Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

©ffttieUe Ausstellung»-Nachrichten.
Ter Sportgruppe gliedert sich an und ist untergestellt ein
Privatunternehmen, der sogenannte Musterstall des Baumeisters R.
Blnmberg. Ein Normalstall in bester Ausführung beherbergt
zehn elegante Pferde, welche Woltmann u. Comp, nur zu diesem
Zweck direct aus England eingeführt haben. Daneben wird die
Firma Kühlstein zehn Wagen vom Mailcvach bis zum einspännigen
Dogcart ausstellen, und die Firma Hermann Hofmann, Berlin,
Friedrichstraße, tvird die sämmtlichen hier bediensteten Personen,
an deren Spitze ein auch aus England verschriebener Stallmeister
steht, einkleiden.
Schon diese wenigen Angaben beweisen zur Genüge, wie
reichhaltig und schon die Sporiäusstellnng werden wird, und
indem das dazu berufene Cvmitee in so hervorragender Weise seiner
Aufgabe gerecht zn werden verstanden hat, ivird man sicher auch ihm
an dem Gelingen des Ganzen einen wesentlichen Antheil zu
erkennen müssen.
In den AusfteUungs-Gnntinen.
Bon Emil May.
Auf dem ausgedehnten Gebiete der Gewerbe-Ausstellung sind
gegenwärtig drei Cantinen im Betriebe, in denen ein Theil der
bei den dortigen Bauten beschäftigten Arbeiter die Frühstücks-,
Mittags- und Kaffccpansen zubringt. — Um den nöthigen Raum
zu schaffen, müssen die Leute abtheilungsweise essen gehen, sie lösen
sich so je dreimal ab. — Eine Cantine liegt am nördlichen Ufer
des neuen Sees, unfern des Haupt-Jndustrie-Gebäudes, eine zweite
am Theater Alt-Berlin, am Kanal, der aus dem neuen See nach
dein Karpfenteiche führt, die dritte neben dem Gebäude für Chemie,
Photographie und Mechanik.
Außer einem aus verschiedenen Tischen zusammengesetzten Buffet
besteht die Einrichtung der größeren, hauptsächlich für Arbeiter
bestimmten Räume aus Tischen und Stühlen einfachster Art,
etivas besser sind die kleinen „Honvratiorenzimmer" oderHerrenstübel
ausgestattet, hier sind auch die Tische gedeckt. Der Fußboden be
steht durchgehends aus Steinfliesen, die Fenster sind mit schmalen,
bunten Kattunvvrhängen versehen. Zur tveiteren Ausstattung ge
hört auch ein Fernsprecher, der viel benutzt wird, um rasche Ver
ständigung zwischen den Baubureaux der Unternehmer mit ihren
Angestellten herbeizuführen. — An den Wänden hängen bunte
Plaeate, auf denen Bier, Schnaps, Wein und Maitrank empfohlen
ivcrdcn. Hier und da sind auch die Wandflüchen mit Sprüchen
bemalt. Einer lautet:
„Hör' lieber Bacchus meine Bitt':
Mach mir zu roth die Nase nit!"
Hier hat sich der Verfasser offenbar in der Adresse geirrt.
Ein anderer:
„Guter Ding' giebt es vier:
Mädel, Karten, Saug und Bier."
ist ebenfalls nicht ganz einwandfrei.
Kalte Speisen sind im Buffet in reichlicher Auswahl aufge
stapelt. Hier stehen vor Allem Häringe in der mannichfachsten Zu
bereitung, mit den geschützten scharfen Saucen, Bücklinge, Sprotten,
russische Sardinen, Anchovis, dann Schweizerkäse, deutscher Käse,
Thüringer und Bierkäsc, roher und gekochter Schinken, Kalbs- oder
Schweinebraten, geräucherter Speck, Preßlvurst, Blutwurst, Leber
wurst, geräuchert imb angeräuchert, Rothwurst, Mettwurst, Bock-
uud Wienerwürstchen, Cervelatwurst und — kaum glaublich! —
Caviar, natürlich „Caviar fiir's Volk".
Nach dem Frühstück bietet eine Cantine ungefähr den An
blick einer Gaststube der „Eule", des „Haberkastens", des „Essig-
hauses", der „drei Hausen" zu Frankfurt a. M. oder eines Bier
lokals in München. Der Fußboden ist besät mit Papierfetzen,
Wurstpellen, abgenagten Knochen, angebrannten Zündhölzern,
Cigarrenstumnielit und Sand.
Ein kleiner Theil der Arbeiter nur gestattet sich den Luxus
eines warmen Mittagessens, vbschv» dies für den bescheidene» Preis
von 50 Reichspfennig incl. Bier verabreicht ivird. Das Mittag-
essen besteht meist aus einer guten Kraftsuppe, gekochtem Fleisch
oder Braten mit Gemüse oder Kartoffeln, auch Compvtt fehlt
nicht. Als solches sunctionircn: Pflaumen, Apfelmus, Sellerie und
saure Gurken. — Schweinefleisch, Eisbein, Casieler Rippespeer mit
Sauerkohl bieten dieangcnehme und nothwendige Abivechseluug ans der
Cantinen-Spcisckartc. — Bei Tische geht es meist recht ruhig zu,
die Leute sind ernst und still, wie beim Arbeiten, mögen wohl auch
oft ermüdet vom Bauplatz in die Eantinen kommen nnd kein großes
Bedürfniß nach geräuschvoller Unterhaltung haben. Manchmal
vernimmt man wohl einen fröhlichen oder scherzhaften Zuruf,
selten laute, lebhafte Unterhaltung. Dagegen sieht man ver
schiedene Gruppen zusammeusitzen, die sich in gedämpftem Ton
eifrig etwas erzählen. Es mögen da wohl zuweilen recht intime
Familienangelegenheiten behandelt werden, denn mehrmals sah ich,
wie wetterhartc Männer sich mit der Hand über die Angen
fuhren, in denen cs verdächtig schimmerte.
Ein Theil der Arbeiter bringt scine'Stnllen, von „Mutters"
Hand zubereitet, mit iu die Cantine, läßt sich Bier oder ein
Schnäpschcn dazu geben und verzehrt so sein Mittagbrod, mit
unter leistet man sich als besonderen Gang eine marine „Knob
länder", die mit Vorliebe genossen ivird. Die Wirthe vcr
abreichen warme Würstchen nur mit gemischten Empfindungen,
denn cs werden dazu unglaubliche Mcngeu Mostrich vertilgt, und
diesen hier draußen den Gästen besonders iu Rechnung zu stellen,
möchte ich kcinein Wirthe empfehlen, auch wenn der Mostrich
löffelweise genossen würde.
Von Getränken giebt es zum Esse» helles und dunkles
Berliner Bier, auch Weißbier und ivohl die meiste» i» Destillationen
vvrkomincudcn oder besonders bevorzugten Schnäpse. Hiervon
ivird beträchtlicher Vorrath gehalten, in großen Ballons zum
Theil, oder aber in Fässern oder Thongefäßen, iveil Branntwein
viel auf den Baustellen und iu den Werkstätten geholt ivird.
Cigarre» werden verkauft für 5 oder 7 x / 2 Pfennig, doch sind
in Bedürfnißfällen auch 10-Pfennig-Cigarren zu haben, wenn
man iticht gerade viel auf ihre Herkunft giebt. „Nie sollst Tu
mich befragen" — sagt da der Wirth.
Auch eine billige Cigarre versuchte ich, sie brannte ja, aber
die Liebesgaben-Cigarreu, die ivir bei der Belagerung von Paris
rauchten, brannten auch. Mir kam Wasser dabei iu die Augen,
so daß ein alter Polier, der gerade eine sehr rührende Geschichte
erzählte, ganz warm werdend, mir auf die Schulter klopfte mit
dem Bemerken: „Sie- sind ein guter Kerl, Sie haben ein Herz im
Leibe!"
Da gerade von feuchten Augen die Rede ist, darf ich leider
nicht verschweigen, daß hier und da auch einzelne Leute sitze»
mit sehr feuchten Augen, iu gebrochener Haltung, stieren Blickes
nach der langen Flaschcugaleric des Buffets starrend, als sei dort
das Glück; immer matter wird ihre Haltung, immer tiefer senkt
sich das Haupt, bis ein mitleidiger Schlummer sich ihrer erbarmt.
Ach, nicht lange dauert der selige Zustand, jäh und gewaltsam ist
das Erwachen, hilft ein Anruf nicht, so schüttelt eine kräftige Faust
den müden Mann, ein energisches „Hinaus" schreibt ihm den
Weg vor.
Gegen 3 Uhr komme» die Leute zum Kaffee, der in Töpfen
ä 5, in Tassen ä 10, für Fremde ä 15—20 Pfennig zu haben
ist. — Das Lieblingsgcbück, das hierzu genossen ivird, sind die
sogenannten Schnecken oder kleine Strüußelkuchcn ä 5 Pf. Für
Manchen ist an gewissen Tagen atich dieser geiviß bescheidene Preis
unerschivinglich, wenn nicht ein Kamerad helfend beispringt. „Es
giebt gute Zeiten, es giebt schlechte Zeiten, man muß die Zeiten
nehmen wie sic sind", sagt ein Philosoph. —
Kommt cs beim Kaffectrinkcn tvirklich mal vor, daß an einem
Tisch ein interessantes Thema verhandelt ivird, so schaut man nicht
nach der Uhr, aber der Ruf eines Kameraden: „Auf" oder „Raus"
erinnert die Leute daran, daß der Feierabend noch nicht da ist.
Gepumpt wird in de» Eantinen nicht. Ein zerstreuter, junger
Mau», der sinnend dem Ausgange zuschreitet, wird angerufen:
„Fünfundzwanzig Pfennig, Herr Nachbar, für die Wurscht!" Er
nimmt das gar nicht übel, entschuldigt sich und zahlt.
Es verkehren hier selbstverständlich nicht allein Arbeiter,
Fuhrleute, Bäcker- und Fleischersnugen, sondern auch Beamte,
Kaufleute, Lieferanten und Neugierige. An verkehrsreichen
Tagen trifft man auch „feines Publikum" hier an. Manche
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