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Periodical volume Nr. 45, 1. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

DfficieTle Ausstellungs - Nachrichten. 
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»Nicht Pfui sagen, wenn Dir etwas nicht recht ist, das ist 
kleinstädtische Geziertheit. « 
»Aber ich hasse todte Katzen.« 
»Das wird denen ziemlich dasselbe sein. In diesem Falle 
ist die Katze das ausgestopfte Motto eines stilvollen Bttrgerbräu- 
Ausschankes in Bauernmanier und kletternder Weise am Vorgiebel 
angebracht, also durchaus nicht Pfui sondern charakteristisch für 
den Volksmund, der stets mit unerwarteter Sofortigkeit das 
Besonderliche in Worte formt.« 
Ich konnte nicht umhin, ihr diesen kleinen Erziehungs-Schupps 
zu verabreichen, weil sie ihre schiefen Urtheile zur Unzeit heraus 
schleudert und dadurch sich selbst zum Stein des Anstosses macht, 
ja ich hielt es für Pflicht, bändigend einzugreifen, wie Goethe so 
treffend in Mey & Edlich’s letztem Abreisskalender schreibt:» Wenn 
wir die Menschen nur nehmen wie sie sind, so machen wir sie 
schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie 
sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen 
sind.« — Unser vorjähriger war mit Kochrecepten versehen, aber 
weil die Zuthaten meist in die andere Jahreszeit fallen, haben sie 
als Morgenandacht keinen' sittlichen Werthj wogegen man Sprüche 
und Lebensregeln ohne weitere Vorkehrungen benutzt. Dazu sind 
ja auch die Dichter und dergleichen. 
Ottilie schien von ihren Obliegenheiten entweder keine Ahnung 
zu haben oder keinen Gebrauch machen zu wollen, es kann auch 
sein, dass sie Berlin mehr für eine Amüsirerholung hält als für 
ein Arbeitsfeld. Oder hatte sie sich mich scherzhaft gedacht, als 
sie auf meine Vorschläge einging, an den Ausstellungsberichten mit 
all’ ihren wissenschaftlichen Kräften thätig zu sein und dafür an 
gemessen entschädigt zu werden, nicht nur durch Kost und 
Unterkommen und rücksichtsvolle Behandlung, sondern auch 
durch Honorarantheil an dem schriftstellerischen Erwerbe. Man 
nimmt doch keine Waschfrau, um die Arbeit selbst zu thun. 
Von Ottilie verlange ich ja nicht das Gröbste — das kann 
ich von alleine — sondern das wissenschaftliche und Gondoliere 
sind nicht wissenschaftlich. Deshalb regte es sich in mir. 
»Man kann aber auch,« fuhr ich fort, »östlich gehen, leicht 
abschwenken und durch echt märkische Sandpfade nach Alt-Berlin 
gelangen. Hast Du den Weg?« 
»Wo ist südöstlich?« 
»Die Himmelsgegenden recognosciren wir mit dem Compass.« 
»Geht das?« 
»Nun natürlich. Auf Beisen in Italien und im Orient fand 
mein Karl die Wege stets mittels Compass und Plan; diese Kunst 
ist ebenso einfach, wie unfehlbar, wenn man sich nicht irrt, und im 
Treptower Park durchaus nothwendig, sobald das Dickicht sich 
so belaubt, dass selbst das Auge der Polizei nicht durchdringen kann, 
um Jemand zu entdecken, der heimlich den Bleistift zieht und 
schreibt oder verbotene Zeichnungen aufnimmt oder vielleicht 
photographirt, worauf so gut wie Todesstrafe steht. Es ist nämlich 
jegliches verpachtet und unerlaubt; deshalb Vorsicht, Ottilie, dass 
Dich die Wärter nicht anschnauzen, von denen, dem Ton nach zu 
urtheilen, viele auf der Unterofficier-Akademie geschliffen wurden. 
Wir kennen schutzmännische Strenge in Berlin durch Gewöhnung, 
der Fremde könnte sie aber leicht für Grobheit halten, weshalb er 
gut thut, jedesmal, wenn ihn das Donnerwetter regiert, vertrauensvoll 
zu denken, es geschieht zu seinem Besten Und dann ist es auch so.» 
Ottilie verstand dies nicht bis in die äussersten Fasern, weil sie bei 
sich zu Hause ja auch keinen Reichstag haben, wo täglich Gesuche 
um Verleihung gesetzlicher Unselbstständigkeit und um schneidige 
staatliche Lenkung des Einzelnen in den verschiedensten Geschäfts 
zweigen laut vorgelegt werden. Was kümmert sie sich z. B. darum, 
wann Ladenschluss ist, da sie ihr Täfelchen Choeolade einem Auto 
maten auch noch nach achten entreisst? 
< »Du kennst doch einen Compass?« kehrte ich zu unserem 
Gegenstand zurück. 
^■ »Und wie; sehr genau. Das heisst; im Examen hab’ ich ihn 
gehabt — — — in der Hand noch nicht. Er wird im Norden 
mm Nordpol angezogen und im Süden vom Südpol und war schon 
bereits im Jahre 2133 vor unserer Zeitrechnung den Chinesen be 
kannt. « 
»Vergiss die Jahreszahl nicht, die gebrauchen wir in unseren 
Berichten. Die Leute sollen sich wundern. Selbst nachgezählt 
Ȋst Du wohl nicht? Ich meine blos, wenn Einer es noch genauer i 
weiss und verlästert uns nachher öffentlich — das möchte ich 
Onkel Fritzens wegen nicht. Der höhnt gleich. Aber Du bist ja 
darauf geprüft.« 
»Wenn eine Kanonenkugel mit der Fluggeschwindigkeit von 
fünfhundert Meilen in der Stunde sich von der Erde auf den 
nächsten Fixstern zu bewegt, erreicht sie denselben erst nach vier 
Millionen fünfmalhunderttausend Jahren,« sägte Ottilie rasch und 
flicssend. 
»Hilf daran denken, wenn wir über das Biesenfernrohr 
schreiben, obgleich ich für meine Person es für Unsinn halte nach 
den Sternen zu schiessen, es sei denn aus rein wissenschaftlichen 
Zwecken. Da geschieht ja manches. — Hier hast Du den Compass, 
nun suche zunächst Norden.« 
Die magnetische Nadel machte ihr Spass, aber sie konnte sich 
nicht daraus vernehmen und je mehr ich ihr es auseinandersetzte, 
um so weniger fasste sie es, bis ich zuletzt ebenfalls das feinere 
Unterscheidungsvermögen verlor. Auf Reisen war es ja auch haupt 
sächlich mein Karl, der gleich die Richtung heraus hatte. »Ottilie«, 
sagte ich deshalb, »in unseren wissenschaftlichen Abhandlungen 
gehen wir um das Magnetische bogenartig ausweichend herum. Im 
Park kann man am Ende jemand fragen, der Bescheid weiss. 
Auch stehen an vielen Orten Wegweiser.« 
»Entzückend!« rief Ottilie, und legte den Compass weit weg. 
»Ob wir nun Alt-Berlin besuchen, das eine Stadt für sich ist, 
oder den Vergnügungspark, der ebenfalls eine Stadt ist, oder die 
Deutsche Colonial-Ausstellung, die einen afrikanischen Staat bildet, 
oder hieranschliessend die Ost-Afrika- und Kamerun-Dörfer, sowie 
die Festung Qui-quurru-quasikki, das ergiebt sich aus den je 
weiligen Umständen. Die Berichte müssen umschichtig gelingen. 
Erst die Haupthalle, dann der Verein für Feuerbestattung, dann 
meinetwegen Unterricht und Erziehung, hierauf Hagenbecks Affen 
paradies, das sich an das kindliche schliesst. Gasindustrie kann 
mit Gärtnerei abwechseln, dann nehmen wir die Schiffe, die Volks 
wohlfahrt, die grösste Kanne, Fischerei, Stufenbahn, Harzbahn, 
Volksbrausebad . . .« 
»Ich kann keine Brause vertragen,«. 
»Nur ansehen.« 
»Pfui!« 
»Ottilie, ich habe Dich schon einmal ermahnt, diese Redensart 
zu pensioniren. Sollen die Leute fragen, wer mag die junge Dame 
sein, die so schwach mit Lebensart ist? Bei solcher Gelegenheit 
müsste ich Dich verleugnen und wieder siezen.« 
»Es ist das letzte Mal gewesen, ganz gewiss«, betheuerte sie. 
»Schön. Passirt es noch einmal, kommst Du nicht mit nach 
Kairo, dass sie so naturgetreu aufgebaut haben, als wäre man leib 
haftig in Egypten.« 
»Ach ja, Sie waren ja dort. Wie himmlisch! Wie ich für 
Kairo schwärme, kann ich garnicht sagen. Diese Lotosblumen, die 
Palmen mit beschwingten Papageien, die Orientalen in goldgestickter 
Seide; alles Marmor und Elfenbein im Glanze des Morgenlandes .. 
»Half die Luft an, Ottilie, Du machst Dir eine total um 
gedrehte Vorstellung.' Die natürliche Echtheit ist das Bezaubernde, 
das Zerfallene, die malerische Ungewaschenheif...« * 
»0, Pf... pfie schade!« 
»Na ja, das wollt’ ich mir auch äusgebeten haben. Du wirst 
die Schönheiten Kairos schon unter meiner Leitung herausfinden 
und, soweit ich das Arabische von damals her noch beherrsche, 
mit den Beduinen und Fellachen, den Händlern und Eseljungen 
in Dialog treten. Sie verstehen uns nämlich bedeutend leichter 
als wir sie. Mit den Neu Guinea-Leuten am Karpfenteich, der 
halb die Spree und halb den stillen Ozean vorzustellen hat, stehe 
ich jedoch in keiner sprachlichen Beziehung, ebensowenig wie mit 
den Suaheli und Massai, die betrachten wir ohne mündliche 
Annäherung z. B. wie es ihnen in Berlin gefällt, oder ihnen zu 
zeigen, dass man weiss, wie guten Tag und Adje in ihrem Dictionnaire 
heisst, worüber sie natürlich in Hochachtung gerathen, wenn es 
jemand kann und man selbst, beglückt über seine Universalbildung, 
sich langsam entfernt. Dies werden wir leider auch bei den Grön 
ländern unversucht lassen.« 
»Haben die Wilden Zeug an oder gehen sie wife abgebildet?« 
»Ich glaube je nach der Witterung, weiss es aber nicht genau.« 
»Wollen wir die Wilden nicht lieber meiden?« 
»Sie sind wissenschaftlich. Ottilie, und wichtig als unsere
	        
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