Path:
Periodical volume Nr. 49, 5. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nacnrichten. 
9 
Der Reit- und Fahrsport auf der Berliner 
Gewerbe-Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Die Leiter der Sportausstellung liessen sich bei den Vorarbeiten 
von der Idee führen, den bis jetzt nur einem kleinen bevorzugten 
Kreis zuständigen Sportbetrieb in den weitesten Kreisen bekannt 
zu machen und für ihn in den breitesten Schichten der Bevölkerung 
Interesse zu erregen. 
Diese Idee war durchaus sehr zeitgemäss und ihre Ausführung 
wurde von dem Comite in so hervorragender Weise betrieben, 
dass der gewünschte Erfolg kaum ausbleiben kann. Alle Sport 
arten sind in den Bereich der Arbeit gezogen worden. Wir hatten 
schon Gelegenheit über den Wassersport auf der Ausstellung zu 
sprechen, der heutige Artikel sei nun dem Reit- und Fahrsport 
gewidmet. 
Dort, wo das erste Reiterstandbild des Kaisers — hervor 
gegangen aus der Künstlerhand des Professors Eberlein — in 
Ueberlebensgrösse und überraschender Naturtreue inmitten einer 
geschmackvoll arrangirten Pflanzen- und Blumengruppe zu sehen 
ist, dort winkt das Portal zur Sporthalle. Schon im Eingang 
deuten herrliche Wandbilder von Georg Koch auf die Bestimmung 
der Halle hin. Zur Rechten sehen wir einen Sprung der Herren 
reiter über die Steinmauer auf der Carlshorster Hindemissbahn, 
zur Linken einen Start in Hoppegarten. Unter diesen Bildern 
hat eine hiesige Juwelierfirma prachtvolle Rennpreise ausgestellt. 
Tritt man durch den breiten Corridor in die Haupthalle ein, so 
zieht sofort eine herrliche Gruppe den Blick auf sich. Jedem Be 
schauer wird sofort klar, dass er in dieser Gruppe etwas ganz 
Besonderes vor sich hat, und so ist es auch. Wir stehen vor der 
Ausstellung des Kaisers selbst. 
Vor dem reich vergoldeten Bronze-Gitterthor eines Miniatur- 
Parkes, das ein Meisterstück der Schmiedekunst ist, führt auf mär 
kischem Sand ein lebenswahr in Wachs modellirter Reitknecht in 
der Uniform des Kaiserlichen Marstalls den prächtig aufgezäumten 
Schimmel vor, der ungeduldig den Boden mit dem rechten Huf zu 
scharren scheint. Das Thier, eine Nachbildung des Kaiserlichen 
Leibjagdpferdes, trägt die Original - Adjustirung zur Hubertusjagd. 
Daneben steht ein Dogcart, bespannt mit einem elegant gebauten 
Dunkelfuchs, einer getreuen Nachbildung der »Lady Grace«, des Lieb 
lingspferdes Sr. Majestät, ein Geschenk des Lord Lonsdale, welches 
der Kaiser stets eigenhändig lenkt. Vor dem Gespann harrt ein 
Kutscher in Kaiserlicher Livree dem jeden Augenblick zu erwartenden 
Erscheinen seines hohen Herrn entgegen. 
Die ganze, geschmackvoll gestellte Gruppe ist von einer Gold 
tresse umschlossen, die an den vier Ecken von heraldischen Adlern 
im Schnabel gehalten wird. Ueber dem Ganzen schwebt ein 
Baldachin aus goldenem Lorber- und Tannengrün, der eine Kaiser 
krone trägt, aus welcher vier goldene rothgefütterte Velarien über 
die Laubreifen herabfallen, die an ihren unteren frei hängenden 
Enden den Reichsadler zeigen. Um die Gruppe herum stehen auf 
vier hohen reichgeschnitzten Eichen-Postamenten Ehrenpreise, die 
vom Kaiser theils gewonnen, theils gestiftet wurden. 
Zur Linken schliesst sich an die Kaiserliche Aus 
stellung diejenige des Herzogs Ernst Günther von Schleswig- 
Holstein an. Auf erhöhtem Podium ist dort in der Längs 
richtung der Halle, mit der Front auf die Mittelgruppe zu, 
ein Pürsch - Schlitten ausgestellt, dessen Kufen auf Schnee 
(Watte) dahingleiten und dessen schwedischer Pony wie der pelz 
umhüllte Kutscher mit seiner Pelzmütze sofort auf den winter 
lichen Fahrsport hindeuten. Auf einem gleichen Podium hat da 
neben ein Sulky (Trabrennwagen) mit Pferd und Jockey, letzterer 
in weiss- und schwarzgestreiftem Dress, Aufstellung gefunden; Aus 
steller ist die technische Commission für Trabrennen. Demjenigen, 
dem die eigenthümlichen Trabrennfabrzeuge nicht näher bekannt 
sind, wird durch die Vorführung des Sulky ein Begriff vom Traber 
sport gegeben. Zwischen den beiden Fahrzeugen ragt eine hohe 
Nische aus dunklem Holze auf, welche die Büste des Herzogs, 
umgeben von 16 werthvollen Silberpreisen trägt, die von seinen 
fürstlichen Vorfahren im friedlichen Wettstreit auf dem grünen 
Rasen gewonnen wurden. Wir lesen da Daten, wie 12. 9. 1831, 
20. 9. 1831 oder 14. 6. 1834 u. s. w., wodurch die Preise sich 
insofern in besonderer Weise werth voll für die Ausstellung kenn 
zeichnen, als sie uns die Anfangs-Epoche des deutschen Rennsports, 
über welche jetzt sieben Decennien hingerauscht sind, vor Augen 
fülnen. 
Die roth ausgeschlagene Rückseite der Nische zeigt die Jagd-i 
trophäen des Herzogs selbst, welche auf der indischen Reise erbeutet] 
wurden. Ein Elephantenschädel, dessen Träger von der sicheren; 
Hand des Herzogs gefällt wurde, erregt berechtigtes Staunen, des-j 
gleichen ein mächtiges Löwenfell, und die eigenartig gewundenen 
Gehörne der indischen Antilopen. Vor des Büste des hohen. 
Ehrenpräsidenten der Trabrenn - Gesellschaft »Berlin-Westend«i 
hat auf einer Säule der vom Kaiser für Trabwettfahren gestiftete 
Preis, eine künstlerisch ausgeführte Pferdegruppe in Silber, Auf 
stellung gefunden. Hinter der Nische steht auf einem roth drapirten 
Tische eine Anzahl der im Besitz von Mitgliedern der Trabrenn- 
gesellschaft befindlichen silbernen und goldenen Ehrenpreise, auch, 
die für das Mai-Meeting 1896 und den Blumencorso bestimmten] 
Siegestrophäen haben dort ihren Platz gefunden. Seitlich von 
dieser verlockenden Preissammlung ist ein Zweigespann unter 
gebracht, als dessen Aussteller ebenfalls die technische Commission 
für Trabrennen figurirt. Sie führt hier einen Buggy (leichten vier 
rädrigen Rennwagen) vor, wie er zu den Herrenfahren benutzt 
wird, mit Bespannung und Lenker. Dieser Wagen zeigt ebenfalls 
wie der Sulky Pneumatic-Reifen. Hinter dem Buggy hat auf einem 
Tisch ein Specialist für Sattlerwaaren zum Trabrennsport seine 
Fabrikate ausgestellt. 
Die andere Seite der Halle nimmt ein Jagdwagen-Viererzug 
ein, ausgestellt von einer hiesigen Wagenbau-Firma, der jedem Be 
schauer durch seine Ausführung und eigenartige Bespannung auffällt. 
Mehrere interessante Neuerungen sind an dem Gespann zu 
bemerken, so hat dasselbe z. B. eine Vorrichtung, durch welche 
die Pferde in voller Fahrt vom Bock aus losgekoppelt werden 
können, so dass also beim Durchgehen der Pferde diese allein fort 
laufen, der Wagen aber stehen bleibt, wodurch ein Unglücksfall für 
die Wageninsassen verhütet werden kann. Desgleichen ist eine Brems 
vorrichtung angebracht, die durch einen Fusstritt vom Bock aus in 
Bewegung gesetzt werden kann. Die Staklrohr-Scheerbäume lösen 
sich beim Sturz eines Pferdes selbstthätig, ein Zerbrechen der 
Scheerbäume ist daher ausgeschlossen. Auch dieser Wagen hat 
Pneumatic-Reifen. 
Die Wand hinter dem Viererzug wird an der Seite rechts 
vom Portal von einer hiesigen ersten Photographie-Firma einge 
nommen, die in Bildern und Albums alle möglichen Arten von 
Sport-Photographi«en vorführt. Die correspondirende andere Seite 
der Hinterwand hat die Zeitschrift Sport im Bild besetzt, das erste 
Blatt, welches in Deutschland alle Sportzweige durch Illustrationen 
dem Publikum näher zu bringen versucht. Hieran schliesst sich 
eine Ausstellung von Pferdedecken u. s. w., dann eine Collection 
hocheleganter Reitcostüme, die durch ihren glatten Sitz und form 
vollendeten Schnitt den Beifall aller Sportsdamen hervorrufen. 
Dicht an dem Aufgange zur Jagdgruppe hat ein Tischchen Auf 
stellung gefunden, auf welchem Bücher, den Pferdesport betreffend, 
ausliegen. 
Jenseit der Treppe sind in einem Glasspinde alle Arten von 
Sportsschuhen ausgestellt. 
Als nächster Nachbar tritt eine hiesige Hufbeschlag-Firma auf, 
indem sie ihren Patent-Hufbeschlag ohne Nagelung vorführt. 
Auf zwei erhöhten Podien diesseit und jenseit des Eingangs 
stellt eine Berliner Firma der Bekleidungs-Industrie Sport, Dresses, 
Uniformstücke für Kutscher und Diener aus, und diese Ausstellung ist 
ganz besonders geschmackvoll aufgebaut. Auf der anderen Seite 
befindet sich auch die getreue Nachbildung einer Totalisator-Ein 
richtung mit Tourniquet, Tickets u. s. w., wie sie gegenwärtig auf 
allen Rennbahnen des Pferdesports im Gebrauch ist. An einer 
Säule hängt ein Zaumzeug, für den Laien ein einfacher Lederzügel, 
für den Sportsmann aber eine interessante Neuerung darstellend. 
Es ist dies der Apparat »Stopp«, zum Bändigen und Dressiren 
scheuer Pferde. Die Idee der Erfindung ist eine sehr einfache. 
Durch einen Federdruck werden dem Durchbrenner im gegebenen 
Falle die Nüstern zusammengedrückt, was eine erstaunliche Wirkung 
ausüben soll. Den Schluss der Reit- und Fahrsport-Gruppe in der 
Haupthalle bildet eine Sammlung aller möglichen Arten von Huf 
beschlägen vom nachgebildeten alt-hellenischen Beschlag bis zum
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.