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Volume Nr. 36, 23. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

GfstcieUe Ausstellungs-Nachrichten. 
Wahl des durch die Nähe großer Wasserflächen vor dem Witz- 
lebener Gelände ausgezeichneten Parkes zu Treptow fügte man bei 
der allgemeinen Planvertheilnng das Hauptindustriegebände in die 
zugespitzte Nordwestecke zwischen der Treptower Chaussee und der 
Landstraße nach Coepenick. Dadurch wurde es möglich, den mäch 
tigen, in der Mitte des ganzen Terrains vorhandenen Spielplatz in 
einen stattlichen See zu verwandeln, auf dessen Ostseite ein zweites 
größeres Bauwerk sich nun erheben konnte. Durch eine gewisse 
Correspoudenz in der künstlerischen Erfindung und der Grund- 
anlage der beiden an dem See belegenen Hauptbauteu ließ sich ein 
geschlossenes architektonisches Bild bieten, das unter Benutzung aller 
zur Verfügung stehenden Mittel der Unigebung einen wirkungs- 
vollen Centralpunkt der weitverzweigten Anlage versprach. 
Die architektonische Ausgestaltung dieses wichtigsten Theiles 
der Ausstellung wurde Bruno Schmitz übertragen, der sein 
eminentes Talent für schwierige Aufgaben der hohen Kunst oft 
genug glänzend bewährte. Da ohnehin die Möglichkeü, dem Hanpt- 
industriegebäude eine vornehme Entwickelung nach der Stadt hin 
zu geben, durch die örtlichen Verhältnisse genommen war, ver- 
wandte man die ganze architektonische Kraft ans die Teeseite, 
während die übrige Planordnung, die eine Grundfläche von mehr 
als 50 000 Quadratmetern, d. h. von der Ausdehnung des Gens- 
darmenmarktes, vorzusehen hatte, auf allen Seiten von alten 
Bäumen beengt wurde. Die alten Parkanlagen waren es auch, 
die eine reichere architektonische Ausbildung der langgestreckten Ost 
front verhinderten, weshalb zu der glücklichen Lösung gegriffen 
ivurde, durch eine dem Seeufer in der Grundlinie folgende, halb 
runde Halleuanlage das Gebäude gewissermaßen hervorzuziehen 
und im Uebrigen die ästhetische Betonung auf die Mitte zu con- 
centriren. — Vom See her gesehen füllt nun zuerst diese offene 
Arkadenhalle in's Auge, die der ganzen Gruppe einen sommer 
lichen Charakter giebt. Sie endet in zwei reicher gestalteten 
Pavillons, die hier den neugeschaffenen, breiten Hanptalleen von 
de» beiden wichtigsten Portalen her als points de vue, als Leit- 
pnnkte zum Hauptgebäude dienen. Ueber dem Hallendach der Ar 
kaden entwickelt sich die lange Linie des eigentlichen Ausstellungs- 
gebändes, die gegen den reicher gestalteten Portalban und die 
effeetvvlle Mittclgruppe angenehm zurücktritt. Der Blick würd 
unwillkürlich von der mächtigen Kuppel angezogen, deren sanfte 
Wölbung hellschimmernd zwischen den schlanken Frontthürmen 
hervortritt. Auch diese haben originelle Hauben von strahlender 
Pracht, die mit der Kuppel zusammen den Glanzpunkt des Bildes 
bedeuten. 
Nach und nach erst senkt sich das Auge, um mit mehr Muße 
die Entwickelung des Portalbaues zu verfolgen, der von unten auf 
in reizvoller Weise gegliedert ist. Die Gesammtwirkung ist eine 
fesselnde und doch wieder auch eine fremdartige — jedenfalls eine 
originelle. Die Flächen der Thürme steigen geschlossen empor; 
»nr hier und da eine Oeffnung, nicht breiter als eine Schieß 
scharte; in der Höhe aber öffnet sich die Mauer zu einer breiten 
Loggia, und luftige Hallen stützen das vortretende Dach, über 
welches zuletzt eine kühne Laterne emporsteigt. 
In der Mitte tritt das dreitheilige Portal hervor, dessen 
reicher gehaltene Verdachung zur Kuppel der Vorhalle hinüber 
leitet, die weiterhin durch den wuchtigen Staffelgiebel iiber dem 
breiten Bogenfenster der Ehrenhalle von selbst auf den schattigen 
Umgang der oberen Laufgalerie hinlenkt. 
Nun wird wohl gar Manchem die Frage nach dem Stil 
dieses eigenartigen Gebäudes ans den Lippen schweben. Mit dem 
aber ist cS bei solchen Ausstellungsgebüuden ein eigen Ding; cs 
ist das etwas, das man von ihnen eigentlich nicht verlangen kann, 
wenigstens nicht im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Sie sind 
keine für die Dauer berechneten Monumentalbauten, sondern leicht 
lebige Kinder der Zeit, Gelegenheitsschöpfnngen, deren Aeußeres 
ivohl etwas von einer Phantasie-Uniform an sich haben darf. 
Fragen wir doch uns selbst, wie der Architekt denn eigentlich 
die Sache anfassen soll. Die Wahl der Baustoffe für ein solches 
Werk ist nicht allzugroß. Man hat unser Jahrhundert das eiserne 
genannt, weil das Eisen bestimmt schien, das gesummte Bauwesen 
aus dem Fundament umzuwälzen. Aber wir sind nach fünfzig 
jährigen Versuchen heute schon dahin gekommen, dem Eisen nur 
ganz bestimmte Aufgaben selbstständig zuzuschreiben und im 
Uebrigen ihm — wie auch hier — als. einem unschätzbaren 
Hilfsmittel unsere Hochachtung nicht zu versagen. Der rationelle 
Eisenbau ist mehr oder weniger stets ein Gerüstbau, der als Ge 
rippe in solchem Falle zu dünn wirkt, und der bei seiner. Ver 
kleidung durch Terracotten oder getriebenes Metall — abgesehen 
von den Kosten — seinen ersten Charakter verliert. 
Also der reine Eisenbau war nicht recht angebracht; die 
Imitation klassischer Steinbauten ist für Gebäude von diesem Um 
fange ein nicht unbedenklicher Ausweg, und eine wirkliche Holz 
architektur von großem Umfange hat bei tüchtiger Technik 
wiederum das Ansehen eines für die Dauer bestimmten Werkes. 
So griff man zu einem leichteren, für Bauten von provi 
sorischem Charakter vortrefflich geeigneten Material, dem Putz, 
und zwar zu dein in Berlin heimischen Rabitzputz, der gemäß 
seiner Herstellung über Drahtnetz in seiner Verwendung zu Ge 
wölben und Wänden, wie als Verkleidung von Stützen jeder Art 
sich überall anschmiegt und die Verarbeitung in allen Formen 
dem Künstler erleichtert. Ein solcher Stoff hat natürlich nichts 
Prunkendes an sich; und ihm entspricht es' am meisten, wenn 
man ini wesentlichen in der Grundform schlicht und einfach bleibt, 
nur in Gruppirung und Aufbau unter sparsamer Verwendung 
von Ornamenten die Wirkung des Ganzen erstrebend. 
Nicht massig und schwer, sondern leicht und luftig soll der 
Eindruck dieses Gebäudes sein, das fern den gewaltigen Steinkolossen 
der Riesenstadt inmitten eines der Erholung gewidmeten Parkes 
seinem sommerlichen Dasein entgegenwuchs. Sv sind unwillkürlich 
Anklänge an die unmuthigen Schöpfungen wärmerer Gegenden cin- 
geflvssen, die — ob sie in Spanien oder Sicilien oder noch weiter zu 
suchen sind — unter der vollen Gluth der Berliner Julisonne 
gewiß prächtig zur Geltung kommen. Und wie werden sie uns 
erst anheimeln, wenn azurblauer Himmel über ihnen lacht, wenn 
die Fvntainen springen, die Brönnlcin vor den Arcaden murmeln 
und die Cascade» rauschend ihre Wasser zum See hinab senden. 
Das Sonnenlicht erst bringt die Farben des reichen Bildes zur 
Geltung; gegen die weißen Flüchen heben sich die Ziegeldächer und 
das tiefrvthe Holzwerk der Gnlerieen ab; daneben giebt das Grün 
der Bäume einen wohlthuenden Hintergrund und aus der Höhe 
glänzen die Flächen der Kuppeln und Hauben. Nach vorne be 
grenzen den Bücken zwei Riesensäulen des neuen Domes, überragt 
von goldenen Figuren; jenseits des Sees spiegelt sich am Ufer 
in den kräuselnden Wellen der Aussichtsthurm! 
Treten wir nun durch das Hauptpvrtal ein, so gelangen wir 
durch die dccorativ reich behandelte Vorhalle (mit einem präch 
tigen romanischen Brunne») in die große Kuppel, deren Wölbung 
im Zenit tiefblaue Tönung erhält. Nach unten hin verläuft die 
Farbe in hellere Nuancen, aus denen sich Wolken mit allerlei 
phantastischen Gestalten entwickeln; eine reich durchbrochene leichte 
Architektur wird den oberen Umgang reizvoll umrahmen. Die Nischen 
des unteren Raumes nehmen vier große allegorische Gestalten der 
Industrie, der Kunst, des Handels und der Wissenschaft 
aus, zu deren Füßen Wappensiguren ruhen. 
An diese Kuppel schließen nun seitlich die Ausstellungen der kgl. 
Porzellanmanufactur, sowie die von Sr. Majestät dem Kaiser her 
gegebenen Ehrenpreise und alten Kunstwerke an, während in derHaupt- 
axe eine breite Freitreppe in die große Mittelhalle des Haupt 
gebäudes hinabführt. Die leichte Eisenconstructivn des flachen 
Daches ist in einem grünen Tone, der sich — ohne unruhig zu 
wirken, von der hellgetönten maßvoll verzierten Decke unmerklich 
abhebt. Den Abschluß der fast 200 Meter langen Halle, die eine 
Höhe von 17 Metern erreicht, bildet eine kräftige Architektur nach 
Art eines Lettners und oberhalb wölbt sich ein mattgetöntes Rund 
fenster, durch welches das Grün des Parkes erquickend hineingrüßt. 
Die Abschlüsse gegen die Seitenhallen, in denen ein'großer 
Theil aller Gruppen untergebracht ist, sind portalartig ausgebildet 
in der Art, daß in der Mitte der dreitheilige» Stellung ein mit 
einem Giebel flach geschlossener krönender Aufsatz mit Wappen und 
Schrifttafel angebracht wurde. Hierbei, wie überhaupt im Innern, 
zeugen zahlreiche plastische Motive für den Jdeenreichthum und 
die Vielseitigkeit des Architekten, der auch den kleinsten Gegenstand 
ein Kind seiner Sorge sein läßt. Die Stützen eines jeden Portals 
tragen phantastisch bewegte Capitäle; frei vorgesetzte Säulchen 
auf' zierlichen Consolen schmücken die obere Hälfte der Pfeiler.
	        
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