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Periodical volume Nr. 46, 2. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Musstellungs- Nachrichten. n 
befeuchtet. Dieses Verfahren kann jedoch nicht regelmässig 
durchgeführt werden, da nasses Material sich zusammenballt 
und so ein richtiges Zermahlen zu Pulver verhindern würde. 
Man kann sich hier nurdarauf beschränken, die Mühlen unter 
ständiger strenger Aufsicht zu behalten, um von vornherein 
grössere Gefahren auszuschliessen. 
Greifen wir jetzt jedoch, bevor wir die weiteren Arbeiten 
betrachten, auf die Vorbereitung des zweiten Bestandtheils 
des Leinöls zurück. Das Leinöl kommt in rohem Zu 
stande in die Fabrik, wird sodann gereinigt und kommt 
weiter in den Oxydations-Apparat. Hier wird dasselbe durch 
andauernde Luftzuführung oxydirt, das heisst, es wird aus 
dem flüssigen Zustande in eine gelatineartige, feste Masse 
übergeführt. In der letzten. Gestalt kommt es in Misch 
maschinen mit dem fein gemahlenen Korkpulver zusammen 
und wird mit diesem hier vollkommen innig zusammen 
gemischt. Hier wird auch das Farbenpulver beigefügt, wel 
ches in den drei Farben grün, roth und braun, zur Verwen 
dung kommt. Durch die vorgeschriebenen Manipulationen 
ist die eigentliche Linoleummasse hergestellt, und erübrigt 
es nun noch, dieselbe auf eine passende, zum Zusammenhalten 
bestimmte Unterlage aufzutragen. Letztere wird durch ein 
Jutegewebe gebildet, welches in den meisten Fällen zur Er 
langung grösserer Haltbarkeit mit Firniss imprögnirt wor 
den ist. 
Dieser Stoff wird durch einen Kalander geführt, in wel 
chem die fertige Linoleum-Masse gleichmässig durch 
trichterförmige Zuleiter auf die Jute aufgetragen und mittels 
zweier Presswalzen, welche je nach der Stärke des Linoleums 
verstellbar sind, festgepresst wird. Nun ist das gewöhnliche 
Linoleum fertiggestellt. Zum Trocknen wird es vom Kalan 
der aus in den Trockenraum übergeführt. Letzteres ist ein 
Raum von der Höhe eines mittleren Miethhauses; im oberen 
Theile befinden sich mittels Maschinerie in Bewegung ge 
setzte, eiserne Träger, über welche das Linoleum gehängt 
wird. Nach vollkommener Austrocknung wird dasselbe mit 
tels Windevorrichtung nach oben aufgerollt und hier rollen 
weise zum Verkauf und Versand fertig aufgespeichert. 
Dieses ist die ganze Herstellung der einfachen, roth, 
braun oder grün gefärbten Linoleumarten. Sollen jedoch 
gemusterte Teppiche oder Läufer hergestellt werden, so ist 
der Process hier noch nicht beendet, sondern es tritt noch die 
Druckerei in Thätigkeit, Die einfachen parkettartigen 
Muster werden durch eine Druckmaschine, ähnlich den Ro- 
tationsmaschinen der Zeitungsdruckereien, geführt und er 
halten hier die ihnen zukommende ein- oder mehrtönige Oel- 
farbenprägung. Handelt es sich jedoch um Blumenmuster, 
so ist die Arbeit schon bedeutend schwieriger. Hier können 
keine Maschinen eintreten, sondern man ist, um eine saubere 
Arbeit zu erzielen, vollkommen auf die Ausführung mit der 
Hand angewiesen. Für jede einzelne Farbenabtönung ist 
eine besondere. Druckform vorhanden, so dass bei einem ge 
wöhnlichen Teppichmuster im Durchschnitt acht verschie 
dene Formen in Gebrauch genommen werden müssen. Jede 
einzelne Form besteht aus einer ungefähr j qm. grossen 
Holzplatte, auf deren Unterseite sich die entsprechenden 
Gravirungen befinden. Für jede Form ist ein besonderer 
Arbeiter erforderlich, welchem zwei Lehrlinge beigegeben 
sind. Die Letzteren haben nur die Aufgabe, die Druckplatten 
mit der Farbe zu versehen und sie dem Drucker zuzureichen. 
Das zu bedruckende Linoleum kommt aus der Trockenkam 
mer. Auf langen Tischen liegt es ausgebreitet. Jeder 
Drucker steht mit seiner Form bereit. Die erste Form wird 
sodann aufgepresst. Sobald dieses Formbild bei Weiterbe 
wegung zum zweiten Drucker gelangt, presst derselbe seine 
zweite, anders gefärbte Form auf und so geht es weiter, bis 
bei dem letzten Drucker der fertige Linoleumteppich zum 
Vorschein kommt. Nach Beendigung des Druckgeschäftes 
wird das Linoleum nochmals einem Trockenraum übergeben. 
Nach dem Verlassen des Letzteren wird es aufgerollt und 
versandfertig nach dem Lagerraum geschafft. 
Fertige Producte dieser Art, ebenso wie die chematisch 
dargestellte Herstellungsweise, sowie die Rohmaterialien sind 
in reicher und vorzüglicher Ausführung auf dem Ausstel 
lungspodium der Rixdorfer Linoleumfabrik, gleich am Ein 
gang der Gruppt III, zu finden. Es kann jedem Besucher 
nur empfohlen werden, diese Producte zu besichtigen. 
G. Jacob. 
Der Besuch der Ausstellung im Mai. Vor 
einiger Zeit wusste eine hiesige Zeitung zu erzählen, dass in der 
Ausstellung der millionste Besucher festgestellt worden sei. Die 
Nachricht ist eine verfrühte gewesen. Der Mann oder die 
Frau, welche diesen Markstein in den Kassenrapporten der 
Ausstellung darstellen werden, dürfte sich erst gestern ein 
gestellt haben oder wird vielleicht erst heute kommen. Wenn 
gleich bis jetzt genaue Angaben über den Besuch der 
Ausstellung nicht veröffentlicht worden sind, so ist doch allgemein 
bekannt, dass der 31. Mai mit einer Ziffer für zahlende Besucher, 
welche ganz nahe an die Million heranreicht, abgeschlossen 
hat. Nachdem vor einiger Zeit veröffentlichten Etat rechnet 
die Ausstellung nun mit einerGesammtbesucherzahl von l l / 2 Millionen. 
Das würde auf die 165 Tage der Dauer der Ausstellung ver 
theilt, pro Monat etwa 1 350 000 Besucher ausmachen. Bei 
flüchtigem Betrachten dieser Ziffern könnten nun Uneingeweihte zu 
der Ansicht kommen, dass der Besuch des Monats Mai hinter den 
Erwartungen zurückgeblieben ist. In Wahrheit ist das nicht der 
Fall. An der Hand der Erfahrungen bei sämmtlichen Ausstellungen 
seien dieselben nun localer Natur oder seien sie in dem denkbar 
weitesten Rahmen veranstaltet gewesen, lässt sich die Thatsache 
feststellen, dass die Besucherzahl mit der Dauer der Ausstellung 
eine immer stetig fortschreitende gewesen ist. Die Ausstellung 
in Chicago hatte in den ersten Wochen Tage zu verzeichnen, an 
denen nicht 5000 Besucher da waren und konnte im September 
Tage mit 750 000 Besuchern aufweisen. Indem der Berliner Etat 
von 7V 2 Millionen Besuchern spricht, giebt er nirgends klugerweise 
eine Handhabe zu der Annahme, dass dieselben sich nunmehr gleich 
mässig über alle Monate vertheilen sollen. Der Monat Mai war 
bis zum 22. durchweg trübe, kalt und regnerich. In Berlin selbst 
war bekannt, dass die Ausstellung, trotzdem sie fertiger war als 
viele anderen, noch manche Lücken aufzuweisen hatte, und 
viele hatten es daher nicht allzu eilig, sofort hinauszugehen. 
Abends nach 5 Uhr die Ausstellung noch zu besuchen, erheischte 
bei der winterlichen Kälte einen gewissen Wagemuth. Die Reise- 
Saison zeigte noch nicht die leisesten Spuren eines Anfanges. 
Die ersten Extrazüge nach Berlin wurden, und ebenfalls in be 
schränkter Anzahl, erst an dem Tage vor Pfingsten abgelassen. 
Trotzalledem schliesst der Monat Mai, der erst in seinem letzten 
Drittel erträglich und erst in den letzten fünf Tagen so erfreulich 
wurde, dass er sein Attribut, der Wonnemonat zu sein, verdiente, 
mit einer Ziffer ab, die als eine geradezu erstaunlich günstige 
bezeichnet werden muss. Es würde verwegen sein, den Propheten 
zu spielen, aber wenn man bedenkt, dass jetzt erst die eigentliche 
Reise-Saison einsetzt, dass jetzt erst die Abende einladend werden 
und somit die eigentliche Besuciiszeit für alle diejenigen, welche 
den Tag über thätig sind, nutzbar gemacht wird, wenn man be 
rücksichtigt, dass die Ausstellung von Tag zu Tag in grösserer 
Schönheit prangt und ihre Anziehungskraft immer unwiderstehlicher 
wird und endlich, dass jetzt eine Million Menschen vorhanden ist. 
von denen jeder ein Lobredner der Ausstellung geworden ist, so 
darf man wohl annehmen, dass die Million Besucher im Mai ein 
grosser Erfolg ist. 
Die wissenschaftlichen Vorträge, die allabendlich 
um 6 Uhr im Hörsaal des Chemie-Gebäudes abgehalten werden, 
und für die bisher ein Entree von 50 Pfennigen erhoben wurde, 
können von heute ab unentgeltlich besucht werden. 
o 
Zur Abwehr. Die Ausstellungsleitung hat es sich zur unver 
brüchlichen Aufgabe gemacht, sich in die Kritik über die Ausstellung 
in keiner Weise einzumischen. Sic hält es für das unantastbare
	        
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