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Periodical volume Nr. 46, 2. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
9 
Die Wunder der Gruppe IX. 
(Abdruck untersagt ] 
Als der berühmte englische Elektriker Faraday in seinem 
achtzigsten Lebensjahre von einem Neuling gefragt wurde: »Sagen 
Sie, Professor, was ist nun eigentlich Elektricität?« da gab er zur 
Antwort: »Sir, als ich so alt war wie Sie, wusst’ ich es ganz 
genau, heute weiss ich es nicht mehr.« 
Aehnlich ergeht es einem mit der Chemie, der Wissenschaft 
von den Elementen, ihren Kräften und Eigenschaften, einer Wissen 
schaft also, die man noch zur Zeit der Reformation als Schwarz 
kunst bezeichnete und deren Adepten mit hohen Mützen, an denen 
cabbalistische Zeichen standen, umherliefen und froh waren, wenn 
sie irgendwo einen Fürsten fanden, der sie duldete und ihnen in 
der Hoffnung, dass sie ihm aus Blei Gold machen würden, einen 
Unterschlupf in einem Schlosswinkel gewährte. Es wär ein solcher 
»Alchemist«, der das Porzellan erfand. Und seitdem haben sie 
sehr vieles andere erfunden, haben die Welt umgestaltet, haben aus 
allen möglichen Stoffen Gold gemacht, nur nicht in dem Sinne 
der bedürftigen Fürsten der guten, alten Zeit. Was machen sie 
nicht z. B. aus dem ehedem so verachteten Kohlentheer und anderen, 
den ammoniakalischen Abgängen der Gasfabrikation! Unter der 
langen Reihe dieser Stoffe befinden sich viele, die in der That nun 
mit Gold ausgewogen werden, jedenfalls sind alle diese Theer- 
producte oder Derivate Goldes werth. Der Umstand allein, dass die 
Chemie sich dieser und ähnlicher Abgänge bemächtigt hat, würde 
genügen, um die grossen Städte zu Mittelpunkten der chemischen 
Industrie werden zu lassen, abgesehen davon, dass die Production 
sich auch nach Möglichkeit an die Stätten des Consums beranseluebt. 
Und der Consum Berlins an chemischen Fabrikaten zur industriellen 
und häuslichen Verwendung findet kaum seines Gleichen irgendwo 
in der Welt. Es ist daher erklärlich, dass die Zahl der Aussteller 
auf diesem Gebiete eine verhältnismässig grosse ist und dass alle 
die Betriebe selbst von weltumfassender Bedeutung sind. Dazu kommt, 
dass diese wiederum andere Productionszweige in’s Leben gerufen 
haben, die ihren Bedarf an Instrumenten, Apparaten und Hilfsartikeln 
decken oder ihre Produete weiter verarbeiten und veredeln. Eine 
genaue Scheidegrenze lässt sich da kaum ziehen. Es ist aber 
rathsam, die gegebene Abgrenzung zu acceptiren, wie sie uns als 
Gruppe IX in der Ausstellung vor Augen steht. Es sind in dem herrlichen 
Grisebach’schen Gebäude für Chemie, Optik und Mechanik, welches 
zunächst dem Hauptportal an der Spreeseite der Treptower Chaussee 
gelegen ist, 117 Aussteller dieser Kategorie vereinigt worden, deren 
Namen zu den vornehmsten Berliner Firmen gehören, während wir 
die Zahl der chemischen Haupt- und Nebenbetriebe unserer Stadt 
wohl auf 500 veranschlagen können. Ein Uriheil über das rasche 
Wachsthum dieser Industrie lässt der Vergleich zu, dass die Zahl 
der ausstellenden Finnen sich seit der Gewerbe-Ausstellung 1879 
verdoppelt hat. Bei der ersten Ausstellung 1844 gab es deren gar 
nur vier. 
Die Frage, was ist die Chemie, beantwortet sich am besten 
durch eine Betrachtung ihrer Wunder. Für uns ist sie 
die Mutter der Millionen oder Milliarden, welche durch 
die chemische Industrie hervorgebracht worden sind, indem sie, 
wenn auch nicht Blei in Gold, so doch gemeine Stoffe in 
hochverwerthbare umsetzt oder verwandelt. Es geschieht dies auf 
den modernen Wegen der Synthese oder richtiger gesagt 
der Abspaltung und Ergänzung abgespalteter Atome durch andere, 
einem Wege, den ganz besonders unser verewigter ProfessorA.W.v. Hof 
mann gangbar gemacht hat, mit ihm Professor Runge, die 
Entdecker des Anilins und der Anilinfarben, die Professoren Lieber 
mann, Tiemann, Bayer, Grebe, welche die Fabrikation 
einer grossen Zahl von werthvollen Präparaten aus Theer, Ammoniak 
u. s. w. durch ihre mühsamen Arbeiten im Laboratorium ermög 
lichten und eine ganz neue Technik geschaffen haben. In jenen 
Rohstoffen besitzen wir complicirte Atomgruppen, aus denen sich 
der intelligente Chemiker die ihm passende Gesellschaft, das was er 
Typen nennt, heraussucht und auch auf’s neue verbindet. Der 
Begriff »Element« hat dem des »Typus« weichen müssen, und 
unsere Vorstellungen von dem Wesen der Körper, ihrer Consti 
tution, sind in neuerer Zeit völlig andere geworden. Die Eigen 
schaften der Grundmaterien werden immer mehr auf die Anordnung 
der Gruppirung ihrer' Moleküle zurückgeführt, und da man diese 
Anordnung zu beeinflussen vermag, so hat sich die chemische 
Technik auf eine gewaltige Erweiterung ihres Wirkungskreises ein 
gerichtet. Nicht sowohl das Was, sondern das Wie, der Weg. 
wie man zur Herstellung der erstrebten Anordnung oder Gruppirung 
der vier oder fünf Urstoffe, um die es sich dabei handelt: Kohle, 
Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, gelangt, und sie mit Chlor, 
Brom, Jod, Schwefel etc. verbindet, ist Gegenstand der Forschung, der 
Erfindung und Patentirung geworden, und alle diese Typen und 
Anordnungen führen seltsame Namen, von denen sich die Schul 
weisheit unserer jungen Tage nichts träumen liess. Es war damals 
schon viel, wenn man wusste, dass das gemeine Kochsalz mit dem 
gelehrten Chlornatrium identisch sei, oder vielmehr mit dessen 
Hydrat. Und einem schwindelt ein wenig der Kopf, wenn man 
sieht, wie eine ganz gemeine Verbindung der oben erwähnten vier 
Elemente beispielsweise heut zu Tage salicylsaures Antipyrin ge 
nannt wird, sich C., H 12 N 2 0. C 7 H 6 0 3 schreibt, anstatt einfach 
zweimal C 9 H g N, 0 2 , wie dies in der guten alten Zeit der 
quantitativen Analyse der Fall gewesen sein würde, die sich doch 
auch schon einbildete, hoch erhaben über den Phlogistikem und 
Aristotelikern zu stehen. Noch kommt dazu, dass solche Vergruppirungen 
nun durch Patente in allen Culturstaaten geschützt sind, als alleinige 
zuverlässige Mittel gegen den bösen Influenzabacillus und andere 
Mikroorganismen. Aber das ist ja noch gar nichts. Man denke 
an die Phenetolcarbamide, nach Schemap, gemeinhin Dulcin, 
der patentirte Süssstoff der Firma J. D. Riedel, ferner an das auf 
Actien fabrieirte Sehering’sche Fucaln, eine ganz neue Sache, 
die der moderne Chemiker von Profession nur unter folgender 
Formel zu denken vermag: Benzoylmethyltetramethyl-v-piperidin- 
carbonsäuremethylaether, und die doch eben auch wieder weiter 
nichts ist als eine neue Vergesellschaftung von eben jenen 
vier Elementen, aus denen auch Holz, Kohle, Torf Petroleum, 
kurz alles Brennbare, aber auch alles Essbare, z. B. 
Zucker, Kartoffeln und Blumenkohl bestehen. Und alles dies Un 
aussprechliche wird nun aus Theer gemacht, in welchem (aber 
richtiger in der Steinkohle) wir eine vegetabilische Vorrathskammer 
erblicken müssen, die in den Urzeiten früherer Schöpfungsperioden 
von der Natur unter fleissiger Mitwirkung der Sonne für den Ge 
brauch unserer synthetischen Chemiker angelegt worden ist. Denn 
die Sonnenkraft ist zugleich die chemische Kraft und wurde von der 
überreichen Vegetation jener Zeit verbraucht und in latenter Form 
condensirt. Ja, sogar die Farben jener Urzeit, welche vielleicht 
hypertropische Blumen kleideten, feiern nun als Anilin ihre 
Wiedergeburt und erglänzen noch einmal in den hocheleganten 
Kleidern holder Damen oder auf den Coulissen des Olympia-Theaters. 
Und steht es mit dem Ursprung der verschiedenen Duftstoffe etwa 
anders? Ist nicht auch ihr Grundtypus, die Benzoesäure, ein Kind 
der organischen Vorwelt? Was wäre Treu & Nuglisch u. s. w ohne 
jene Vorarbeit früherer Aeonen? 
Das ist die moderne Chemie oder doch ein Stückchen davon, 
denn ihr Inhalt ist damit noch nicht annähernd erschöpft. Es giebt 
ja kaum eine Technik, die nicht aus ihrer Vorrathskammer schöpfte 
und ihre Methoden befolgte. In dieser Beziehung ist sie all 
umfassender als selbst das römische Recht. Zahllos sind die chemischen 
Produete für technische, medicinische und für wissenschaftliche Zwecke 
und zahlreich sind die Wege, auf denen sie gewonnen werden. 
Eine ganze Kategorie wird z. B. neuerdings auf rein mechanischem 
Wege hergestellt. Ich meine die durch Compression, durch Druck 
und Kälte gewonnenen flüssigen und coudensirten Gase aller Art, 
unter welchen die Kohlensäure allein eine ganze Industrie re- 
präsentirt, abgesehen von Lachgas, Acetylen, Sauerstoff u. s. w. Die 
selteneren Erden und Metalle fangen an, eine ungewohnte Rolle zu 
spielen, z. B. bei der Gasbeleuchtung das Thorium, beim Eisen 
das Wolfram, von dem gemeinen Thonmetall Aluminium gar nicht 
zu reden, und die Elektrolyse zaubert Stoffe hervor, wie das Carbid 
des Calciums oder Kalkmetalls, dessen Bedeutung sich nicht ab 
sehen lässt. 
An diese vielgestaltige Welt schliesst sich nun die Technik 
für die Technik, die alle Tage sich vervollkommnende Herstellung 
der Apparate für die qualitative, quantitative, die Spektralanalyse 
— wo hört die Chemie auf und wo fängt die Physik an? — als 
allerneueste z. B. diejenige für die Erzeugung von X-Strahlen, 
mit deren Hilfe man die organischen Körper durchschaut, als wären
	        
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