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Periodical volume Nr. 45, 1. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

14 Officielle Äusstellungs-Nachrichten. 
Der Lokalton ist damit glücklich getroffen. Ein paar Seiten 
weiter finden wir eine wendische Inschrift, dann eine lateinische; 
griechische, englische, selbst japanische Eintragungen wechseln ab 
in diesem merkwürdigsten aller Ausstellungs-Fremdenbücher. Kurz 
und nett hat sich ein Fahnenjunker der Pankgrafschaft von 1381 
mit den Worten verewigt; »Für Kaiser und Reich!« gleich nach 
ihm ein netter Junge mit einem Gedicht, so also anfangt: 
„Mit zwei Chansonnetten, zierlich und fein!“ 
da weiss man gleich anfangs, woran man ist. 
Nicht ungewandt drückt sich ein bezechter Bremenser aus: 
Das Herz umflort, der Sinn ergraut, 
So hab’ ich in dieses Heim geschaut. 
Getrunken hab’ ich Bauernbier 
So lang’, bis mich die Sinne schier 
In eine and’re Welt versetzt, 
Wo ich noch selig bis zuletzt 
Den letzten Batzen hab’ verzecht. 
Neben dem Erbprinzen von Sachsen-Coburg und dessen Ge 
folge, dem Grafen von Schweinitz, Grafen Douglas, dem Gouverneur 
von Kamerun von Zimmermann, den Afrikareisenden Freiherrn von 
Mylius und Freiherrn von Romberg finden wir die Namen einer 
grossen Anzahl von Mitgliedern des Kölner Männergesangvereins 
und des grossen amerikanischen Milchmannes und Millionairs 
Mellin aus London, ferner Reichstags- und Landtags-Abgeordnete, 
Officiere und hohe Beamte, Holländer, Engländer, Oesterreicher und 
Amerikaner. ■■ 
Aber auch sehr originelle und zuweilen recht gut ausgeführte 
Bleistift- und Federzeichnungen, ja Aquarelle sind in diesem 
Fremdenbuch, darunter ein schöner Bismarckkopf, dann in bunter 
Reihe eine Ansicht von Köln a. Rh., eine Liebesscene, ein Vieh- 
stück, ein Mariastück, eine Karikatur, eine Scene aus einem Nacht 
cafe, zechende Studenten, jodelnde Tiroler, Gigerl, Landsknechte zu Fuss 
und zu Pferde, Strandscenen, eine Touristin auf Stelzen und ein paar 
flüchtige stimmungsvolle Landschaften, alles improvisirt, aber nett. 
Selbst ein Candidas der Theologie hat einen wirklich poetisch 
empfundenen Frühlingsgrass eingeschrieben. So im Fremdenbuch der 
Bauernschänke in Alt-Berlin. Etwas anders sieht es im Fremdenbuch 
der Riesengebirgsbaude aus, die sich in schwindelnder Höhe von 
nahezu 5 Metern auf den künstlichen Felsen des Vergnügungsparks 
erhebt. Gleich auf den ersten Seiten finden wir die Namen öster 
reichischer Officiere verzeichnet. Nicht ganz unrecht hat der 
Schreiber der Zeilen: »Wer mit seiner Frau reist, hat dreifache 
Kosten und halbes Vergnügen!« Ein boshafter Mensch bemerkt 
gleich dahinter: »Leime leiden, ohne zu klagen!« Viele Berliner 
besingen die schlesischen Berge. Ein zärtlicher Bräutigam singt 
sehnsuchtsvoll : 
Spindelmühl, Spindeimüh; 
Sei der Hochzeitsreise Zie! 
Wiesenbaus, Wiesenbaus 
Jungen Glückes traute -Klaus’- 
Lcbe wohl, Gott dich behüt, 
Uns jetzt’s nach dem Heimchen zieht. 
Bruder Studio singt: 
Wem Gott will rechte Gunst erweisen, 
Dem schenke er viel Geld zum Reisen. 
Luise F . . theilt mit, dass sie hier den urfidelsten Tag 
ihres Lehens verbrachte. Man möchte dabei gewesen sein. 
Im Fremdenbuch der Baude haben sich überhaupt viele Damen 
verewigt. 
Auguste schreibt: In diesen schönen Räumen möcht' mein 
Leben ich verträumen. Darunter die nicht neue, aber passende Be 
merkung: Unsinn. Auguste, beirathen musst I)e.« 
Hier ist die Ausbeute noch nicht gross, weil das Buch erst 
seit Kurzem angelegt ist. 
Auch die Conditörci am Markt in Alt-Berlin hat sich ein 
Fremdenbuch geleistet. Hier ist an einer langen Kette eine Gänse 
feder befestigt, deren sich Fürst Bismarck viele Jahre hindurch auf 
seinem Schreibtisch bedient haben soll. 
Bismarckfreundliche Besucher haben sieh mit nachstehenden, 
besser gemeinten als gereimten Strophen in dem Buch verewigt: 
W eil Bismarck 's „Federvieh“ gefiel. 
Drum schrieb er mit ’n Gänsekiel. 
Den nehisd ich ehrfurchtsvoll zur Hund. 
.Schreib’ Namen, Heimath auf und Staats 
Dass männiglich man hier kaun lesen: 
„Ich bin in Alt-Berlin gewesen.“ 
Ein anderer Berliner stiftete folgenden Vierzeiler: 
Mit Bismarck's Feder schrieb ich mich 
In’s Gästebuch hier ein, 
Doch drum wird weder Er noch ich 
Ein „Freund der Feder“ sein. 
Zum Schluss sei der poetische Erguss mitgetheilt, zu dem eine 
Urberlinerin, begeistert von Chocolade und Kuchen, sich hin- 
reissen liess: 
„Berlin is schön, Berlin !s jross — 
Und Alt-Berlin is kleener; 
Dafür is aber hier mehr los, 
Drum ruf ich: Uns kann Keener.“ 
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An allen Vergnügungs orten gab es am gestrigen 
Sonntag nur fröhliche Gesichter. In den Strassen von Alt- 
Berlin drängte sich das Volk von heute, das Gefallen fand an 
den Tänzen der Italiener, an den Volksliedern der Oesterreicher 
und an dem derben deutschen Humor im Bauernmuseum, aus dem 
alle fünf Minuten ein überflüssiger Gast hinausbefördert wurde, um 
alsdann die unten im Bauernkeller herrschende harmlose Gemüth 
lichkeit. zu preisen. Die Tänze der Italiener, die 
Volkslieder der Oesterreicher und der Humor der Ur- 
Berliner ergaben eine Art Dreibunds-Lustigkeit, die, nach 
Dreihundart immer erneuert wurde. Von Alt-Berlin nach dem 
Vergnügungspark ist jetzt durch die Stufenbahu ein ulkig 
ernster Uebergang gefunden. Vor der Welfmusik endet die. Stufen- 
bähn und beginnt das lustige Treiben im Vergnügungspark, in 
welchem neben dem orientalischen Labyrinth das Eismeerpanorafixa, 
neben den vortrefflichen Künstlern und Künstlerinnen des Theaters 
Alt-Berlin und des American-Theaters auch die Hagenbeck’schen 
civilisirten Bestien vollauf gewürdigt wurden. Ueber all’ 
der Herrlichkeit und Lustigkeit schwebte in seiner stolzen 
Aufgeblähtbeit der Fesselballon, der ganz besonders die 
Neugier und das Interesse des Sonntagspublikums erregte. Kairo 
mit seinem orientalisch europäischen Mischmasch, mit seinen 
Wunderbauten und glänzenden Aufzügen, mit seiner geräuschvollen 
Fröhlichkeit und seinem bunten, charakteristischen Treiben, in dem 
der harmlose Uebermuth des Berliners sich mit der pfiffigen 
Lustigkeit des Orientalen vereint, lockte auch gestern die Sonntags 
pilger zu Tausenden an. Im Alpenpanorama hatte der Tiroler 
Pförtner mit dem Bergstock trotz seiner kernigen Gestalt seine 
liebe Notb, die Aufstieg- und Auffahrtgäste nach links 
und rechts zu leiten und ihnen betreffs der Cigarren auf 
die Hände zu sehen. Unten ging es hinein und vom 
Söller des alten wälsehen Schlosses ging es hinab -— ein ewiger, 
rastloser Strom von befriedigten Besuchern des Zillerthales. — Auch 
das Theater Alt-Berlin hatte gestern erfreulicher Weise seinen 
bon jour, und mit dem Volksjubel auf der Bühne vereinten sich 
die-Böllerschüsse der beliebten Marine-Schauspiele, welche dem 
Theater Alt-Berlin hin und wieder nachbarliche Grttsse donnernd 
hin übersenden. Die Vergnügungsstätten erfüllten gestern ihren 
Beruf nicht allein den Gästen, sondern auch den Unternehmern 
und Pächtern gegenüber, welche vergnügte Gesichter sehen und 
auch machen konnten. A. II—ck. 
» 
Die elektrische Schlittenbahn in der Ausstellung 
Nordpol wird am Mittwoch ihre Fahrten durch die Schnee- und 
Eisregionen, die sich längs der grossen Brücke zum Ausstellungs 
balmhof ausbreiten, beginnen. Gestern Nachmittag fanden zahl 
reiche Probefahrten statt, welche zu voller Zufriedenheit der Ingenieure 
.verliefen. Die Stromzufülirung geschieht von der elektrischen 
Station in Kairo; jeder Schlitten führt unter den Sitzen einen 
elektrischen Motor mit sich zur Auffahrt, während die Thalfahrt ohne 
Motor auf abschüssiger Bahn pfeilschnell vor sich geht. Eine Gefahr 
ist vollständig ausgeschlossen, da der Schlitten schon lange vor der 
Endstation durch Holzblöcke, welche längs den Schienen liegen, 
gebremst wird. Von einem hohen Eisberge aus hat man einen 
schönen Rundblick auf Alt-Berlin, die rechte Wandelhalle und die 
grosse Brücke. In den Grotten unter dem Eisberge soll ein 
Restaurant eingerichtet werden, ausserdem stehen die Unternehmer 
des Nordpols mit einem amerikanischen Schausteller in Unter 
handlung, der hier in den Eishöhlen eine ganz eigenartige 
Attraction ausstellen will.
	        
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