Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

GfstcieUe Ausstellungs-Nachrichten.
Wahl des durch die Nähe großer Wasserflächen vor dem Witz-
lebener Gelände ausgezeichneten Parkes zu Treptow fügte man bei
der allgemeinen Planvertheilnng das Hauptindustriegebände in die
zugespitzte Nordwestecke zwischen der Treptower Chaussee und der
Landstraße nach Coepenick. Dadurch wurde es möglich, den mäch
tigen, in der Mitte des ganzen Terrains vorhandenen Spielplatz in
einen stattlichen See zu verwandeln, auf dessen Ostseite ein zweites
größeres Bauwerk sich nun erheben konnte. Durch eine gewisse
Correspoudenz in der künstlerischen Erfindung und der Grund-
anlage der beiden an dem See belegenen Hauptbauteu ließ sich ein
geschlossenes architektonisches Bild bieten, das unter Benutzung aller
zur Verfügung stehenden Mittel der Unigebung einen wirkungs-
vollen Centralpunkt der weitverzweigten Anlage versprach.
Die architektonische Ausgestaltung dieses wichtigsten Theiles
der Ausstellung wurde Bruno Schmitz übertragen, der sein
eminentes Talent für schwierige Aufgaben der hohen Kunst oft
genug glänzend bewährte. Da ohnehin die Möglichkeü, dem Hanpt-
industriegebäude eine vornehme Entwickelung nach der Stadt hin
zu geben, durch die örtlichen Verhältnisse genommen war, ver-
wandte man die ganze architektonische Kraft ans die Teeseite,
während die übrige Planordnung, die eine Grundfläche von mehr
als 50 000 Quadratmetern, d. h. von der Ausdehnung des Gens-
darmenmarktes, vorzusehen hatte, auf allen Seiten von alten
Bäumen beengt wurde. Die alten Parkanlagen waren es auch,
die eine reichere architektonische Ausbildung der langgestreckten Ost
front verhinderten, weshalb zu der glücklichen Lösung gegriffen
ivurde, durch eine dem Seeufer in der Grundlinie folgende, halb
runde Halleuanlage das Gebäude gewissermaßen hervorzuziehen
und im Uebrigen die ästhetische Betonung auf die Mitte zu con-
centriren. — Vom See her gesehen füllt nun zuerst diese offene
Arkadenhalle in's Auge, die der ganzen Gruppe einen sommer
lichen Charakter giebt. Sie endet in zwei reicher gestalteten
Pavillons, die hier den neugeschaffenen, breiten Hanptalleen von
de» beiden wichtigsten Portalen her als points de vue, als Leit-
pnnkte zum Hauptgebäude dienen. Ueber dem Hallendach der Ar
kaden entwickelt sich die lange Linie des eigentlichen Ausstellungs-
gebändes, die gegen den reicher gestalteten Portalban und die
effeetvvlle Mittclgruppe angenehm zurücktritt. Der Blick würd
unwillkürlich von der mächtigen Kuppel angezogen, deren sanfte
Wölbung hellschimmernd zwischen den schlanken Frontthürmen
hervortritt. Auch diese haben originelle Hauben von strahlender
Pracht, die mit der Kuppel zusammen den Glanzpunkt des Bildes
bedeuten.
Nach und nach erst senkt sich das Auge, um mit mehr Muße
die Entwickelung des Portalbaues zu verfolgen, der von unten auf
in reizvoller Weise gegliedert ist. Die Gesammtwirkung ist eine
fesselnde und doch wieder auch eine fremdartige — jedenfalls eine
originelle. Die Flächen der Thürme steigen geschlossen empor;
»nr hier und da eine Oeffnung, nicht breiter als eine Schieß
scharte; in der Höhe aber öffnet sich die Mauer zu einer breiten
Loggia, und luftige Hallen stützen das vortretende Dach, über
welches zuletzt eine kühne Laterne emporsteigt.
In der Mitte tritt das dreitheilige Portal hervor, dessen
reicher gehaltene Verdachung zur Kuppel der Vorhalle hinüber
leitet, die weiterhin durch den wuchtigen Staffelgiebel iiber dem
breiten Bogenfenster der Ehrenhalle von selbst auf den schattigen
Umgang der oberen Laufgalerie hinlenkt.
Nun wird wohl gar Manchem die Frage nach dem Stil
dieses eigenartigen Gebäudes ans den Lippen schweben. Mit dem
aber ist cS bei solchen Ausstellungsgebüuden ein eigen Ding; cs
ist das etwas, das man von ihnen eigentlich nicht verlangen kann,
wenigstens nicht im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Sie sind
keine für die Dauer berechneten Monumentalbauten, sondern leicht
lebige Kinder der Zeit, Gelegenheitsschöpfnngen, deren Aeußeres
ivohl etwas von einer Phantasie-Uniform an sich haben darf.
Fragen wir doch uns selbst, wie der Architekt denn eigentlich
die Sache anfassen soll. Die Wahl der Baustoffe für ein solches
Werk ist nicht allzugroß. Man hat unser Jahrhundert das eiserne
genannt, weil das Eisen bestimmt schien, das gesummte Bauwesen
aus dem Fundament umzuwälzen. Aber wir sind nach fünfzig
jährigen Versuchen heute schon dahin gekommen, dem Eisen nur
ganz bestimmte Aufgaben selbstständig zuzuschreiben und im
Uebrigen ihm — wie auch hier — als. einem unschätzbaren
Hilfsmittel unsere Hochachtung nicht zu versagen. Der rationelle
Eisenbau ist mehr oder weniger stets ein Gerüstbau, der als Ge
rippe in solchem Falle zu dünn wirkt, und der bei seiner. Ver
kleidung durch Terracotten oder getriebenes Metall — abgesehen
von den Kosten — seinen ersten Charakter verliert.
Also der reine Eisenbau war nicht recht angebracht; die
Imitation klassischer Steinbauten ist für Gebäude von diesem Um
fange ein nicht unbedenklicher Ausweg, und eine wirkliche Holz
architektur von großem Umfange hat bei tüchtiger Technik
wiederum das Ansehen eines für die Dauer bestimmten Werkes.
So griff man zu einem leichteren, für Bauten von provi
sorischem Charakter vortrefflich geeigneten Material, dem Putz,
und zwar zu dein in Berlin heimischen Rabitzputz, der gemäß
seiner Herstellung über Drahtnetz in seiner Verwendung zu Ge
wölben und Wänden, wie als Verkleidung von Stützen jeder Art
sich überall anschmiegt und die Verarbeitung in allen Formen
dem Künstler erleichtert. Ein solcher Stoff hat natürlich nichts
Prunkendes an sich; und ihm entspricht es' am meisten, wenn
man ini wesentlichen in der Grundform schlicht und einfach bleibt,
nur in Gruppirung und Aufbau unter sparsamer Verwendung
von Ornamenten die Wirkung des Ganzen erstrebend.
Nicht massig und schwer, sondern leicht und luftig soll der
Eindruck dieses Gebäudes sein, das fern den gewaltigen Steinkolossen
der Riesenstadt inmitten eines der Erholung gewidmeten Parkes
seinem sommerlichen Dasein entgegenwuchs. Sv sind unwillkürlich
Anklänge an die unmuthigen Schöpfungen wärmerer Gegenden cin-
geflvssen, die — ob sie in Spanien oder Sicilien oder noch weiter zu
suchen sind — unter der vollen Gluth der Berliner Julisonne
gewiß prächtig zur Geltung kommen. Und wie werden sie uns
erst anheimeln, wenn azurblauer Himmel über ihnen lacht, wenn
die Fvntainen springen, die Brönnlcin vor den Arcaden murmeln
und die Cascade» rauschend ihre Wasser zum See hinab senden.
Das Sonnenlicht erst bringt die Farben des reichen Bildes zur
Geltung; gegen die weißen Flüchen heben sich die Ziegeldächer und
das tiefrvthe Holzwerk der Gnlerieen ab; daneben giebt das Grün
der Bäume einen wohlthuenden Hintergrund und aus der Höhe
glänzen die Flächen der Kuppeln und Hauben. Nach vorne be
grenzen den Bücken zwei Riesensäulen des neuen Domes, überragt
von goldenen Figuren; jenseits des Sees spiegelt sich am Ufer
in den kräuselnden Wellen der Aussichtsthurm!
Treten wir nun durch das Hauptpvrtal ein, so gelangen wir
durch die dccorativ reich behandelte Vorhalle (mit einem präch
tigen romanischen Brunne») in die große Kuppel, deren Wölbung
im Zenit tiefblaue Tönung erhält. Nach unten hin verläuft die
Farbe in hellere Nuancen, aus denen sich Wolken mit allerlei
phantastischen Gestalten entwickeln; eine reich durchbrochene leichte
Architektur wird den oberen Umgang reizvoll umrahmen. Die Nischen
des unteren Raumes nehmen vier große allegorische Gestalten der
Industrie, der Kunst, des Handels und der Wissenschaft
aus, zu deren Füßen Wappensiguren ruhen.
An diese Kuppel schließen nun seitlich die Ausstellungen der kgl.
Porzellanmanufactur, sowie die von Sr. Majestät dem Kaiser her
gegebenen Ehrenpreise und alten Kunstwerke an, während in derHaupt-
axe eine breite Freitreppe in die große Mittelhalle des Haupt
gebäudes hinabführt. Die leichte Eisenconstructivn des flachen
Daches ist in einem grünen Tone, der sich — ohne unruhig zu
wirken, von der hellgetönten maßvoll verzierten Decke unmerklich
abhebt. Den Abschluß der fast 200 Meter langen Halle, die eine
Höhe von 17 Metern erreicht, bildet eine kräftige Architektur nach
Art eines Lettners und oberhalb wölbt sich ein mattgetöntes Rund
fenster, durch welches das Grün des Parkes erquickend hineingrüßt.
Die Abschlüsse gegen die Seitenhallen, in denen ein'großer
Theil aller Gruppen untergebracht ist, sind portalartig ausgebildet
in der Art, daß in der Mitte der dreitheilige» Stellung ein mit
einem Giebel flach geschlossener krönender Aufsatz mit Wappen und
Schrifttafel angebracht wurde. Hierbei, wie überhaupt im Innern,
zeugen zahlreiche plastische Motive für den Jdeenreichthum und
die Vielseitigkeit des Architekten, der auch den kleinsten Gegenstand
ein Kind seiner Sorge sein läßt. Die Stützen eines jeden Portals
tragen phantastisch bewegte Capitäle; frei vorgesetzte Säulchen
auf' zierlichen Consolen schmücken die obere Hälfte der Pfeiler.
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