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Periodical volume Nr. 47, 3. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 9 
Die Stenographie in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.! 
Sechs verschiedene Stenographie - Systeme streiten in der 
Gruppe XIX für Unterricht und Erziehung um die Palme des 
Ruhmes. Sie haben friedlich nebeneinander auf der Galerie des 
Gebäudes für Wohlfahrtseinrichtungen und Erziehungswesen ihre 
Collectiv-Ausstellung veranstaltet, und manches Interessante bietet 
sich selbst dem Laien, manches Unbekannte und Neue dem 
schnellschriftkundigen Fachmanne dar. Die beiden ältesten 
und verbreitetsten Systeme, die von Gabelsberger und Stolze, 
nehmen den breitesten Raum rechts und links ein, von ihnen 
gleichsam väterlich behütet sind die Ausstellungen der Roller’schen 
Stenographen, des Centralvereins für Arends’sche Stenographie, der 
Vertreter der Stenotachygraphie und der vereinfachten Stenographie 
des Systems Schrey. 
Dem Alter gebührt der Vortritt, und so sei auch unsere 
Betrachtung zunächst dem ältesten Stenographie-System, dem von 
Gabelsberger, gewidmet. Dieses, zuerst im Jahre 1834 in München 
veröffentlicht, hat nach Ausweis der Statistik noch immer vor allen 
deutschen Kurzschrift-Systemen die weiteste Verbreitung. Am 
1. Juli 1895 zählte die Gabelsberger’sche Schule 976 Vereine mit 
41 073 Mitgliedern und 45 003 im letzten Jahre Unterrichtete. 
Berlin zählt augenblicklich zehn Gabelsberger’sche Vereine. Zahlreiche 
stenographische Arbeiten, Uebungshefte und vollständigeBücher sind vom 
Königlichen Stenographischen Institut zu Dresden, der einzigen Staats 
anstalt, die die Stenographie systematisehbetreibtund den verschiedensten 
Vereinen, Schulen und Lehrern ausgestellt. Wir sehen hier ferner 
die Gabelsberger’sche Stenographie im Dienste des Deutschen 
Kaisers, veranschaulicht durch photographische Aufnahmen be 
deutender Zeitereignisse, denen der Kaiser durch eine Rede eine 
besondere Weihe verliehen hat, wie z. B. der Nordostsee - Kanal- 
Feier, Grundsteinlegung zum Kaiser Wilhelm-Denkmal u. A. Einen 
historischen Werth besitzt ein Originalstenogramm des Kammer 
stenographen August Winter aus dem Frankfurter Vorparlament 
vom Jahre 1848. Winter war der Erste, der parlamentarische 
Stenographie betrieb und bediente sich dabei stets der Tinte und 
des Gänsekiels, während unsere heutigen Kammerstenographen be 
kanntlich mit dem »doppelt zugespitzten Bleistift« arbeiten. 
Gabelsberger’s Büste und sein Oelbild, nach dem Leben gemalt, 
vervollständigen die Ausstellung dieser Schule. 
Aehnlicher Art und nicht minder reichhaltig ist die Aus 
stellung des Verbandes Stolze’scher Stenographen. Auch hier grüsst 
zunächst die Büste des Meisters den Beschauer. Eine Original- 
handschrift Wilhelm Stolze’s in seiner Stenographie ist ausgestellt, 
und zahlreiche andere Stenogramme geben Zeugniss von der Ver 
breitung, welche auch dieses System über ganz Deutschland und 
namentlich in Berlin gefunden hat. 
Sein nächster Nachbar ist das System Arends, dargestellt 
durch verschiedene Ausstellungsobjecte des Centralvcreins Arends’scher 
Stenographen und des Arends’schen Stenographenvereins »Mercur«, 
welcher sein kunstvoll gesticktes Banner mit dem wohl getroffenen Portrait 
von Leopold A. F. Arends neben der Büste des Meisters auf 
gestellt hat. Hier fällt vor Allem die grosse Placatsäule auf, an 
welcher in spiralförmiger Windung eine Riesenleistung steno 
graphischer Kunst angebracht ist: der ganze erste Band des grossen 
deutschen Generalstabswerkes vom deutsch - französischen Kriege 
1870/71, behandelnd die Zeitepoche vom Beginn der Feindselig 
keiten bis zur Schlacht von Gravelotte. In ganz kleiner und 
feiner Schrift, aber doch leicht lesbar für jeden kundigen Steno 
graphen, rollt sich das bedeutsame Geschichtswerk von der Spitze 
bis zum Fuss der Säule ab. Auch die Blinden-Stenographie hat 
in dieser Gruppe eine sehr interessante Darstellung gefunden durch 
das Original-Stenogramm eines damals dreizehnjährigen blind 
geborenen Knaben Namens Max Meier, welches im Centralverein 
Arends’scher Stenographen am 5. Juli 1882 mit einem Elfenbeinstift 
nach freiem Dictat des Director Arends geschrieben wurde und 
welches den Inhalt der ersten beiden Strophen aus Schiller’s »Ring 
des Polykrates« wiedergiebt. Endlich ist in dieser reichhaltig aus 
gestatteten Gruppe in sehr charakteristischer Form der Unterschied 
in der Flächenbenutzung für Currentschrift, Druckschrift und Steno 
graphie dargestellt. Dreimal in verschiedenen Grössen erscheint im 
Bilde ein stattlicher Löwe. Sein schönes Fell ist an der Seite 
durch eine weisse Fläche unterbrochen, auf welcher Ferdinand 
Freiligrath’s berühmtes Gedicht »Der Löwenritt« geschrieben steht. 
Der grösste Löwe ist natürlich erforderlich, um die kraftstrotzende 
Dichtung in Currentschiist in sich aufzunehmen; für die Druck 
schrift genügt schon der Körper eines kleineren Löwen, der aller 
kleinste aber ist für die , stenographische Niederschrift des 
Gedichts bestimmt. Der Arendsianer hat somit Anspruch, in Bezug 
auf geschickte Darstellung der Vorzüge seines Systems »der Löwe 
des Tages« zu sein. 
Der allgemeine Verband Roller’scher Stenographen stellte eben 
falls das Bild seines Meisters aus, um das sich die verschieden 
artigsten Uebungshefte gruppiren. Ein Meisterstück stenographischer 
Fertigkeit ist die Postkarte, welche auf ihrer zierlichen Fläche 
nicht weniger als acht Gedichte von Schiller mit 6386 Worten in 
Roller’scher Stenographie aufweist. 
Der Verband für vereinfachte Stenographie, System F. Schrey, 
stellte gleichfalls eine grosse Zahl seiner Schriftproben aus. Dieses 
System hat nach Angabe seiner Vertreter in der kurzen Zeit 
seines Bestehens Erfolge erzielt, wie sie vorher in gleich kurzer 
Zeit noch kein anderes System hat aufweisen können. Es hält 
sich für berufen und auserwählt, einmal das so sehnlichst gewünschte 
Einheitssystem zu werden. Auch hier lernt der Beschauer den Be 
gründer des Systems, den Vorsitzenden des Verbandes F. Schrey 
im Bilde kennen. 
Schliesslich ist noch die Ausstellung der Vertreter der Steno 
tachygraphie zu erwähnen, die den übrigen Gruppen an Reich 
haltigkeit und Vielseitigkeit nicht nachsteht. Besondere Aufmerksam 
keit erregt hier ein männliches Portrait, dessen Schattenlinien 
durch stenotachygraphische Schriftzeichen hergestellt sind. 
So hat jedes der sechs verschiedenen Systeme sein Bestes 
geboten und sucht durch ausgelegte Listen zum Einzeichnen füi 
seine Schule Propaganda zu machen und neue Mitglieder zu ge 
winnen. Zu wünschen wäre es, dass die Ausstellung auch dei 
Stenographie, gleichviel welchen Systems, eine noch grössere Ver 
breitung verschaffte. P. Kunzendorf. 
Eisenbahnbau und Signalwesen. 
Abth. Siemens & Halske. 
(Abdruck untersagt.] 
Eine hervorragende Rolle für das gesanimte internationale 
Verkehrswesen bilden die Sicherheitsvorrichtungen, welche dazu be 
stimmt sind, auf den Schienenwegen die Passagiere vor Zusammen- 
stössen und sonstigen Gefahren zu schützen. In erster Linie 
kommen hier die Central;AVeichenanlagcn und die Signalvorrich 
tungen in Betracht, in deren Herstellung sich die Firma Siemens & 
Halske einen bedeutenden Weltruf errungen hat. Aus diesem 
Grunde war wohl auch nichts naheliegender, als dass von der ge 
nannten Firma derartige Apparate auf die Ausstellung gebracht 
wurden. 
Der Ausstellungsplatz von Siemens & Halske befindet sich aut 
der gesperrten Treptower Landstrasse nächst dem Haupteingang.. 
Hinter einem gefälligen Holzbau haben die verschiedenen Signal 
apparate Aufstellung gefunden, während an der Hinterseite 
das Terrain durch eine Centralweichenanlage abgeschlossen ist. 
Es dürfte wohl angebracht sein, an dieser Stelle auf eine genauere 
Beschreibung der einzelnen Gegenstände einzugehen. 
In fast allen civilisirten Ländern werden die Weichen und 
Signalwerke in Verbindung mit den Siemens’schen Blockapparaten 
benutzt, da sie sich vorzüglich dazu eignen, durch Herstellung 
von Abhängigkeiten zwischen den Signalvorrichtungen und den 
Blockeinrichtungen der Weichen eine möglichst hohe Betriebs 
sicherheit zu erlangen. Die handlichen Weichenstellhebel sind mit 
Vorrichtungen versehen, welche bei einem unbeabsichtigten 
Ausschneiden der Weiche dies sofort signalisiren und ausser 
dem alle mit ihr in Verbindung stehenden Signale sofort in die 
»Sperr« - Stellung bringen, bis die Weiche wieder in Ordnung ist. 
Der Hebelverschluss geschieht durch Handfallen Verriegelung; durch 
eine sinnreiche Vorrichtung ist verhindert, dass von dem Weichen 
wärter eine gewaltsame Ausschaltung der Verschlussmechanismen 
erfolgt.
	        
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