folgende Strophe als Probe zeigt, in schwungvollen Versen 
und farbenreichen Worten: 
„Und Hügel steigen aus der Eb’ne auf, 
Und Seeen hat die Erde neu geboren, 
Zum Himmel ragt der Kuppeln farb’ger Knauf, 
Es staunt das Auge, träumerisch verloren. 
Und festliche Musik die Luft erfüllt. 
Es tönt Gesang, es schmettern die Fanfaren, 
Und durch die Hallen strömt — welch’ herrlich Bild! — 
Ein ganzes Volk in dichtgedrängten Schaaren! — 
Und selbst des Reiches Herrscher gütig naht, 
Und schreitet durch die buntgeschmückten Hallen, 
Es drängt laut jauchzend sich auf seinen Pfad 
Das Volk heran und Freudenrufe schallen,“ 
An die solenne Feier schloss sich nicht, wie das Festprogramm 
pessimistisch voraus verkündete: ein »Handels-Jammer«, Sondern 
eine liebenswürdige Fidelitas, welche die Gesellschaft bis' gegen 
ein Uhr Nachts in fröhlichem Feste vereinte. 
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Die elektrische Schlittenbahn im Nordpol ist 
gestern' (Donnerstag),’ Nachmittag 5 Uhr, von Herrn Regierungs 
baumeister Witte landespolizeilich abgenommen worden. Herr Bau 
meister Witte überzeugte sich bei zweimaliger Berg- und Thalfahrt, 
dass sämmtliche maschinellen Einrichtungen vorzüglich functioniren, 
und dass für das Publikum auch nicht die geringste Gefahr besteht. 
Die elektrische Schlittenbahn soll mit ihrer grotesk romantischen 
Umgehung im Rahmen der Ausstellung dem Vergnügen dienen, 
ist aber thatsächlich ein sehr interessantes, elektrotechnisches Aus 
stellungsobject. Es handelt sich hier um eine elektrische Hoch 
bahn, bei welcher die Wagen Steigungen von 1 zu 13 überwinden 
und ohne menschliche Beihilfe alle Bremseinrichtungeh, Stfomein- 
und Ausschaltungen automatisch functioniren. Heute (Freitag), 
Vormittag 10 Uhr, wird die Bahn dem öffentlichen Verkehr -über 
gehen. Die Berg- und Thalfahrt kostet pro Person 20 Pf. 
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Die Tauchgoldgrotte. Im Vergnügungspark, nahe der 
Märchenhütte aus Pfefferkuchen, in welcher die böse Hexe mit 
Häusel und Gretel haust, erhebt sich ein schlichtes Blockhaus. 
Betritt man das Innere, so glaubt man sich in den Schacht eines 
sagenhaften Goldbergwerks versetzt. Ringsum goldglitzernde Fels 
massen, aus deren Spalten zierliche Gnomen neugierig hervorlügen. 
Zwischen den Felsen hantiren liebliche Jungfrauen, die allerlei 
Metallgegenstände in eine farbige Flüssigkeit versenken und glänzend 
vergoldet wieder zum Vorschein bringen. In sehr geschickter Weise ist 
hier die Tauchvergoldung veranschaulicht, die jetzt, vielfach in den 
Bronzewaarenfabriken statt galvanischer Vergoldung angewandt wird. 
Die Metallgegenstände werden erst mit einem Schutzüberzug aus 
Zapon-Tauchlack versehen und erhalten dann durch sekundenlanges 
Eintauchen in Gold-Tauchfarbe und Durchziehen durch Wasser 
einen Ueberzug, welcher der echten Vergoldung wenig nachsteht. 
Die Zusammensetzung der Lacke ist Geheimniss der Firma Dr. J. 
Perl & Co. und dieser patentirt. 
C. Kr., Berlin C. Wie sie aus unserer Notiz über den Kassen 
abschluss erfahren können, haben Sic leider Ihre Wette verloren, 
denn die Ausstellung wurde im Monat Mai nicht von l'/j Mill. 
zahlenden Besuchern in Augenschein genommen. 
W. M. Es ist zwar bedauerlich, dass solche Ausschreitungen 
auf dem Bahnhöfe vorkamen, wir glauben jedoch zuversichtlich, dass 
die Eisenbahn-Verwaltung in Zukunft für Abstellung der Uebel- 
stände sorgen wird.
	        
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