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Periodical volume Nr. 48, 4. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

14 OfficTelle Äusstellungs-Nachrichten. 
iiiclit darin wohnen könne, weil alles fehlte, was wir heute 
als Lebensbedingung- aufstellen, 
Leider gestattet uns der beschränkte Raum nicht, den 
Ausführungen des geistvollen Redners so zu folgen, wie wir 
dies gerne möchten. Wir müssen uns darauf beschränken, 
mitzutheilen, dass er das in den letzten zehn Jahren in Auf 
nahme gekommene deutsche Haus der Renaissance-Periode 
als sehr unbehaglich, und alle Versuche, den Stil der Alten 
sklavisch nachzuahmen, als Unfug bezeichnete. Er wies 
"auf die bekannten Fassaden bauten Friedrich des Grossen in 
^Potsdam, hin, die in ihrer vollständigen -Unpraktisehkeit am 
deutlichsten für das oben gesagte sprechen. Alle derartigen 
stilvollen Bauarten sind im Grunde nur Spielerei, heutzu 
tage müssen wir verlangen, dass die baulichen Umwälzungen 
lediglich unserer Lebensweise, unseren Lebensansprüchen und 
vor Allem den Grundsätzen der Hygiene entsprechen. Herr 
Professor Lessing giebt zu, dass wir darin allerdings ganz 
gewaltige Fortschritte machten. Er schildert mit künstleri 
schem Humor unsere Häuser- und Wohnungs-Einrichtungen 
in den grösseren Provinzialstädten vor 30-40 Jahren, wo das 
Haus nur eine dunkle Treppe hatte, von der aus man direct in 
die Zimmer ging, während die,Mägde das Wasser aus dem Hof 
hinauf und die. Schmutzeimer hinunter trugen, die, Zeit, wo 
man keine Waschküche kannte, und die .Wäsche theils in der 
Wohnung theils auf dem Flur, zur Freude der Passanten ab- 
machte, wo ein Bad im Hause absolut undenkbar war,. und 
selbst unsere . Königlichen Schlösser keine Badeeinrichtung 
aufwiesen. Heute freilich sind derlei Zustände einfach un 
möglich, und selbst eine bescheidene Mittelwohnung weist 
einen Comfort auf, Wasser- und Gasleitung, Bad, Entrees, 
Mörder- und Hintertreppen etc. etc., den man damals nicht 
ahnte. In den 70er Jahren machte sich zuerst jene Kunst- 
bewegung bemerklieh, die, alle Stilarten plündernd, unser 
Haus mit allen möglichen und unmöglichen imitirten Kunst- 
gegenständen überschwemmte, die aus schlechtem Material 
fabrikmässig hergestellt, so himmelweit verschieden sind von 
' den köstlichen, künstlerischen Originalen, die in Handarbeit, 
oft nur in wenig Exemplaren die Schlösser unserer Fürsten, 
die Häuser unserer Patrizier zierten. Das also ausgeputzte, 
„altdeutsche“ Zimmer, die so en masse hergestellte Hotel-Ein 
richtung bezeichnet Herr Professor Lessing als graben, gräu 
lichen Unfug. Die Hausfrau, die mit Entrüstung den Ge 
danken von sich weist, die Reinhaltung ihrer „künstlerisch“ 
ausgestatteten Wohnung dem Dienstmädchen anzuvertrauen, 
sieht sich genöthigt, täglich zwei Stunden, also etwa den 
sechsten Theil ihres Tagelebens damit zuzubringen, den •'■'taub 
von diesen verschnörkelten, geschnitzten Möbeln, Draperieen 
und „Kunstgegenständen“ zu wischen und so gegen die erste 
Lehensbedingung, die wohlige, Behaglichkeit, zu sündigen. 
Nicht gegen die wirkliche Kunstform gewisser Einrichtungen 
in unserem Hause will sich Redner wenden, wohl aber gegen 
die schlechte Nachahmung, die nur eine. Schädigung 
unseres geistigen Lebens bedeutet. Glücklicherweise macht 
sich jetzt eine Reaction auf diesem Gebiete bemerklich, es ist 
eine Febersättigung eingetreten, und das Stichwort lautet 
heute: „Alles einfach !“ Unsere Ausstellung freilich wiese 
noch manche Wohnungs-Einrichtungen auf, die sieh schwer 
gegen den wirklich guten Geschmack versündigen und be 
dauern liessen, dass sich nicht mehr kunstgebildete Archi 
tekten an der Herstellung betheiligt hätten, aber schon die 
Einrichtung des Kaiserschiffs „Bremen” zeige, dass man auf 
dem entschiedenen Wege der Besserung sei, und müsse als ein 
Entschiedener Fortschritt anerkannt werden 
! Als Musterhäuser bezeichnete der Redner schliesslich 
Jen englischen Cottagebau, der allen künstlerischen und hy 
gienischen Ansprüchen genüge. Er empfiehlt dringlichst 
das Buch Dove’s: „Das englische Haus,, und schliesst sei 
nen überaus belehrenden und mit lebhaftem Beifall aufge 
nommenen Tortrag mit dem Wunsch, dass wir bald dahin ge 
langen möchten, Kunst und Hygiene in unserem Hause der 
artig zu vereinen, dass jeder Zwiespalt zwischen denselben 
ausgeglichen und unseren socialen Verhältnissen volle Rech 
nung getragen sei. Er. Br. 
Verschiedene Gongresse tagten gestern (Mittwoch) 
im Hauptrestaurant der Ausstellung. Im Thurmsaal hielt der 
Verband Deutscher Industrieller seine diesjährige Haupt 
versammlung ab, der sich um vier Uhr ein Festdiner anschloss, an 
dem etwa 80 Personen theilnahmen. Die Töpfer - Berufs- 
Genossen scliaft fand sich ebenfalls bei einem Diner zusammen, 
und die Müllerei-Berufs-Genossenschaft erledigte ihre 
Hauptversammlung im grossen Saal 
V 
Ein Teppich für den Kaiser ist im Hauptgebäude 
nahe der Königlichen Porzellan-Manufactur ausgelegt. Der Teppich, 
der seinen riesigen Dimensionen nach für einen Saal des Kaiser 
lichen Schlosses bestimmt ist, wurde in der Teppichfabrik von 
Vobach und Ilozäk in Neuendörf-Potsdam hergestellt; Das feine 
und dichte Sinyrnagewebe von dunkler Portweinfarbe ist von per 
sischer Kante umgeben. Das Fabrikat erregt seiner äusseren Schön 
heit und seiner Grösse wegen allgemeines Aufsehen. 
V 
Auch die Musensöhne sind auf der Ausstellung nicht 
unberücksichtigt geblieben, und zwar gerade mit den niedlichen 
Gegenständen, welche man hei einem Corpsstudenten zu sehen 
gewöhnt ist, bat man ihrer in dem ersten links von der Mittelhalle 
j sich abzweigenden Seite»raume gedacht. Nicht Schläger, Cerevis 
und Corpsband sind es, welche wir finden, sondern ungefähr in 
der Mitte der linken Seitenwand zeigt sich unter Glas ein Obelisk, 
welcher mit kunstvoller Silber-Gravirarbeit geschmückte Bier- und 
Weinzipfel in reicher Auswahl sehen lässt. Auf demselben Grunde 
befreunden sich die Farben der Wallonen mit der Saxonia, auf 
gleiche Stufe • stellen sich Agrarier und Borussen, auch das schwarz- 
weiss-roth der deutschen Studenten nimmt seinen Ehrenplatz ein. 
Dem Leihfuchs sehr zum Geschenk für seinen vorgeordneten 
Burschen zu empfehlen sind die mit den Corpsfarben geschmückten 
Ringe und Manschetten knöpfe. Ihr Schönen, lasst die Gelegenheit 
nicht vorübergehen, Euer Ideal mit einer passenden Busennadel zu 
beglücken, und der freie Bursch wird sich ja dann auch bei Euch 
mit einem als reizende Breche gefertigten Schlägerpäar, geschmückt 
mit Euren und seinen Lieblingsfarben, bedanken. 
V 
Die Trinkhallen der bekannten Gesellschaft der Berliner 
Trinkhallen sind auch auf der Gewerbe-Ausstellung vertreten und 
zwar eine an dein neu angelegten See, in der Nähe des Pavillons 
des »Lokal-Anzeiger«'und eine zweite bei Portal II, am Wege nach 
dem nassen Viereck. Warum auch nicht? Das Beste ist Wasser! 
Ob der alte griechische Philosoph diesen Ausspruch gethan, wenn 
er unser Bayerisches Bier gekannt hätte, ist vielleicht eine Frage, 
die des Schweisses der Edelsten der Nation werth wäre. Jeden 
falls ist die Trinkhallen - Gesellschaft in der äusseren Er 
scheinung ihrer Hallen der Klassicität getreu geblieben, die gegen 
über dem bunten Allerlei im Stile der heutigen Zeit einen ruhigen, 
wohlthuenden Eindruck macht. Der bauliche Entwurf der Hallen 
rührt noch von dem verstorbenen Professor Gropius, dem Epigonen 
unserer Schinkelzeit, her und erinnert uns mit seiner Säulenstellung, 
Architrav und Kranzgesims an die besten baulichen Vorbilder Berlins 
in den dreissiger Jahren. Auch im Preise der Fabrikate ist die 
Trinkhallen-Gesellschaft sich treu geblieben; denn es kostet das 
Glas Selter heute dasselbe wie vor 30 Jahren, trotzdem der Werth 
des Geldes abgenommen hat und der Werth der Arbeit gestiegen 
ist. Die Qualität der Mineralwässer, deren Fabrikation unter der 
Aufsicht eines vereideten Chemikers steht, entspricht dem guten 
Rufe der Gesellschaft der Berliner Trinkhallen. Die Ausstattung 
der beiden Trinkhallen auf der Ge werbe-Ausstellung ist eine an 
ständige und würdige. 
9 
Ein neuer Registrator. Das lebhafteste Interesse aller 
Geschäftsleute erregt die Koje 33 in Gruppe XVI der Gewerbe- 
Ausstellung. In derselben wird eine vollständige Neugestaltung
	        
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